Teil des
KL Patxi Usobiaga TEASERBILD Annika Müller

Patxi Usobiaga Interview

"Ich kann und kenne nichts anderes" - Patxi Usobiaga Interview

Patxi Usobiaga hatte nach einer Schulter-OP gerade wieder Anschluss im Wettkampfzirkus gefunden, als ihn ein Bandscheibenvorfall überrascht hat. Annika Müller hat mit ihm gesprochen.

Nachdem sich Patxi Usobiaga Lakunza gerade von einer Schulteroperation 2009 erholt hatte, stand für ihn auch das Jahr 2010 unter einem schlechten Stern: In Folge eines Autounfalls im Juni konnte Patxi mitten in der Wettkampfsaison plötzlich den Kopf nicht mehr bewegen und bestritt die letzten beiden Worldcup-Wettkämpfe unter starken Schmerzen. Obwohl er im August im südkoreanischen Chuncheon noch auf Platz Eins gelandet war, zog er zuletzt nicht einmal mehr ins Finale ein. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Annika Müller sprach mit ihm über Wettkämpfe, Zweifel und die Abhängigkeit vom Körper, aber auch über große Ziele, Motivation und Freundschaften.

KL_Patxi in Santa Linya17 (jpg)
Annika Müller
Patxi in Santa Linya.

Wie geht es Dir? Hast Du große Schmerzen im Nacken?

Ja, ziemlich. Ich muss derzeit sehr viele Schmerz- und Muskelentspannungsmittel nehmen und außerdem regelmäßig zur Physiotherapie gehen. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht operiert werden muss und dass ich nicht noch einmal wie im Oktober morgens aufwache und mich plötzlich nicht mehr bewegen kann.

Wie hat sich Deine Schulterverletzung vom vergangenen Jahr entwickelt?

Davon merke ich kaum mehr etwas. Nach der Operation im Dezember konnte ich schnell wieder aufbauen. Allerdings musste ich intensiv daran arbeiten, wieder zur alten Form zurückzukehren. Dann kam der Autounfall im Juni und seither macht mein Körper wieder nicht mehr richtig mit. Nach all der Aufbauarbeit ist es besonders ärgerlich, dass ich mich nun schon wieder schonen muss.

KL Patxi Usobiaga nach Schulter-Operation
Archiv Usobiaga
Patxi nach der Schulter-Operation Ende 2009.

Unabhängig von den Schmerzen, den vielen Arztbesuchen und der Frustration, nicht volle Leistung bringen zu können – belastet es Dich auch, festzustellen, dass Du als Spitzensportler vollkommen von Deinem Körper abhängst?

Ja, dies wird einem in solchen Momenten besonders bewusst. Die Abhängigkeit von der körperlichen Leistungsfähigkeit ist für mich aber auch sonst eine ständig gegenwärtige Tatsache. Wirklich frustrierend ist, dass all meine Pläne schon wieder platzen. Ich habe mich –wie schon im letzten Jahr – die ganze Wettkampfsaison über darauf gefreut, den Winter in Katalonien zu verbringen und einige große Projekte anzugehen. Nach der Überwindung der Schulterverletzung war ich unglaublich motiviert, fühlte mich stark und voller Optimismus. Ich hatte so große Lust, endlich wieder richtig loszulegen. All diese positive Energie ist nun verpufft. Ich muss jetzt während meines Felsurlaubs außerdem regelmäßig zurück ins Baskenland um zum Arzt und zur Krankengymnastik zu gehen. Das ist nervig.

Kannst Du vor dem Hintergrund Deines Gesundheitszustandes überhaupt Zukunftspläne schmieden?

