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Interview mit Kletter-Legende Jerry Moffatt

"Klettern ist ein Sport für junge Leute" - Jerry Moffat im Interview

In diesem Interview von 2003 erklärt Kletterlegende Jerry Moffatt, wie das Leben als Kletterer so war, damals; und dass Fußtechnik nur was für Leute mit wenig Kraft ist.

Dieses Interview entstand für klettern 02/2003. Jerry war gerade mit Partnerin Sharon und Tochter Lilly in ein Haus in Sheffield eingezogen.//

Der Mann sieht abgearbeitet aus, als er die Tür zum Haus Nr. 6 in Peel Terrace, Sheffield, öffnet. Für einen Moment vergisst Jerry Moffatt sogar das Grinsen, als er den Besuch in das neue Domizil bittet. Der Staub auf den Klamotten und im Gesicht ist kein Chalk, sondern typisch Marke Baustelle. Ein Gang durch die Küche, der nur noch Boden- und Wandbelag fehlen, enthüllt die neue Häuslichkeit. Das Motorrad ist inzwischen verkauft, und vor der Türe steht der neue Mercedes, der den Porsche ersetzt hat. Im Wohnzimmer hängen Jagdtrophäen an der Wand, die Jerry auf seinen Reisen organisiert hat. Bald sind wir bei einer Tasse Tee mitten drin in den Geschichten. Spätestens, als Jerry erzählt, dass früher dreimal Freunde vom Rücksitz seines Motorrads gefallen sind, weil er so beschleunigte, darunter Ben Moon (einmal) und ein anderer Kumpel sogar zweimal, tritt auch das gewohnt-verschmitzte Lachen wieder aufs Gesicht. Es kann losgehen.

Jerry, du bist zuletzt ein wenig aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden. Man hat nicht viel von neuen Touren gehört. Was hast du getrieben?
In den letzten Jahren bin ich nicht so viel gereist wie früher. In den 80er und 90er Jahren war ich zum Beispiel öfters in Deutschland, und solche Reisen führen dann immer wieder zu Meldungen. Aber in den letzten Jahren habe ich mich darauf konzentriert, Sachen in England zu machen.

Warum das?
Ich bin früher so viel gereist. Ich will heute keine zwei Monate in Frankreich verbringen, um etwas Schweres zu klettern, einfach weil ich keine zwei Monate in Frankreich verbringen will. Wenn du etwas Neues oder wirklich Schweres machen willst, dann musst du viel Zeit aufwenden. Das ist natürlich stressiger, wenn du weit weg bist. Und wenn ich etwas Neues mache, möchte ich, dass es wirklich schwer ist. Das letzte schwere Projekt, das ich schaffte, war vor gut einem Jahr, und ich habe ungefähr fünf Jahre dafür gebraucht.

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Archiv Moffatt
Legenden des Klettersports: (v.l.n.r.) Ben Moon, Jerry Moffatt, Kurt Albert und Sean Myles.

Was war dein letztes Projekt?
Ein Boulderproblem in Stanage. Es ist ein neuer Start zu einem anderen Boulder von mir, The Joker, und heißt The Ace.

Wie schwer ist das?
Ungefähr 8b. Es liegt am oberen Ende der englischen Boulderschwierigkeiten. Es ist auch das härteste, was ich bisher gemacht habe. Es war ein großer Wunsch von mir, seit ich den Joker gemacht hatte. Ich dachte, wenn ich das schaffe, kann ich meine Kletterkarriere beenden und damit glücklich sein. Und es hat verdammt lang gedauert, bis die Verhältnisse passten und ich fit genug war.

