Teil des
KL Klettern auf der Waldau in Stuttgart Ralph Stöhr

Stadtreport Stuttgart

Klettern in der Schwabenmetropole

Hügelig, aber felsfrei: Die Hauptstadt der Schwaben ist auf den ersten Blick eher suboptimaler Lebensraum für Kletterer. Doch existiert eine quicklebendige Kletterszene.

Hochgeklappte Bürgersteige, kehrwochenbesessene Vermieter, eifrig geputzte Automobile, Viertelesschlotzer: Mann, sind wir froh, dass Tatort-Kommisar Bienzle dieses Bild schwäbisch-behäbiger Biederkeit nicht mehr in der ganzen Republik verbreitet. Denn die Wirklichkeit ist ja ganz anders: Das Viertele (der Viertelliter Württemberger Wein) ist längst dem Cocktail gewichen, und nachdem die Kids sich abends in den Clubs auf der „Theo“ (der Stuttgarter Partymeile Theodor-Heuss-Straße) den Hintern abgetanzt haben, kotzen sie in den frühen Morgenstunden ebendort aufs Trottoir. Vielleicht sollte man die Bürgersteige doch hochklappen? Der sportliche Teil der Jugend brettert stattdessen die Downhillstrecken vom Fernsehturm herunter und erschreckt brave Spaziergänger.

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Ralph Stöhr
Rundum Hänge, dazwischen das Zentrum: Ausblicke sind in Stuttgart inbegriffen.

Die Stuttgarter Kessellage bringt es mit sich, dass die Stadt fast rundum von Hügeln umgeben ist. Diese bieten nicht nur schöne Aussichtspunkte, sondern auch viel Wald und beste Trainingsstrecken zum Laufen und Biken, die die Stadtnähe fast vergessen lassen. Vom Neckar zum höchsten Punkt des Kesselrands beim Fernsehturm sind es rund 270 Höhenmeter, und Gebietskennern gelingt es, diese Strecke praktisch ohne Straßenkontakt nur im Wald zurückzulegen.

Stadtreport Stuttgart - Junge Szene

Das obige Motto hat sich die Stuttgarter Jugend zu eigen gemacht und rockt fleißig durch die Schwabenmetropole. Hartes Training ist dabei essentiell. Während man sich dazu bis vor wenigen Jahren noch mangels Alternativen regelmäßig am Boulderdreieck im „Cityrock“ traf, hat sich die junge Kletterszene seit der Eröffnung des Kletterzentrums 2005 ganz auf die Waldau verlagert. Die meisten jungen Kletterer sind in den beiden in friedlicher Konkurrenz zueinander stehenden Stuttgarter Alpenvereins-Sektionen organisiert, viele sind dort auch als Leiter der insgesamt etwa 15 Jugend- und Trainingsgruppen mit etwa 300 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 25 Jahren im Einsatz.

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Daniel Hummel
Wenn Jochen Perschmann und Daniel Hummel die T-Shirts ablegen, staunen die StuttgarterInnen.
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Daniel Hummel
Die Szene ist nacht-aktiv: Tom Thudium bouldert bei Calw.

In der Sektion Schwaben ist in den letzten Jahren eine erfolgreiche Wettkampfklettergruppe mit etwa 15 Kids im Alter zwischen 11 und 19 Jahren entstanden. Auch die starken Schwäbisch Gmünder Wettkampfkletterer wie Thomas Tauporn, Timo Preußler, Alex Hille oder Aric Merz nutzen die guten Trainingsbedingungen in Stuttgart. Der Nachwuchs der Sektion Stuttgart klettert lieber am Naturfels und fährt bei schönem Wetter unter der Woche entweder zum Bouldern an die Blöcke bei Calw oder zum Routenklettern ins Lenninger Tal. Am Wochenende geht’s dann meistens Richtung Franken, wo man als „Stuttgarter Fraktion“ bereits wohlbekannt ist. Vereinzelt soll es auch noch einige wenige Alpinfans geben wie zum Beispiel in der jüngst wiedergegründeten „Jungmannschaft“ der Sektion Stuttgart, die sich ebendieses Betätigungsfeld auf die Fahnen geschrieben hat.

Das Evangelische Jugendwerk leistet kletternd Jugendarbeit im „Cityrock“, welches aufgrund der günstigen Eintrittspreise auch weiterhin als Treffpunkt der Nicht-DAV-organisierten jungen Kletterer und Studenten fungiert.

