KL Adam Ondra Silence Pushing the Limits Eddie Gianelloni

Sportklettern: Pushing the Limits

Adam Ondra

Abenteuer Klettern - die besten Storys

2017 purzelten die Schwierigkeitsgrade. Adam Ondra kletterte die erste glatte 12 in Norwegen, Margo Hayes als erste Frau 9a+, Angy Eiter kurz darauf 9b; auch Alex Megos und Anak Verhoeven mischen vorn mit.

In diesem Artikel:

  1. Adam Ondra über seine 9c-Erstbegehung / Bio: Adam Ondra
  2. Margo Hayes pushing the Limits / Bio: Margo Hayes
  3. Alex Megos über das Problem, das richtige Projekt zu finden / Bio: Alex Megos
  4. Anak Verhoeven und ihre harte Erstbegehung / Bio: Anak Verhoeven
  5. Nalle Hukkataival erweitert die Boulder-Skala / Bio: Nalle Hukkataival
  6. Angela Eiter klettert als erste Frau 9b / Bio: Angy Eiter

Adam Ondra über seine 9c-Erstbegehung

Der Tscheche Adam Ondra ist die unumstrittene Nummer Eins in Sachen Spitzenschwierigkeiten. Mit Silence (12) erweiterte er die Skala erneut nach oben.

Was bedeutet dir deine Erstbegehung von Silence? Fühlt es sich an, als hättest du ein Lebens­ziel erreicht?
Es ist die wichtigste Route meiner bisherigen Kletterkarriere. Wie das Erreichen eines Lebensziels fühlt es sich trotzdem nicht an, ich habe nicht das Gefühl, das war’s schon. Ich fühle mich voller Energie, weiterzumachen und noch mehr zu erreichen. Silence ist die Route, für die ich die meiste Zeit investiert habe, für die ich spezielle Trainingsmethoden einsetzen musste – und ich habe zwei Saisons für sie gebraucht.

Die erste und härteste der drei Boulderpassagen ist ein 8C-Riss. Könnte es für diesen Abschnitt helfen, ein sehr guter Risskletterer zu sein? Hat dir deine Graniterfahrung aus der Begehung der Dawn Wall am El Capitan dort geholfen?
Ich würde sagen, es ist ein hartes Boulderproblem, das eine gewisse Fähigkeit an Fingerklemmern erfordert, aber das macht nur einen kleinen Teil dieser Passage aus. Es hat zwar einige Finger- und zwei Fußklemmer, aber die Kletterei in dieser Passage ist vor allem extrem komplex. Es beginnt damit, dass du deinen Körper an einem rutschigen, runden Loch und schmierigen Seitgriffen drehen musst. Dann musst du einen rutschigen Fingerklemmer treffen, die Füße über deinen Kopf schwingen und einen Fußklemmer erwischen, der sich unendlich weit entfernt anfühlt. Dann kommen – mit diesem Fußklemmer – als i-Tüpfelchen total abgefahrene Züge in Form des unangenehmsten Drop knees, das ich je gemacht habe. Dieses Boulderproblem ist unglaublich komplex, und man benötigt viel Fertigkeiten. Zuallererst musst du aber ein super starker Boulderer sein, Rissklettern zu können, ist das wenigste. Die Dawn Wall hat nicht wirklich geholfen, weil dort kaum Fingerklemmer gefordert sind.


Du hast dich sehr spezifisch auf Silence vorbereitet, dein Physiotherapeut Klaus Isele war bei mehreren Trips nach Flatanger dabei. Du hast speziell Knieklemmer trainiert, Züge an deiner Kletterwand nachgebaut 
– was hast du noch gemacht, um fit genug zu sein?