Hast du gerade gesagt, dass du deine Kletterkarriere beendet hast?
Nein, ich habe meine Kletterkarriere nicht beendet, aber ich wäre nicht glücklich, mit dem Klettern aufzuhören, ohne diesen Boulder geschafft zu haben. Ich musste dieses Problem lösen, und ich wollte der erste Mensch sein, der das klettert. Ich wollte es nicht als Zweiter machen. Also musst du es versuchen und dafür trainieren, darfst es aber keinem erzählen, weil es sonst vielleicht andere machen. Und jetzt, nach fast zwei Jahren, ist es immer noch unwiederholt. Dabei ist es in Stanage am offensichtlichsten Platz. Jeder versucht es, es ist immer jemand dran. Das ist genau der richtige Platz für mich, um ein Testpiece erstzubegehen. Ich wollte immer Testpieces an Orten haben, wo sie auch gut zugänglich sind. Ich will kein schweres Boulderproblem irgendwo in Schottland erstbegehen, wo dann niemand hingeht und es probiert. Ich will es da haben, wo es jeder versucht.

Was ist es, dass dich so für einen einzelnen Boulder motiviert? 
Was war so besonders jetzt an diesem?
Es ist einfach ein wunderschönes Boulderproblem.

Was macht für dich ein wunderschönes Problem aus?
Ich finde es gut, weil es kurz ist. Es sind nur vier Züge: Du ziehst an, schnappst einen Griff, schnappst den nächsten Griff und springst zum Ausstieg. Und wenn du den Ausstiegsgriff halten kannst, ist es vorbei. Viele der schweren Boulder haben heute zehn Züge und fangen mit einem Sitzstart an, der in einen weiteren Boulder führt. Aber das hier ist kurz und wirklich hart. Ich wollte versuchen, ein technisch sehr schweres Zwei-Züge-Problem hinzukriegen. Es ist wie sonst auch beim Klettern: Wenn du Routen kletterst, möchtest du die schwerste Route finden, und ich habe versucht, die schwerstmögliche Kombination aus wenigen Zügen zu finden. Außerdem liegt es wirklich schön, und ist einfach großartig zu klettern.

Du hast gesagt, wenn du nach etwas Neuem schaust, soll es in England sein. Wiederholst du auch Routen? Oder interessieren dich nur noch Erstbegehungen?
Hauptsächlich konzentriere ich mich auf neue Routen oder Boulder. Ich habe aufgehört, Kalkrouten zu klettern, weil ich es fast 20 Jahre lang gemacht habe. Ich klettere jetzt ja schon seit 23, 24 Jahren. Und ich habe keine Lust, viele Tage zu brauchen, um eine lange Sportkletterroute zu begehen. Es gibt aber schon noch Gritstone-Routen, die mich reizen. Nur was das Reisen in ferne Länder und Wiederholen von schweren Routen dort angeht, bin ich nicht mehr wirklich interessiert. Ich wiederhole schon noch ganz gerne relativ schwere Routen, also wenn es beim Bouldern ist zum Beispiel 8a+ oder 8b. Aber ich will nicht einen Monat wegfahren und wirklich hart an einem Boulderproblem in einem anderen Land arbeiten. Ich habe eine Freundin hier, ich habe ein anständiges Haus, und ich mag es einfach nicht, so lange wegzugehen und den ganzen Stress zu haben. Und es fällt mir dann auch schwer, gute Leistungen abzuliefern. Hier habe ich eine konstante Ernährung, trainiere gleichmäßig und es fällt mir leichter, fit zu werden.

Aber du hast das gemacht als du jünger warst?
(Lacht) Ich habe es auch gemacht, als ich schon älter war. Aber du erreichst einen Punkt in deiner Laufbahn, wo du denkst: Ich habe diesen Stress satt. Bei den letzten beiden Wettkämpfen 1990 dachte ich: Das macht mir einfach keinen Spaß, ich muss zuviel reisen, ich bin viel zu sehr im Stress, ich bin nicht glücklich, ich bin nicht freundlich, ich benehme mich unmöglich gegenüber meinen Freunden. Es ist einfach zuviel. Also beschloss ich, damit aufzuhören, bis sie mir wieder Spaß machen. Aber ich habe dann nie mehr an Wettkämpfen teilgenommen. Und mit dem Reisen und Probieren neuer Routen in anderen Ländern ist es so ähnlich. Hier habe ich meine heimischen Bequemlichkeiten. Klettern ist eben ganz stark ein Sport für junge Leute. Du musst sehr aggressiv sein, wirklich besessen und motiviert. Und es ist schwer, das zu bringen, wenn du einmal einen gewissen Lebensstandard erreicht hast. Ich könnte nie zwei Wochen in einem Zelt verbringen und jeden Tag klettern gehen. Ich habe das jahrelang gemacht, aber ich könnte das jetzt nicht mehr.

