Chiara Hanke Hans Radetzki White Van Media

Chiara Hanke Interview

Chiara Hanke

Chiara Hanke (ehemals Clostermann) hat mit Sever the wicked Hand im Frankenjura als erste Deutsche eine Route im glatten elften Grad klettern können. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

Chiara, wie fühlt sich das jetzt an, als erste deutsche Frau glatt elf geklettert zu haben?

Das Klettern generell ist für mich fast wie eine Liebesbeziehung mit Höhen und Tiefen. Das war jetzt schon ein Hoch (grinst). Aber ob ich die erste bin in Deutschland, das ist für mich eher sekundär. Ich musste diesmal nicht so viel investieren, ich konnte die Route erstaunlich schnell klettern. Mit Wallstreet (11-) zum Beispiel war das anders, das war für mich viel größeres Kopfkino, weil ich da so lang probieren musste. Da bin ich rund fünf Wochen lang hingegangen und das war eigentlich ein viel größeres Ding für mich.

Und naja, erste deutsche Frau... (zögert). Das ist für mich nicht so wichtig. Ich wollte vor allem die Tour klettern. Ich geh halt auch wahnsinnig viel mit Jungs klettern. Und die klettern alle 9a! Deshalb finde ich das jetzt gar nicht so besonders, ich habe mich einfach voll über die Tour gefreut. Ich will mich mit solchen Gedanken auch nicht unter Druck setzen sondern einfach nur Klettern.

Chiara Hanke
Hans Radetzki White Van Media
Chiara Hanke ist die erste deutsche Frau, die einen glatten Elfer geklettert hat.

Immerhin warst du diesmal, auch wegen der Temperaturen, schon morgens um sieben am Fels. Wieso musste deine Schwiegermutter dich sichern?

Ja, da es warm war, wollte ich gern früh am Fels sein. Chris war voll fertig vom Arbeiten und noch dazu verletzt ... und dann habe ich beim Abendessen die Schwiegereltern gefragt, die auch klettern und daher gut sichern können. Das war voll cool, dass wir dann so früh an den Fels konnten.

Wie bist du zum Klettern gekommen?

Als Kind bin ich Wakeboard gefahren, hatte mir aber mit 13 die Schulter gebrochen und musste operiert werden. Als dann bei mir in der Nähe eine Kletterhalle aufgemacht hat, habe ich das mal ausprobiert... und dann hat mich das Klettern so begeistert, dass ich dann zum Wakeboarden keine Zeit mehr hatte (lacht).

Wie verlief die Kletterkarriere weiter?

Dann habe ich recht schnell auch Wettkämpfe geklettert und bin in die Jugendnationalmannschaft gekommen. 2017 hatte ich dann eine Knie-Verletzung und konnte ein paar Monate nicht klettern. Danach – für mein Masterstudium bin ich dann von München nach Bayreuth gegangen – habe ich das Klettern am Fels sehr genossen, konnte dann mit Klondyke Cat meine erste 8c klettern und habe mich dann gegen Wettkämpfe und für den Fels entschieden. Das Felsklettern hat mich dann auch beim Training viel mehr motiviert. Im nächsten Trainingswinter bin ich dann auch deutlich stärker geworden.

Chiara Hanke klettert im Frankenjura
Hans Radetzki
Chiara in der ikonischen Wallstreet (11-) am Krottenseer Turm.

Wie war das mit der Motivation?

Das Felsklettern hat mich so motiviert, weil es nicht wie beim Wettkampf von äußeren Faktoren abhängt sondern weil es eigentlich nur an mir hängt: Ich will da hoch, ich bin dafür verantwortlich. Das hat mich Vollgas motiviert! Das Training im Cafe Kraft mit Alex (Megos) und der coolen Crew dort hat auch geholfen.

Hast du dann anders trainiert?

Prinzipiell habe ich nicht viel umgestellt im Training, die grundlegende Periodisierung habe ich beibehalten. Allerdings habe ich mehr Wert auf Maximalkrafttraining gelegt und mehr an der Definierwand gemacht und mit Holzgriffen gearbeitet. Die Regeln von Alex Megos waren hart, aber wirksam: Es wird nicht gehookt, es wird kein Griff gedoppelt – das bringt dann auf Dauer schon was.

Verlernt man das Hooken dann?

Nee quatsch (lacht). Im Franken muss man ja eh nicht so viel hooken, aber für mein Knie war es mal ganz gut in der Richtung weniger zu machen. Jetzt kann ich gut wieder hooken. In unserem Haus in Betzenstein haben wir jetzt in der Scheune eine Trainingswand gebaut mit 45 Grad, 55 Grad und 30 Grad Neigung. Jetzt arbeite ich manchmal auch wieder mit Hooks und daran, größere Volumen zu halten, aber der Fokus ist ganz klar auf kleinen Tritten und spannungslastigen Zügen.

Schraubst du dir dann schon mal Schlüsselstellen nach?