Alles, was ich gebraucht habe, war: super stark im Bouldern zu sein und fit genug, um mich schnell erholen zu können, dazu gut in einem Knieklemmer hängen zu können. So habe ich daran gearbeitet, meine Waden stärker zu machen, um meine Knieklemm-Fähigkeit zu verbessern. Speziell habe ich auch meine linke Bauchmuskulatur trainiert, um diesen weit entfernten Fußklemmer besser fischen zu können. Außerdem habe ich an der Beweglichkeit meiner Schultern gearbeitet, an der Beweglichkeit für dieses grausame Drop knee. Sprich, ich habe mein Trainingsprogramm komplett nach den Anforderungen dieser Route ausgerichtet: Knieklemmer ins Trainingsprogramm aufgenommen, an verschiedenen Nachbauten des Boulderproblems geklettert und oft versucht, mir die Kletterei vorzustellen, sie zu visualisieren und zu verinnerlichen. Spezielle Übungen und Visualisierungen waren meine tägliche Trainingsroutine. Auch meine Ernährung habe ich an die Anforderungen angepasst. Für extrem ausdauerlastige Routen muss ich dünn sein. Für Silence war das nicht nötig, dort musste ich so maximalkräftig wie möglich sein.

Was müssen potenzielle Wiederholer für Silence mitbringen?
Ich muss zugeben, dass ich diese Linie bewusst zu meinem Projekt gemacht habe, weil ich wusste, dass die Art der Kletterei sehr gut zu meinem Stil passt. Fangen wir mit den Knieklemmern an. Ich hatte nie eine sehr gute Ausdauer, aber ich konnte mich schon immer gut an Knieklemmern erholen. Dann der Drop-knee-Move, der wirklich absolut extrem ist – und Dropknees sind meine Spezialität. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dieses Dropknee zu vermeiden, aber meiner Meinung nach sind die noch härter. Potenzielle Wiederholer müssen sich bewusst sein, dass Silence eines der härtesten Boulderprobleme am Fels ist. Ich habe vier Trips gebraucht, bis ich die zehn Züge der Schlüsselpassage klettern konnte – mehr als bei jedem anderen Boulder. Die Crux Nummer Eins ist definitiv der härteste Boulder, den ich je geklettert habe! Alles davor und danach addiert noch etwas zur Schwierigkeit, vor allem aber mental. Es ist so viel härter, die Crux durchzuziehen, wenn du davor schon 25 Meter geklettert bist und weißt, dass du nur einen Versuch am Tag hast.

Du nennst die Kletterei in Silence komisch. Wird das die Zukunft für Steigerungen beim Sportklettern sein: sehr spezielle, abgefahrene Bewegungen mit sehr individuellen Anforderungen auch an die Vorbereitung und das Training anstatt noch kleinerer Griffe und noch weiterer Züge in noch steileren Wänden?
Ich glaube nicht, dass dies die Zukunft sein muss! Ich mag komische Züge, deshalb habe ich mir dieses Projekt ausgesucht. Ich werde wahrscheinlich nie eine 9c klettern können, wo es rein um Ausdauer geht. Aber die Möglichkeiten, an kleinen Griffen zu klettern, sind noch lange nicht ausgeschöpft. Harte Routen kann es in allen Variationen geben – kurz und senkrecht, lang und steil, boulder- oder ausdauerlastig … Die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

Sieben Reisen verteilt auf zwei Jahre hast du benötigt. Denkst du, dass in naher Zukunft jemand so viel Zeit, Arbeit und Motivation investiert, um sich die zweite Begehung von Silence zu holen?
Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich denke, der einzige Kandidat, der derzeit das Niveau hat, eine 9c zu klettern, ist Alex Megos. Aber er scheint keine Lust zu haben, sehr hart für ein einzelnes Projekt zu arbeiten. Es mag einfach klingen, solange an einer Route zu arbeiten, bis sie schließlich klappt – aber tatsächlich ist es psychisch extrem schwierig.

Würdest du so viel Zeit für eine Zweitbegehung investieren?
Ja! Ich denke nicht, dass es viel für mich ändert, ob es sich um eine Erst- oder Zweitbegehung handelt.

Wo siehst du noch Steigerungspotenzial bei dir? Eher physisch oder psychisch?
Überall!

21st Century Adventurer Award
Szene

Bio: Adam Ondra

adam-ondra-project-hard-9c-c-pavel-blazek-nik5871 (jpg)
Pavel Blazek
Adam Ondra in 'Silence' (9c).