Die von vielen gehegte These, dass man in Stuttgart nicht richtig stark werden und bleiben kann, wurde dabei zuerst von der Felskletter-Gruppe um Jochen Perschmann und „Lommel-“ Tom Thudium widerlegt. Aber auch die wegen der Kombination aus guten Trainings-, Studien- und Arbeitsbedingungen zugezogenen starken Wettkampfkletterer wie Peter Würth, Isabell Haag, Benny Sillmann, Ines Holtzmeyer und Tobi Gartmann belegen, dass Stuttgart keine Klettersackgasse ist. Insbesondere Peter Würth, der sich trotz zahlreicher Warnungen schnell vom Stuttgarter „Leben“ anstecken ließ, klettert auch weiterhin national und international sehr erfolgreich, was ja wohl für die schwäbische Klettermetropole spricht.

Stadtreport Stuttgart - Alle wichtigen Informationen

Kletteranlagen

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Kletterzentrum Stuttgart

1. Kletterzentrum Stuttgart
Die DAV-Anlage auf dem Sportgelände der Waldau in Degerloch ist mit einer Außenanlage (600 m2 Kletterfläche) und einer großen Kletterhalle (1900 m2 Kletterfläche, 250m2 Bouldern) die größte ihrer Art in Baden-Württemberg. Bis zu 16 Meter Wandhöhe und knapp 200 gut und regelmäßig um-geschraubte Routen sorgen für pralle Unterarme. Die Erweiterung der Außenanlage ist bereits genehmigt, die der Halle in Planung. Gut erreichbar mit der Stadtbahn (Linien 7 und 8). www.kletterzentrum-stuttgart.de

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cityrock

2. Cityrock
Mitten in der Stadt am Berliner Platz liegt die mit 360 m2 Kletterfläche kleine, aber feine Kletteranlage der Evangelischen Jugend Stuttgart (EJS). Ein Boulderwändchen und ein gemütliches Cafe runden das Angebot im Haus 44 der Fritz-Elsass-Straße ab. www.cityrock.de

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TKV Funsportzentrum

3. TVK Funsportzentrum
Kleine Wand in einer Multisportanlage in Kornwestheim im Stuttgarter Norden. Auf 240 m2 Kletterfläche finden sich aber immerhin 80 Routen vom dritten bis zum neunten Grad, die Wandhöhe beträgt 8,50 Meter. www.funsportzentrum.de

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Boulderblock Feuerbach

4. Boulderblock Feuerbach
Kleine Außenanlage im Stuttgarter Norden. Die rundum überhängende Holzkonstruktion ist frei (gratis) zugänglich. Die reibungsarmen und nicht zu großen Griffe verlangen aber ordentlich Einsatz. Insgesamt ist "der Apfel" eher eine Trainingsmöglichkeit für Experten, Einsteiger ernten hier wenig. Ort: Leobener Straße 95, Stuttgart-Feuerbach.

5. Cannstatter Pfeiler
Dieses Relikt einer alten Eisenbahnbrücke steht direkt neben dem Neckar in Bad Cannstatt. Das Umfeld ist dennoch wenig romantisch, die Kletterei an dem 20 Meter hohen Sandsteinturm aber ganz o.k. und gutes Training für die Fingerkraft. Es stecken Haken und Umlenker, eigene Express-Schlingen sind mitzubringen. Routen zwischen 6 und 7, keine leichten Routen!
www.alpenverein-stuttgart.de

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Active Garden Korb

6. Active Garden Korb
Mit einem Kletterturm in einem Squash-Court fing alles an, später wurde die Anlage mehrfach erweitert. Inzwischen betreiben Timo Marschner und Martin Schepers von der ehemaligen Rotpunktredaktion den Active-Garden, der vor dem Bau des DAV-Kletterzentrums die größte Kletteranlage im Großraum Stuttgart war. Mit über 1200 m2 Kletterfläche, einer Wandhöhe bis 15 Meter sowie diversen Boulderbereichen ist der Active Garden eine sehr gute Trainingsmöglichkeit, die dazu noch Sauna und eine gemütliche Bar mit Kicker bietet. www.active-garden.com

Paladion Böblingen
Kleine Wand in einem Fitnesscenter. 25 Routen, 11 Meter Wandhöhe, rund 200 m2 Kletterfläche. Alles dazu unter www.sv-boeblingen.de/paladion

Pink Power Böblingen
Die Wand auf der Grundfläche eines
Squashcourts misst 250 m2 Kletter-fläche. Bei 7 Meter Wandhöhe bietet sie 50 Routen, vorwiegend zum Top­ropen, und einiges an Abwechslung.
www.pink-power-online.de

TSV Schmiden
Der TSV Schmiden hat in Schmiden eine vereinseigene Miniwand mit
56 m2 Kletterfläche sowie in Fellbach eine Boulderanlage mit 120 m2.
www.klettern.tsv-schmiden.de

