KL Lady Pontresina © Paul-Georg Meister / Pixelio

Das erste Mal klettern

Einmal kann reichen - oder: "Jamais!"

Manche Geschichten wiederholen sich - wie im Alltag, so auch im Kletterleben. Ralph Stöhr über das erste Mal klettern und Geschlechterrollen im Klettersport.

Klettern spiegelt bekanntlich die gesellschaftichen Realitäten wider – und damit auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander. So wie man im richtigen Leben miteinander umgeht, so wird es auch am Fels sein. Obwohl es manchmal besser nicht so wäre. Denn vielen Männern wohnt der Drang inne, am Fels eine dominante Rolle zu spielen. Mir natürlich nicht, aber ihr wisst ja, die anderen … Manchmal drängen sich Männer auch ungefragt auf. Und nicht immer führt das alles zu Harmonie und Wohlgefallen. Ich nenne zur Verdeutlichung einfach ein paar Beispiele.

Hilfreiche Heinis und geborene Lehrer

Da gibt es im Englischen den Fachbegriff der „helpful Harrys“, zu deutsch etwa „hilfreiche Heinis“. Das ist jene Spezies Mann, die die Jugendjahre meist schon eine Weile hinter sich hat, aber aus dieser Zeit noch einen gewissen Hormonüberschuss abarbeiten muss. Helpful Harrys heißen so, weil sie den Kletterdamen gerne unter die Arme greifen. Nein, ich muss es genauer fassen: den Boulderladies beim Spotten eine sehr aktive Unterstützung zukommen lassen. Möglichst an der Hüfte schieben, eventuell auch am Po, falls die Dame schon etwas weiter oben ist. Alles eine Frage der Sicherheit. Mal ganz davon abgesehen, ob so ein Boulder noch zählt, wenn einer schiebt, und ohne allzu prüde sein zu wollen: Ich glaube, in anderen Bereichen nennt man das Grapschen.

Dann gibt es die geborenen Lehrer. Die stets wissen, wie es richtig geht, und das auch gerne mitteilen: „Du musst links hoch antreten und dann durchdrücken. Links, ich sagte liiinks. Wo ist denn links, bitte? Ja genau, dort ist links. Wie, das geht nicht? Du hast es ja noch gar nicht versucht. Steh doch mal links drauf. Und jetzt zieh. Wie, du willst wieder runter? Wenn du es so machst, wie ich sage, ist die Stelle echt nicht schwer. Was heißt denn hier keine Kraft? Das ist doch keine Kraftfrage, da geht‘s um Klettertechnik. Und wollen muss man natürlich schon auch. Wie, das macht dir keinen Spaß? Na gut, dann kannst du ja mich vielleicht noch mal sichern.“ Ja, das Leben als Schülerin ist alles andere als leicht. Obwohl einem ja alles haarklein erklärt wird. Ich bin mir jedenfalls nicht ganz sicher, ob diese Form des Umgangs zu einem gedeihlichen und dauerhaften Zusammenleben am Fels führen wird. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

Die beiden gingen noch nicht lange miteinander

Und dann gibt es Typen, denen diese ganze Weicheierei, die ich hier vertrete, vollkommen scheißegal ist. Es war ein sonniger Tag in Fontvielle in den südfranzösischen Alpillen. Auf dem Weg zum Fels zwitscherten die Vögel, die Blätter raschelten in einem milden Frühlingswind, der Fels leuchtete einladend. Wir bogen ums Eck und sahen sie vor uns. Er ziemlich kurz, aber durchtrainiert und cool. Sie ziemlich blond und vermutlich zum ersten Mal beim Klettern. Sonst hätte sie den bunten Armreif, der irgendwann aus halber Höhe herabfiel, vielleicht vor dem Losklettern entfernt. Beide befanden sich in einer klassischen 6a, sie im Toprope und noch weit unter der Crux, er am Boden, lässig sichernd und die Sonne genießend.

Wir wählten eine Route in der Nachbarschaft und begannen, unsere Ausrüstung am Einstieg auszubreiten. Der kleine Franzose rief hin und wieder ein paar ermunternde Anweisungen nach oben, während die Blonde zwar immer wieder im Seil hängend, aber doch tapfer kämpfend an Höhe gewann. Der Fall schien klar: Die beiden gingen noch nicht lange miteinander, und nun hatte er sie endlich breitgeschlagen, auch mal mit zum Klettern zu gehen und sich anzuschauen, was er so drauf hat. Er stellte seinen Body zur Schau, während sie sich bemühte, ihn nicht zu enttäuschen und wenigstens ein bisschen Interesse am Klettern zu heucheln. Dann gleich eine 6a zu wählen, zeugte von gewaltigem Zutrauen seinerseits.

Monte ton pied!

Diese von Beginn an fragile Konstellation geriet nun mit jedem Meter, den die Blonde weiter kam, mehr und mehr aus dem Gleichgewicht. Erstens wurde sie langsam müde und die Hängepausen immer länger. Der kleine Franzose zeigte indes deutliche Anzeichen von Ungeduld, seine Anweisungen nach oben wurden immer dringlicher. Schließlich erreichte die Herzensdame, die sich für ihn längst als lästig langsamer Klotz am Seil erwiesen hatte, die Crux der Route. Diese kleingriffig-senkrechte Passage überforderte ihre nicht vorhandenen Kletterkenntnisse verständlicherweise um Welten, was ihr sichernder Freund allerdings nicht wahrnehmen konnte oder wollte.

„Monte ton pied“, rief er als klare Anweisung nach oben, setz deinen Fuß hoch. Das Mädel hob das Bein, doch der Körper wollte nicht folgen. Sie rief irgendwas herunter. „Monte ton pied“, schallte es laut und deutlich zurück. Wieder nichts. Unten begann der französische Winzling rot anzulaufen. „Monte ton pied“, schrie er wieder, und man konnte das „verdammt“ heraushören, ohne dass er es sagte. So ging das wohl zehn Minuten, dann wollte sie schließlich wieder herunter. Er beschied ihr, das ginge nicht, weil oben ja noch die Expressen hingen. Sie schrie, er solle sie endlich ablassen. Er weigerte sich. Sie solle einfach den verdammten Fuß da hochsetzen. Oben begannen die Tränen zu fließen. Wir bereiteten uns darauf vor, das Muskelpaket niederzurringen und die Frau zu retten. Da endlich war es soweit: Der sture Gnom gab unter Fluchen nach und ließ die Blonde ab. „Jamais“, rief er zornig, als sie den Boden berührte, „jamais!“ Nie wieder also. Ich vermute mal, dass die Blonde das in diesem Moment ganz genauso sah.

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