Eher nicht. Ich versuche schon, dann vermehrt ähnliche Züge zu machen. Ich glaube aber nicht, dass das genaue Nachbilden viel bringt. Da achte ich eher auf ausreichend Variation. Mein Mann Chris und ich bauen uns zusammen dann Challenges, und dann schauen wir...

Wer zieht dann wen ab?

Also bei allem, was einarmig entschieden wird, da zockt er mich noch ab, aber wenn es um beidarmige Probleme geht, können wir schon gut zusammen trainieren (grinst).

Wie trainiert ihr zusammen?

Chris ist schon viel systematischer unterwegs und ich eher intuitiv, aber zusammen haben wir jetzt eine gute Mischung gefunden, glaube ich. Meine Trainingsplanung mache ich selbst, aber es hilft mir sehr, wenn Chris nochmal draufschaut. Ich habe das Gefühl, das zusammen zu gestalten bringt uns beide weiter. Manchmal wenn ich platt von der Uni komme übernimmt er die Trainingsarbeit auch komplett, definiert Boulder für mich und sagt mir einen Kraftzirkel an. Ihm ist es auch zu verdanken, dass ich überhaupt in schwerere Routen einsteige, denn ich würde dann sonst eher ewig im gleichen Grad bleiben, weil ich denke, dass manche Grade ja viel zu schwer sind (lacht). Aber oft steige ich auch einfach in die Linien ein, die mir gefallen, ohne zu wissen, was es ist – und neulich ist dann eben ein 10- Onsight dabei rumgekommen.

Chiara Hanke klettert im Frankenjura
Hans Radetzki
Starke Finger, starker Wille: Dank Zielstrebigkeit und Trainingsdisziplin hat Chiara ein herausragendes Kletterlevel erreicht.

Wie war das mit der 9a, hattest du das geplant?

Nee gar nicht! Vor zwei Jahren war schon 8c das absolut unvorstellbar schwerste, woran ich zu denken gewagt habe. Aber ich versuche halt einfach so viel und so schwer zu klettern wie möglich. Da denke ich auch gar nicht an morgen sondern probiere mir einfach Herausforderungen zu suchen, auf die ich Lust habe – auch eher Grad-unabhängig – und versuche das halt zu klettern.

Was hat dich an der Sever... gereizt?

Das war lustig, ich bin eigentlich wegen Freunden an den Fels gegangen. Ich hatte da schon recht viel geklettert... aber nicht klettern kam natürlich auch nicht in Frage, und als ich dann dort war habe ich gedacht: Gut, reinschauen kann man ja mal. Die körperkräftige Boulderstelle hat mir voll getaugt und ich habe direkt alle Züge hinbekommen, und dann hatte ich eben Bock drauf. Sever the wicked Hand ist auch nicht so fingerkräftig, sondern eher körperkräftig: Untergriff anlaufen, durchkurbeln, Schulterzug, mal etwas anders als die fingerlastigen Sachen, die ich vorher geklettert hatte. Eine prima Abwechslung, und sie hat mir einfach auch gut gefallen.

Wie oft musstest du hin?

Ich glaube ich war so sieben mal dort. Es ging verhältnismäßig schnell. Freunde von mir waren auch viel dort und die gute Stimmung hat sicher geholfen.

Was steht als nächstes an?

Ich will gern mal ein paar Klassiker klettern, Master Blaster, Killer.. solche Güllich-Touren find ich grad voll motivierend.

Chiara Hanke klettert im Frankenjura
Hans Radetzki
Chiara Hanke, Wahlfränkin, im heimischen fränkischen Fels.

Wie wird man so stark?

Das richtige Umfeld hilft natürlich. Und: Klettern ist zwar kraft-intensiv, aber es ist kein Kraftsport; Klettern lebt vom Klettern. Du musst dich gut bewegen. Ich klettere einfach sehr viel, davon habe ich vermutlich profitiert. Ich gehe an den Fels und klettere so viel ich kann. Ich komme nicht mit weniger als 7 bis 8 Touren nach Hause. Ich klettere auch mal einen Tag lang nur Neuner, ich muss nicht immer superschwer klettern. Man lernt immer was, und Variation bringt viel. Onsight-Klettern macht brutal stark, bringt was für den Kletterfluss und macht halt total Spaß!

Wie oft kommst du unter der Woche an den Fels?

Ich versuche die Uni ums Klettern herum zu gestalten, und natürlich je nach Wetter. So drei bis vier Mal komme ich aber schon raus.

Dein Lieblingsessen?

Thunfischsalat im Sommer, Porridge und Griesbrei immer und Pistazien mag ich sehr!

Was ist typisch Chiara?

Mein Zeitplan ist immer überfüllt, ich mache immer zehn Sachen gleichzeitig! Prinzip Chaos (lacht)! Ich mag Zahlen, verarbeite Einkaufsquittungen und Tankrechnungen zu Statistiken, verwalte das Urlaubsgeld, ich bin schon immer fasziniert von Zahlen und studiere auch Steuern und Finanzen.

