Hazel Findlay Jonny Baker

Hazel Findlay

Ohne Scheitern kein Erfolg

Abenteuer Klettern - die besten Storys

Sie selbst bezeichnet sich als schwach – dafür klettert Hazel Findlay ganz schön stark: 8c mit Bolts, E9 ohne sowie vier Routen am El Cap frei. Die 30-jährige Britin über vernachlässigte Aspekte beim Klettern, Motivation und Meditation.

In diesem Artikel:

Hazel Findlay Interview

Ob harte Risse in Utah, harte Sportrouten in Spanien oder Freiklettern am El Cap: Hazel Findlay erklärt im Interview, wie Scheitern und Erfolg zusammenhängen. von Judith Spancken

Hazel, von deinen 30 Lebensjahren hast du nur sieben nicht geklettert. Kannst du dir ein Leben ohne Klettern überhaupt vorstellen?

Ich hoffe, dass ich das nie erleben muss! Klettern ist definitiv ein großer Teil von mir.

Video: Hazel Findlay klettert Conception (5.13, 70m) in Utah (US)

Gab es eine Zeit, in der du an eine „normale“ Karriere in einem „echten“ Beruf dachtest? Immerhin hast du studiert.

Als ich jünger war, ja. Meine Mutter hat Karriere gemacht, und ich war gut in der Schule. Ich dachte immer, ich sollte zur Uni gehen und mir danach einen richtigen Job suchen. Der Plan war, nach meinem Philosophie-Studium auf Jura zu wechseln. Aber zwischen Schule und Uni bin ich ein Jahr nur gereist umd geklettert. Da wurde mir klar, dass ich nie in einem richtigen Job arbeiten würde. Also habe ich nie Jura studiert. Ich hatte das Glück, dass ich so früh mit dem Klettern angefangen habe. So war es einfacher, Klettern zu meinen Beruf zu machen, da ich schon früh sehr gut war. Aber ich glaube, ich würde auch einen alternativen Lebensstil führen, wenn ich nicht Kletterprofi geworden wäre. Meine Freiheit ist mir zu wichtig. Auf keinen Fall würde ich das ganze Jahr über in einem Büro verbringen.

Du bist 1,58 Meter groß, hast einen neutralen Affenindex und sagst, du seist nicht sehr stark. Dennoch kletterst du 8c, E9 Trad und hast mehrere Routen am El Capitan gepunktet. Was rätst du Frauen, die denken, ihre Größe oder ihr Mangel an Kraft hindere sie daran, schwieriger zu klettern?

Wir ignorieren oft einige der wichtigsten Aspekte, die unsere Leistung beeinflussen: ein starker Kopf, effiziente Bewegung und Flexibilität. Manche Kletterer brüsten sich, dass sie fünf einarmige Klimmzüge am Mittelfinger machen können. Und ich sage zu ihnen: „Aber wenn du kletterst, ist deine Hüfte einen Meter von der Wand weg, weil du dich nie dehnst. Natürlich müssen dann deine Finger zehnmal stärker sein. Wie viel härter könntest du klettern, wenn du deine Hüfte näher an die Wand bringen könntest?“ Es sind viele Puzzleteile, die einen guten Kletterer ausmachen, und wir konzentrieren uns oft auf diejenigen, die uns leichter fallen, anstatt auf solche, die vielleicht wichtiger sind.

Hazel Findlay
Jonny Baker
Gar nicht soo klein: Hazel reicht immerhin bis zur Hälfte des El Cap
Die Liste deiner gekletterten Routen ist beeindruckend. Es scheint, als würdest du vieles, was du dir vornimmst, auch realisieren.

Ich denke, für jemand, der so viel klettert, habe ich relativ wenig Erfolg. Ich klettere eher selten Sachen, die wirklich an meinem Limit sind. Auch fällt es mir schwer, mir spezifische Ziele zu setzen. Oft ist es ein bestimmter Ort, der mich motiviert, oder die Person, mit der ich unterwegs bin. Manchmal führt das dazu, dass ich etwas klettere, worauf ich wirklich stolz bin, oft aber auch nicht.

In welches Projekt hast du bislang am meisten Zeit investiert?

