Alpinklettern mit 94 Jahren

Marcel Remy (94) klettert auf Miroir de l'Argentine

Marcel Remy, Vater der Schweizer Kletterikonen Claude und Yves Remy, erklimmt mit 94 Jahren die 450m hohe Nordwestwand des Miroir de l'Argentine in den Westschweizer Alpen.

Bergsteigen mit 94 Jahren




Marcel Remy, geboren am 6. Februar 1923, hatte sich in den Kopf gesetzt, die von ihm sehr oft gekletterte Nordwestwand noch einmal zu wiederholen. Seine mittlerweile berühmten Söhne Claude und Yves Remy hatten hier mit ihm ihre ersten bergsteigerischen Schritte getan, nun waren sie etwas in Sorge, ob der Wunsch ihres Vaters nicht etwas zu optimistisch wäre. Sie konnten seinen Wunsch natürlich nicht ausschlagen, verordneten ihm aber ein Trainingsprogramm.

"Mehrere Routen hintereinander in Kletterhallen der Stufe 5, diverse anspruchsvolle Touren für das Cardiotraining und ein paar Bergwanderwege wie die Gais Alpins, die zwar nicht schwer sind, aber große Wachsamkeit und Sicherheit voraussetzen. Wir dachten, das er das Training nicht schaffen würde. Aber weit gefehlt, er hielt durch.

Um die Energie von Marcel nicht zu stark zu beanspruchen, ließen wir den Zustieg am Montag, den 21. August, gemächlich angehen, verließen Solalex oberhalb von Bex in 1469 m Höhe über den steilen Pfad des Miroir und errichteten ein Biwak in der Nähe des Fußes.

Am nächsten Tag, Dienstag, den 22. August, war schönes Wetter, aber hier im Schatten des Berges ist es fast immer kühl. Um 8:30 Uhr begannen wir auf 1.850 m mit der Kletterei. Zunächst stiegen wir die drei ersten Längen der Normal-Route hinauf, die wir rechts zugunsten des Unteren Bands verließen, um die Direktroute zu erreichen, die uns dann zum Gipfel führt.

Dabei handelt es sich um die optimale Kombination, um den Seilzweiten an dieser Wand bestmöglichst zu sichern. So sind 12 Längen mit Schwierigkeitsgrad bis 5b+ zu bewältigen. Die klassischen Routen des Argentine sind mit Bohrhaken an den Ständen und mit 3-4 Bohrhaken pro Seillänge ausrüstet, Klemmkeilen werden aber noch zur zusätzlichen Absicherung benötigt.

An diesem 22. August ist Marcel fit; er klettert langsam, aber sicher. (...) Um 15:15 Uhr kommt Marcel auf dem Gipfel an: Man kann die Freude und Erleichterung aller spüren, denn bis zum Schluss war nicht klar, ob er es schaffen würde. Jetzt bleibt Marcel noch die schwierigste Aufgabe, dem luftigen Berggrat (zwar nur 2C, aber trotzdem nicht zu unterschätzen) zu folgen, dann ein steiles Geröll mit einem kurzen Kletterpassage zu meistern um den Haute Corde auf 2.325 m zu erreichen.

Dort musste er dann noch den Abstiegspfad einzuschlagen. Marcel muss immer mehr Pausen machen und kam nur noch langsam voran, aber schließlich gelangt er unterhalb des Haute Corde an, wo schon Jérémy Péclard (ein professioneller Paraglider, Platz 10 bei den letzten Weltmeisterschaften) auf ihn wartet, um mit ihm um 18:30 Uhr sanft in seinem zweisitzigen Gleitschirm abzuheben. Aufatmen ... bei der Landung in Solalex wussten wir dann sicher, dass alles gut über die Bühne gegangen war."