Blutegel-Therapie

Blutegel gegen Fingerbeschwerden

Die Behandlung mit Blutegeln erlebt ein Revival. Kletterer mit Fingerbeschwerden können davon profitieren. Wissenswertes rund um die Blutegel-Therapie (plus Erfahrungsbericht).

In diesem Artikel:

Erfahrungsbericht: Zwei Blutegel-Behandlungen, zwei Ergebnisse + Blutegel als Therapie + Bei welchen Beschwerden ist eine Behandlung mit Blutegeln sinnvoll? + Wie wirkt die Blutegel-Therapie? + Worauf muss man achten? + Wie läuft die Blutegel-Behandlung ab? + Gegenanzeigen zur Blutegel-Therapie + Was muss man beim Wiedereinstieg beachten?

Erfahrungsbericht: Zwei Blutegel-Behandlungen, zwei Ergebnisse

Letzten Sommer zeigten die Aufnahmen aus dem MRT ein sogenanntes Ganglion in meinem Finger. Das ist eine Blase mit Flüssigkeit, meist eine Ausstülpung aus einem gereizten Gelenk. Viele Menschen tragen ein solches Knübbelchen im Handgelenk – oftmals ohne Beschwerden. Bei mir schmerzte seit einem denkwürdigen Tag "zuviel" der Ringfinger: Das im Volksmund Überbein genannte Ganglion hatte sich zwischen Beugesehne und Knochen gebildet. Nachdem es Pausieren und Medikamente nicht gebracht haben (Weiterklettern dummerweise auch nicht), empfahl mir der Fingerspezialist Volker Schöffl, eine Blutegeltherapie zu probieren. Dr. Torsten Schopf führte in Stuttgart die Behandlung durch. Streng genommen stimmt das nicht, aber er war verantwortlich dafür, dass zwei seltsame Gesellen die Behandlung durchgeführt haben: zwei Blutegel, Fachbegriff Hirudos Medicinalis.

Blutegel-Therapie Finger
Sarah Burmester
Für die Behandlung muss man etwas Zeit einplanen

Ich hatte im Vorfeld mit mir gerungen, ob eine Fingerbehandlung es rechtfertigt, zwei Lebewesen zu töten, und war zu dem Schluss gelangt, dass mir das Klettern so wichtig ist, dass ich es mache. Zudem habe ich einige Tage den Ekel beobachtet, der in mir aufstieg, wenn ich darüber nachdachte, dass zwei glibberige Nacktschnecken mit Zähnen für gegebenenfalls Stunden an meinem Finger hängen. Doch auch hier siegte die Not, endlich wieder klettern zu wollen. (Was ich damals nicht wusste: Die Egel müssen nicht zwangsläufig getötet werden. Oft kann man die Egel gegen eine kleine Gebühr auf einen Bauernhof in einen "Rentnerteich" schicken lassen.)

Das Ansetzen der Egel zwickte. Man spürt recht gut, wie die drei mit Zähnen besetzten Kiefer sich in die Haut graben. Nach ein paar Momenten legte sich der Schmerz und es blieb ein leichtes Ziehen. Die Egel saßen rechts und links seitlich am Finger, so, dass ihre Absonderungen die betroffene Stelle umflossen. Der erste Egel war nach einer halben Stunde fertig und löste sich von meinem Finger. Schnell wurde er zurück in sein Einmachglas verfrachtet, wo er nach drei Runden Herumschwimmen in ein Fresskoma sank und sich nicht mehr rührte. Der andere Egel schien etwas unlustig, und genoss es anscheinend, einfach mit meinem Finger verbunden zu sein, während die Bisswunde auf der gegenüberliegenden Fingerseite fröhlich vor sich hin blutete. Ein wenig Wasser auf dem Rücken weckte ihn und er nahm das Saugen wieder auf, erkennbar pulsierte der schwarze, wachsende Körper wieder. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde entschied auch Egel Nummer zwei, dass es genug sei und löste sich von meiner Hand, die mittlerweile in einer ordentlichen Blutlache lag.

