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Alex Megos Interview

"Noch nicht so nah am Limit"

"Es kann so nah am Limit noch nicht gewesen sein" sagt er über 'Perfecto Mundo' (9b+). Der Spitzenkletterer Alexander Megos über Felsmotivation und Wettkampf-Chancen.

2018 kletterte der Spitzenkletterer Alex Megos aus dem Fränkischen seine erste 9b+, im Sommer war er im Weltcup und bei der WM in Innsbruck weit vorn dabei. Alexander Megos hatte ein starkes Jahr – und hat noch viel vor.

Interview mit Ausnahmekletterer Alexander Megos

Perfecto Mundo und dritter Platz bei der Weltmeisterschaft: War das ein gutes Kletterjahr für dich?
In Summe meine schwerste Route geklettert, mein bestes Wettkampf­ergebnis erzielt, auch mit meinem Weltcupsieg in Briançon – ja, da bin ich auf jeden Fall zufrieden damit.

Du bist nach der Erstbegehung von Perfecto Mundo in ein Motivationsloch gefallen. Was war da los?
Nach Perfecto Mundo war ich körperlich und mental ziemlich am Ende. Vermutlich, weil ich mich da so sehr auf ein Ziel fokussiert habe. Und das so viel Zeit, Kraft und auch mentale Kraft in Anspruch genommen hat, dass der Körper, als die Anspannung abfiel, einfach sagte: Jetzt muss ich relaxen. Und das macht er dann auch, ob man will oder nicht.

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Ken Etzel Red Bull Content Pool
Alex Megos klettert 'Necessary Evil' (5.14c) im zweiten Versuch.

Überwiegt trotzdem die Freude, dass es geschafft ist? Oder ist es auch ein bisschen traurig, dass es vorbei ist?
Auf jeden Fall überwiegt die Freude. Es ist aber insofern traurig, weil man erst mal kein neues Ziel hat, auf das man sich fokussieren kann.

Bemisst sich auf diesem Level der Schwierigkeitsgrad nur nach der Dauer des Projektierens oder fühlt sich das auch beim Durchstieg noch richtig hart an?
Das hat sich schwer angefühlt. Da war ich ziemlich am Limit. Um da noch effizienter klettern zu können, hätte ich vermutlich noch deutlich mehr Zeit investieren müssen. Und es wäre noch spezifischeres Training nötig. Ich war aber nicht super fit, als ich nach Spanien gefahren bin. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: Krass, ich bin in der Form meines Lebens. Für die Fitness, die ich hatte, war die Route auf jeden Fall ausreichend schwer.

Hast du etwas gelernt aus der Route?
Ich habe gelernt, dass man nicht unterschätzen darf, wie sehr einen das beansprucht, wenn man ein Projekt am Limit probiert. Ich konnte mir zwei, drei Wochen danach gar nicht erklären, warum ich so fertig war. Vor allem, weil ich meiner Meinung nach damals ja gar nicht viel geklettert bin. Ich war immer zwei Tage klettern, dann hatte ich einen Tag Pause. Wenn ich trainiere, habe ich soviele Ruhetage schon mal nicht. Und als ich Versuche gemacht habe, waren das immer nur zwei bis vier Versuche am Tag, dann war der Tag schon vorbei. Insofern habe ich da klettermäßig nicht viel gemacht. Trotzdem war ich danach so unerholt, wie ich es noch selten war.

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Ken Etzel Red Bull Content Pool
Alex Megos macht eine Fahne am Muscle Beach.

Nimmst du auch etwas mit für die Arbeit an zukünftigen Projekten, zum Beispiel wie du das noch effizienter machen könntest?
Mir ist vor allem bewusst geworden, dass man richtig schwere Sachen klettern kann, wenn man ein bisschen Zeit investiert. Und dass es eigentlich noch viel, viel schwerer gehen müsste. Ich konnte in Perfecto Mundo schon am ersten Tag alle Züge klettern. Beim Bouldern brauchst du zum Teil mehrere Tage, bis du nur die Einzelzüge hinbekommst, und trotzdem kletterst du die Boulder dann irgendwie. Deswegen kann es so nah am Limit noch gar nicht gewesen sein. Und trotzdem ist es halt doch nicht so leicht.