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"Ich habe in Höhlen gelebt" - Jerry Moffat im Interview

Hat es dir wenigstens Spaß gemacht damals?
O ja, ich habe es geliebt. Mir hat mein Kletterleben gefallen. Ich habe sieben Jahre von der Arbeitslosenunterstützung gelebt, ich hatte kein Auto, kein Geld, kein Haus, nichts. Und ich war glücklich und zufrieden und ging einfach jeden Tag zum Klettern. Ich brauchte kein Geld und kein Auto. Ich musste klettern. Und das war gut. Dann gehst du durch verschiedene Phasen, mietest ein Zimmer, hast ein beschissenes Auto und Geld für die Kneipe, und das ist auch gut. Aber jetzt noch einmal im Regen rauszutrampen, um einige Stunden an feuchtem Fels zu bouldern, das kann ich nicht. Ich habe das jahrelang gemacht. Ich habe in Höhlen gelebt.

Wo hast du in Höhlen gelebt?
Ich habe einmal einen ganzen Sommer in Stoney Middleton am Eingang dieser Höhle gelebt.

Hattest du kein Geld oder war es einfach cool, dort zu leben?
Ich hatte keine Wohnung. Ich bekam Arbeitslosenunterstützung, das war gerade genug zum Essen. Ich wollte einfach nirgendwo Bestimmtes wohnen. Das habe ich drei Jahre lang gemacht: Im Winter war ich bei Freunden im Haus, und weil ich kein Auto hatte, machte es im Sommer keinen Sinn, in Sheffield zu bleiben und jeden Tag zum Fels zu trampen. Da kannst du gerade so gut gleich am Fels bleiben. Und ein Zelt aufzubauen, macht keinen Sinn, wenn es trockene Plätze am Fels gibt. Da lebten auch noch andere Kletterer – normalerweise waren wir immer mindestens drei, vier Leute, manchmal sogar bis zu zehn –, und wir campten einfach zusammen am Fels. Es war eine gute kleine Szene. Wir gingen zusammen in den Pub und saßen dort den ganzen Abend bei zwei Gläsern Wasser oder einem Orangensaft herum, weil das am billigsten war. Wir tranken nie Alkohol, das war zu teuer. Ich kann mich an einen der Jungs erinnern, der einen Teilzeitjob hatte und gläserweise Bier trank, und dass ich dachte: Was für eine unglaubliche Geldverschwendung.

Warst du wirklich arm? Kommst du aus einem armen Elternhaus?
Meine Eltern sind nicht arm. Aber wenn du zuhause ausziehst, werden dir die Eltern kein Geld geben, um klettern zu gehen. Meinen Kindern würde ich auch kein Geld geben zum Klettern. Ich habe mit 17 die Schule aufgegeben, um mehr klettern zu können. Ich hatte keinen Job.

Hast du da angefangen zu klettern, mit 17?
Ich fing an, als ich 15 war, und verließ die Schule mit 17, weil ich ein Jahr frei haben und dann anfangen zu arbeiten wollte. Am Ende dieses Jahres fragten meine Eltern: Wann wirst du einen Job antreten? Aber ich konnte nicht, ich musste einfach weiter klettern gehen.

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Fingerkraft ohne Ende: Jerry Moffatt klettert "Le Minimum" (8b) in Buoux.
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Beim Bouldern in Südafrika: Jerry in "Nutsa" (Fb 8a).

Bist du damals schon gereist?
Als ich 19 war, bin ich zum ersten Mal nach Amerika gefahren. Ich war dann sechseinhalb Monate dort.