Seit Adam Ondra mit 13 seine erste 9a punktete, dominiert der Tscheche das Seilklettern in beeindruckender Manier. 2012 eröffnete er mit Change in Flatanger die erste 9b+, seither folgten zwei weitere. 9b-Routen hat er schon ein Dutzend auf seiner Ticklist. Neben seinen Erfolgen im Felsklettern ist Adam dreimaliger Weltmeister im Lead und Bouldern und hat zahlreiche Weltcup-Siege gesammelt. Beim Felsbouldern zieht er ebenfalls an vorderster Front an. Und mit der ersten Rotpunktbegehung von WoGü (8c, 7SL) sowie der ersten Wiederholung der Dawn Wall (9a, 32 SL) am El Cap bewies der 24-Jährige, dass er auch auf den Langstrecken Weltspitze ist.

Margo Hayes pushing the Limits

Als du für ein Jahr nach Europa kamst, hattest du da La Rambla und Biographie (auch Realization genannt) schon auf dem Plan oder hast du beide spontan versucht?
Ich interessiere mich seit Jahren für diese Routen – und viele andere. Jetzt hatte ich endlich Gelegenheit, beide zu versuchen.

KL Margo Hayes pushing the Limits Biographie Ceuse
Jan Novak
Margo Hayes in 'Biographie' in Céüse.

Wusstest du viel über die Routen, war ihre Historie ein wichtiger Aspekt für dich?
Ich hatte ziemlich viel über diese Routen recherchiert und mit Freunden gesprochen, die sie schon geklettert haben. Ihre Geschichte faszinierte mich, aber auch, dass es einfach so tolle Linien sind.

Was war dein erster Eindruck, als du sie versucht hast?
An meinem ersten Tag in La Rambla konnte ich alle Züge klettern. Ich wusste, dass ich die Route klettern kann, aber dass es dann so einfach ging, hatte ich nicht gedacht. Ich machte schnell Fortschritte und stürzte bei fast jedem Versuch etwas weiter oben, bis ich schließlich den Umlenker erreichte. Biographie war von Anfang an eine andere Nummer. Obwohl ich alle Züge nach einigen Versuchen schaffte, war die mentale Herausforderung viel größer.

Was war bei den beiden Routen das jeweils Schwierigste?
Das Schwierigste an La Rambla war die Ungewissheit, weil ich noch nie eine Route dieses Grades versucht hatte. Ich nahm mir bewusst vor, diese neue Erfahrung ganz offen anzugehen und an mich zu glauben. Es war schön, dass ich diesen Prozess mit meinen Freunden Matty Hong, Jon Caldwell und Greg Mionske teilen konnte. Wir konnten über die Route diskutieren und unsere Lösungen austauschen. Biographie war eine ganz andere Geschichte, die sich auch länger hinzog. Das Schwierigste dabei war, den Glauben an mich selbst nicht zu verlieren und trotz einiger Monate mit schlechten Leistungen im Wettkampf, mit Verletzungen und anderen Problemen durchzuhalten.

Hat dich die Aussicht, die erste Frau sein zu können, die 9a+ klettert, eher angetrieben oder eher unter Druck gesetzt?
Ehrlich gesagt Letzteres. Obwohl es von außen keinerlei Druck gab, La Rambla zu klettern, setzte ich mich selbst unter Druck. Ich wurde aber schnell daran erinnert, dass ich, um Erfolg zu haben, das Endziel vergessen und mich auf den Prozess konzentrieren muss.

Bedeutet dir eine dieser Routen mehr als die andere?
Beide halfen mir, mich selbst besser zu verstehen. Und beide haben den Respekt vor unserem Sport und unserer Szene noch vertieft.

Hast du Vorbilder in der Kletterwelt? Wer beeindruckt dich besonders?
Ich habe viele Vorbilder im Klettern. Am meisten gefallen mir die, die helfen und andere unterstützen, unabhängig von Graden und Erfolgen. Ich habe größten Respekt vor Leuten, die anderen etwas beibringen, die helfen, unsere Umwelt zu erhalten, und die etwas bewegen.