Bislang hatte ich nur ein wirkliches Projekt, für das ich auch spezifisch trainiert habe: Mind Control (8c) in Oliana. Ich hatte die Route schon vor meiner Schulteroperation probiert, und sie gefiel mir unglaublich gut. Aber mir wurde klar, dass ich, um auf dieses Niveau zu gelangen, hart trainieren und mich vor allem gut um meine Schulter kümmern muss. Das hat mir für einige Zeit eine klare Richtung vorgegeben. Nach meiner Operation war ich dann für einige Monate in Spanien und habe die Route immer wieder probiert. Außerdem habe ich spezifisch dafür trainiert. Das Tolle an diesem Prozess war, dass ich – als ich nach der Operation in Spanien ankam – gerade wieder 7a+ klettern konnte und immer noch mit meiner Schulter zu kämpfen hatte. Am Ende des Prozesses kletterte ich 8c mit einer völlig gesunden Schulter. (Zum Video zur Story)

Hat dich diese Erfahrung nicht motiviert, öfters Routen richtig zu projektieren?

Es ist lustig. Ich coache Menschen und unterrichte sie unter anderem darin, sich Ziele zu setzen. Also sage ich mir das auch selbst. Ein Beispiel: 2017 hatte ich das Ziel, Freerider am El Cap in unter 24 Stunden frei zu klettern. Dafür habe ich trainiert. Dann kam ich im Yosemite an und verspürte überhaupt keine Motivation mehr für Freerider. Stattdessen hatte ich plötzlich Lust, die Salathé zu probieren. Im letzten Moment habe ich mein Ziel geändert und bin die Salathé frei geklettert. Eine der coolsten Routen, die ich je gemacht habe und auf die ich stolz bin. Aber es war gar nicht mein Plan!

Hazel Findlay
Jonny Baker
Hazels Mantra: Sich wirklich, wirklich anstrengen und das Scheitern in Kauf nehmen
Brauchst du Erfolg, um dich kontinuierlich motivieren zu können?

Am Anfang meiner Profikarriere hatte ich – wenn ich längere Zeit nichts Schweres geklettert bin – ein negatives Gefühl, und es machte mich auch ein wenig ängstlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich bestimmte Dinge tun muss, um weiterhin fürs Klettern bezahlt zu werden. Generell hing mein Selbstwertgefühl damals mehr von meiner Leistung ab, und die Bewertung von außen war mir sehr wichtig. Im Laufe der Zeit bin ich dann zu der Erkenntnis gekommen, dass dies ein schlechter Ansatz ist, da er im Endeffekt Erfolg über das Lernen stellt. Heute bin ich der Meinung, dass es besser ist, das eigene Klettern als einen Lernprozess zu sehen, der nie linear verläuft. Es geht immer auf und ab. Heute brauche ich keinen Erfolg mehr, um motiviert zu bleiben. Das Klettern selbst motiviert mich. Ich liebe es, mich richtig auszupowern und alles zu geben. Und ich liebe das Gefühl, wenn mein Kopf tausend Sachen auf einmal verarbeiten muss, während ich bei einem Onsight-Versuch alles gebe. Dann bin ich am Ende des Tages glücklich – ob ich die Route nun durchgestiegen habe oder nicht.

Dein Job erlaubt dir, in den schönsten Gebieten der Welt zu klettern. Ist das britische Tradklettern überhaupt noch von Interesse für dich?

Schon! Allerdings ist es eine gewisse Hassliebe. Klettern in Großbritannien hat einige Aspekte, die man nirgendwo sonst findet – der Stil ist einzigartig, die Geschichte reich. Es gibt aber auch viel, was ich nicht mag. Die Gesteinsqualität könnte besser sein, die Felsen größer und beeindruckender. Und die strenge Ethik macht mich manchmal verrückt! Du steigst eine Route durch, kommst oben an und musst einen Standplatz an einem Bäumchen oder einem Felsbrocken bauen, um deinen Partner hochzubringen. Danach verbringst du 20 Minuten damit, zu Fuß abzusteigen. Es ist nett, dass es keine Bohrhaken gibt, diese Romantik ist irgendwie schon schön. Aber das Klettern ist wirklich ineffizient!

Seit ein paar Jahren arbeitest du auch als Klettertrainerin, wobei du dich vorrangig auf die mentalen Aspekte konzentrierst. Was hat dich dazu bewogen, ein Mentalcoach für Kletterer zu werden?

Ich war schon immer an der Psychologie des Kletterns interessiert. Dann habe ich das Buch „Rock Warrior“ von Arno Ilgner gelesen. „Wow!“, dachte ich, „der Typ hat sich echt viele Gedanken gemacht!“ Da wurde mir klar, dass dies Inhalte sind, über die man sich nicht nur Gedanken machen, sondern die man auch unterrichten kann. Außerdem habe ich beo­bachtet, dass viele Leute Angst haben, wenn sie klettern. So viele Leute schreien „Mach zu!“, bevor sie an ihr Limit kommen und ihr volles Potenzial ausschöpfen.