Wann warst du zum ersten Mal in Südfrankreich?
Ich glaube 1983 oder 1984, damals habe ich Papi onsight gemacht. 1983 war ich in Deutschland, und kletterte meine erste 9+ und 10- und viel onsight. Und im nächsten Jahr war ich in Frankreich.

Du warst damals bekannt dafür, irrsinnige Fingerkraft zu haben, aber deine Fußtechnik war nicht so berühmt. Wie bist du so stark geworden, und hat sich deine Fußtechnik seither verbessert?
Ich glaube, dass meine Beinarbeit immer ziemlich effektiv war. Die Geschwindigkeit, mit der du kletterst, ist wichtiger als die Art, wie du deine Füße setzt. Manchmal siehst du Leute klettern, und sie platzieren ihre Füße sehr gut und greifen sehr genau, aber das Tempo, in dem sie klettern, ist einfach zu langsam. Du solltest immer versuchen, schnell zu klettern. Und wenn du bei einem Onsight-Versuch völlig gepumpt und gerade so am Abfallen bist, dann solltest du aus dem Unterbewusstsein klettern. Wenn du zuviel denkst, wird es nicht klappen. Mein Motto war deshalb immer: Lass es gehen. Wenn ich abfalle, denke ich nicht zuerst über meine Beinarbeit nach. Sondern ich denke, ich ziehe den Bastard jetzt irgendwie durch und kriege den nächsten Griff. So bin ich immer geklettert. Und außerdem: Gott weiß warum, aber englische Kletterer waren schon immer zittrig und zogen ihre Touren irgendwie gerade so durch. Aber wenn du wirklich starke Kletterer klettern siehst, dann klettern die fast immer so. Schau dir nur Chris Sharmas Füße an. Er wirft den Fuß nur irgendwie in die Nähe des Trittes und zieht dann durch. Kletterer mit weniger Kraft müssen ihre Füße sauber platzieren, sonst kommen sie die Routen nicht hoch. Starke Kletterer reißen einfach durch.

Wie bist du am Anfang so stark geworden?
Ich habe einfach viel trainiert.

Aber du sagtest, du hast im Peak District gelebt. Hast du dort auch trainiert?
Unser Schulgebäude bestand aus Kalksteinen. Als ich noch in der Schule war, habe ich jeden einzelnen Tag am Gebäude gebouldert.

Wie lange? Eine Stunde?
Viel mehr. Als ich 16 war, war ich wirklich motiviert und wusste, ich würde mit 17 von der Schule gehen. Wenn die Leute mich damals fragten „Was willst du nach der Schule werden?“, sagte ich „Ich will ein Felskletterer werden.“ In der ersten Schulstunde hatte ich damals frei und querte eine halbe Stunde an der Wand. Ich dachte mir: Das ist meine Ausbildung. Und dann war ich wieder dort in der gesamten Mittagspause beim Queren, und am Nachmittag ging ich wieder hin und machte Klimmzüge oder ging zum Laufen. Und das habe ich während dieses Jahres jeden Tag gemacht. Zwei Jahre lang hatte ich keinen einzigen Ruhetag. Sogar an Weihnachten machte ich Klimmzüge in der Garage. Ich dachte: Ich will der Beste sein. Und um der Beste zu sein – natürlich funktioniert es in Wirklichkeit nicht so –, dachte ich, werde ich mehr klettern und es mehr wollen als alle anderen. Ich bin einfach viel geklettert. Um in irgendetwas gut zu sein, brauchst du Motivation und Wille, das ist das Wichtigste. Und natürlich die genetischen und physischen Voraussetzungen, die Körperstruktur. Klar, ich bin nicht kurz und dick, ich bin dünn und eher stark, ich habe starke Sehnen. Ich war schon immer stark, auch vor dem Klettern, ich war gut in anderen Sportarten.