Bio: Margo Hayes

kl-reel-rock-12-margo-hayes-break-on-through-greg-mionske (jpg)
Greg Mionske
Margo Hayes in 'La Rambla': Dieses Bild wurde zum Werbemotiv der Reel Rock Film Tour.

Die 19-Jährige aus Boulder, Colorado, begann mit 10 Jahren mit dem Klettern und ist Mitglied der US Nationalmannschaft. 2016 holte sie bei der Jugend WM in Guangzhou den 1. Platz im Lead und im Bouldern und siegte auch in der Gesamtwertung. In ihrem Heimatgebiet Rifle kletterte sie unter anderem The Crew (8c+) und Bad Girls Club (9a). 2012 kam sie mit Robyn Erbesfield-Raboutou erstmals nach Europa, im Herbst 2016 zog sie für ein Jahr nach Frankreich und machte seither vor allem die Klettergebiete in Südfrankreich und Nordspanien unsicher.

Alex Megos über das Problem, das richtige Projekt zu finden

Wie viele 9a‘s oder schwerer hast du 2017 geklettert?
Ich schätze mal so um die zehn, davon eine Erstbegehung, die Clash of the Titans (9a+) am Götterwandl. Den meisten Aufwand habe ich in die Wieder­holung von Jakob Schuberts Companion of Change (9a+) im Zillertal gesteckt. Da habe ich drei Tage gebraucht.

KL Alexander Megos klettert Coup de Grace 9a
Thomas Ballenberger / Red Bull Contentpool
Alexander Megos klettert 'Coup de Grace' (9a) im Tessin.

Was war die inspirierendste Route dieses Jahr?
Das war Pasito a Pasito (9a) in Chile. Nach meiner Fingerverletzung war das die erste richtig harte Route. Da habe ich gemerkt, dass ich langsam aus dem Loch rauskomme, dass ich wieder klettern kann. Außerdem waren die Leute sehr cool und wir hatten viel Spaß. Das war ein megageiler Trip.

Adam Ondra hat Wochen in seiner Route Silence (9c) zugebracht. Inspiriert dich der Aufwand, den Adam getrieben hat, oder schreckt dich das eher ab?
Ich finde das mega inspirierend. Aber ich könnte nicht wochenlang eine Route in Flatanger projektieren. Mir liegt dieser Kletterstil nicht, wo man 50 Meter durch ein Höhlendach eumelt. Ich würde mir aber wünschen, irgendwo ein Projekt zu finden, für das ich so viel Zeit investieren könnte. Das ist ja viel schwerer, als die Leute denken, dieses Projektieren. Am Anfang geht das, aber von dem Moment an, wo du weißt, dass du es schaffen könntest, wird es richtig schwierig für den Kopf.

Glaubst du, dass 9c nur mit so großem Aufwand möglich ist?
Nein, die Entwicklung geht weiter. Irgendwann kommen Leute, die das in einer Woche klettern. Wenn dir der Stil liegt, wird 9b einmal geklettert werden wie heute 8b.

Die schwierigste Route im Frankenjura ist immer noch deine Supernova. Hast du noch härtere Projekte in deiner Heimat im Visier?
Erst mal glaube ich inzwischen, dass Supernova eine 9b ist, keine 9a+. Nach der Erfahrung in den 9b‘s, wo ich jetzt schon drin war, und nachdem ein kleines Felsstückchen ausgebrochen ist, ist das schon eher 9b. Ansonsten war ich wegen meiner Fingerverletzung und den vielen Reisen seit eineinhalb Jahren nicht mehr ernsthaft in der Fränkischen klettern. Das einzige Projekt, dass mir noch im Kopf rumspukt, ist zehn Zehner an einem Tag zu klettern. Das ist gar nicht so einfach.