Bis vorgestern wusste ich noch nicht, was genau nicht mit mir stimmte. Darum hatte ich noch nicht viel Zeit, mir die Situation richtig klar zu machen. Es fällt mir generell schwer, in die Zukunft zu blicken, da ich sehr in der Gegenwart lebe. Ich plane eher kurz- oder mittelfristig. Im Moment muss ich mich ganz darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Noch baue ich darauf, dass alles gut läuft und ich im nächsten Jahr zu den Wettkämpfen wieder in Form sein werde und danach endlich Felsprojekte in Angriff nehmen kann. Aber da sind viele Zweifel. Bei der Halswirbelgeschichte habe ich überhaupt keinen Einfluss darauf, wie sie sich weiter entwickelt. Eine ausgerenkte Schulter ist sehr viel überschaubarer. Da wusste ich mit Sicherheit, dass es höchsten drei bis vier Monaten dauern würde. Mit gezieltem Aufbautraining habe ich es sogar geschafft, nach zwei Monaten wieder zu klettern. Diesmal habe ich keine Ahnung, wie lange es dauert, bis ich wieder ganz hergestellt bin und ob dies überhaupt je wieder der Fall sein wird.

KL_WC-Puurs_patxi-usobiaga-puurs1 (jpg)
Hubert Canard / www.belclimb.net
Patxi beim Weltcup in Puurs 2009.

Denkst Du in solchen Phasen auch über Alternativen zum Profi-Klettern nach? Ist es für Dich überhaupt vorstellbar, Dich beruflich umzuorientieren und Dich Dingen abseits des Kletterns zu widmen?

Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu tun. Seit acht Jahren sind die Wettkämpfe mein Lebensinhalt und ich hoffe, dass sie es noch ein paar Jahre mehr sein werden, egal ob ein, zwei oder drei. Ich bin mir sicher, dass das Klettern immer eine große Rolle spielen wird. Ich kann und kenne nichts anderes.

Verschieben sich für Dich die Prioritäten – weg vom Wettkampf hin zum Fels?

Langfristig wird das Felsklettern mit Sicherheit wichtiger werden. Insgesamt sind mir aber die Wettkämpfe noch zu wichtig, um mich daraus zurückzuziehen. Schließlich ist dies mein Brotjob und ich bin es meinen Sponsoren schuldig.

Setzen Dich die Sponsoren unter Druck, wenn Du nicht die gewohnte Leistung bringst?

Nein überhaupt nicht. Sie haben volles Vertrauen in mich.

Machst Du Dir selbst Druck?

Ja. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich und muss derzeit sehr mit mir kämpfen, mich auch mit leichten Routen zufrieden zu geben. Da sind zwei Gegenspieler in mir: einerseits der Wunsch, mich beim Klettern zu entspannen und andererseits der Gedanke, dass ich statt zum Beispiel eine 8a viel lieber eine 9a oder 9b versuchen würde. Das fördert wiederum Stress und Unzufriedenheit.

Hast Du Dir trotzdem Ziele für Deinen Aufenthalt in Katalonien gesetzt?

Ich hätte sehr gerne Pachamama (9a+) in Oliana und natürlich First round first minute (Projekt) hier in Margalef versucht. Aber davon kann nun nicht die Rede sein. Nun will ich einfach die Zeit mit meinen Freunden genießen, Fotos machen, reden und vor allem entspannen. Und wenn ich dann noch zwei oder drei leichtere Routen am Tag gehen kann, dann bin ich schon glücklich.

Patxi4 (jpg)
Patxi ist am Fels wie am Plastik zu Hause.

Kannst Du "leichte" Routen ebenso genießen, wie solche, die Dich an die Leistungsgrenze bringen?

Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass nicht mehr drin ist, können leichte Routen auch unheimlich motivierend sein. Gestern bin ich nach mehreren Anläufen eine 8a mit einer interessanten Schlüsselstelle geklettert. Nachdem ich die letzten Monate ziemlich abgebaut habe, war das durchaus eine Herausforderung und hat großen Spaß gemacht. Ich konnte mich über die 8a genauso freuen, wie sonst vielleicht über eine 8c onsight oder eine 9a. Letztlich ist einfach nur wichtig, mich nach wie vor als Kletterer zu fühlen.

KL_Patxi in Santa Linya20 (jpg)
Annika Müller
Santa Linya bietet vor allem in den oberen Schwierigkeitsgraden viel zu tun.

