Klettern als Therapie Carolin Jacklin Schön Klinik Roseneck

Klettern als Therapie

Bewegungstherapie mit Klettern

Von Depression über Trauma, Burnout und Angst bis Zwangsstörung: Klettern kommt immer mehr in der Therapie zum Einsatz. Experte Dr. Alexander Heimbeck erklärt, wie die positiven Wirkungen des Kletterns bei der Therapie genutzt werden.

In diesem Artikel:

Klettern als Therapie: So machen sich Therapeuten das Klettern zunutze

Klettern macht glücklich, oder? Viele Kletterer würden sofort zustimmen. Einfach weil es ein schöner Sport ist. Doch liegt es nur am Sport? Denn jeder Kletterer kommt einmal an Grenzen, die schwer, vielleicht gar nicht zu überwinden sind, oder macht Erfahrungen mit Angst. Viele kennen negativ verlaufende innere Dialoge oder Frust, weil nichts weiter geht. Kann das wirklich glücklich machen?

Man muss nicht über alles reflektieren, aber es lohnt sich, manches Thema im Sinne einer sportlichen wie persönlichen Entwicklung näher zu betrachten – um so mehr, wenn psychische Erkrankungen mit ins Spiel kommen.

Der innere Dialog

Der innere Dialog ist ein wichtiger Bestandteil der Sportpsychologie: Wie sprechen wir mit uns selbst? Wenn ihr anfangt, euren inneren Stimmen gut zuzuhören, dann könnt ihr typische Stimmen im Sinne von Persönlichkeitsanteilen identifizieren. Oft gibt es einen inneren Kritiker, der immer etwas zu meckern hat: „Ich war zwar am Top, aber bin nicht schön geklettert“ oder „Mein Partner hat es schon im ersten Versuch geschafft“. Hauptsache, irgendetwas passt nicht. Die sportpsychologische Grundregel lautet: Die Stimmen, nach deren Wortmeldung ich mich schlechter fühle, werden hinausgeworfen. Keiner würde diese Stimmen freiwillig als Berater buchen. Man lernt Stück für Stück den förderlichen Stimmen zu folgen, und die Miesepeter werden mehr und mehr zum Schweigen gebracht.

Im therapeutischen Bereich ist die Arbeit an diesen Kritikern und der Aufbau positiver Anteile ein lohnendes Feld. Menschen mit Depression sind gefangen in Grübelgedanken. Es gibt bei ihnen ausschließlich innere Zweifler und Kritiker. Der automatische Fokus auf den Augenblick beim Klettern stoppt solche negativen Gedankenspiralen. Damit lässt sich zuerst mit Hilfe des Therapeuten, schließlich alleine der Blick wieder leichter auf vorhandene Ressourcen und hilfreiche/unterstützende innere Dialoge richten.

Angst und Angst vor der Angst

Angst ist integraler Bestandteil des Kletterns. Es geht nicht um Angstfreiheit, sondern den guten Umgang damit. Wenn sogar Alexander Huber Angst hat, dürfen andere das auch. Ohne Angst gibt es weniger Dopamin im Belohnungszentrum, also weniger Hochgefühle. Therapeutisch wichtiger Punkt: Bevor ihr an euch selbst arbeitet, solltet ihr dem Sicherer zu 100 Prozent vertrauen. Falls da Zweifel bestehen, bringt doch eine nette Bitte vor, wie ihr gerne gesichert werden möchten. Vertrauen wächst nur, wenn man ehrlich zu sich, aber auch zu seinen Partnern ist! Wenn euer Sicherungspartner unkonzentriert ist, sagt es ihm und bittet ihn, dies zu ändern!

Wie ist es nun mit der Angst? Kein Mensch fühlt gerne schlechte Gefühle. Doch es ist paradox: Im Prinzip wissen wir, wenn wir in eine Route einsteigen, dass Angst oft ein Thema ist. Warum klettern wir dann freiwillig – man könnte es einfach sein lassen? Wir glauben, dass es absolut Sinn macht, sich am Anfang der Route diesen Punkt bewusst zu machen. Denn es geht nicht nur darum, die Route zu bewältigen, sondern sich mit diesem eher ungeliebten Gefühl auseinander zu setzten. Stichwort Achtsamkeit: Den Fokus auf die körperlichen Empfindungen der Angst zu richten, hilft die Angst bewusst wahrzunehmen und zu realisieren: Sie kommt, sie ist da, aber sie geht auch wieder. Also ziemlich genau das Gegenteil von „Ich bemerke die Angst – Augen zu und durch.“ Möglich wird das, indem man die Übungsintensität, zum Beispiel beim Sturztraining, sehr langsam steigert, in den angstbesetzten Momenten eine Zeit verweilt und den körperlichen Symptomen der Angst im Körper nachspürt.

