KL_Frankenkader_JoachimInNikita_ThHoerster (jpg) Thomas Hörster

Frankenkader

Jugend klettert (schwer)

Im Frankenkader geben fünf deutsche Nachwuchstalente aus der Region rund um Nürnberg Vollgas. Training, Spaß, Motivation: der Frankenkader im Portrait.

Frankenkader – irgendwie klingt das nach kleinen, fingerlochzerrenden Klettermonstern, die von einer knallharten Trainersau von Wettkampf­erfolg zu Wettkampferfolg gepeitscht werden. Es klingt nach Blut, Schweiß und Tränen beim Training. Denke ich so, als ich über die A6 gen Nürnberg zur dortigen Kletterhalle „Climbing Factory“ im „Power Tower“ rolle, um diesen Kader näher kennenzulernen.

Die Wirklichkeit ist anders. Wir sind hier beim Klettern, nicht beim Turmspringen. Die Trainer, Patrick Matros und Ludwig "Dicki" Korb, sind nicht wirklich knallhart, obwohl beide bis zum unteren elften Grad unterwegs sind. Und die kleinen Klettermonster ziehen zwar gerne Fingerlöcher, sind ansonsten aber ganz normale, eben hochmotivierte Jugendliche.

Die Leistungsspitze im Klettern wird immer jünger: Der Jüngste im Kader, Joachim Tensing, 13, klettert in der Fränkischen Schweiz regelmäßig 10-. Die meisten anderen langen sogar noch härter hin, sind wie Felix Knaub bis zum elften Grad unterwegs. Und im Wettkampf hat der Frankenkader im November in Darmstadt mit Lilli Färber und Alexander Megos jeweils einen Deutschen Meister der Jugend B und Jugend A gestellt. Alexander war 2009 Europameister (Jugend A) und hat die European Youth Series gewonnen.

Trainingskonzept mit Eigeninitiative

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Raimund Matros
Felix Knaub bouldert "Schicht im Schacht" (Fb 8a).

Vor zwei Jahren übernahmen Patrick Matros, 36, und Dicki Korb, 43, den usprünglich von Hannes Huch und Manuel Brunn ins Leben gerufenen Frankenkader. Seither kümmern sich die beiden Kadertrainer im Auftrag des DAV-Landesverbandes und des Bayerischen Kletterfachverbandes um derzeit fünf Schützlinge, versuchen über ein spezielles Trainingskonzept das Potenzial der fünf Jugendlichen voll auszuschöpfen.

Deren Altersspanne reicht von 13 bis 19 Jahren: „Uns ist daran gelegen, die Altersspanne nicht unbedingt unter zwölf Jahre zu drücken. Wir sehen die Jugendlichen vom entwicklungspsychologischen Standpunkt als ein Team. Andererseits geht vom physiologischen Standpunkt aus in diesem Alter ein Wechsel vor, wo das spielerisch-koordinative Lernen übergeht in ein Training, bei dem es um Physiologie und Kraft geht. Bei größeren Altersunterschieden wäre da eine sehr starke Differenzierung nötig“, erklärt Patrick Matros. Dazu kommt auch die Sicherungsproblematik. Wenn ein 10-Jähriger einen 18-Jährigen sichert, ist der Gewichtsunterschied einfach zu groß.

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Jorgos Megos
Alexander Megos gehört zu den großen deutschen Nachwuchswettkämpfern.

Viele der Kadermitglieder sind schon länger dabei, die meisten entstammen der Nachwuchsarbeit der Sektion Erlangen, wo Ex-Bundestrainer Guido Köstermeyer bei der Talentsuche hilft. Aber natürlich können Jugendliche auch direkt bei Patrick und Dicki anklopfen, wenn sie im Kader mitklettern und trainieren wollen. Die Kriterien für eine Mitgliedschaft sind zwar nicht in Stein gemeißelt, aber doch ziemlich klar: „Leistungsorientierung ist ein wichtiger Teil“, erklärt Patrick, „wer in den Kader will, sollte konkrete Zielvorstellungen haben. Das beruht auch darauf, dass unser Trainingskonzept viel auf Eigeninitiative setzt. Der Athlet soll irgendwann in der Lage sein, sich sein Training mit unserer Planung und unserem Feedback selbst zusammen zu basteln.“