Dies klingt so, als könntest Du mit Enttäuschungen sehr gut umgehen. Wie ging es Dir während der letzten beiden Einzelwettkämpfe des Worldcups, die nicht die erwarteten Ergebnisse brachten?

Ich habe zunächst einfach nicht verstanden, wie das geschehen konnte. Meiner Schulter ging es zunehmend besser, ich konnte das Training steigern und fühlte mich gut in Form. Das bestätigte sich, als ich im August in Südkorea gewann. Zwar habe ich mich die ganze Zeit schon ein wenig komisch gefühlt und konnte nicht mehr das Trainingsniveau des Vorjahres erreichen. Ich war aber trotzdem sehr selbstsicher und ging in dem Bewusstsein guter Gewinnchancen in die letzen beiden Wettkämpfe. Doch dann plötzlich konnte ich meinen Kopf nicht mehr drehen und hatte außerdem starke Nervenzuckungen. In China habe ich mich mehr schlecht als recht durchgeschlagen. In Kranj hatte ich dann bereits völlig das Vertrauen in meinen Körper verloren und ziemlich gelitten. Ich war sehr unzufrieden. Nachdem ich nun weiß, dass all dies auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen ist, kann ich es rückblickend aber gut akzeptieren. Ich habe geleistet, was im Rahmen meiner Möglichkeiten lag und muss mir keine Vorwürfe machen.

Es ist Dir also nicht so wichtig, auf dem Siegertreppchen zu stehen?

Man wünscht sich natürlich immer, zu gewinnen, aber das Wichtigste ist, alles gegeben zu haben. Erfolg ist sehr relativ. Ich versuche mich nur an mir selbst zu messen. Dass ich im letzten Jahr den Worldcup als Zweiter im Vorstieg beendete, obwohl ich mit wahnsinnigen Schulterschmerzen und teilweise einarmig geklettert bin, war für mich durchaus nicht selbstverständlich und hat mich stolz gemacht. Dieses Jahr habe ich ebenfalls bewiesen, dass ich trotz Einschränkungen gute Leistungen erbringen kann. Das zählt für mich mehr, als ein Platz auf dem Podest. Wenn es mir gut gegangen wäre, hätte ich gewinnen können. Aber das war eben nun einmal nicht der Fall. Also ist das Ergebnis absolut in Ordnung.

Weitere Artikel:

KL klettern Medien Geschenktipps
Bücher & Co
KL_Haut_SaB_IMG_2269HAUT_TEASER (jpg)
Szene
KL Rich Simpson in boxing gear
Szene
KL Alexandra Schweikart Via Camillotte Pellisier
Szene

"Man muss erst einmal bescheiden sein"

KL_Patxi in Margalef2 (jpg)
Annika Müller
Patxi Usobiaga vor der grandiosen Kulisse von Margalef.

Das Interview führte Annika Müller

Du kletterst seit Deinem 10. Lebensjahr und warst bereits mit 13 das erste Mal bei einem Worldcup vertreten. Kannst Du nach so vielen Jahren dem Klettern immer noch neue und überraschende Aspekte abgewinnen?

Es gibt beim Klettern ein ganzes Universum zu erkunden. Das Niveau steigt – sowohl bei den Wettkämpfen als auch am Fels. Aber auch die Kletterstile unterliegen ständiger Veränderung. Man kann nicht auf der Stelle stehen bleiben. Meine Art zu klettern mag zwar heute durchaus angemessen sein, wenn ich aber in Zukunft noch mithalten möchte, muss ich meinen Stil anpassen und verbessern. Zum Beispiel arbeite ich daran, immer dynamischer zu klettern und ständig neue Boulderbewegungen zu probieren. Auch am Fels gibt es unendliche Möglichkeiten, den Horizont zu erweitern. Ich habe bis zu diesem Jahr vorwiegend an Kalkstein geklettert. Nun habe ich das Klettern an Granit für mich entdeckt. Das erfordert eine ganz andere Herangehensweise, die ich erst lernen muss. Das macht einfach unglaublich viel Spaß und gibt mir neue Impulse – auch wenn man, was den Schwierigkeitsgrad betrifft, erst einmal bescheiden sein muss.

