Teil des
KL Tommy Caldwell Interview Font 2019 Hannah Bailey

Tommy Caldwell Interview

Er klettert mit 9 Fingern, hat die Dawn Wall bezwungen und hält mit Alex Honnold den Speedrekord an der Nose: Tommy Caldwell.

Die Dawn Wall machte ihn zum Star. Wir haben Tommy Caldwell in Fontainebleau getroffen und über sein Buch 'The Push' gesprochen.

Wie kamst du zum Klettern?
Mit dem Klettern habe ich schon sehr früh über meinen Dad angefangen. Er hat geklettert und hat mich mitgenommen, seit ich drei Jahre alt war. Damals war die Ausrüstung noch nicht so weit, doch sie wurde besser, und das Sportklettern entwickelte sich. Mein Vater war aufgeschlossen und verstand sofort, dass Bohrhaken die Entwicklung des Schwierigkeitskletterns voranbringen würden.

Das Sportklettern hat dich fasziniert...
Im Sportklettern war ich gut, besser als in der Schule (lacht). Ich war leicht und zäh und hielt einfach alles fest. So war ich bei den damals aufkommenden Wettkämpfen relativ erfolgreich, bis Chris Sharma auch antrat und immer gewann. Doch es reichte trotzdem, um mein Leben mit Reisen und Klettern zu finanzieren, auch wenn ich lange Zeit von nur rund 50 Dollar im Monat lebte.

Die Expedition nach Kirgistan 2000 war zwar als Klettertrip gedacht, endete aber dramatisch...
Wir waren dabei, die sogenannte Yellow Wall zu klettern, als wir von Rebellen entdeckt und als Geisel genommen wurden. Es wurden sechs Tage in Gefangenschaft, die wir mit unseren Kidnappern auf der Flucht verbrachten, mit kaum Essen oder Kleidung. Wir waren ziemlich verzweifelt, und es endete damit, dass ich unseren letzten verbliebenen Aufpasser einen Abhang hinabstürzte und wir zu einer Militärbasis fliehen konnten. Später erfuhr ich, dass der Kidnapper überlebt hatte, doch es war alles in allem sehr traumatisch.

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KL Tommy Caldwell Interview Font 2019
Hannah Bailey
Tommy Caldwell beim Interview in Fontainebleau.

Danach hast du dich ins Klettern gestürzt und warst sehr erfolgreich, bis du dir beim Heimwerken den linken Zeigefinger halb abgesägt hast. Wie ging es dann weiter?
Die Ärzte sagten zu mir: "Du solltest dir überlegen, was du jetzt aus deinem Leben machst". Doch im Nachhinein haben sich Rückschläge für mich als Motor erwiesen: Jetzt erst recht! Ich wollte es den Ärzten und auch mir beweisen. Eine Woche nach der letzen Operation war ich wieder klettern. Einen Monat später konnte ich fast wieder so schwer klettern wie vor dem Verlust des Fingers. Und ein halbes Jahr später kletterte ich schwerer als je zuvor.

Dir ist es gelungen, negative Erfahrungen in positive Entwicklungen zu verarbeiten. War es so auch mit der Trennung von Beth Rodden?
Die Verzweiflung nach der Trennung hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mir ein großes Projekt gesucht habe – größer als ich, sozusagen. Es gab da diese blanke Wand am El Capitan, und ich begann, alleine an den Sequenzen zu arbeiten, Züge auszubouldern und Passagen zu klettern. Ich begann, die Moves zu kartieren, und nach einem Jahr konnte ich alle Züge machen. Doch es war so schwer, dass ich dachte, das übersteigt meine Fähigkeiten. Und wir machten einen Film darüber, sozusagen für die nächste Generation. Und dann kam Kevin, als Vertreter der nächsten Generation. Er inspirierte mich, und wir bildeten ein Team.

... und der Rest ist Geschichte, die Dawn Wall wird dein Lebenswerk bleiben. Seitdem hast du mit Alex Honnold die Mutter aller Traversen erstbegangen und weitere Speedrekorde aufgestellt. Wie sieht denn ein normaler Tag für Tommy Caldwell aus?
Nicht sicher, was ein normaler Tag ist... ich besuche an die 50 Veranstaltungen im Jahr, bin also recht viel unterwegs. Ich versuche meist, morgens anzureisen, dann nachmittags in eine Kletterhalle in der Gegend zu gehen und dann kommt abends die Veranstaltung. Das wäre dann also seltsamerweise ein 'normaler Tag'. Zu Hause stehe ich oft früh um 4 oder 5 auf, arbeite oder klettere den halben Tag um dann um 1 oder 2 Uhr Zeit für meine Familie zu haben. Weil ich im Rocky Mountains Nationalpark lebe, kann ich easy morgens bouldern oder eine Skitour machen, ein kleines Abenteuer erleben und nachmittags wieder zu Hause sein.

Trainierst du nach Plan?
Nicht wirklich. Meine Fingerboard- und Campus-Sessions sind schon strukturiert, ansonsten trainiere ich nach Gefühl, da bin ich etwas old school. Ich mache meist das, was mich am meisten motiviert und Spaß macht. Wobei ich für die Dawn Wall etwas planmäßiger vorgegangen bin, habe eine Stopp-Uhr benutzt und auf meine Ernährung geachtet.