Eines der wichtigsten Learnings für Patienten mit Panikattacken: Die Angst davor, dass die Angst kommt, wird geringer. Wenn man durch das oben genannte Vorgehen immer größeres Vertrauen entwickelt, dass man trotz Angst weiter gut funktioniert und diese auch regulieren kann, ist es vorbei mit der Angst vor der Angst.

Erlebte Selbstwirksamkeit

Langer Fachbegriff – wichtige Sache. Kurz zusammengefasst: Traue ich mich, meine Umwelt so zu gestalten, dass ich mich wohl fühle, dass es mir gut geht? Wer sagt denn, dass ich immer im Vorstieg klettern muss – vielleicht der Glaubenssatz: „Nur wer am scharfen Ende des Seiles klettert, klettert richtig“? Wer oder was treibt mich zu Höchstleistungen, oft am persönlichen Limit: Darf ich mich und andere nicht enttäuschen? Oder auch: „Immer, wenn mich Max sichert, bin ich völlig blockiert – aber Max ist doch so nett.“

Na dann war es das jetzt damit, es darf uns gut gehen. Das kann man ja alles nett sagen, aber raus damit. Viele Patienten mit psychiatrischen oder psychosomatischen Diagnosen haben große Probleme damit, ihr Leben selbstwirksam zu gestalten. Immer sind die Bedürfnisse der anderen wichtiger. Mit diesen Patienten wird in jeder Phase einer Klettereinheit trainiert, zu spüren, welche Wünsche vorhanden sind, welche Bedingungen es braucht, um sich wohlzufühlen. Und dann werden diese Gedanken und Gefühle adäquat angebracht. Die Folge: Man wird mehr wahrgenommen und respektiert, was zu mehr Selbstbewusstsein führt.

Taktische Elemente

Diese bilden einen wichtigen Bestandteil des Kletterns und ermöglichen oft schnelle Fortschritte. Wie durchdacht und geplant gehe ich ans Klettern heran? Nutze ich Rastpunkte, überlege ich mir, wo es gut ist, schnell oder langsam zu klettern, mache ich an der Schlüsselstelle immer wieder den gleichen Bewegungsfehler?

Es gibt keinen Bereich, in dem man so schnell Fortschritte macht. Schon ein Aspekt wirkt mental Wunder: Zerlegt einmal eine Route in Bereiche (von einem Rastpunkt zum nächsten). Die Schwierigkeiten der Route werden damit aufgegliedert in oft lösbare Teilaufgaben. Legt den Fokus jetzt immer nur auf den nächsten Abschnitt.

Die Übersetzung in die Therapie lautet: Manchmal ist es wunderbar, spontan und ungeplant zu sein. Es sollte aber auch möglich sein, sich auf Dinge vorzubereiten, diese in Teilziele zu zerlegen und sich ihnen planvoll anzunähern. Klettern bietet ein reiches Feld an Möglichkeiten, diese Fähigkeiten (psychologisch würde man sie exekutive Funktionen nennen) zu trainieren und ins restliche Leben zu transferieren.

Typisch für Burnoutpatienten: „Arbeiten bis zum Umfallen.“ Es ist oft schön zu beobachten, wie weit dann selbst beim Klettern eine Pause undenkbar ist. Höher, schneller, weiter ist die Devise. Eine Route am persönlichen Limit zu bewältigen, empfindet jeder Mensch als Bestätigung. Das darf sein, das macht Sport interessant. Doch unter welcher Anstrengung und mit welchem Einsatz geschieht dies, vor allem wenn es vielleicht im alltäglichen Leben ausschließlich dieses eine Muster gibt? Schön, wenn es dann plötzlich möglich wird, die eigenen Ressourcen zu beobachten und sich Pausen zu erlauben. Wir machen uns somit das Medium Klettern „metaphorisch“ zu Nutze, um einen Transfer zur Veränderung bestimmter Verhaltensmuster in den Alltag herzustellen.

Spiel mit dem Kontrollverlust

Jeder Dynamo hat den Punkt an dem der Kontrollverlust zu spüren ist. Dies ist der tote Punkt, ab dem es rückwärts geht. Entweder hat man dann den Griff oder nicht. Eine Schwierigkeit, diesen Moment der Unsicherheit als Glück beziehungsweise als Herausforderung zu sehen, kann durchaus mit einem allgemein hohen Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit im Leben zu tun haben.

