kl-hansjoerg-auer-solo-expedition-lupghar-sar-teaser-n-HAuer-0753-bearb (jpg) Hansjörg Auer

Hansjörg Auer

Solo-Expedition im Karakorum

Hansjörg Auer gehörte zu den herausragenden Alpinisten seiner Zeit. Hier berichtet er von seiner Solo-Expedition und Erstbegehung am Lupghar Sar im Karakorum.

Gletscherspalten, schmale Grate, Einsamkeit im Biwak: Bei seiner Solo-Expedition zum Lupghar Sar (7157 m) im Karakorum wollte Hansjörg Auer erleben, wie es sich anfühlt, allein in großer Höhe unterwegs zu sein. Zurück kam er mit einer schönen Erstbegehung und um viele Erfahrungen reicher.

Hansjörg Auer, David Lama und Jess Rosskelley verunglückten am 16 April tödlich in einer Lawine in den kanadischen Rocky Mountains

Lupghar Sar (7157m) - Fakten zur Erstbegehung

Östlich des Hunza-Tals erhebt sich der Lupghar Sar in der Karakorum-Hauptkette.

Der Berg: Der Lupghar Sar ist der westlichste Siebentausender der Gebirgsgruppe Hispar Muztagh in der Region Gilgit-Baltistan in Pakistan. Er verfügt über drei Gipfel, die alle knapp 7200 Meter hoch sind. Seine Erstbesteigung gelang 1979 den deutschen Alpinisten Hans und Sepp Gloggner über den Südwestgrat.

Die Route: Hansjörg Auer startete am 6. Juli 2018 vom Basislager auf 4500 Meter Höhe und erreichte nach 7,5 Stunden den Wandfuß der Westwand. Am 7. Juli startete er um 5 Uhr vom Biwakplatz und kletterte über die rund 50 bis 55 Grad steilen Eisflanken der Westwand bis zum Nordwestgrat, den er auf einer Höhe von 6900 Meter erreichte. Über diesen (Stellen M3 und M4 in 7000 Meter Höhe) erreichte er um 11:30 Uhr den Gipfel. Am gleichen Tag klettere er über die Aufstiegsroute wieder ab bis ins Basislager.

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Hansjörg Auer
Die drei Gipfel der gewaltigen Lupghar Sar-Gruppe mit der Linie von Hansjörg Auer am Westgipfel. Der untere Teil der Route wird leider von dem großen Gratsporn in Bildmitte verdeckt.

Bericht: Solo auf Expedition (von Hansjörg Auer)

19. Juni 2018 Shishkat
Allein. In meinem Zelt. Nur knapp hundert Meter oberhalb vom kleinen Dorf Shishkat. Es ist nicht kalt. Nur der starke Wind, angetrieben von tief hängenden Wolken und Stürmen oben auf den Siebentausendern und dem sehr engen, düsenförmigen oberen Hunza Tal, nervt. Shishkat liegt eingebettet in einer tiefen Schlucht nördlich des Attabad Sees zwischen dem Ultar Sar und Lupghar Sar Massiv. Die Flanken erheben sich von hier knapp 5000 Meter nach oben, um in schroffe, wilde und komplizierte Systeme von Rinnen, Eisfeldern und Felspfeilern überzugehen. Diese Systeme reizen mich, deswegen bin ich hier. Nicht um neben den Autos und Motorrädern, die sich entlang des Karakorum Highways drängen, und dem Rauch der Feuerstellen von Shishkat zu campieren. Doch dieser Zwischenschritt ist notwendig. Ich warte auf einheimische Männer, die meine Lasten nach oben bringen werden. Ich stehe am Beginn meiner ersten Solo-Expedition. Etwas Neues für mich. Etwas, von dem ich noch nicht genau weiß, was es in mir auslösen wird. Ich fühle mich nackt.

23. Juni 2018 Baltbar Gletscher
Vor zwei Tagen habe ich zusammen mit meinen zwei Köchen und meinem Guide Javed das Basecamp erreicht. An einer Seitenmoräne auf etwa 4500 Meter nutzten wir die erste Möglichkeit, um den Trägern das Ende ihrer Tortur anzubieten. Und wie vermutet waren sie alle heilfroh darüber. Der Zustieg gestaltete sich sehr abenteuerlich. Steiles, oft wegloses Gelände mit vielen Flussüberquerungen verlangten unseren Trägern alles ab. Für mich persönlich war es vor allem mental sehr anstrengend. Ich hatte die ganze Zeit auf Nadeln gesessen, war ständig gespannt, was wohl als nächstes passieren wird.

