Unfall-Kommando Klettern

Mord am Berg - gibt's das?

"Es kommt alles vor, was man sich vorstellen kann, und dann noch etwas mehr" erklärt Polizei-Bergführer Peter Tausch. Ein Blick auf verdächtige Todesfälle im Gebirge.

Auch wenn uns viele Kletterkrimis zum Zwecke der Unterhaltung etwas anderes vorspiegeln: Kletterer sind in der Regel keine Verbrecher. Doch was in der Regel stimmt, kann im Einzelfall falsch sein. Und so entfällt ein Teil der Polizeiarbeit bei Unfällen am Berg oder in der Halle auf die Prüfung, ob nicht ein krimineller Akt vorliegt. Nicht umsonst lautet ein Prüfungsthema für Polizeibergführer „Mord am Berg“.

Peter Tausch erinnert sich an einen Fall, wo eine Wanderin in den Bergen bei einem Wettersturz tödlich abstürzte, und er tags darauf die Unfallaufnahme und Spurensicherung machte: „Eine Woche später meldete sich eine Kriminaldienststelle aus Norddeutschland und fragte nach, wie dieser Unfall passiert ist. Es stellte sich heraus, dass die Frau Hauptbelastungszeugin in einem groß angelegten Prozess um organisierte Kriminalität war. Da werden die Fragezeichen dann schon ein bisschen größer!

Oder es stürzt ein Ehemann an einer Stelle in den Bergen ab, die nach Meinung aller nicht absturzfähig ist. Und dann stellt sich heraus, dass die begleitende Ehefrau mit dem dritten Begleiter ein Verhältnis hat. Da steht dann zumindest ein Verdacht im Raum.“ Und Walter Schmid, Polizeibergführer aus Oberammergau, berichtet von einer alten Dame, die bei einer Wanderung an einem kurzen, drahtseilversicherten Stück tödlich verunglückte.

Unterwegs war sie mit einem engen Familienangehörigen: „Da machst du die Unfallaufnahme und denkst erst mal, naja, das sieht nach einem ganz normalen Unfall aus. Doch dann stellt sich im Zuge der weiteren Ermittlungen heraus, dass es zwischen der alten Dame und dem Familienangehörigen schon lange Streit gab, da ging es ums Erbe, um alte Familienstreitigkeiten. Und plötzlich wäre es dir dann doch ganz recht, wenn es einen Zeugen gäbe, der bestätigt, dass der Verwandte zum Unfallzeitpunkt in einem angemessenen Abstand zu der alten Dame ging. Tatsächlich gab es dann Zeugen, die das bestätigen konnten.“

Ungeklärte Todesfälle am Berg

Und Peter Tausch fügt an: „Es ist ein verschwindend geringer Teil an Unfällen, bei denen die Hintergründe begründete Zweifel an einem reinen Unfallgeschehen aufkommen lassen. Aber es gibt sie, und es gibt die Fälle, die einfach unklar bleiben.“

Wenn also auch ein großer Teil der polizeilichen Arbeit bei Kletterunfällen primär zur Regelung zivilrechtlicher Streitigkeiten genutzt wird: Es gibt – zumindest am Berg, weniger in der Kletterhalle – echte Kriminalfälle beim Klettern und Bergsteigen. Somit sollte auch all den Autoren der derzeit so angesagten Bergkrimis der Stoff nicht so schnell ausgehen. Zur Not können sie sich die Ideen bei der Polizei holen.

Mehr zum Thema

08.04.2015
Autor: Ralph Stöhr
© RoadBIKE
Ausgabe 02/2015