Mit einem fetten Verband bewegte ich mich langsam nach Hause und verbrachte den Rest des Tages auf dem Sofa. Tags darauf nahm ich den Verband ab und ersetzte ihn mit Pflastern, die Hand reinigte ich notdürftig mit Alkohol und Watte. Der Finger sah recht harmlos aus. Pflaster schützen die Wunden. Nach zwei Tagen erschrecke ich jedoch: Über Nacht ist der Finger krass angeschwollen. Und er juckt, als hätten sich zig Mücken daran gütlich getan. Ich suche die Arztpraxis auf, doch nach einem kurzen Check gibt es Entwarnung: Die Schwellung deute eher auf eine allergische Reaktion hin, erklärt Torsten Schopf, für eine Infektion sei der Finger zu wenig gerötet. Die Analyse eines Blutstropfens ergibt: Mein CRP, ein wichtiger Entzündungsmarker, liegt bei 0,5 (bis 5 ist normal). Nach zwei weiteren Tagen lassen Juckreiz und Schwellung endlich nach.

Der Finger sah danach endlich wieder normal aus – und fühlte sich auch normal an. Halt, nein: Der Finger fühlte sich sehr gut an! Mein Fazit nach der ersten Blutegelbehandlung ist begeistert: Das Schmerzgefühl im Finger ist deutlich weniger, der vorher fühlbare Knubbel verschwunden. Nach 14 Tagen gehe ich vorsichtig wieder klettern. Es hat funktioniert!

Bouldern in Fontainebleau
Kathrin Wüst
Schmerzfrei klettern – wenn es nicht selbstverständlich ist, macht es gleich doppelt Freude

Dieses Jahr lief es etwas anders. Nachdem ich letztes Jahr vor der Egel-Behandlung knapp zwei Monate pausiert habe und viele Male nur sichernd am Fels war, ist der Drang zu klettern in diesem Jahr um so größer. In der Corona-Krise bauen wir zu Hause eine Boulderwand, und dank vorsichtigem Aufbau am Fingerboard im Winter steht mir im April ausreichend Kraft zur Verfügung, um meine Finger binnen weniger Wochen zu überlasten, so dass sie schmerzen und an ernsthaft klettern nicht mehr zu denken ist. Na gut, denke ich mir, das mit den Egeln hat ja schonmal geklappt.

Diesmal lasse ich statt einem direkt zwei Finger behandeln. Das Prozedere ist ähnlich, diesmal allerdings mit doppelt so viel Egeln (also vier statt zwei) und halb so viel Blut. Dies sei normal, erklärt Dr. Schopf: "Das blutet bei weiteren Behandlungen immer weniger," erklärt er.

Am Tag nach der Behandlung sind beide Finger stark geschwollen und jucken. Die Reaktion, die beim ersten Mal erst nach einigen Tagen einsetzte, war diesmal sofort da. Der Juckreiz ist heftig und die Finger sind heiß, ich habe das Gefühl, ich will sie kühlen. Vielleicht ein gutes Zeichen, so hoffe ich. Nach drei Tagen lässt die Schwellung und der Juckreiz nach. Fünf Tage nach der Behandlung sind die Wunden endlich geschlossen, die Finger fühlen sich allerdings an wie vorher. An Tag acht nach der Behandlung gehe ich an den Fels und klettere eine für mich leichte Route. Auch weitere Tage später, nach vorsichtigem wieder Eingewöhnen schmerzen die Finger weiter. Ein bisschen besser ist es geworden, aber nicht deutlich. Die Narben am Ringfinger sind prima verheilt und schmerzfrei, die Narben am Mittelfinger sind noch fühlbar und recht empfindlich. Mein Fazit nach der zweiten Behandlung ist gemischt. Der positive Effekt war nicht so ausgeprägt wie bei der ersten Behandlung. Mittlerweile sind sieben Wochen verstrichen, in denen ich nur wenig und sozusagen mit angezogener Handbremse geklettert bin, und die Finger haben sich weiter erholt. Vielleicht braucht der Prozess, je nach Art der Verletzung, tatsächlich einfach mehr Zeit als einige Wochen. Bei der ersten Behandlung mit Egeln hatte ich vorher pausiert und versucht, den Reizzustand des Fingers zu verringern, den Schritt hatte ich beim zweiten Mal nicht vorgeschaltet. Ein anderes Verletzungsbild lag sicherlich auch vor, beim zweiten Mal habe ich die Prozedur mit MRT und Co weggelassen und hatte entsprechend weniger präzise Informationen zum Zustand der Finger.