Deine Lieblingsmusik?

Beim Training Hiphop, sonst eher Rock.

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Ich habe ein Anliegen, welches ich gerne loswerden möchte. Klettern ist für mich eine Art und Weise sich Herausforderungen zu stellen. Das glaube ich, ist eine Quintessenz der Sportkletterei am eigenen Leistungslimit. Sportklettern, ich glaube das Klettern allumfassend, lebt von seinem hohen und moralischen Anspruch. Leider ist mir in der Vergangenheit an vielen Felsen, aus aktuellem Anlass, eben auch am hängenden Stein aufgefallen, dass ein Ausweichen aus der eigentlichen Kletterlinie (ich nenne hier z.b die Route "Battle Cat") bis hin zur meterweit entfernten Rissverschneidung oder das Umklettern von Schlüsselsequenzen teilweise üblich geworden ist. Natürlich hat man beim Klettern die Freiheit so zu klettern wie man möchte und auch die Besteigungsform so zu wählen, wie sie einem am besten gefällt. Stellt man seine "Durchstiege" aber öffentlich zur Schau (social media etc.) und gibt dazu Bewertungen zu Schwierigkeitsgraden ab, sollte das ganze fair behandelt werden. Sonst geht irgendwann die Vergleichbarkeit verloren und man betrügt sich letztendlich selbst. Man wird beim Klettern immer wieder die Möglichkeit finden, aus Linien auszukneifen oder Schlüsselpassagen zu umklettern. Man könnte auch an der Rückseite aufsteigen und die Umlenkung einhängen. Ich glaube jeder merkt in diesem Moment, dass er nicht im Sinne des Erfinders bzw. Erstbegehers handelt und hat sich ja wahrscheinlich diese Linie speziell aufgrund ihrer Ästhetik oder ihrem Charakter ausgesucht und sich selbst die Aufgabe gestellt, genau dort jetzt seinen Aufstieg zu wagen. Mein Appell daher: Bleibt fair und ehrlich, der Kuchen oder das Bier schmecken letztendlich am besten, wenn man weiß man hat es sich ehrlich verdient. Vielen Dank für diese absolut geilen Linien "Battle Cat" und "Sever the wicked hand" am hängenden Stein! @bock.markus ������ Danke nochmal für das Video @white_van_media

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Anfang 2019 bist du mit deinem Mann Christoph nach Betzenstein gezogen, in ein altes Haus mit großer Scheune. Machen frische Landluft, Haus renovieren und Boulderwand bauen extra stark?

Wir haben uns Ende Dezember 2018 für den Kauf entschieden und sind dann relativ schnell dort eingezogen. Das Haus zu renovieren, macht eher platt, aber die ausgebaute Scheune als kleine Trainingshalle letztendlich stark.

Wie kam es zu der Entscheidung? Habt ihr alles richtig gemacht?

Wir waren uns beide sehr früh einig, dass ein hektisches Stadtleben nichts für uns ist. Von Wald umgeben zu sein, die Nähe zu den Felsen, und ein bisschen Entschleunigung, das war uns beiden schon sehr wichtig. Es ist ein bestimmter Lebensentwurf, den man zusammen realisiert und sich gemeinsam traut zu gehen. Bis jetzt fühlt sich das sehr richtig an!

Was wünschst du dir für deine „Lebenskarriere“?

Ich fühle mich momentan sehr wohl dabei, einfach nur für mich am Fels zu klettern. Und je mehr ich die Veränderung des Routenbaus im Wettkampf – auch durch Olympia – beobachte, umso mehr entfernt sich das Wettkampfklettern und der Gedanke daran. Mann mit Haus und Hof habe ich inzwischen schon, und dass man mit Kindern auch noch schwer klettern kann, wurde ja schon mehrfach bewiesen!

Wie wäre es mit der ersten Frauenbegehung von Action directe? Eine 55-Grad-Wand habt ihr ja in eurem Boulderraum ...

Die Action ist ein absoluter Meilenstein und eine für mich heilige Tour. Leider ist sie inzwischen absolut überrannt und sehr abgespeckt. Ich fände es persönlich sehr vermessen, mich einfach dort hineinzuhängen, ohne wirklich fit genug dafür zu sein. Es gibt noch eine Vielzahl schwerer Routen in der Fränkischen auch im zehnten Grad, die man erst einmal klettern muss!

Kurz-Biographie Chiara

Chiara Hanke (geb. Clostermann) wurde am 28.04.1993 in Nürnberg geboren, den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Ingolstadt. In Bayreuth studiert sie derzeit Finance, Accounting, Controlling und Taxation.

Sie klettert seit sie 13 ist, 2010 war sie Deutsche Jugendmeisterin im Bouldern und Deutsche Vizemeisterin im Lead. Am Fels gelangen der 26-Jährigen bislang Routen bis 8c/8c+.

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