KL Klettern in der Kletterhalle Ralph Stöhr

Unfälle beim Hallenklettern - Gründe, Konsequenzen, Gegenmittel?

Risiko in Kletterhallen

Geht es in Deutschlands Kletterhallen drunter und drüber? In Stuttgart ereignete sich der vierte schwere Bodensturz in einem Jahr, auch in anderen Hallen kam es im letzten Jahr zu schweren Unfällen.

Der letzte Einschlag passierte am 5. März 2009 kurz vor 20:00 Uhr. Im Stuttgarter Kletterzentrum wurde ein Kletterer nach dem Durchstieg einer Route abgelassen. Ungefähr von der halben Wandhöhe aus – das sind 7 bis 8 Meter – fiel er ungebremst, streifte seinen Sichernden und stürzte erst mit dem Gesäß, dann dem Rücken und schließlich dem Kopf auf den Betonboden. Ein Platzwunde am Kopf war die offensichtlichste und blutige Folge.

Da der Verunfallte aber über dumpfen Rückenschmerz klagte, wurde er von den anrückenden Sanitätern auf einer Trage stabilisiert und zur weiteren Untersuchung und Behandlung ins Krankenhaus gebracht. Weitere offenkundige Verletzungen trug er nicht davon, womit der Unfall noch relativ glimpflich verlief. Der Sichernde erlitt einen Schock und musste ebenfalls ärztlich betreut werden.

Was war passiert?

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Die Halbmastwurf-Sicherung (HMS) Wird vom Alpenverein als erste Sicherungsmethode unterrichtet.

Was war passiert? Ganz genau weiß man es noch nicht, doch die Umstände sprechen für einen Sicherungsfehler. Der Sichernde war wohl ein absoluter Neuling und rund 20 Kilo leichter als der Verunfallte. Gesichert und abgelassen hat er mit der Halbmastwurf-Sicherung HMS (ohne Hintersicherung durch eine zweite Person am Bremsseil). Ob der HMS-Knoten korrekt eingelegt war, ist nicht bekannt. Jedenfalls konnte der Sichernde den Verunfallten ab der halben Wandhöhe beim Ablassen nicht mehr halten. Er erlitt Verbrennungen an den Händen vom durchlaufenden Seil.

Die Unfallursachen

In der Ausgabe 4/09 von klettern gehen wir auf Unfälle in Kletterhallen ein. Der neue Unfall scheint den dort beschriebenen Trend fortzusetzen, nämlich dass bereits 2007 mehr Unfälle in Kletterhallen registriert wurden als zuvor. Diese Statistik erstellte der Kletterhallenverband Klever, in dem viele Nicht-DAV-Hallen organisiert sind. Danach kam es in den an der Befragung teilnehmenden Hallen 2007 zu 35 „großen“ und „größten“ Verletzungen: 17 mal durch Fehler des Kletterers, 17 mal durch Fehler des Sicherungspartners, einmal durch technisches Versagen der Kletterhalle. Der DAV führt für seine Kletterhallen bisher leider keine solche Statistik. Wir haben deshalb bei Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport, Sportentwicklung und Sicherheitsforschung beim DAV, direkt nachgehakt. Den Trend zu vermehrten Unfällen will er im Interview allerdings nicht bestätigen.

Zwei offensichtliche Fragen

Frage 1: Ist das Klettern in Stuttgart besonders gefährlich?

Das Kletterzentrum in Stuttgart ist gut drei Jahre alt und entspricht in der Ausstattung dem Stand der Technik. Die Art der Zulassung zum Klettern – Erstbesucher unterschreiben ein Blatt, auf dem sie bescheinigen, dass sie die Sicherungstechnik beherrschen; andernfalls ist ein Kurs zu besuchen – entspricht dem in den meisten Hallen üblichen Prozedere. Ich kenne aus persönlicher Erfahrung viele andere Hallen in Deutschland und in Österreich, und die Stuttgarter Halle ist hier mindestens so gut ausgestattet wie andere. Sie ist auch ebenso voll und laut wie andere Hallen in Großstädten zu Stoßzeiten eben sind. Betriebsleitung und Team sind engagiert, die Sicherheitshinweise des DAV hängen aus, es sind hier keine Mängel festzustellen. Das Klettern in Stuttgart ist nicht besonders gefährlich. Es ist so gefährlich, wie in den meisten Hallen Deutschlands und anderer Länder. Insofern müssen wir entweder davon ausgehen, dass es sich um eine zufällige statistische Häufung von Unfällen handelt, oder dass wir (als in Stuttgart ansässige klettern-Redaktion) hier einfach besser mitbekommen, was läuft, als von anderen Hallen.