Umso mehr Spaß macht es, sich mit dynamischen Techniken zu beschäftigen und spielerisch zu lernen, sich diesen Momenten der Unsicherheit immer mehr zu öffnen. Wenn man es dann schafft, werden diese Momente als Triumph über den inneren Schweinehund erlebt: „Endlich habe ich mich getraut“. Die sogenannte exekutive Funktion „zu initiieren“ wird so trainiert. Anders formuliert: Der Sieg des Frontalhirns über andere Gehirnregionen, die alle nein sagen, und dann lässt man es trotzdem krachen. Wichtig natürlich, dass das Ganze in einem sicheren Rahmen geschieht. Gerade für Patienten mit Zwängen oder Essstörungen, denen oft ein hoher Perfektionismus innewohnt, ist das Einlassen auf diese Ungewissheit ein großer Schritt in die Freiheit, an der Möglichkeit des Scheiterns wachsen zu können.

Therapeutisches Klettern mit psychischen Erkrankungen ist also ein kreatives, therapiebegleitendes und bewegungstherapeutisches Verfahren. Es bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, typische Themen, welche Depressionen, Angststörungen, Zwänge, Essstörungen, Traumen und andere mit sich bringen, aufzugreifen und direkt zu bearbeiten. In den letzten Jahren hat sich hier viel getan. Sowohl im ambulanten, wie auch im stationären Bereich gibt es engagierte Therapeuten, die das Thema vorantreiben.

Weiterführende Info und Ausbildung

Es gibt mittlerweile einige fundierte Fortbildungsmöglichkeiten und erste größere wissenschaftliche Studien zum Thema (siehe: www.kletternundstimmung.de). Weitere Infos dazu findet ihr auch unter www.therapieklettern.com

Interview mit Dr. Alexander Heimbeck zum therapeutischen Klettern

Wir fühlen uns beim und nach dem Klettern besser. Ist das schon therapeutisch?

Die meisten Kletterer würden sofort zustimmen, dass Klettern glücklich macht. Oft kommt das Glücksgefühl jedoch erst im zweiten Schritt nach dem eigentlichen Klettern. Eine Studie von Aelig aus dem Jahr 2003 hat gezeigt, dass viele Kletterer während des Kletterns eher unter Stress stehen. Angst ist ein regelmäßiger Begleiter – was gerade am Berg auch wichtig ist. „Sich gut fühlen“ kommt dann oft erst im Nachhinein – wenn man merkt, dass man die Herausforderungen aus eigener Kraft heraus bewältigt hat.

Ob das schon therapeutisch ist, hängt unter anderem davon ab, ob man sich dabei bewusst macht, dass man das eigene Handeln selbst steuern kann und es nicht nur von zufälligen Faktoren abhängt. Auch beim Klettern haben wir oft die Wahl. Kann man dabei das Gefühl der Selbstwirksamkeit steigern, kann das schon Therapie sein.

Therapeutische Interventionen profitieren von Bewegung generell. Wieso und in welcher Form kommt dem Klettern eine besondere Rolle zu?

Zum einen ist Klettern aus meiner Erfahrung heraus für viele Menschen besonders motivierend. Zum anderen lässt es sich für die Psychotherapie ganz unterschiedlich einsetzen. Besonders positiv dabei: Man kann sehr niedrigschwellig beginnen. D.h. man kann mit Klettern erstmal als reinen Sport beginnen und sich dann langsam vortasten, um sich selbst wieder besser spüren zu lernen und im nächsten Schritt psychotherapeutische Inhalte zu spiegeln und Stück für Stück zu verarbeiten. Außerdem bietet keine andere Sportart wie das Klettern die Möglichkeit, sich differenziert mit den eigenen Grenzen und Ängsten auseinanderzusetzen.

Wenn Sie sagen, „sich selbst zu spüren“ – was kann man sich darunter vorstellen und warum ist dies so wichtig für die mentale Gesundheit?

Bevor wir eine bewusste Entscheidung treffen, hat mithilfe somatischer Marker im Körper schon längst ein sehr schneller und meist unbewusster Entscheidungsprozess statt gefunden. Ist etwas gut für uns oder schlecht, macht etwas Lust oder Schmerz, woher kommt die plötzliche Wut, was ist zu tun…?..Wir schaffen es durch bewusstes Abwägen, mithilfe rationaler Gedanken, diesen Prozess auf tieferer Ebene zu ignorieren, umzudrehen, andere Entscheidungen zu treffen, als uns die Intuition oder Emotionen vorgeben – was ja zum Teil gut für uns ist. Bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung hat sich jedoch oft die Justierung dieser somatischen Marker verschoben und Signale des Körpers werden entweder nicht, zu schnell, zu spät oder auch zu übertrieben, zum Beispiel als Gefahr oder als Stressor gedeutet.