Deine schwierigsten Routen waren bisher 9b. Ist 9b+ ein Ziel für dich?
Ja klar. 9b geht ja schon relativ gut, wenn es mir liegt. Es müsste also auch noch härter gehen. Das Problem ist, dass die Auswahl sehr begrenzt ist. Momentan gibt es nur drei Routen im Grad 9b+ und eine 9c. Eine davon, Adam Ondras Route in Tschechien, ist nach Adams Aussage nicht besonders schön. Zwei davon sind in Flatanger, was mich nicht sonderlich reizt. Und eine ist La Dura Dura, wo du eine Riesenspannweite für einen Zug brauchst und ich nicht weiß, ob das für mich überhaupt geht. Und bei Erstbegehungen an der Grenze zwischen Möglich und Unmöglich ist es sehr, sehr schwierig, was zu finden, was dann genau 9b+ wird. Entweder sind die Routen unmöglich oder sie gehen, wie zuletzt in Kanada oder in Nassereith, dann doch schneller und sind leichter als erhofft.

Du bist dieses Jahr wieder ins Wettkampfgeschehen eingestiegen. Meinst du das ernst?
Natürlich meine ich das ernst! Ich werde im nächsten Jahr auf jeden Fall bei Weltcups starten, deshalb aber nicht auf das Felsklettern verzichten. Das Klettern draußen gibt mir viel Energie, die ich auch für das Wettkampfklettern nutzen kann. Wichtig ist für mich, die Sache nicht zu verbissen anzugehen, denn dann klettere ich nur schlechter.

Bio: Alex Megos

KL Alex Megos beim Dehnen
Thomas Ballenberger / Red Bull Contentpool
Alex Megos beim Dehnen.

Was haben Action Directe (9a, Frankenjura), Demencia Senil (9a+, Margalef), Biographie/Realization (9a+, Ceüse), Im Reich des Shogun (9a, Basler Jura), Coup de Grace (9a, Tessin) und Jaws II (9a+, Rumney, USA) gemeinsam? Alex Megos kletterte sie alle im dritten Versuch. Für den Klassiker La Rambla (9a+, Siurana) benötigte er sogar nur zwei Anläufe, und Estado Critico (9a, Siurana) und TCT (9a, Gravere, Italien) hakte er kurzerhand onsight ab. Dazu hat der 24-jährige Franke mit Supernova, First Round, First Minute und Fight Club drei 9b‘s auf dem Routenkonto, zwei davon als Erstbegehung.

Anak Verhoeven und ihre harte Erstbegehung

2017 war dein Jahr: erst Europameisterin im Lead und der Titel bei den World Games, dann als erste Frau eine 9a+ erstbegangen. Wie fühlt sich das an?
Für die beiden Titel bin ich sehr dankbar, auch weil diese Wettkämpfe ja nur alle zwei respektive vier Jahre stattfinden. Bei Wettkämpfen können kleinste Fehler den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren ausmachen. Draußen klettern ist eine komplett andere Geschichte. Du kannst dir den Fels und die Route aussuchen und bestimmst selbst, wann du einen Versuch startest. Es gibt kein Zeitlimit, kein Publikum, und der Wettbewerb findet nur zwischen dir und dem Fels statt.
 

KL Anak Verhoeven Sweet Neuf Pierrot Beach neu
Sebastien Richard
Anak Verhoeven bei der Erstbegehung von 'Sweet Neuf' (9a+).

Sweet neuf ist eine Verlängerung von Sang neuf, die du zwei Tage zuvor erstbegangen hast. Beschreib‘ bitte die Routen!
2016 habe ich Sang neuf drei Tage probiert, wegen schlechten Wetters musste ich dann abbrechen. Die Route ist überhängend mit technisch sehr anspruchsvoller Kletterei und schlechten Tritten. Die Crux kommt erst kurz vor der Kette: ein extremer Schulterzug, wo es volle Körperspannung braucht, um den Fuß hochzusetzen, dann folgt ein winziger Seitgriff und ein Dyno zu einem Slo­per. Diese letzten Züge fühlten sich anfangs so schwer an – ich fragte mich, ob ich die je hinbekommen würde, wenn ich den Rest der Route in den Armen habe. Meine Mutter hatte 2016 alle Sequenzen gefilmt, weshalb ich im September nur einen Tag gebraucht habe, bis ich jede Sequenz auswendig kannte. Am nächsten Tag habe ich Sang neuf (9a) im ersten Versuch gepunktet.