Als sich dann eine blaue Tonne verselbstständigte und den direkten Weg nach unten über eine überhängende Felswand in das Bachbett nahm, war der Höhepunkt erreicht. Ich traute meinen Augen nicht, als der junge Träger Seile, Dosenfisch, Ladekabel und Steigeisen aus dem Wasser zu retten versuchte. Die Expedition hätte sehr leicht bereits vorbei sein können, doch in erster Linie war ich froh, dass nicht der Träger selbst abgestürzt war.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Als ich den Trägern in Shishkat zugesehen hatte, wie sie ihre Lasten schulterten, da wusste ich, dass wir viel Glück und eine feine Klinge im Umgang mit ihnen brauchen würden, um irgendwo an der 4000-Meter-Grenze anzukommen. Die meisten waren Studenten und wollten sich mit diesem Fußmarsch einfach etwas Taschengeld verdienen, mehr nicht. Unser Sirdar, Javed und ich fühlten uns wie die Hirten einer 30 Mann starken Herde, die nicht weiß, was sie erwartet, und die keine Ahnung und Erfahrung im alpinen Gelände hat. Unser einziger Vorteil war, dass sie sich untereinander alle kannten und somit keiner wirklich den Schwächling spielen wollte.
Immer wieder kämpften wir mit sehr launischem Wetter. Donnergrollen, Hagel, Sonnenschein und Schneefall wechselten sich im Zwei-Stunden-Rhythmus ab.

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Hansjörg Auer
Allein am Berg heißt per Selfie dokumentieren.

29. Juni 2018 Gedanken
Die Wolken hängen tief und es schneit seit den frühen Morgenstunden. Meine drei pakistanischen Freunde und ich verbringen die Zeit innerhalb unseres kleinen Zeltdorfes an der westlichen Seitenmoräne des Baltbar Gletschers. Graue Tage sind bei mir immer sehr geprägt von emotionalen und melancholischen Einflüssen. Ich bemühe mich, fröhliche Musik zu spielen, um nicht zu weit in diese unteren und tief liegenden Schubladen abzudriften. Doch die Abwesenheit persönlicher Freunde öffnet Tür und Tor. Noch mehr tauche ich in die Melancholie meines Lebens ein. Immer wieder musste ich während der vergangenen Tage weinen. Es lässt sich nicht verhindern, Krusten und Deckel brechen sehr schnell auf, wenn in bestimmten Momenten mehrere Einflüsse zusammen kommen. Jedoch gründen diese Momente immer auf einer freudigen Basis. Freudentränen also, die mir zeigen, dass die Entscheidung, auf diese Solo-Expedition aufzubrechen, die richtige war. Mir scheint, dass ich Zusammenhänge in meinem Leben besser verstehen lerne, dass bestimmte Zufälle vielleicht gar nicht so zufällig passieren. Natürlich vermisse ich immer wieder Eckpunkte aus meinem sozialen Leben.

Sei es meine Freundin Tatjana, meine Eltern, Geschwister, Neffen und Nichten. Und natürlich ganz besonders Gerry, den guten Freund aus dem Ötztal, der 2015 bei unserer Expedition zum Nilgiri Süd im Abstieg verunglückte.

03. Juli 2018 Tragödie
Viel ist passiert in den letzten Tagen. Obwohl es recht viel geschneit hatte, waren erste Auflockerungen am Himmel zu sehen. Doch immer wieder spürte ich meine müden Beine, merkte dass mein Körper Ruhe braucht. Die erste Akklimatisationsphase war sehr intensiv. Ich hatte kaum Rasttage dazwischen. Es war vielleicht von außen gesehen eine sehr produktive Zeit, dennoch war die Pistole falsch herum geladen. Also redete ich mir ein, dass ich unbedingt Pause machen muss. Zusammen mit Javed machte ich einen kleinen Spaziergang hinauf zum großen Steinmann. Ein schönes Plätzchen direkt an einem exponierten Gratrücken gelegen, mit Blick hinunter nach Gulmit und hinüber zum Südostpfeiler des Ultar Sar. Rot verschwand die Sonne am Momhil Sar. Das Abendessen stand bereit.
Sonnenschein begrüßt mich am nächsten Morgen. Doch über dem Ultar Sar hängt eine große, schwarze Wolke. Als ob er uns zeigen möchte, dass es bereits zu spät ist und das Unglück seinen Lauf genommen hat. Bruce Normand und sein Team sind am Freitag Abend im Biwakzelt auf 5900 Meter von einer Lawine überrascht worden. Zwei Verletzte, einer tot. Sie seien geborgen worden per Helikopter, heißt es. Für einen Moment steht die Zeit still. Das Gesicht des Ultar Sar schaut für mich verändert aus. Tatjana ist mental angeknackst. Sie meint, es sei sehr schwer, während meiner Aktivitäten am Berg immer positiv zu bleiben, wenn man erfährt, dass sich am Nachbarberg eine Tragödie ereignet hat. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Es muss für sie unheimlich schwierig sein. Ich habe mein Leben immer selbst in der Hand, kann es, so gut es geht, in gefährlichen Situationen kontrollieren oder kann bestimmte Gegebenheiten wahrnehmen und darauf basierend die Situation einschätzen. Aber sie ist zu Hause. Nur aus der Ferne bekommt sie die Dinge und Ereignisse mit. Dies macht es für sie sehr schwierig, meinen Entscheidungen immer Vertrauen zu schenken.