KL-Unfa-Einbinden (jpg)
Potenzielle Fehlerquelle: Der Einbindeknoten, der den Kletterer mit dem Seil verbinden soll.
KL Aktion sicher Klettern vom DAV
Ralph Stöhr
Die Aktion Sicher Klettern vom DAV soll die Hallenkletterer sensibilisieren.

Frage 2: Werden von den Betreibern (und dem DAV) genügend Maßnahmen ergriffen, um die Unfallzahlen soweit möglich zu reduzieren und die Unfallfolgen zu minimieren?

Ob alle Maßnahmen ergriffen werden, die zur Unfallvermeidung und Folgeminimierung möglich sind, ist naturgemäß eine strittige Frage. Man kann immer mehr tun, doch ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage, über die auch Experten streiten. Der DAV bemüht sich derzeit mit der „Aktion sicher klettern“ und der besonderen Betonung des Partnerchecks um mehr Sicherheit beim Hallenpublikum. Es sind aber noch viele weitere Schritte denkbar.

Reicht eine Unterschrift?

Vielerorts ist es üblich, dass Erstbesucher einer Halle ein Papier ausfüllen, auf dem sie sich selbst die ausreichende Beherrschung der Sicherungstechniken bestätigen, und dann losklettern dürfen. In vielen Hallen in England und den USA ist es üblich, dass wer erstmals zum Klettern kommt, vor dem Hallenpersonal vorführen muss, dass er Einbinden, Sichern, Expressen klippen und Ablassen beherrscht. Im Glasgow Climbing Centre musste ich diesen Test bei zwei Besuchen innerhalb einer Woche zweimal machen – nur wer Jahresmitglied wird, umgeht dort solche Folgetests.

KL-Unfa-Sichern (jpg)
"Sicherst du mich?" - "Ich kann's ja mal versuchen."

Im Sichern alles andere als kompetent

Auch wenn aus Betreibersicht die Haftungsfrage mit dem Ausfüllen eines Formulars erledigt ist, kann man sich fragen, ob dies ausreicht. In den Kletterhallen sind viele Anfänger unterwegs, die in Sachen Sichern alles andere als kompetent sind. Das darf bei einem solchen Gefahrenpotenzial wie beim Klettern nicht sein.

Unlängst sprachen mich drei Jugendliche in der Stuttgarter Kletterhalle an, ob ich ihnen noch einmal kurz den HMS-Knoten zeigen könne, dann würden sie alleine zurechtkommen. Die drei hatten wohl einen Kurs gemacht, aber schon wieder vergessen, wie es geht. Ich habe ihnen nicht geholfen, sondern sie an das Hallenpersonal verwiesen, weil ich der Meinung bin, dass man mit einem solchen Halbwissen nicht als selbständiges Kletterteam unterwegs sein sollte. Meine Frau unterrichtet Klettern an einer Schule, und auch von ihr weiß ich, dass erstaunlich viele – auch Lehrer, die eine Kletterausbildung gemacht haben, und Eltern – in Sachen Sichern nicht wirklich firm sind, aber sichern.

Über kurz oder lang wird die Entwicklung wohl zur Kletterscheinpflicht in Hallen führen. Das geht uns als langjährigen Kletterern im Grundsatz ebenso gegen den Strich wie dem DAV oder vielen privaten Kletterhallenbetreibern – wir sind es gewohnt, dass Klettern ein Sport ohne feste Regeln ist, dass in den Bergen die Freiheit wohnt.

Doch die Hallen sind alles andere als die Berge. Es sind vertikale Fitnesszentren, und die Frage ist, wieviele Unfälle sich diese Fitnesszentren leisten können und wollen.

Schluss mit der Freiheit?

Wobei dem DAV und allen Kletterern klar sein muss: Kommt eine Kletterscheinpflicht für Hallen, wird sie möglicherweise auch beim Draußenklettern ein Thema werden. Nicht weil die Kletterer das wollen. Aber wenn Versicherungen und Gerichte einmal mitbekommen haben, dass es eine nachweisbare Qualifikation gibt, dann werden sie diese eventuell auch bei Kletterunfällen in den Bergen als Entscheidungskriterium heranziehen. Irgendwann könnte dann auch in den Bergen Schluss sein mit der Freiheit.