Neben dem Felsklettern sollte der- oder diejenige möglichst auch Wettkämpfe bestreiten. So sind einige der jungen Franken auch im Bundeskader aktiv. Das wird von den Trainern aber nicht als Muss angesehen: „Wir haben auch Felix Knaub, der momentan keine Wettkämpfe macht.“ Aber eben am Fels im letzten Jahr mit Matador (9a) schon in den Spitzenbereich vorgedrungen ist.
Schließlich zählt auch, ob sich jemand gut in das Team integrieren kann, ob die sozialen Fähigkeiten da sind: „Wenn der Typ Einzelkämpfer zu uns kommt, führen wir, selbst wenn er gut ist, noch einmal ein Gespräch, ob es für ihn wirklich Sinn macht.“

Spaß haben nicht vergessen

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Das Team feiert Weihnachten.

Dass die Motivation so hoch ist, liegt zum einen an den Jugendlichen selbst, von denen die meisten früh mit dem Klettern begonnen haben. Aber auch die Vorgehensweise der beiden Trainer trägt einen Teil dazu bei, wie Patrick erläutert: „Ich sehe eine unserer großen Stärken in der Philosophie, dass wir zwischen Spaß- und Leistungsorientierung eine Mischung gefunden haben, die gut bei den Jugendlichen ankommt. Das Ziel ist nicht, dass die nach Hause fahren und dann nicht mal mehr eine Gabel hochheben können.“

Und Dicki ergänzt: „Sie müssen definitiv Spaß haben. Man muss ja auch mal überlegen, um was es geht. Sie betreiben einen Sport, von dem man nie leben kann.“ Hinzu kommt, dass die Lage nahe der Fränkischen Schweiz eine interessante Mischung aus Training an der Wand und Klettern am echten Fels erlaubt, wovon der Kader reichlich Gebrauch macht: „Wir haben natürlich ein gutes Terrain hier. Wir beide kennen viele der schweren Touren, so bis 11- halt. Wenn wir dann sagen: Du kannst mal versuchen, das zu flashen, ich hänge dir die Schlingen ein, dann scharren die natürlich: wann fahren wir hin, wann fahren wir hin?“, schmunzelt Dicki Korb.

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Archiv Krämer
Milena Krämer zieht auch schon mal einen Gurt an: Hier für "Mirage" (7c+) in Ceüse.

Dabei ist den Kadertrainern wichtig, dass sich nicht alles nur ums Klettern dreht: „Wir schauen, dass wir mit den Eltern in Kontakt bleiben. Uns ist wichtig, wie die Eltern ihr Kind sehen, ob da Druck ausgeübt wird, auch subtil. Wir versuchen in Gesprächen darauf einzuwirken, dass ein Gleichgewicht gegeben ist. Es muss klar sein, dass Schule oder Freunde nicht vernachlässigt werden. Es muss eine Welt außerhalb des Kletterns geben.“

Diese Ausgewogenheit ist dabei nicht nur löblicher Selbstzweck, sie macht auch aus leistungssportlicher Sicht Sinn, meint Patrick: „Es gibt ja den Spruch von Athleten: Der über längere Zeit wirklich erfolgreiche Spitzensportler ist der, der mit den Niederlagen umgehen kann. Weil man eben nie ständig gewinnt. Und da ist ganz wichtig, dass man psychisch so weit angelegt ist von den ganzen Wertorientierungen her, dass nicht alles zusammenbricht, wenn es einmal beim Klettern nicht so klappt.“

Dicki fügt an: „Ich arbeite viel mit Jugendlichen, die sich im sozialen Bereich sehr schwer tun, weil sie viel zu viel am PC hängen und kaum mit anderen in Kontakt kommen. Aber wo ist letztlich der Unterschied, ob ich den ganzen Tag am PC hänge oder den ganzen Tag im Boulderraum meine Trainingseinheiten mache? Deshalb ist uns diese Teamgeschichte so wichtig. Und ich sage immer, ihr seid 15, 16, 17, geht raus, die Welt dreht sich nicht nur um kleine Griffe. Ihr müsst was erleben. Was ihr jetzt nicht erlebt, das könnt ihr schwer nachholen.“