Daher ist es für uns in der Bewegungstherapie wichtig, wieder zu lernen, Emotionen zu erkennen, benennen und einzuordnen zu können. Hilfreich für diesen Prozess ist in den Körper zu spüren. Oftmals sind durch dieses „reine“ Spüren und Wahrnehmen des Körpers weniger geschätzte Emotionen leichter zu tragen und damit erst eine Auseinandersetzung mit diesen möglich. Ein guter Umgang mit Emotionen, die augenscheinlich für unsere Handlungen verantwortlich sind, ist essentiell für eine mentale Gesundheit.

...also Mens sana in corpore sano, gewissermaßen?

Dass man das „Haus“, in dem man wohnt, für ein gutes Leben pflegen sollte, trifft mit Sicherheit für alle zu. Klettern ist ein schönes Beispiel dafür, wie man sowohl seinem Körper als auch seiner Seele etwas Gutes tun kann. Nicht nur der Körper wird durch regelmäßiges Klettern fitter und stärker, auch die Seele gewinnt an innerer Widerstandsfähigkeit, der sogenannten Resilienz. Man lernt, sowohl an der Kletterwand als auch im echten Leben seinen Ängsten zu begegnen, neue Wege zu finden und Probleme besser zu lösen – und manchmal auch einfach loszulassen und Vertrauen in sich und andere zu haben.

Lassen sich an der Kletterwand gemachte Erfahrungen tatsächlich auf den „Rest des Lebens“ übertragen, und wenn ja, wie?

Die Strategien, die man an der Kletterwand lernt, lassen sich auch im Alltag anwenden. Wenn man beim therapeutischen Klettern merkt, dass Dinge auf eine bestimmte Art nicht funktionieren, kann man das direkt ansprechen und sofort nach einer Lösung suchen – und diese dann auch im normalen Leben nutzen. Ein Beispiel: Ein Patient mit hohem Leistungsdruck ist sehr hektisch und nervös in seinen Bewegungen und stark auf das Ergebnis – das Schaffen der Route – fixiert. Indem man seinen Fokus mehr auf den Prozess legt – wie bewege ich mich, wo kann ich etwas verändern – kann man ihm konkrete Tipps geben, um erst einmal langsamer zu machen, ruhiger zu werden und sich verschiedene Rastpunkte zu setzen. In einem zweiten Schritt klärt man dann wichtige Anknüpfungspunkte für den Alltag: Wann lässt sich der Patient immer wieder zu überhöhten Zielen verleiten, wo sollte er Tempo herausnehmen, um zu einer bewussten Entscheidung zu kommen, wann sollte er im Alltag mehr prozess- als ergebnisorientiert denken, usw.

Haben die Bewegungsmuster des Kletterns eine überlegene Wirkung im Vergleich zu anderen Bewegungsformen?

Nein. Nichtsdestoweniger wirkt es sich natürlich positiv auf den Körper aus und hat Effekte, die andere Sportarten nicht haben. So fördert Klettern insbesondere Kraft in Kombination mit hohen koordinativen Fähigkeiten und Bewegungsintelligenz. Interessant ist auch der Blick auf die Lernkurve: Bewegungen und Züge, die man zu Beginn für unmöglich gehalten hat, fallen plötzlich leicht und werden flüssig in den Bewegungsablauf integriert.

Beeinflusst das Klettern die Inhibition, also die Selbstdisziplin?

Inhibition ist die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, um automatisiert ablaufende Handlungen zu bremsen und neue Handlungsmuster umzusetzen. So gesehen beeinflusst das Klettern diese Fähigkeit erst einmal nicht. Allerdings gibt es gute Übungen, um sich damit bewusst auseinanderzusetzen. Beispielsweise indem man lernt, den Drang zu überstehen, möglichst schnell nach oben zu kommen, wenn einem die Kraft ausgeht, und man sich stattdessen besser Rastpunkte setzt. Dafür braucht es die Motivation, etwas verändern zu wollen, Reflexionsvermögen und manchmal auch jemanden von außen, der einem hilft, den Blick auf die entscheidenden Dinge zu richten.

Wirkt Klettern als therapeutische Intervention auch dann, wenn eine Person schon einige Jahre das Klettern als Sport betreibt?