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Hansjörg Auer
Der Lupghar Sar erhebt sich formschön in der Karakorum-Hauptkette.

04. Juli 2018 Warten
Warten. Es kann unerträglich sein. Es raubt einem Energie, was man kaum glauben möchte. Aber Warten ist keineswegs Nichtstun. Beim Nichtstun gibt es keine Gedanken, keine Sehnsüchte und keine Vorstellung des Kommenden. Warten impliziert jedoch, dass vielleicht etwas Großes kommen mag. Warten hat also mit Suchen zu tun. Beim Suchen erhofft man sich etwas. Genauso wie beim Warten eben.

Ich warte also und kann es kaum erwarten, dass es los geht. Freitag könnte es vielleicht soweit sein. Die Stunden bis dorthin sind lang. Vorfreude, Zweifel, Entschlossenheit, Nervosität. All das ist in dieser Mischung vorhanden. Man reagiert viel sensibler auf den Körper. Möchte, dass nichts dazwischen kommt. Man geht viel vorsichtiger auf das Klo, welches zwischen ein paar losen Moränenblöcken liegt. Schauen, dass einem ja kein Stein auf den Zeh fällt. Dann wäre das Warten nämlich umsonst. Und dafür habe ich es schon zu lange getan.

Ich schreibe, um mir das Warten zu erleichtern. Suche eigentlich nur Ablenkung. Lesen geht überhaupt nicht. Man dreht sich nur im Kreis, denn nach drei Seiten fällt einem plötzlich auf, dass man nichts mehr weiß von der Geschichte, dem Roman. Und dann wieder von vorne. Deshalb lieber schreiben.

In der Küche surren die Kocher. Mittagszeit hier im Lupghar Sar Basecamp. Auf den Gipfeln stürmt es heute, hier unten ein Mix aus Sonne, Wind und Wolken. Hunger habe ich nicht wirklich. Meine Köche haben heute verschlafen, deswegen gab es erst vor gut drei Stunden Frühstück. Egal. Der Tagesablauf in einem Basecamp ist, sofern man nicht am Berg ist, hauptsächlich von den Essenszeiten geprägt. Dazu kommen noch die Schlafenszeiten. Und dazwischen?
Warten. Allein.

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Hansjörg Auer
Allein am höchsten Punkt. Danach klettert Hansjörg die gesamte Route wieder ab.

07. Juli 2018 Gipfel
Wolken überall, nur der Gipfel des Momhil Sar ragt heraus. Der Wind bläst die Nebelfetzen oftmals noch höher, so dass ich mich total eingehüllt fühle. Doch nur einen Sekundenbruchteil später zeichnet sich wieder die messerscharfe Schneide des Gipfelgrats ab. Wie bei einem Aquarell verstärken die schwachen Sonnenstrahlen den Schatten. Ich blicke hinunter, suche das Basecamp. Vergebens. Drehe mich um und wende mich in Richtung Osten. Meine Spuren verschwinden im Nichts. Die Tiefe ergreift mich und lässt mich es noch nicht fassen, dass ich am Gipfel des Lupghar Sar West stehe.

Ich denke an Gerry, muss weinen. Wie schon so oft während dieser Expedition in den Momenten des Glücks, der Zufriedenheit und der Bestätigung, doch dich richtige Entscheidung getroffen zu haben, alleine zu dieser Expedition aufzubrechen. Alles hinter mir zu lassen und meiner Freundin Tatjana die wohl größte Por­tion an Vertrauen in ihren Lebenspartner abzuverlangen. Ich kann mich in diesem Moment hier oben kaum richtig freuen. Zu sehr überwiegt meine Müdigkeit. Ich habe alles gegeben. Vor allem die letzten zwei Stunden wollten kein Ende nehmen.

Wie versprochen wähle ich per Satellitentelefon Tatjanas Nummer. Das Gespräch ist kurz, aber ihre Stimme klingt überrascht und erleichtert zugleich. So wie die Gespräche während dieser Expedition mit ihr jedes Mal nach Beenden meine innerlichen Zweifel verstärkt hatten, so sind diese zwei Minuten nun das totale Gegenteil. Alles scheint gerechtfertigt zu sein. Ich bin glücklich und ich hoffe, sie ist es auch.

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Hansjörg Auer
Selfie mit Guide Javed nach der Rückkehr vom Gipfel.
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