KL_Patxi in Santa Linya13 (jpg)
Annika Müller
Ungewöhnliche Ruheposition: Patxi (links) nutzt alle Tricks in Santa Linya.

Du entwickelst also aktiv Deinen Stil weiter, indem Du analysierst und Dein Training anpasst?

Klar. Entweder Du entwickelst Dich weiter, oder Du gehst unter – das ist das Motto. Ich weiß zwar, dass meine bewährten Trainingsmethoden zum Erfolg führen. Trotzdem ändere ich sie ständig. Es wäre auch viel zu langweilig, immer dasselbe zu tun. Das Schöne am Klettern ist ja schließlich, dass es einen ständig vor neue Aufgaben stellt und einem die Möglichkeit gibt, immer Neues auszuprobieren.

Deswegen kletterst Du so gerne onsight?

Genau. Allerdings bin ich mit der 8c an meine Grenzen gestoßen. Bei einem höheren Schwierigkeitsgrad ist das nicht mehr möglich. Es hat für mich aber keinen Reiz, eine Route am Fels solange zu wiederholen, bis ich sie irgendwann durchsteige. Wenn ich noch nicht bereit bin, versuche ich lieber etwas anderes.

Du hast also niemals einen Moment der Langeweile oder das Gefühl des Überdrusses bei dem, was Du tust?

Nein. Theoretisch kann alles zum Überdruss führen. Alles verliert seinen Reiz, wenn es zu monoton wird. Das gilt für das Training wie für das Felsklettern. Auch noch so schöne Routen und Sektoren können irgendwann langweilen. Ich suche mir darum immer neue Ziele, neue Kletterstile, neue Landschaften, neue Sektoren. Im Moment stehe ich durch die Verletzungen sowieso vor einer neuen, unbekannten Herausforderung.

KL Patxi La Novena 1
Irati Anda
Patxi Usobiaga in "La Novena Enmieda" (2008).

Bist Du durchgehend motiviert und mit Leidenschaft dabei oder ist es manchmal auch Pflichtgefühl, das Dich antreibt?

Ich habe ziemliche Auf und Abs – sowohl was die Motivation als auch was meine Leistung betrifft. Aber das ist auch gut so. Wenn ich in einer Tiefphase bin, dann bin ich zwar traurig, unmotiviert und meistens auch nicht richtig leistungsfähig. Dennoch habe ich gelernt, dass diese Phasen des Leerlaufs wichtig sind und kann sie sogar genießen. Ich nutze die Tiefs um mich zu sammeln. Natürlich ist es super, gut drauf zu sein und 9as und 9bs zu probieren oder bei einem Wettkampf an der Spitze zu kämpfen. Aber man kann nicht ständig nur unter Adrenalin stehen. Das wäre Dauerstress für Körper und Geist. Außerdem kann man erst wenn man schlecht drauf war, hinterher die Hochstimmung wieder richtig genießen. Es ist wie ein Spiel – ein Spiel mit der eigenen Psyche. Wenn ich bedrückt und antriebslos bin, dann kämpfe ich darum, wieder auf die Beine zu kommen. Wenn ich dann wieder in eine Hochphase eintrete, dann bin ich begeistert, das erreicht zu haben. Stürze ich dann erneut ab, habe ich zumindest die Sicherheit, mich wieder hinaufarbeiten zu können.

Gehören zu diesem Spiel mit der Psyche auch Momente oder Tage, an denen Du völlig abschalten kannst und gar nicht ans Klettern denkst?

Das fällt mir unglaublich schwer, aber ich benötige das Abschalten unbedingt. Ich bin zu ehrgeizig und muss mich dazu zwingen, einfach mit meinen Freunden essen zu gehen oder ein Bier zu trinken. In letzter Zeit versuche ich sogar beim Klettern vom Klettern abzuschalten. Damit meine ich, ohne Leistungsdruck zu klettern. Zurzeit versuche ich auch etwas zu tun, das ich eigentlich überhaupt nicht kann – nämlich Skateboardfahren.