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Die Jungs und Mädels aus dem Frankenkader

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Lilli Färber

Lilli Färber
Geboren: 22. März 1995
Wohnort: Erlangen
Klettert seit: "schon immer"
Wettkampferfolge: Deutsche Meisterin Jugend B 2008 und 2009, Deutsche Meisterin Jugend B Bouldern 2009, 2. Platz Jugend B EYS Edinburgh 2009
Härteste Route: Minotaurus (10) im Frankenjura

Lilli kommt aus einer sportbegeisterten Familie (ihre Mutter Anja hat früher selbst Wettkämpfe geklettert) und betrieb früher neben dem Klettern auch noch das Schwimmen leistungsmäßig. Entsprechend voll war ihr Trainingsplan, und "da kam sie nach drei Stunden Schwimmtraining noch zum Klettern", erzählt Trainer Dicki Korb. Inzwischen hat sie ihren Schwerpunkt aufs Klettern verlegt und sich mittlerweile am Fels vom neunten zum glatten zehnten Grad gesteigert. Die hochmotivierte 14-Jährige freut sich, wenn sie beim Wettkampf zeigen kann, was sie drauf hat. Mehr schwere Routen klettern, die Teilnahme bei den European Youth Series und "ein paar Sachen an meinen Kletterstil verbessern, die mir aufgefallen sind" sind ihre nächsten Ziele.

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Ralph Stöhr
Felix Knaub

Felix Knaub
Geboren: 3. August 1991
Wohnort: Hersbruck
Klettert seit: dem vierten
Lebensjahr
Härteste Routen und Boulder: Matador (11), Pain makes me feel stronger every day (11-/11), Riot Act (Fb 8b+), Semper fi (Fb 8b+), alle im Frankenjura

"Felix gibt halt Gas am Fels. Er hat einen sehr dynamischen Kletterstil, feuert alles an und bleibt dran hängen." Die Trainer müssen es wissen, schließlich ist der 18-Jährige schon lange im Frankenkader. Das Training hat er vor allem genutzt, um sich beim Felsklettern und Bouldern zu verbessern, an Wettkämpfen nimmt er nicht teil. Felix klettert schon ewig, und wer öfter nach Franken oder Südfrankreich kommt, wird ihn mit seinem kletternden Vater Jürgen schon mal irgendwo getroffen haben. Der frühe Einstieg in den Sport, das regelmäßige Klettern in der Fränkischen und das Kadertraining haben zu sehr vorzeigbaren Erfolgen geführt: 2009 kletterte Felix, den vor allem "faszinierende Linien und abgefahrene Züge an einem schönen Ort" reizen, seine erste 11. Für nächstes Jahr hat er mit Aktion Directe im Frankenjura den Klassiker des elften Grades im Visier.

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Milena Krämer

Milena Krämer
Geboren: 13. Dezember 1990
Wohnort: Erlangen
Klettert seit: 2001, leistungsmäßig ab 2003
Wettkampferfolge:
Bouldern: Deutsche Meisterin Jugend A 2006, Deutsche Vizemeisterin 2008, 2. Platz Gesamt deutscher Bouldercup 2008
Härteste Routen: Le privilège du serpent (7c+) und Makach Walou (7c+), beide in Ceüse, Vögeln verboten (9+) im Frankenjura

Mit ihren 19 Jahren ist Milena kurz vor dem Abitur. Danach steht womöglich ein Studium andernorts an, daher geht ihre Kaderzeit vielleicht bald zu Ende. Milena kam durch die Jugend der Sektion Erlangen zum Wettkampf, wo sie vor allem beim Bouldern vorn dabei ist. "Milena sieht das Ganze etwas lockerer, was nicht heißt, dass sie nicht Leistung bringen würde. Sonst wäre sie ja nicht im Bundeskader gewesen", meinen die Trainer. Übers Klettern hat sie sich einen Freundeskreis aufgebaut, der ihr auch wichtig ist. Vom Kader bezieht sie immer wieder neue Motivation, und ihr wichtigstes Ziel lautet "weiter so viel Spaß am Klettern haben".