Du wolltest also der Beste sein. Im Güllich-Video kletterst du deine Route Ekel und rufst oben „God, I’m still the best.“ Bist du überzeugt, dass du der beste bist?
Nein, nein. Ich gebe nur ein bisschen an. Ich bin definitiv nicht der Beste im Moment. Es gibt viele wirklich starke Kletterer. Aber ich war lange Zeit bei den Besten, in den frühen 80er Jahren. Mitte der 80er Jahre war ich verletzt, aber Ende der 80er Jahre kletterte ich besser als alle anderen, und dann wieder in den 90er Jahren. Aber jetzt bin ich nicht mal in der Nähe der besten. Ich klettere immer noch gut, und wenn mir das Problem liegt wie dieser Boulder, den bislang keiner wiederholt hat, kann ich schon so schwer ziehen wie einige der Topkletterer. Ich habe noch ziemlich gute Armkraft, aber ein bisschen von meiner Fingerkraft verloren, weil mein Gewicht etwas gestiegen ist. Ich wiege jetzt ungefähr 67 bis 68 Kilogramm, vor fünf, sechs Jahren waren es noch 64. Das ist ein großer Unterschied.

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Wir hätten nie eine Freundin gekriegt" - Jerry Moffat im Interview

Siehst du eine junge Szene, wo die Leute mit dir mithalten können oder noch stärker sind als du in deinen besten Zeiten warst?
O ja, die sind viel stärker heute. Ihre Finger sind stärker. Ich glaube, Fingerkraft ist am wichtigsten.

Du hast ja aber schon jeden Tag trainiert. Wie können sie noch stärker sein?
Sie sind jünger, sie trainieren anders. Ich habe zwar jeden Tag trainiert, aber ich habe falsch trainiert. Außerdem pennen sie nicht am Fels und essen nur einen Laib Brot zum Abendessen. Sie schlafen in Häusern und fahren im eigenen Auto zum Fels, sie essen richtig. Überall gibt es Kletterwände und Trainingsmöglichkeiten. Wir hatten das nicht. Es ist heute viel einfacher, schnell gut zu werden. Aber es gibt jetzt trotzdem nicht gerade Massen von Kletterern, die viel stärker sind. Es ist nur eine Handvoll, wo ich denke, der Typ hat Kraft. Einige der amerikanischen Kletterer wie David Graham, Chris Sharma. Ben Moon ist stark, Malcolm Smith ist stark. Es sind nicht so viele.

Und du bewertest Stärke nach Boulderleistungen?
Ich messe sie am Bouldern. Ein starker Kletterer war für mich immer – auch als ich Routen und Wettkämpfe kletterte – jemand, der ein guter Boulderer ist. Du brauchst diese Kraft, um etwas wirklich Schweres zu ziehen.

Gibt es bestimmte Kletterstile, wie zum Beispiel dieses schwere Gritstone-Zeug, die dich inspirieren?
Das ist die Art von Kletterei, die ich in meiner Kletterlaufbahn immer geklettert bin. Routen wie Ulysses 1983, das war eine wirklich schwere Route zu der Zeit. Und wenn du fällst, wirst du dich ernsthaft verletzen. Damals wollte ich die mentale Seite des Kletterns pushen. Die physische Seite interessierte mich nicht. Ich wollte die gefährlichste Route klettern, die ich machen konnte, ich wollte mich in eine Position bringen, wo ich mich bei einem Sturz wirklich verletzen würde. Die jungen Kletterer, die heute gefährliche Routen klettern, werden das definitiv nicht mehr tun, wenn sie 30 oder 35 sind. Das ist ein Sport, den du nur betreibst, wenn du knapp über 20 bist und dich für unsterblich hältst. Ich habe viele grauenhafte Solos gemacht, viele onsight-Solos und gefährliche Routen, aber das ist ein Sport für junge Leute.

Du bist dann zum Motorradfahren gewechselt?
Ich war immer schon ein bisschen ein Draufgänger, ob im Sport oder mit dem Auto oder Motorrad.