Wenn Menschen an einer psychischen Erkrankung leiden, leidet immer auch das Selbstbewusstsein. Klettern kann auf dem Weg zurück zu mehr Selbstvertrauen helfen: Sich wieder etwas zutrauen, Mut haben, mit anderen aktiv sein, Verantwortung übernehmen. Dies trifft sowohl für Kletterneulinge als auch für erfahrene Kletterer zu. Patienten, die schon mehrere Jahre klettern, haben den Vorteil, dass sie auf vorhandene Ressourcen und Mechaniken zurückgreifen und stattdessen rein an der inneren Einstellung arbeiten können. Und natürlich kann man auch die Schwierigkeitsgrade an der Wand dementsprechend anpassen.

Wie steht es mit der Erlebnispädagogik, wird da von ähnlichen Mechanismen profitiert?

Die Erlebnispädagogik versucht durch bestimmte Situationen und Naturerlebnisse, Raum für soziales und persönliches Lernen zu bieten. Junge Menschen werden vor physische und psychische Herausforderungen gestellt, um ihre Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und damit sie mehr Eigenverantwortung übernehmen. Aus meiner Sicht gibt es hier mehrere Schnittpunkte zum therapeutischen Klettern – insbesondere dem Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit, der Möglichkeit der Grenzerfahrung oder der Ernsthaftigkeit im Tun. Klettern kann also auf alle Fälle ein Element der Erlebnispädagogik sein.

Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen in der Klettertherapie. Könnten Sie da die Richtungen grob umreißen?

Es gibt Therapeutisches Klettern im ambulanten Setting, im stationären Setting, für Flüchtlinge, sogar in der Forensik. Es gibt klar psychotherapeutisch ausgerichtete Angebote, es gibt erlebnispädagogisch ausgerichtete Angebote, es gibt Angebote, die eher unterschwellig im Sinne von Coaching etwas zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen wollen, es gibt Teamtrainings, welche sich der Themen annehmen, die in der Teamentwicklung entscheidend sind usw… also eine Vielzahl an Herangehensweisen, bei denen die Themenfelder des Kletterns einen Schnittpunkt finden zu den Themenfelder aus dem Alltag der Menschen.

Wer kann eigentlich Kletter-Therapeut/in sein und welche Voraussetzungen gelten?

Das ist eine interessante Frage und bietet ein Spannungsfeld unter den Berufsgruppen. „Klettertherapeut“ ist in dem Sinne kein geschützter Begriff. Es gibt in dem Bereich Physiotherapeuten, Psychologen, Sportwissenschaftler, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter usw.., die Therapieklettern anbieten. Jede Berufsgruppe beansprucht gerne für sich, dass nur das, was sie machen, den Namen therapeutisches Klettern verdient. Diese Diskussion hat sich auf dem ersten Kongress zum Therapeutischen Klettern schon abgezeichnet. Meine Meinung ist, dass das therapeutische Klettern eine (von vielen) bewegungstherapeutischen Interventionsform ist, die geeignet ist, neben trainingswissenschaftlichen und orthopädischen Aspekten auch psychologisch besetzte Themenfelder anzusprechen. Die Zukunft wird zeigen, in welche Richtung diese Diskussion gehen wird. Wichtig wird sein, dass klare Leitlinien erarbeitet werden. Schön wäre es, wenn dies integrativ erfolgt und nicht im Sinne einer berufspolitischen Abgrenzung.

Haben Sie noch eine interessante Antwort, zu der ich keine Frage gestellt habe?

Auch wenn es gerade im Trend ist und immer stärker eingesetzt wird, wird das Potenzial vom therapeutischen Klettern nach wie vor häufig unterschätzt. Dabei ist es an sich keine neue Therapiemethode, sondern gehört als spezielle Form zur Bewegungstherapie, die bereits eine lange Tradition von über 200 Jahren hat. Im Vordergrund stehen immer das Wahrnehmen und Spüren des eigenen Körpers, der eigenen Grenzen und Ängste, und erst im zweiten Schritt die therapeutischen Themen. Für eine optimale Behandlung ist es natürlich wichtig, dass das therapeutische Klettern in ein umfassendes Therapiekonzept mit einem interdisziplinären Ärzte- und Therapeutenteam eingebunden ist.

Vielen Dank!

Dr. Alexander Heimbeck
Archiv Dr. Alexander Heimbeck
Dr. Alexander Heimbeck, Abteilungsleiter Bewegungstherapie der Schön Klinik Roseneck

Dr. Alexander Heimbeck klettert seit 32 Jahren und ist seit 19 Jahren in der Schön Klinik Roseneck als Bewegungstherapeut tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte ist die Arbeit mit Patienten mit affektiven Störungen, Trauma-PTSD, Essstörungen, Angst- und Zwangsstörungen. Der Yogalehrer (Medical Yoga 500h+, plus Spiraldynamik Level Intermediate) verfügt über eine Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik des ÖAV.

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