Damit hattest du aber noch nicht genug …
Sébastien Richard, ein Freund von mir und Local, schlug vor, dass ich versuchen solle, Sang neuf mit den verbleibenden 25 Metern von Home sweet home (8c/8c+) zu verbinden. Also habe ich diese 25 Meter mit ihren Deadpoint-Zügen an Crimps und Löchern sowie die Längenzüge am Ende ausgebouldert. Nach einem Ruhetag konnte ich dann erneut Sang neuf klettern. An der Umlenkung konnte ich mit Hilfe eines schlechten Knieklemmers meine Arme ein wenig ausschütteln. Ich war entschlossen, nicht aufzugeben. Als ich dann den Umlenker von Home sweet home geklippt hatte, war ich sehr glücklich. Ich hatte es tatsächlich geschafft!

Warum denkst du, dass Sweet neuf 9a+ ist?
Ich habe La Reina Mora (8c+/9a) im ersten Versuch geklettert. Einige denken, die Route sei 9a. 2016 ist mir die Erstbegehung von Ma belle ma muse gelungen. Die Locals waren sich sicher, dass die Route 9a sein würde. Ich habe sie mit hart 8c+ bewertet. Bisher hat sie erst zwei Wiederholungen, einer sagt „8c+/9a“, einer „soft 9a“. Direkt nach Ma belle ma muse habe ich Sang neuf probiert, und diese Route war deutlich härter. Alle Locals sind sich einig, dass sie 9a ist. Sweet neuf addiert den härtesten Teil von Home sweet home (8c/8c+), ohne Henkel oder gar No-Hand-Rest an der Kette von Sang neuf. Deshalb glaube ich, dass Sweet neuf 9a+ ist. Ich hoffe, dass andere Kletterer Sweet neuf versuchen und ihre Meinung äußern.

Der Slogan deiner Webseite ist: „Anak Verhoeven – Climbing for Jesus“. Wie verbindest du Klettern mit deinem Glauben?

Mein Glaube bedeutet mir so viel, dass ich ihn nicht getrennt von irgendetwas, das ich tue, sehen kann. Und da Klettern eine große Rolle in meinem Leben spielt, fällt es zwangsläufig mit meinem Glauben zusammen. Wenn ich eine Tänzerin oder Musikerin wäre, hätte ich genauso den Wunsch, alles, was ich tue, für den Ruhm Gottes zu tun.

Was sind deine nächsten Ziele? Wie sieht es mit Olympia 2020 in Tokio aus?
Den Rest der Saison werde ich mich auf die Lead Worldcups fokussieren. Ich hoffe, dass ich mich noch verbessern kann! Hinsichtlich Olympia habe ich mich aber entschieden, dass Tokio kein Ziel für mich ist. Ich bin immer eine Lead-Kletterin gewesen und so soll es auch bleiben!

Bio: Anak Verhoeven

KL Anak Verhoeven in Siurana
Sebastien Richard
Anak Verhoeven in Siurana

Früh übt sich! Anak Verhoeven klettert seit ihrem vierten Lebensjahr, mit Zehn bestritt sie ihre ersten Wettkämpfe. 13-jährig punktete die Belgierin ihre erste 8a, die erste 8c folgte mit 17. 2015 schaffte Anak mit Era Vella in Margalef ihre erste 9a. 2017 nun der nächste Schritt: Erst gewann sie im Juli den Europameister-Titel im Lead, kurz darauf folgte ihr Sieg bei den World Games. Im September gelang Anak die Erstbegehung von Sang neuf (9a) im Gebiet Pierrot Beach im Vercors, zwei Tage später dann auch die Erstbegehung der Verlängerung – Sweet neuf (9a+).

Nalle Hukkataival erweitert die Boulder-Skala

Zwar ohne Seil, aber dennoch erwähnenswert in der Reihe der bahnbrechenden Entwicklungen in Sachen Kletter-Schwierigkeit: Nalle Hukkataivals Begehung von Burden of Dreams im Herbst 2016.