Wie intensiv hast du dich nach Perfecto Mundo auf die Weltmeisterschaft in Innsbruck vorbereitet?
Ende Juli, Anfang August war ich nach dem Weltcup in Arco sechs Tage zum Training in Innsbruck, bin dann nach Hause gefahren und habe mich dort vorbereitet auf den Boulderweltcup in München. Und zwischen dem Boulderweltcup und der WM in Innsbruck war ich zwei Tage in Augsburg und noch mal sechs Tage in Innsbruck zum Trainieren. Auch vor München war ich immer mal wieder in der Halle und habe Wettkampfboulder geklettert. Generell habe ich mich da beim Training immer eng mit Patrick Matros und Dicki Korb abgestimmt, die mich seit Jahren coachen. Ich hätte mich auf die WM zwar noch intensiver vorbereiten können, aber ich war jetzt auch nicht völlig unvorbereitet.

Wie kommt du mit dem derzeitigen Boulderstil zurecht? Gefällt er dir?
Taugt er mir in dem Sinn, dass er mir liegt? Nein! Taugt er mit in dem Sinn, dass er mir Spaß macht? Ja, schon. Klar, es macht jetzt nicht gerade Laune, wenn man 27 mal auf einer Platte oder von einem Volumen abrutscht und sich das Schienbein an einem Volumen anhaut. Aber wenn man einen Triple Dyno mal probiert für längere Zeit und das dann hinhaut, das ist schon cool. Es unterscheidet sich halt massiv vom Felsklettern oder Bouldern am Fels. Einfach weil kleine Griffe halten und weite Züge machen gar nicht mehr abgefragt wird.

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Thomas Ballenberger Red Bull Content Pool
Alex Megos klettert 'Im Reich des Shogun' (9a) in Tuefleten, Schweiz.

Glaubst du, dass so ein Old-School-Boulder mit kleinen Griffen und weiten Zügen für die Zuschauer langweilig wäre?
Ich glaube nicht. Ich denke, eine gesunde Mischung der Stile wäre wünschenswert. Stell dir vor, du sitzt da als Zuschauer, und in allen vier Bouldern hopst jemand an irgendwelchen Volumen von A nach B. Und manchmal passiert es ja, dass keiner den Triple Dyno schafft, dann siehst du sechs Mal für vier Minuten jemanden losrennen und abfallen. Das ist auch nicht sonderlich cool. Und man kann auch Old-School-Boulderprobleme cool schrauben. Wenn man zwei Griffe hat und einen weiten Zug auf eine Leiste macht und die Füße kommen, das sieht schon auch spektakulär aus. In Innsbruck waren die Boulder für meinen Geschmack ein bisschen einseitig geschraubt.

Willst du bis Olympia ernsthaft Wettkampf klettern?
Nächstes Jahr wird die Weltmeisterschaft in Tokio die Hauptqualifika­tion für Olympia sein. Zumindest bis dahin will ich intensiv in Wettkämpfe einsteigen.

Zurück in deine Heimat: Wie viele der 100 schwierigsten Routen im Frankenjura hast du geklettert?
Ungefähr 90 hätte ich geschätzt. Unter den restlichen Zehn gibt es wahrscheinlich noch zwei oder drei Routen, die ganz gut sind. Den Rest kann man mal machen, wenn man zufällig gerade an dem Fels ist. Ansonsten sind nicht alle der Top 100 auch qualititiv hochwertig.

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Thomas Ballenberger Red Bull Content Pool
Alex Megos macht Handstand am Voralpsee.