Was ist gefährlicher, klettern oder mit dir Motorrad fahren?
Letztes Jahr bin ich mit dem Motorrad zu diesem Fels namens Froggat im Peak District gefahren, und es war wie früher: auf dem Motorrad nach Froggat und ein bisschen soloklettern. Also stieg ich auf das Bike, jagte mir beim Fahren Angst ein, stieg vom Bike, ging zum Fels und begann solo zu klettern wie früher. Aber als ich oben in diesen Routen hing und nach unten schaute, dachte ich: Mir reicht’s. Und dann wieder aufs Bike und heimfahren. Ich war komplett fertig am Abend und dachte mir: Wie zur Hölle konnte ich das jahrelang jeden Tag machen? Du konntest wirklich keinen gefährlicheren Lebensstil haben: Zum Fels rasen so schnell du kannst, soloklettern und dann so schnell wie möglich zurück. Ich weiß nicht, wie wir das überlebt haben. Ich weiß es wirklich nicht, aber Ben hat genau dasselbe gemacht. Und eine ganze Reihe andere Freunde auch.

Leben sie alle noch?
Ja. Wir haben alle überlebt, das ist erstaunlich. Es ist verrückt. Aber es hat Spaß gemacht. Und ich musste das machen. Jetzt lebe ich sicherer. Du wirst es leid, dich zu verletzen. Ich möchte nicht mehr Motorrad fahren, weil ich mich nicht verletzen möchte. Ich hab’s verkauft. Als Ben Moon sich letztes Jahr beim Snowboarden verletzt hat und die Schulter auskugelte, hatte ich jedes Mal, wenn ich aufs Motorrad stieg, dieses Bild vor mir, wie ich stürzte, mir etwas brach und nicht mehr klettern konnte. Und ich dachte, nein, ich will klettern gehen, ich will mich nicht verletzen.

Hat dein Leben als Kletterer deine Erwartungen erfüllt, auch finanziell?
Du kannst mit Klettern Geld verdienen, aber am Ende bist du darauf niemals stolz. Ich bin stolz, dass ich bestimmte Routen zu einer bestimmten Zeit geklettert bin, Wettkampf, Boulder, was auch immer. Das ist es, worauf ich zurückschaue und wo es mich freut, dass ich es getan habe. Und ich hatte wirklich meinen Spaß dabei. Aber du wärst kein Kletterer, wenn deine Motivation Geld wäre, weil da kein Geld drin steckt. Wenn du ein Kletterer sein willst, musst du den Sport lieben. Ich habe mit Klettern etwas Geld verdient, aber wenn ich diese Motivation in einen Beruf gesteckt hätte, wäre ich um ein Vielfaches reicher. Ich habe endlose Stunden ins Klettern gesteckt. Wenn du diese Motivation fürs Geldmachen aufbringen würdest, hättest du einen Haufen Kohle. Der einzige Grund, warum ich jemals Geld wollte, war, um neues Motorrad oder ein neues Auto zu kaufen. Aber jahrelang hatte ich dafür keinen Penny übrig.

Aber du hast es geschafft, dein Leben mit Klettern zu finanzieren?
Ja, das habe ich hingekriegt. Ich habe immer gut abgeschnitten bei Geschäftsdeals und war immer gut darin, Sponsorenverträge zu kriegen. Ich bin auch ganz gut im Reden, so dass ich, wenn ich mit jemand verhandelt habe, immer das Maximum für mich herausgeholt habe. Und ich habe mein Geld ganz gut investiert. Ich habe die Foundry gegründet, diese Kletterhalle in Sheffield, das war eine der ersten. Das war eine sehr gute Investition. Es waren einfach ein paar glückliche Zufälle. Damals schien es ein bisschen riskant, aber jetzt im Rückblick sagst du, das musste einfach klappen. Das ist meine Rente. Ich habe mein Geld nie für Restaurants oder Klamotten zum Fenster rausgeschmissen, wo du nichts mehr zurückkriegst, ich war ziemlich vernünftig mit dem Geld.

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Archiv Moffatt
In den klassischen Routen von Wales (hier: Llanberis Pass) begann Jerry Moffatt seine Kletterkarriere.
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Heinz Zak
Im Kalk von Wales hinterließ Jerry mit "Liquid Ambar" (8c) sein Vermächtnis. Die Route war lange die schwerste von Großbritannien.