Klettergebiete

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Ralph Stöhr
Steinbruch Stetten

7. Steinbruch Stetten
Der Sandsteinbruch im Remstal wurde von den Kletterern der Sektion Stuttgart gesäubert und hergerichtet. Rund 40 Routen bis 8 Meter Höhe sind eingebohrt, die meisten in leichten bis mittleren Schwierigkeiten. www.alpenverein-stuttgart.de

8. Steinbruch Renningen
Die langgestreckte, senkrechte Sandsteinmauer am Parkplatz des Naturtheaters Renningen wurde wohl schon zigtausendmal gequert. Es gibt eine obere, leichtere Variante und eine tiefere schwere. Gutes Unterarmtraining, dazu einige Boulder und ein unschlagbar kurzer Zustieg.

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Ralph Stöhr
Felsengärten Hessigheim

9. Hessigheimer Felsengärten
Der horizontal gebankte Muschelkalk der Felsengärten deckt jeden Mangel an Fingerkraft gnadenlos auf. Die bis zu 12 Meter hohen Routen sind dazu etwas abgespeckt, eine saubere Beintechnik ist daher ebenfalls erforderlich. Dennoch: Fast 150 Routen, darunter auch viele leichte, etliche Boulder, einige gute Trainingsquergänge und die schöne Lage überm Neckar machen die Felsengärten zu einem beliebten Einsteiger- und Trainingsgebiet.

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Ralph Stöhr
Schwäbische Alb

Schwäbische Alb
Die Schwäbische Alb ist ein riesiges Klettergebiet. Für die Stuttgarter Kletterer sind traditionell die Felsen des Lenninger Tals und die Wände rund um Urach das nächste Ziel. Beide erreicht man in einer starken halben Stunde von Stuttgart aus.

Schwarzwald
Die nächsten Felsen des Schwarzwalds liegen aus Stuttgarter Sicht bei Calw. Vier kleine Felswände und eine Reihe sehr interessanter Boulderblöcke finden sich rund um die Heimatstadt Hermann Hesses im Nordschwarzwald. Näheres dazu gibt es bei Toms Bergsportladen in Calw (www.toms-bergsport.de), wo auch stets die aktuellsten Topos und Infos abgegriffen werden können.

Kletterführer

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Ronni Nordmann

Alle natürlichen und künstlichen Klettermöglichkeiten in und rund um Stuttgart beschreibt der neu erschienene Führer „Kleine Wände“ vom Panico Alpinverlag. Wer einen Überblick über die besten Felsen der Alb will, bekommt mit dem ebenfalls neuen „Best of Schwäbische Alb“ von Panico den optimalen Überblick. Beide sind erhältlich im !!! klettern-shop auf Seite 42. !!!

Kletterläden

Bergland:
Das von Bergführer Fred Bässler gegründete und lange Jahre geführte Bergland ist Stuttgarts erste Adresse bei der alpinen Ausrüstung. Hier gibt es alles rund ums Klettern, Bergsteigen und Skitourengehen in großer Auswahl und mit kompetenter Beratung. www.bergland.de

Kollektiv:
In jeder Hinsicht der Alternativ-Laden zum Bergland. Surfer, Boarder, Boulderer und junge Sportkletterer finden hier ihre Ausrüstung, ihre geistige Heimat und trendige Klamotten. Mitinhaber Gerd Zimmermann engagiert sich auch als Sponsor für den Stuttgarter Kletternachwuchs.
www.kollektiv-sports.de

Sportscheck:
Die „Kletterwand“ in der Stuttgarter Niederlassung von Sport Scheck setzt beharrlich Staub an. Für das Material gilt das natürlich nicht, auch in Stuttgart gibt es die übliche Kollektion an Kletterausrüstung, Kletterführern und Outdoorbekleidung.

Travel Store Woick:
Kein Kletterladen, bietet aber eine große Auswahl an sonstiger Outdoor­ausrüstung und -bekleidung.
www.woick.de

Kletterevents

Volltrauf: Einmal im Jahr steigt das Fest der Sektion Stuttgart mit klettern und dem Panico Alpinverlag. Infos gibt es unter www.volltrauf.de.

Meisterschaften: Im Kletterzentrum auf der Waldau gibt es jährlich einen großen Kletterwettkampf für alle Altersklassen. Inklusive den Baden-Württembergischen Meisterschaften (mit Altersklassen bis Ü70), Speedklettern und Kidscup. Infos unter www.kletterzentrum-stuttgart.de/wettkampf.

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