KL Ein bisschen Angst
Training
In einem deiner Blog-Artikel schreibst du über die Wichtigkeit des Scheiterns. Wirst du bei deiner Trainer-Tätigkeit viel mit Versagensängsten konfrontiert?

Ja, die Angst vor dem Scheitern ist enorm! Viele Probleme gehen auf die Angst vor dem Scheitern zurück. Und diese Angst zu scheitern wiederum lässt sich sehr oft auf die Angst vor dem, was andere Leute denken könnten, reduzieren. Da kann einem ganz mulmig werden, wenn man sieht, welch große Rolle das spielt. Es ist aber nicht so, dass ich die Leute ermutige, die ganze Zeit zu scheitern und nie Erfolg zu haben (lacht). Es geht mir eher darum, die Vorstellung davon zu ändern, was Scheitern eigentlich ist. Ich versuche, die Menschen dazu zu bringen, ein positives Konzept des Scheiterns anzunehmen.

Kannst du dafür Beispiele nennen?

Für die meisten Leute ist es ein Scheitern, eine Route nicht durchzusteigen. Das ist aber viel zu schwarz-weiß gesehen. Wenn du das Fallen als ein Versagen betrachtest, dann schätzt du nicht, was du schon geschafft hast bis zu diesen Punkt. Wenn du dagegen eine positivere Einstellung zum Scheitern hast, dann brauchst du nicht immer ein Erreichen des Endziels, um einen Erfolg zu verbuchen. Außerdem schätzt du so den Prozess des Lernens, ohne permanent auf Gewinne angewiesen zu sein. Viele meiner Kunden sagen mir, dass sie nie stürzen, dass sie jede Route, in die sie einsteigen, durchklettern. Und es fällt ihnen schwer zu erkennen, dass dies das eigentliche Scheitern ist. Sie schaffen es nicht, sich zu fordern, sich so richtig anzustrengen. In meinem Coaching geht es viel darum, einen kognitiven Schalter umzulegen: dass es ein Erfolg sein kann, nach einem Tag am Fels Routen nicht durchgestiegen zu haben. Den Fels zu verlassen, ohne ein einziges Mal gefallen zu sein, das ist das eigentliche Versagen!

Warum ist unsere Kletterkultur so stark von dieser Einstellung geprägt? In der Musik oder beim Tanz wird viel Wert auf das Üben und Wiederholen gelegt. Beim Klettern wird dagegen alle Energie auf das Endziel – den Durchstieg – gesetzt.

Klettern ist ein sehr ziel­orientierter Sport, denn es gibt nichts Klareres als oben „auf dem Gipfel“ anzukommen. Wobei Wettkampfkletterer im Training ja durchaus Routen oder Boulder kreieren, um ihre Schwachstellen an die Oberfläche zu bringen und zu bearbeiten. Genauso richtig ambitionierte Kletterer – sie suchen das Scheitern, um sich zu verbessern. Hobby-Draußenkletterer dagegen scheinen oft die Einstellung zu haben, es gehe einzig und allein darum, den Gipfel zu erreichen. Alles andere ist für sie ein Misserfolg.

Du beschäftigst dich schon länger mit dem Flow Prinzip und integrierst es auch in deine Coachings. Wie bist du darauf aufmerksam geworden?

„To be in the zone“, war wohl das erste, was ich in dieser Richtung gehört habe. Man hört Leute darüber reden und weiß intuitiv, was sie meinen. Als ich dann anfing, für mein Mental Coaching zu forschen, bin ich auf das Flow-Prinzip gestoßen. Ich las Mihaly Csikszentmihalyis Buch „Flow“, was mein Interesse verstärkte. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt: dieses Aufgehen in dem, was man tut, wenn man das Gefühl hat, bei einer herausfordernden Sache alles richtig zu machen. Der Flow-Zustand ist ein psychischer Zustand, der zu einer optimalen Leistung führt. Und alle Verhaltensweisen, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in einen Flow-Zustand zu kommen, sind nur gute psychologische Praktiken. Zum Beispiel zu lernen, weniger leicht abgelenkt zu sein oder wie man seinen optimalen Erregunszustand für Leistung beeinflussen kann. Es handelt sich um nichts Mystisches, sondern nur um Psychologie!

Du meditierst auch regelmäßig. Wie bist du dazu gekommen?