Du bist aber nicht immer so vernünftig, oder? Manchmal kommst du – sorry – eher als Clown rüber, wie neulich im Frankenjura beim Dreh zum Güllich-Video.
Bei mir ist es so: Was immer ich tue – ob das Golf ist, was ich in letzter Zeit viel spiele, oder Klettern –, ich möchte es genießen und dabei meinen Spaß haben. Wenn ich gerade dabei bin, etwas zu klettern, wofür ich hart trainiert habe und was ich wirklich machen will, dann ändere ich mich und werde wirklich ernsthaft und denke: Ich muss das jetzt schaffen. Ich kann also auch anders und wirklich ganz ernst sein, ich kann ein echter Bastard sein. Aber nur weil du schwer kletterst, musst du ja nicht die ganze Zeit toternst und mies drauf sein, auch wenn du vielleicht wirklich ernsthafte Sachen machst. Ich finde, du siehst das bei vielen ganz unterschiedlichen Sportlern. Sie blödeln rum, aber wenn der Zeitpunkt kommt, wo sie ihren Job machen, konzentrieren sie sich darauf und werden ernst. Aber 90 Prozent der Zeit brichst du beim Klettern ja keine Weltrekorde, die meiste Zeit trainierst du einfach oder bereitest dich vor. Und nur in einem sehr kleinen Teil deiner Kletterkarriere gelingt dir etwas wirklich Bedeutendes. Als Wettkampfkletterer zum Beispiel hast du womöglich nur fünf Wettkämpfe im Jahr, aber du verbringst das ganze Jahr damit, dich darauf vorzubereiten.

Du hast jahrelang am Fels gelebt. Hattest du da eine Freundin? Warst du überhaupt an Frauen interessiert?
Nein, nein. Wir hätten nie eine Freundin gekriegt. Wir stanken. Wir wuschen uns nicht. Und das hat mich auch überhaupt nicht interessiert. Alle sagten immer: Warte nur, wenn du erst eine Freundin hast, dann wird sich das mit dem Klettern auch noch ändern. Aber ich weiß noch, dass ich dachte, das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich lasse keine Frau etwas an meiner Begeisterung für das, was ich beim Klettern wollte, ändern.

Und ist das so geblieben?
Ja. Es hat nie einen Unterschied gemacht, ob ich eine Freundin hatte, ich war beim Klettern immer voll bei der Sache. Ich hatte immer den totalen Tunnelblick, wenn ich etwas Bestimmtes schaffen wollte. Ich finde, wenn du das Glück hast, in meiner Position zu sein – ich war eben gut beim Klettern und ich war wirklich stark –, wäre es verrückt, das wegzuwerfen und nicht dein volles Potenzial zu erreichen. Das ist ein Punkt, der mir an meiner Kletterkarriere gefällt, dass ich das Gefühl habe, mein gesamtes Potenzial ausgelotet zu haben. Ich glaube nicht, dass ich viel mehr hätte machen können. Ich habe alles gemacht, was ich wollte, so ziemlich alles. Ich schaue nicht zurück und denke, Mann, die Route hätte ich wirklich gerne noch gemacht oder ich wünschte, ich wäre nicht in Urlaub gefahren. Weil ich eben nicht in Urlaub gefahren und nicht ausgegangen bin. Ich habe mich nicht betrunken, und ich hatte nie Urlaub, ich war immer konzentriert dabei. Und jetzt ist es Zeit, einen Gang zurückzuschalten, und mehr Urlaub zu machen.