Wie unterscheidet sich eine richtig gute Route im Frankenjura von einer nicht so guten?
Wenn man so was wie Action Directe vor sich stehen hat, dann ist das halt eine geile Route. Wenn man dann aber vor einem nicht sehr hohen Klapfen mit drei Haken steht und da eine 8c+ dran ist, die quasi nie wiederholt wird, dann ist das eine eher nicht so gute Route.

Zu kurze Routen sind also schlecht?
Zu kurz ist nicht schlecht, nein. Ich denke, das Problem liegt eher woanders. Leider weisen viele der fränkischen Top-100-Routen an ihren Schlüsselstellen manipulierte Griffe auf. Hier haben die jeweiligen Erstbegeher kommenden Generationen das Potenzial für eine weitere Steigerung in der Routenschwierigkeit für immer genommen. Und das ist das, was mich etwas aufregt.

Du bist momentan Profikletterer?
Wie man es halt bezeichnen mag (lacht). So Profi, wie es nur geht.

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Thomas Ballenberger Red Bull Content Pool
Auf Reisen passieren die morgendlichen Dehn-Übungen halt auf dem Parkplatz.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor, wo siehst du dich in zehn Jahren?
Da bin ich 35. Ich denke, dass ich da schon noch Profikletterer sein kann. 35 ist ein Alter, in dem man noch einigermaßen schwer klettern kann, das hat ja Chris Sharma auch bewiesen. In näherer Zukunft bleibt das Klettern auf jeden Fall mein zentraler Lebensinhalt.

Hast du noch das gleiche Feuer fürs Klettern wie am Anfang?
Nein. Ich brenne noch viel mehr, um ehrlich zu sein. Ich bin motiviert, ich will mich verbessern. Ich habe nicht das Gefühl, das es jemals stärker gebrannt hat als jetzt im Moment.

Was wäre der geilste Klettertag?
Am geilsten ist natürlich, wenn man ein Projekt klettert, das man lange probiert hat. Aber ein geiler Tag ist auch, wenn man mit Freunden irgendwelche Achter klettert, das kann auch ein geiler Tag sein. Oder wenn man eine coole Route onsightet. Es gibt so viele coole Tage, das kann sogar bei schönstem Wetter mit guten, motivierten Freunden in der Halle eine coole Session sein. Das ist halt das Besondere am Klettern: Da gibt es so viele Szenarien für gute Tage, dass es halt oft auch gute Tage gibt.

Danke Alex!

KL Alexander Megos gewinnt Lead-Weltcup Briancon 2018
IFSC Eddie Fowke
Alex Megos im Finale des Lead-Weltcups in Briançon.

Bio: Alex Megos

Geboren: 12. August 1993 in Erlangen
Ausbildung: Abitur; der Sohn deutsch-griechischer Eltern spricht vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und Griechisch.

Highlights Wettkampf:
2009: 1. Platz Youth Cup (EYS), 8. Platz bei der Jugend-Weltmeisterschaft
2010: 1. Platz Youth Cup (EYS), 2. Platz bei der Jugend-WM.
2011: 2. Platz Jugend-WM
2017: Vizeeuropameister Bouldern
2018: 1. Platz Worldcup Lead in Briançon, 3. Platz bei der Lead-WM in Innsbruck

Highlights am Fels:
2013 gelang Alexander mit der Onsight-Begehung von Estado Critico die erste Onsight-Begehung einer 9a weltweit. Inzwischen hat Alexander stapelweise harte Routen und Boulder wiederholt und eröffnet, darunter Supernova (9b, Frankenjura), First round, first minute (9b, Margalef) und Perfecto Mundo (9b+, Margalef).

Sponsoren: Patagonia, Tenaya, Entreprises, Gore Tex, Sterling Ropes, Red Bull

Mehr:

Alexander Megos in Margalef

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Spannung bei der Kletter-WM in Hachioji: Vom 11. bis 21.

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