2015 war ein interessantes Jahr für mich. Meine Schulter wurde operiert, und ich begann, mich mit Psychologie zu beschäftigen. Außerdem machte ich mein erstes Meditations-Retreat . Das Vipassana Retreat hatte einen riesigen Einfluss auf mich. Ich denke, ich habe in der Meditation das einzige hilfreiche Mittel für die Probleme gefunden, mit denen wir als Menschen konfrontiert sind. Mehr von uns sollten es tun, und diejenigen, die es schon machen, sollten es öfter tun!

Schaffst du es, das Meditieren in deinen Alltag zu integrieren?

Ich denke, es ist sehr wichtig, täglich zu üben, aber das fällt mir noch schwer. Unsere westliche Denkweise macht es uns nicht einfach, da wir immer alles intellektualisieren. Was wir als Wissen betrachten, ist der Umgang mit Konzepten und Fakten. Von der östlichen Philosophie können wir lernen, dass Wissen erfahrbar sein kann. Aber es braucht das Praktizieren. Das Gehirn ist wie ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss. Man kann intellektuell verstehen, wie das Fahrradfahren funk­tioniert, aber man muss es üben, um es zu können. Mit der Meditation ist es genauso. Du kannst alle Bücher über Buddhismus gelesen haben und wirklich verstehen, warum es funktioniert. Wenn du dich aber nicht hinsetzt und den Muskel im Gehirn trainierst, wirst du die Vorteile nicht spüren.

Hazel Findlay
Jonny Baker
Hazel Findlay klettert vom Boulder bis zum Big Wall, Hauptsache die Linie gefällt ihr
In deiner Kletterkarriere hattest du immer wieder Verletzungen. Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Die meiste Zeit hatte ich irgendeine Verletzung. Und es ist leicht zu sagen: „Das ist unfair, dass ich so oft verletzt bin!“ Aber das denke ich selten. Denn ich habe aus jeder Auszeit viel gelernt und bin mittlerweile in der Lage, besser damit umzugehen – auch weil Kletterleistung nicht alles für mich bedeutet. Ich wende mich in den Auszeiten etwas anderem zu. Allerdings merke ich schon, dass meine psychische Gesundheit davon abhängt, wie viele Flow-Erlebnisse ich habe. Je mehr ich diese Erfahrungen habe, desto glücklicher bin ich. Es ist ein bisschen traurig, dass Glück für mich so stark vom Klettern abhängt, doch beim Klettern erlebe ich diese Flow-Zustände am häufigsten. Aber auch, wenn man nicht das hat, was einen glücklich macht, gibt es immer etwas zu lernen – zum Beispiel Glück unabhängig von Flow-Erlebnissen zu empfinden. Das ist sehr wertvoll, aber auch sehr schwer …

Danke Hazel!

Info: Hazel Findlay

Die jungen Jahre

Geboren am 3. Mai 1989 in Bristol geht Hazel als Siebenjährige erstmals mit ihrem Vater klettern. Später gewinnt sie sechs britische Meistertitel bei den Juniorinnen, bevor sie mit 16 ihre Wettkampfkarriere zugunsten des Felskletterns aufgibt.

Größte Klettererfolge

Mit ihrer Begehung von Once Upon a Time in the South West (E9 6c) war Hazel 2011 die erste Britin, die eine E9-Tradroute kletterte, 2014 punktete sie als erste Frau des Königreichs mit Fish eye eine 8c. Am El Capitan gelangen ihr vier Routen frei: 2011 Golden Gate (7c+/8a, 41 SL), 2012 The PreMuir (8b, 30 SL) – beide als erste Frau, 2013 Freerider (7c/7c+, 38 SL) und 2017 die Salathé (8a/8a+, 35 SL). Im selben Jahr eröffnete sie in Squamish die Tradroute Tainted Love (8b).

Sonstige Hobbys

Einen enormen Stellenwert nehmen Meditation und Yoga ein. Zudem geht Hazel gern Gleitschirmfliegen und Joggen.

Hazel Findlay klettert Free Solo in Wales (Video)

Man kann darüber streiten, ob das Zeigen von Free Solo Begehungen korrekt ist. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass Kletterer die Verantwortung für das eigene Tun tragen. Selbst wenn das nicht so wäre, könnten wir uns vermutlich nicht verkneifen, dieses beeindruckende Video mit der beeindruckenden Hazel Findlay in Nordwales zu zeigen.

Älteres Video: Von der Schulter-OP zur 8c-Begehung

KL Hazel Findlay from shoulder surgery to 8c send
BMC TV
Hazel Findlay gehört zu den herausragenden Kletterern Großbritanniens.

Hazel Findlay ist britische Spitzenkletterin. In diesem Video erzählt sie die Geschichte ihrer kaputten Schulter, der Operation und ihrem langen Weg zurück ins Business des hart Kletterns.

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