Denkst du, dass du als extremer Kletterer schrecklich egoistisch sein musst, um deine Ziele zu verfolgen?
Du musst einseitig sein, nicht so sehr egoistisch. Aber einseitig musst du immer sein, wenn du irgend-etwas Schweres erreichen willst, ob du nun ein Top-Businessman oder ein Spitzensportler werden willst. Vielleicht sagen manche Leute, das sei egoistisch, aber das ist es nicht wirklich. Klar, wenn du eine Freundin hast und du hast keine Zeit für sie oder um mit ihr in Urlaub zu gehen, dann könnte sie es als egoistisch ansehen. Aber ich sehe das nicht wirklich so, weil ich einfach klettern gehen muss. Ich würde gerne in Urlaub fahren oder nicht auf meine Ernährung achten, ich würde auch gerne nicht die ganze Zeit trainieren und der beste Kletterer der Welt sein müssen. Das wäre großartig, wenn du nichts anderes tun müsstest, als einfach auf deinem Arsch zu sitzen, und trotzdem der Beste sein könntest. Leider funktioniert das nicht so.

Danke, Jerry.

Rezension: "Rockgod - Leben einer Kletterlegende"; das Buch von Jerry Moffatt ist jetzt auf deutsch erschienen

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Kurz-Bio von Jerry Moffatt: Die wichtigsten Stationen

Der am 18. März 1963 geborene Jerry Moffatt gehört zu den großen Persönlichkeiten des britischen Sportkletterns der achtziger und neunziger Jahre. Für frühes interna­tionales Aufsehen sorgte sein Besuch in Deutschland 1983. Der Aufenthalt in der Albert-Güllich-WG in Oberschöllenbach beflügelte Moffatts Motivation. Im Frankenjura kletterte der schlakisge junge Mann mit dem großen Background an britischen Abenteuerrouten eine ganze Latte damals schwerster Routen kurzerhand onsight: Maud (9), Wolkensteiner Über­hang (9), Chasin‘ the Trane (9) und das Gößweinsteiner Trio Schleimspur, No chance with Galoshkies und Sautanz (alle 9-) mussten sich dem Ansturm Moffat‘scher Fingerpower ergeben. Moffatt war dafür bekannt, selbst kleinste Griffe gnadenlos fixieren und durchreißen zu können und die Füße mehr oder minder kontrolliert hinterher zu ziehen. Mit Ekel (9+) im Trubachtal und The Face (10-) im Altmühltal hinterließ er gleich noch die damals schwersten Routen. Im selben Jahr stand er bei drei Weltcups als Sieger auf dem Treppchen.

1984 gelang ihm mit Relevations (8a+) die damals härteste Route Englands. Mitte der 80er Jahre folgte eine verletzungsbedingte Kletterpause. 1991 eröffnete er mit "The Foundry" in Sheffield eine der ersten Kletterhallen. Anfang der 90er Jahre kehrte Moffatt gestärkt zurück und setzte sich mit Neutouren wie Liquid Ambar (8c) in Nordwales wieder Denkmale. Die Route war wiederum zum Zeitpunkt der Begehung die härteste der Insel. 1995 folgte Evolution// (8c/8c+) am Raven‘s Tor im Peak District.

Neben diesen Sportklettererfolgen schuf Moffatt im Laufe seiner bisherigen Kletterlaufbahn eine Reihe schwerster Gritstone-Routen wie Renegade Masters (E9, 7a), bei denen meist mehr oder minder ungesichert höchste Schwierigkeiten zu klettern sind. Und schließlich ließ er sich auch beim Bouldern nicht lumpen und legte mit The Joker und der längeren Variante The Ace Testpieces vor, die jeweils zu ihrer Zeit zu den schwersten der Insel gehörten.

Der gerne lachende und blödelnde Spitzenkletterer kann es sich also erlauben, als eine seiner Motivationsquellen anzugeben: „I like to burn people off“, es mache ihm Spaß, besser zu sein als andere Leute.

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Gerd Heidorn
Legenden unter sich: (v.l.n.r.) Ben Moon, Gerhard Hörhager, Jerry Moffatt, Stefan Glowacz.

Übrigens: Jerry Moffatts Buch "Revelations" ist mittlerweile auf Deutsch erschienen und bei Panico zu bestellen.

Große Kletterlegenden im Gespräch: Kurt Albert Interview

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