Wie hast du dich ernährt?
Ich habe keinen Zucker mehr gegessen und weniger Kohlehydrate, weniger Brot. Und ich habe versucht, mich ausgewogen zu ernähren mit viel Gemüse, ausreichend Eiweiß und so.

Wieviele Tage kletterst du?
Ich klettere so viel ich kann, aber das ist gar nicht so viel weil man ja noch andere Sachen machen muss, am Computer sitzen zum Beispiel. Wenn ich wie jetzt in Fontainebleau bin, klettere ich zwei Tage und mache dann einen Ruhetag. In der Dawn Wall-Vorbereitung habe ich 5,6 Tage die Woche geklettert. Das ist aber aber nicht dauerhaft machbar.

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Wo verbringst du deine Zeit am liebsten?
Es gibt eine Reihe von Orten, die sich aus der Klettersaison des jeweiligen Gebiets ergeben. Zum Freiklettern ist es im Yosemite im November, Dezember gut, dann El Chalten in Patagonia im Januar, Februar; dann vielleicht Sportklettern in Spanien im späteren Winter, eventuell Chamonix im Frühjahr und dann Fontainebleau. Ich würde auch gern noch entferntere Kletterziele ansteuern wie Baffin Island oder Grönland, da warten wahnsinnige Bigwalls. Aber das passt gerade nicht in mein Leben. Auch Pakistan wäre interessant, wäre es politisch etwas stabiler.

Aus deinem Buch 'The Push' lässt sich herauslesen, dass es dich inspiriert hat, der erste zu sein, der etwas schafft... was inspiriert dich heute?
Es war weniger wichtig, der erste zu sein, sondern eher, zu sehen, ob es möglich ist. Die Chance, etwas auszuprobieren, was noch niemand probiert hat, habe ich immer gern genutzt. Da ging es nicht darum, der erste zu sein, sondern derjenige zu sein, der es möglich macht.

Wer inspiriert dich?
Die Kletterer, von denen jeder inspiriert ist, weil sie die Grenzen des Möglichen verschieben. Adam Ondra. Und auch Alex Honnold, weil er seine Prioritäten setzt. Er nutzt seine Berühmtheit, um Gutes für die Welt zu tun, das beeindruckt mich.

In deinem Buch beschreibst du, wie du lernst, dir deine Energien einzuteilen, vor allem bei langen Routen und großen Projekten. Wie geht das?
Das hängt natürlich mit viel Erfahrung zusammen. Du kannst dir Kletterpassagen sehr schwer machen, wenn du angespannt und verkrampft kletterst, oder leichter, wenn du technisch sauber und entspannt unterwegs bist. Da hilft es, wenn man es schon in den ersten Seillängen schafft, die Anspannung hinter sich zu lassen und sauber und relaxed zu klettern. Bei Wettkämpfen ist mir das nie so gut gelungen. Aber an Bigwalls habe ich das gut gelernt, in den Flow zu kommen.

KL Tommy Caldwell Interview Font 2019
Hannah Bailey
Tommy Caldwell in Fontainebleau 2019.

Du gehörst zur ersten Generation Sportkletterer, hast also schon viele Bohrhaken geklippt. An Bigwalls geht es ums große Abenteuer. Wie stehst du zu Bohrhaken und dem Abenteuer-Aspekt beim Klettern?
Ich glaube die Welt ist groß genug für alle. Es gibt genügend Klettereien, bei denen man Risiko eingehen muss, und genügend, die recht sicher sind. Ich finde, beides hat seine Berechtigung. Ich finde gut, dass es beides gibt und speziell jetzt als Vater finde ich gut, dass ich nicht mein Leben riskieren muss, wenn ich klettern gehe.

Was willst du deinen Kindern mitgeben?
Ich möchte, dass sie ihre Träume leben. Ich möchte, dass sie ihren eigenen Weg gehen, eigene Ziele entwickeln, und sie zu verfolgen vielleicht wichtiger ist als sie zu erreichen. Ich möchte, dass sie draußen sind und dass glücklich und zufrieden mit ihrem Leben sind. Ich versuche, sie nicht zu verwöhnen. Und ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Dein Buch 'The Push' ist ein sehr persönliches Buch...
Ja. Das war definitiv auch eine Art Therapie. Nach der Dawn Wall gab es auf einmal großes Interesse und ich wusste, dass ich irgendwann ein Buch schreiben wollte. Also ging ich ans Werk und schrieb ungefähr ein Jahr daran. Ich habe es nicht geschrieben, um eine Story rauszuhauen. Ich habe es geschrieben, um die Dinge für mich zu klären, es hat definitiv was von einem therapeutischen Experiment.

Danke Tommy!

The Push von Tommy Caldwell

KL Tommy Caldwell The Push Buch Deutsch
Malik Verlag
Tommy Caldwell The Push Buch Deutsch

€ 22,00 , € 22,70
Erschienen am 01.03.2018
Übersetzt von: Ulrike Frey, Edigna Hackelsberger
448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-89029-499-5

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