Patxi Usobiaga in Arco 2007
Ralph Stöhr
Ein junger Patxi beim Rockmaster 2007 in Arco.

Was hilft Dir sonst noch beim Abschalten?

Das Fahrradfahren hat mir in den vergangenen Jahren sehr geholfen, den harten Trainingsalltag durchzustehen. Zeitweise wurde das Klettern sogar zu Nebensache. Wenn mir die Motivation fehlte, habe ich meine fünf Stunden Pflichtklettertraining absolviert und mich hinterher mit Fahrradfahren belohnt. Mein ganzer Ehrgeiz hat sich dann darauf gerichtet: Am ersten Tag bin ich vierzig, dann achtzig, dann 120 Kilometer gefahren. Irgendwann komme ich an einen Punkt, an dem das Klettern automatisch seine alte Faszination wieder erlangt. Dann stelle ich das Fahrrad ab und konzentriere mich wieder ganz auf das Training. Als ich jünger war, habe ich solche Motivationshilfsmittel nicht gebraucht. Da wollte ich nichts anderes als rund um die Uhr nur klettern. Seit einigen Jahren hat sich dahingehend sehr viel geändert. Vielleicht liegt das daran, dass ich älter geworden bin und mehr vom Leben verlange oder so.

Durch das Fahrradfahren gelingt es Dir also, dass das Klettern für Dich nie zur beruflichen Pflichterfüllung wird sondern den Charakter einer Leidenschaft beibehält?

Genau das ist es. Es geht immer darum die Motivation hoch zu halten. Außer dem Fahrradfahren hilft es mir auch, am Wochenende rauszufahren, um neue Sektoren zu entdecken. Neue Orte sind immer ein Motivationsfaktor.

KL_Patxi (jpg)
Fuß zur Hand: Rundum-Beweglichkeit gehört zur Grundausstattung von guten Kletterern.

Welches sind die Orte, die Dich am meisten faszinieren?

Vor einigen Jahren war ich für zwei Jahre in Argentinien und fand es unglaublich faszinierend, allerdings nicht nur was das Klettern betrifft, sondern vor allem wegen der Menschen, ihrer Lebensweise, der Landschaft, den Dörfern. Gebiete wie hier in Katalonien Oliana, Siruana, Santa Linya oder Margalef sind wegen ihrer vielen schönen Routen inspirierend. Bei solch perfektem Fels spielt es keine Rolle, wo sie liegen und was darum herum ist. Bei anderen Orten ist es der Gesamteindruck und die Landschaft, die faszinierend sind. Wirklich verliebt habe ich mich z.B. in das Zillertal. Diesen Sommer bin ich mehrmals dorthin gefahren und fand es einfach wahnsinnig schön. Ein ganz anderer Kletterstil, ganz anderer Fels und diese tolle Berglandschaft. Einfach irre!

Du kommst bei Deinen Reisen und bei den internationalen Wettkämpfen mit Kletterern aus verschiedenen Kulturen in Kontakt. Kannst Du Mentalitätsunterschiede feststellen?

In Innsbruck fand ich es zum Beispiel erstaunlich, dass viele Leute nur in die Kletterhalle und eigentlich gar nicht raus gehen. Ich brauche beides. Felsklettern und Hallenklettern befruchten sich schließlich gegenseitig. Aber das sind wohl weniger Dinge, die mit dem kulturellen Hintergrund zu tun haben. Einen Unterschied zwischen beispielsweise amerikanischen, japanischen und europäischen Kletterern kann ich eher nicht feststellen. Wir sitzen alle abends mit unseren Freunden am Tisch und unterhalten uns über Routen und Züge. Letztlich sind wir alle einfach Kletterer.

Weitere Artikel:

KL_Haut_SaB_IMG_2269HAUT_TEASER (jpg)
Szene
KL Rich Simpson in boxing gear
Szene
KL klettern Medien Geschenktipps
Bücher & Co
KL Alexandra Schweikart Via Camillotte Pellisier
Szene

"Wir alle haben viele Defizite"

KL_Patxi in Santa Linya6 (jpg)
Annika Müller
Patxi in Santa Linya.