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Alexander Megos

Alexander Megos
Geboren: 12. August 1993
Wohnort: Erlangen
Klettert seit: dem sechsten Lebensjahr
Wettkampferfolge: 8. Platz Jugend WM 2009;
1. Platz EYS Gesamtwertung und Europameister Jugend A 2009
Härteste Routen: Klondike Cat (11-), Pain makes me feel stronger every day (11-/11) beide Frankenjura); Odissy (8c+, Mallorca)

"Alexander ist sehr zielorientiert, er will sich auch beim Wettkampf explizit mit anderen vergleichen". So viel Motivation freut die Trainer natürlich, die bei Alexander eher das Problem haben, manchmal etwas bremsend einwirken zu müssen. Die guten körperlichen Anlagen des 16-Jährigen wurden schon früh erkannt, und da Alexander das Training sehr ernst nimmt, haben sich inzwischen auch bemerkenswerte Erfolge eingestellt: In Darmstadt wurde er unlängst Deutscher Meister der Jugend A, am Fels kletterte er Routen bis zum unteren elften Grad, und auch für nächstes Jahr hat er sich einiges vorgenommen: "Bei der Jugend-WM 2010 aufs Treppchen, bei den Herren unter die ersten 15 und meine erste 9a klettern."

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Ralph Stöhr
Joachim Tensing

Joachim Tensing
Geboren: 3. Februar 1996
Wohnort: Coburg
Klettert seit: seit 2003
Wettkampferfolge: 1. Platz Jugend C Gesamtwertung Bayerische Meisterschaften 2009, 5. Platz (Jugend B) Deutsche Meisterschaft 2009, 5. Platz (Jugend B) Gesamtwertung DAV Jugend- und Juniorencup 2009
Härteste Routen: Respekt (10-), Casablanca (10-), Nikita (10-), alle im Frankenjura

"Klein, drahtig, noch ein richtiges Bürschchen": Joachim ist mit 13 Jahren der Jüngste in der Fränkischen Fünferbande, aber seine Trainer wissen um seine Stärken. Der Schüler aus Coburg klettert am Fels bis zum unteren zehnten Grad und im Wettkampf bei der Jugend C in Deutschland vorne mit. "Es ist motivierend, mit den anderen zu klettern und von den Trainern Tipps zu bekommen, wie man eigenständig trainiert", lobt Joachim die Kaderarbeit. Tatsächlich fehlt ihm beim Training in Coburg der Vergleich. Im Kader dagegen klettern alle besser als er, was Joachim kräftig anspornt. So ist es auch sein erklärtes Ziel, sich über den Winter stark zu verbessern.

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Wie der Frankenkader trainiert

Patrick Matros, der Sportwissenschaft studiert hat, und Dicki Korb, der einen Trainerschein des DAV hat, haben im Rahmen der Kaderarbeit ein spezielles Trainingskonzept erarbeitet. Neu daran ist ein komplexes Krafttraining, zu dem auch viele Übungen gehören, die turnerische Fähigkeiten schulen (wie Lilli Färber an den Ringen zeigt) und teilweise auch als Ausgleichstraining gedacht sind. Ebenfalls speziell ist die Unterteilung des Trainings in Mesozyklen und eine Trainingssteuerung und -kontrolle, bei der das subjektive Belastungsempfinden eine große Rolle spielt.

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Die Trainigsfibel (rechts) ist farbkodiert. Das Trainingsprotokoll (links) nutzt ebenso die Farbkodierung.
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Patrick Matros
Lilli Färber an den Ringen.

Gemeinsam trainiert wird zwei Mal die Woche, wobei die Kaderathleten weitere Einheiten selbständig absolvieren. Das gesamte Trainingskonzept, das übrigens zum Teil auf Guido Köstermeyers Trainingslehre beruht und mit ihm abgestimmt ist, haben Patrick und Dicki in einer Trainingsfibel zusammengefasst, in der den verschiedenen Übungen unterschiedliche Farben zugeordnet sind. Im Trainingsprotokoll der Kletterer werden diese Farben aufgenommen , sie erlauben so einen raschen Überblick über das geleistete Pensum.

Mehr zu Guido Köstermeyers Trainingssystem gibt es unter www.klettertraining.de.

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