Bleibt die abschließende Feststellung, dass die Not, wieder schmerzfrei klettern zu wollen, tatsächlich groß war, denn sonst wäre mir vorher aufgefallen, dass Wunden am Finger und die Vorgabe, einige Tage kein Wasser an die Bissstellen zu lassen, in direktem Widerspruch dazu stehen, sich häufig, regelmäßig und gründlich die Hände zu waschen... immerhin kann ich nun über Wissenswertes rund um die Blutegel-Therapie weitergeben.

Blutegel als Therapie

Blutegel-Behandlung der Finger
Sarah Burmester
Überbleibsel der Blutegelbehandlung am Finger: eine Y-förmige Bissstelle

Schon in der Antike wurden medizinische Blutegel verwendet, und bis ins 19. Jahrhundert waren die blutsaugenden Tierchen teil des üblichen therapeutischen Repertoires. Dann gerieten sie aus der Mode und wurden erst in den letzen Jahren wieder entdeckt. Mittlerweile hat sich der Nutzen von Blutegel-Therapien nach und nach auch in evidenzbasierten Studien belegen lassen.

Über den Aderlass hinaus ergeben sich bei der Behandlung mit Blutegeln Effekte, die vor allem für Kletterer mit Fingerproblemen interessant sein können. Das Revival der Blutegel-Behandlung basiert auf positiven Wirkungen, die von verbesserter Durchblutung und verbessertem Lymphfluss über Schmerzlinderung bis zu anti-entzündlichen Effekten reichen. Zumeist reicht eine einzige Behandlung aus, um Erfolge zu erzielen.

Bei welchen Beschwerden ist eine Behandlung mit Blutegeln sinnvoll?

Bouldern & Klettern Vokabular
Ralph Stöhr
Verletzte Finger gehören zu den größten Ärgernissen für Kletterer.

Auch Profikletterer Alexander Megos hat sich bei seiner Beugesehnen-Entzündung mit Blutegeln behandeln lassen und zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis. Der behandelnde Arzt, der Chirurg und Fingerspezialist Dr. Volker Schöffl, sieht das Einsatzgebiet vor allem bei entzündlichen Zuständen der Finger, in der Fachsprache "bei Erkrankungen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises" wie Sehnenentzündungen, Sehnenscheidenentzündungen und Gelenkkapselentzündungen. Auch in anderen schwereren Fällen von chronischen Fingerproblemen (in meinem Fall z.B. ein durch Überbelastung hervorgerufenes Ganglion zwischen Beugesehne und Knochen, mehr dazu unten im Erfahrungsbericht), die auf die üblichen Therapien nicht ansprechen, empfiehlt er gegebenenfalls eine Egel-Behandlung.

Der Orthopäde und Osteopath Dr. Torsten Schopf aus Stuttgart behandelt neben Gelenkerkrankungen wie Arthrose im Knie auch Venenleiden mit Egeln. Er sieht entzündliche und degenerative Zustände von Gelenken als Anwendungsgebiet für Blutegeltherapie.

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Wie wirkt die Blutegel-Therapie?

Während man früher davon ausging, dass der Effekt des Aderlasses, also des Blutverlusts, die Heilung befördere, weiß man heute, dass vor allem die von den Egeln abgesonderten Stoffe auf den Heilungsprozess wirken. Diese Stoffe enthalten Substanzen mit anti-entzündlicher und gerinnungshemmender, sowie Blut- und Lymphkreislauf anregender Wirkung. "Das Gewebe wird lockerer und besser durchspült", erklärt Torsten Schopf. Auch ein schmerzlindernder Effekt ist belegt. Allerdings ist auch das Risiko einer allergischen Reaktion gegeben, da auch Histamine in den Blutegel-Stoffen enthalten sind. Torsten Schopf schätzt das Allergie-Risiko verhältnismäßig gering ein: "Ich behandle seit 11 Jahren mit Blutegeln, nur 3 Patienten haben allergisch reagiert. Trotzdem hat die Behandlung ihnen geholfen." Mit Juckreiz und Schwellung um die Bissstelle(n) kann man allerdings auch ohne Allergie rechnen, sie gehören zum "normalen Verlauf" der Therapie.

Blutegel-Behandlung der Finger
Sarah Burmester
Zwei Blutegel seitlich am Finger angesetzt

Worauf muss man achten, wenn man Blutegel-Therapie in Erwägung zieht?