Das Interview führte Annika Müller

Siehst Du darin ein Problem, dass das Klettern zum Massensport wird und was erwartest Du Dir davon, dass es zur olympischen Sportart wird?

Das hat zwei Seiten. Einerseits wird es für uns professionelle Kletterer leichter werden, davon zu leben. Es würde den Schwierigkeitsgrad und die Entwicklung des Kletterns vorantreiben.
Außerdem finde ich es natürlich gut, dass das Klettern ein breiteres Publikum erreicht und möglichst viele Menschen das, was ich für das Klettern empfinde, teilen können. Aber das das Klettern populärer wird hat eben auch negative Seiten. Als ich damals zu klettern begann, hat uns das Klettern dazu erzogen, die Natur zu achten. Das war ein langer Lernprozess. Heute lernen die Leute das Klettern an Plastik und sehen in der Natur eine ausgelagerte Kletterhalle. Sie sind es aus der Stadt gewohnt, ihren Müll einfach fallen zu lassen und hinterher kommt ein Müllmann und macht alles wieder sauber.

KL Patxi Usobiaga rennt durch PuntX Gorges du Loup
Phil Maurel

... das sieht man ja ganz deutlich hier in Margalef, wo selbst die Zustiege zu den Wänden zur öffentlichen Toilette geworden sind....

(Basiswissen: Draußen sch...)

Für mich ist das unbegreiflich. Aber für viele Menschen ist es offensichtlich normal, ihren Müll und ihre Exkremente überall zu hinterlassen. Doch es ist eine Frage der Zeit, bis die Kletterer merken, dass es von ihrem Verhalten abhängt, ob Wände gesperrt werden oder nicht. Es ist ein kollektiver Lernprozess. Letztlich haben wir alle das Recht, zu klettern, aber auch die Pflicht, die Natur mit Rücksicht zu behandeln. Dann kann es sehr positiv sein, dass viele Leute vom Klettern angezogen werden.

Wird sich der Schwierigkeitsgrad ewig weiter nach oben verschieben oder wird es irgendwann zur Stagnation kommen?

Ich glaube die Skala ist nach oben offen. Die neue Generation schafft mit 13 Jahren das, was wir erst nach 10 Kletterjahren hinbekommen haben. Wenn diese superstarke Jugend von heute mein Alter erreicht hat, dann werden wir uns nur noch wundern können. Außerdem ist das Klettern ein sehr junger Sport, die Trainingsmethoden entwickeln sich erst nach und nach.

Und Du persönlich, was würdest Du gerne noch lernen?

In Bezug auf das Klettern muss ich mir Dinge eher erarbeiten als sie zu lernen. Aber im Leben gibt es noch unglaublich viel zu lernen. Schließlich haben wir als Personen alle viele Defizite.

KL Patxi Usobiaga Rockmaster 08
Ralph Stöhr / klettern.de
Patxi beim Arco Rockmaster 2008.

Wie wichtig sind für Dich Freundschaften zu anderen Kletterern?

Freunde sind unverzichtbar. Aber nicht nur im Klettersport, sondern generell. Wer alleine ist, stirbt. Ich bin sehr froh über meine Freunde, die mir zeigen, dass Klettern nicht alles im Leben ist. Oder vielleicht besser gesagt: Dass der maximale Schwierigkeitsgrad nicht alles ist.

Gibt es Neid und Rivalität unter professionellen Kletterern?

Auf jeden Fall. Aber ich glaube, dass das gar nicht von den Kletterern selbst kommt, sondern mehr von den Menschen um sie herum und von den Medien. Das Schlimme ist, dass wir Kletterer uns manchmal davon mitreißen lassen.

Abgesehen davon, dass Du jetzt erst mal wieder aufbauen musst. Hast Du einige großen Projekte für die nächsten Jahre?