Seit drei Jahren hatte sich der 30-jährige Finne am sogenannten Lappnor-Projekt bei Helsinki versucht. Die winzigen Leisten in einer 45 Grad überhängenden Wand zu halten, war selbst für Nalle, der zu den weltbesten Boulderern gehört, extrem schwierig: „Keine Tricks, nur rohe Kraft“, so beschrieb er die Züge.

Im Mai 2016 konnte er das Problem in zwei Teilen klettern, am 24. Oktober dann endlich an einem Stück: „Ich stehe auf dem Boulder und versuche zu verstehen, wie ich hierher gekommen bin. Die Gefühle überschlagen sich: Überraschung, Erleichterung, Glück, Verwirrung. Die Erstbegehung von Burden of Dreams markiert ein neues Level in meiner Kletterkarriere. Es gibt eine Reihe von 8C+ Bouldern auf der Welt. Die Bewertung 9A vorzuschlagen, erscheint mir daher logisch.“

Damit war der erste 9A-Boulder geboren. Mehr dazu im Video.

Nalle über 'Burden of Dreams' (Fb 9a)

Bio: Nalle Hukkataival

KL Nalle Hukkataival
La Sportiva
Nalle Hukkataival beim Bouldern auf Sardinien.

Mit 12 begann er zu klettern, mit 17 bestritt er seinen ersten Wettkampf. Mit 18 gewann er in Arco den Rock Master Wettkampf. Doch am Fels liegt seine eigentliche Passion. Er gehört zu den stärksten Boulderern der Welt, und hat unter anderem Wiederholungen von Gioia (Fb 8C+), The Island (Fb 8C) und Dreamtime (Fb 8B+) auf dem Konto. Seine Erstbegehungen sprechen ebenfalls für sich: Livin' Large (Fb 8C), The Finnish Line (Fb 8C/+) – beide in den Rocklands in Südafrika – und schließlich Burden of Dreams (Fb 9A) in Finnland.

Angela Eiter klettert als erste Frau 9b

Nachdem ich die Route Hades (9a) in Imst geklettert hatte, suchte ich nach einer neuen Herausforderung. Im Oktober 2015 stieß ich per Zufall auf La Planta de Shiva (9b) und begriff sofort, dass die Linie mein Ding ist. 2015 konnte ich sehr schnell den ersten Teil der Route, eine 8c, klettern. Darüber sah ich eine Linie mit kleinen Leisten und fragte mich, ob mir das Spaß machen würde. Mein Mann Bernie redete mir dann zu, es mal zu versuchen.

KL Angela Eiter klettert Planta de Shiva 9b
Javipec / Red Bull Contentpool
Angela Eiter klettert 'Planta de Shiva' (9b).

Spätestens als sich Jakob Schubert im Januar 2016 nach Adam Ondra die erste Wiederholung holte und La Planta// als seine bislang schwerste Linie bezeichnete, entschied ich mich, zunächst mal nur die zweite Länge zu probieren.

Ich konnte bald alle Einzelzüge klettern, aber anfangs meist nur zwei, drei Züge am Stück. Ich notierte mir die Bewegungen und die Einhängepositionen und baute die Züge in der Kletterhalle in Imst nach. So trainierte ich die körperliche Fitness und vor allem die Muskulatur an meiner 2008 operierten linken Schulter.

Während der Projektphase brachen zwei Griffe aus, ich verletzte mir den Ringfinger, bekam eine Sehnenscheidenentzündung und verletzte mich an der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Es gab einen Punkt, da war die Frustation so groß, dass ich dachte: „Ich muss diese Schönheit von Route leider aufgeben“. Aber irgendwann entschied ich, dass mir die Kletterei und jeder Versuch in der Route einfach Spaß machten. Und ich wollte sie wirklich klettern.

Ich begriff, dass mein Körper die Belastungen nicht aushielt. Ich reduzierte die Klettereinheiten auf vier pro Woche und machte die angeordneten Übungen und Therapien, bis sich mein Körper wieder kräftig und erholt anfühlte.