Blutegel dürfen vom Arzt, aber auch von Heilpraktikern gesetzt werden. Im Vorgespräch wird abgeklärt, ob die Blutegel-Therapie beim vorliegenden Problem helfen kann und ob es keine Gegenanzeigen gibt. In jedem Fall sollte die behandelnde Person Erfahrung mit Blutegel-Behandlung mitbringen und auch die Möglichkeit haben, notfalls auf eine lokale Entzündung zu reagieren – im schlechtesten Fall muss ein Antibiotikum genommen werden, falls eine Infektion eintritt. Die Blutegel-Therapie wird üblicherweise nicht von der Krankenkasse übernommen sondern muss privat bezahlt werden.

Wie läuft die Blutegel-Behandlung ab?

Die Blutegel werden an der betreffenden Stelle angesetzt, gegebenenfalls wird mit einer Nadel die Haut angestochen, damit der erscheinende Blutstropfen dem Egel den Weg weist. Vor der Behandlung sollte man nicht rauchen oder parfümierte Pflegeprodukte verwenden, das kann den Egel vom Biss abhalten. Hat der Egel einmal gebissen, bleibt er zwischen 20 und 120 Minuten fest sitzen und saugt sich voll. Der Saugvorgang darf nicht abgebrochen werden, sondern man muss abwarten, bis der Egel sich löst, um Infektionen und Komplikationen zu vermeiden. Anschließend lässt man die Wunde noch einige Minuten nachbluten, bevor sie verbunden wird. Wegen der gerinnungshemmenden Wirkung kann die Wunde mehrere Stunden lang nachbluten. Daher sollte man lockere Kleidung tragen, damit ein größerer Verband keine Probleme bereitet. In den ersten 48 Stunden sollte man von Waschen und Duschen absehen, um die Wundheilung nicht zu gefährden.

Die Blutegel werden so gesetzt, dass die von ihnen abgesonderten Stoffe die zu behandelnde Stelle umfließen, beim Finger kann das zum Beispiel an der Oberseite außen oder an den Seiten sein. Die Bisswunden verheilen üblicherweise in 3 bis 6 Tagen, während dieser die Bissstellen nicht nass werden sollten. Auch belasten sollte man in dieser Phase nicht. Das heißt im Klartext, eine Woche muss man (mindestens) vorsichtig sein. Wenn die Bissstellen verheilt, also die Haut wieder zu ist, kann man mit vorsichtiger Reha anfangen, also Mini-Belastungen (etwa mit einem Theraband). Bei einer Fingerbehandlung empfiehlt der Spezialist Volker Schöffl, zehn Tage zu pausieren, und auch danach sehr vorsichtig die Belastung wieder hochzufahren, da der Heilungsprozess noch länger andauern kann.

Blutegel-Behandlung der Finger
Sarah Burmester
Nichts für Zartbesaitete: am Finger saugender Blutegel

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Gegenanzeigen zur Blutegel-Therapie

  • Ausgeprägter Ekel vor der Behandlung
  • Probleme mit Blutgerinnung oder Wundheilung oder Einnahme blutverdünnender Medikamente
  • Durchblutungsstörungen, Immunschwäche, Infektionskrankheiten, Anämie, starke Allergieneigung
Blutegel-Therapie Finger
Sarah Burmester
Am zweiten Tag nach der Behandlung sind die Finger immer noch geschwollen (krumm waren sie vorher schon)

Was muss man beim Wiedereinstieg ins Klettern beachten?

Je nach behandeltem Körperteil sollte man mindestens eine Woche pausieren und die Belastungen gering halten. Die Narben der Bissstellen können noch einige Zeit empfindlich bleiben. Wurde die Behandlung am Finger durchgeführt, sollte man mindestens 10 Tage nicht klettern. Nach der Pause kann man mit lockerem Klettern wieder anfangen. Dabei sollte man anfangs nicht direkt den üblichen Schwierigkeitsgrad anpeilen, sondern erst nach und nach wieder zur vollen Intensität zurückkehren. Volker Schöffl betont, dass man die Belastung nur schrittweise steigern soll, da der Heilungsprozess länger andauert. Je nach Verletzung ist unterstützendes Tapen sinnvoll. Wichtig ist, dass die Bisswunden komplett verheilt sind und der Finger reizfrei, was auch länger als zehn Tage dauern kann.

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Herzlicher Dank gilt Prof. Dr. med. Volker Schöffl (Bamberg), weitere Info unter www.sportsmedicine.rocks sowie Dr. Torsten Schopf, weitere Info unter www.orthopaedie-stuttgart-mitte.de

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