Natürlich erst mal bei den Wettkämpfen wieder vorne mit dabei zu sein. Und dann würde ich schon ganz gerne einmal eine 9b klettern. Ich setzte mir keine bestimmten Routen als Ziel. Das kommt eher spontan. Ich glaube, was das onsight-Klettern anbetrifft, habe ich mit der 8c meine persönliche Grenze erreicht. Aber am Fels bin ich noch sehr ausbaufähig. Außerdem würde ich zum Beispiel gerne in die USA reisen und dort einige Routen klettern.

Reizen Dich andere Disziplinen des Alpinismus wie Big Wall oder Eisklettern?

Eisklettern eher nicht. Dazu bin ich zu südländisch: Ich scheue die Kälte. Aber große Wände würde ich schon gerne mal angehen. Ich stelle es mir großartig vor, ganz weit oben in einer riesigen Wand zu hängen. Aber dafür ist im Moment mein Stundenplan zu gefüllt.

KL Patxi Usobiaga rennt durch PuntX Gorges du Loup
Phil Maurel
Patxi klettert viel am Kalk - wie hier in Südfrankreich.

Was waren für Dich die anspruchsvollsten Routen, die Du je geklettert bist?

Mit Sicherheit meine beiden ersten 9as. Dass waren auf jeden Fall Schlüsselerlebnisse, die mich dazu brachten, wirklich auch mit Hinblick auf den Fels zu trainieren.

Welche Routen möchtest Du unbedingt probieren, wenn Du Dich besser fühlst?

Ganz klar: Golpe de Estado (9b) und First Round First Minute (Projekt). Nächstes Jahr klappt das bestimmt.

Welche Ziele steuerst Du diesen Winter noch an?

Erst mal werde ich noch ein wenig durch Katalonien reisen. Falls es noch kälter werden sollte, geht es allerdings ab Richtung Küste. Ich bekomme einfach zu schnell kalte Hände und Füße.

Deine Heimat, das Baskenland, ist allerdings alles andere als eine warme Gegend. Hast Du je überlegt, irgendwo anders hin zu ziehen?

Mein Plan ist, wenn ich nicht mehr an den Wettkampf teilnehme, im Winter nach Katalonien zu kommen und den Sommer im Baskenland zu verbringen. Ich bin einfach zu heimatverbunden.

KL_Patxi in Santa Linya3 (jpg)
Annika Müller

Du bevorzugst es, in Interviews baskisch zu sprechen und betonst Deine Herkunft. Hat das eine politische Dimension für Dich?

Für mich ist es sehr wichtig, die baskische Sprache lebendig zu halten. Ich bin kein Verfechter der Unabhängigkeit. Aber ich bin eben nun mal einfach Euskaldun (Baske), egal wo ich hingehe. Das Baskenland ist das Baskenland und Spanien ist Spanien. Und das ist alles.

Ist es für Dich manchmal auch unangenehm, so bekannt zu sein?

Es ist schon manchmal ein bisschen seltsam. Gestern wollte ich zum Beispiel nur ein wenig entspannt am Sektor Laboratorio klettern und sofort hat sich eine Menschenansammlung gebildet, die mir zusehen wollte. Es ist aber Teil des Spiels und meines Berufs.

Weitere Artikel:

KL_Haut_SaB_IMG_2269HAUT_TEASER (jpg)
Szene
KL Rich Simpson in boxing gear
Szene
KL klettern Medien Geschenktipps
Bücher & Co
KL Alexandra Schweikart Via Camillotte Pellisier
Szene
Zur Startseite
Szene Szene OD Hauptsache raus Podcast - mit Text und Grafik „Hauptsache raus!“ - Podcast hier anhören News

OUTDOOR-Podcast: Wissenswertes und Kurioses rund ums Wandern, Abenteuer...

Mehr zum Thema Klettern
kl-klettern-in-irland-tradklettern-am-meer-c-david-flanagan-_9698 (jpg)
Welt
KL KLETTERN neu teaser 5-2019
Szene
KL Thomas Dauser das Wunder von Essing 11- Altmühltal
Szene
kl-klettern-ein-grad-schwerer-sarah-klettert-teaser-n-16-12-23-Waldau-Edelrid-Ohm-127 (jpg)
Training