KL Angela Eiter klettert Planta de Shiva 9b
Javipec / Red Bull Contentpool
Abflug aus der 9b: Angy hat davon so einige hingelegt.

Die Erfolgsschlüssel, um die Route nun auch von unten probieren zu können, waren Timing und Glaube. Ich wusste, dass ich die winzigen Leisten nur bei niedrigen Temperaturen halten konnte. Meine Chancen begrenzten sich also auf wenige Tage mit je nur einem Versuch. Am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt die Leistung abzurufen, kannte ich aber schon vom Wettkampf.

Wenn man bedenkt, dass erst zwei der stärksten Männer diese Route geschafft haben, kann man sich vorstellen, an welche Grenzen ich mich gewagt habe. Die letzten Meter waren irre. Da war‘s bei jedem Zug so knapp, dass ich kurz vor dem Sturz war.

Mir haben die Wettkampftitel immer sehr viel gegeben. Aber dass ich noch diese Route knacke, die mir extreme Grenzen aufgezeigt hat, das war für mich wie ein Sieg bei einer Weltmeisterschaft.

Für mich ist Klettern kein geschlechtsspezifischer, sondern ein individueller Sport. Weil Klettern so komplex ist und es stark auf die eigenen Fähigkeiten und körperlichen Voraussetzungen ankommt. Die erste Frau weltweit zu sein, die eine 9b klettert, ist eine schöne Begleiterscheinung, aber das war nicht meine größte Motivation.

Mein Erfolg rührt zuerst daher, dass mich die Route so faszinierte. Zweitens, weil sie genau mein Stil ist. Es gibt leich­tere Routen, die nicht mein Stil sind und die ich nicht klettern kann. La Planta de Shiva passte genau zu mir.

Die Unterstützung durch meinen Mann und meinen Papa waren extrem wichtig. Ohne ihren Glauben an mich hätte ich die Route niemals klettern können. Ich brauchte jemanden an meiner Seite, der mich durch diesen Prozess unterstützte und begleitete.

Angy Eiter und 'La Planta de Shiva' (9b)

KL Angela EiterAngy Eiter with Manolo Del Castillo who bolted "Planta the Shiva". Villanueva del Rosario (Spain)
Javipec / Red Bull Contentpool
Angy Eiter mit Manolo Del Castillo, der "Planta the Shiva" in Villanueva del Rosario eingebohrt hat.

Zum ersten Mal probierte Angy Eiter La Planta de Shiva im Oktober 2015. Die Route liegt im Klettergebiet Villanueva del Rosario in Andalusien, Spanien. Angy hatte ein Video von Adam Ondra aus der Route gesehen, das ihr half, aber bei einigen sehr athletischen Zügen musste sie ihre eigene Lösung finden. Die erste Länge ist 8c. Die Verlängerung ist deutlich schwerer. Angy ist sich nicht sicher, wie sie für sich genommen bewertet wäre, aber sie fand sie deutlich härter als alles, was sie bis dato geklettert hatte. Insgesamt war Angy sieben Mal in Villanueva, bis es klappte.

Bio: Angy Eiter

KL-AL-Angela-Eiter-P-20120217-c-Holzknecht-91808_News
Elias Holzknecht / Red Bull Content Pool
Angela Eiter bei einem ihrer letzten internationalen Wettkämpfe, in Arco 2012.

Die aus Imst kommende Angela Eiter (geboren 1986) hat über viele Jahre die Weltspitze im Lead-Klettern dominiert. Sie wurde mehrfach Gesamtweltcup-Siegerin und vier Mal Weltmeisterin. Seit ihrem Rückzug aus dem Wettkampf-Geschehen konnte sie auch am Fels zeigen, was sie drauf hat. Ihr gelang Hades (9a) in Nassereith, Big Hammer (9a) in Pinswang und Era Vella in Margalef. Außerdem gelang ihr in Südafrika bereits ein 8A-Boulder im Flash.

Zur Startseite
Szene Szene Bouldern-Kalender Kletterkalender KLETTERN-Kalender 2020: hier ansehen

Die schönsten Kletter-Spots der Welt im neuen Wandkalender 'Best of...