Wobei auch ein Kletterschein gegen Flüchtigkeitsfehler, wie sie selbst erfahrenen Kletterern unterlaufen können, nicht hilft.

Mögliche Maßnahmen: Sicherungspatrouille & Mattenboden

Es ist in vielen Hallen in mehr oder minder großem Umfang schon üblich, aber keineswegs überall Standard: Während des Betriebs gehen Angehörige des Hallenpersonals auf „Patrouille“, schauen den Kletterern ein wenig auf die Finger und geben Hinweise auf korrektes Sicherungsverhalten. In der größten Kletterhalle in Boulder, Colorado (USA), sind zu Stoßzeiten im Winter eigens abgestellte Leute des „Security Staff“ unterwegs, die ausschließlich dazu da sind, die Leute an ihre Sicherungspflichten zu erinnern – oder ihnen zu korrektem Sichern zu verhelfen, um es ganz positiv auszudrücken.

KL Vera klippt
Jonathan Groß
Objektiv ist Klettern in der Halle sicher: Die Positionen zum Klippen beispielsweise sind meist besser als draußen.

Bademeister für die Kletterhalle

Vermutlich kein besonders dankbarer Job, zumindest nicht bei uns, wo auch eine freundliche Einmischung oft eher unwillig aufgenommen wird. Aber es hilft sicher (und das nicht nur bei Einsteigern, sondern auch bei erfahrenen Klettern), die Konzentration stärker aufs Sichern zu lenken als aufs Reden und Anderen-Zuschauen. Zumindest ist eine personelle Präsenz wirkungsvoller als Poster und Schilder, die man beim zweiten Besuch schon nicht mehr wahrnimmt.

Über eines muss man sich aber im klaren sein: Auch solche „Klettermeister“ können nicht alle Unfälle verhindern. Einem Bademeister, bleiben im Zweifel ein bis zwei Minuten, um eine abgetauchte Person zu retten. Beim Klettern passiert ein Fehler, und schon ist es zu spät.

Unfallfolgen entschärfen

Wenn alle organisatorischen Maßnahmen nichts geholfen haben, und der Sturz auf den Boden – in aller Regel ja die gefährlichste Situation beim Klettern in der Halle – doch erfolgt, dann könnten vielleicht technische Maßnahmen greifen. In den USA sind die Hallen mit Matten ausgelegt, ebenso die Halle in Glasgow, Schottland. Diese Matten sind etwas dünner und härter als die in Boulderbereichen üblichen Weichbodenmatten. Bei Stürzen aus großer Höhe können auch sie Verletzungen kaum verhindern, doch viele Stürze aus mittlerer und geringer Höhe könnten mit Matten glimpflicher verlaufen. Es ist doch ein Unterschied, ob der Kopf auf einen Betonboden oder auf eine Matte knallt.

Doch ganz so einfach ist es wohl nicht. Sicherheitsfachmann Chris Semmel vom DAV verwies darauf, dass - statistisch gesehen - in Hallen mit Matten mehr Unfälle passierten als in solchen ohne. Eine mögliche Erklärung: Ähnlich wie mit ABS und ESP beim Auto führt eine bessere Sicherheitsausstattung (Mattenboden) dazu, dass die Kletterer risikobereiter werden, weil sie sich sicherer fühlen.

Wir können diese Argumentation nur zum Teil nachvollziehen. Erstens wären wir dann ja sicherer unterwegs, wenn wir uns nicht anschnallen, zweitens müssten wir im Umkehrschluss über Nagelbetten klettern. Dann wären wir besonders vorsichtig. Ich bin mir nicht sicher, ob das im Sinne des „betreuten Massenkletterns“, wie es in einer Halle ja stattfindet, der Weisheit letzter Schluss ist. Rein nach Gefühl denke ich, viele Unfälle wären harmloser ausgegangen, wenn eine Matte vorhanden gewesen wäre. Eines können aber auch Matten nicht verhindern: Dass ein Kletterer auf einen anderen fällt.

Zu viele Sicherungsmethoden?

Derzeit wird – nicht nur in Hallen, überall beim Klettern – mit vielen unterschiedlichen Sicherungsmethoden und -geräten gesichert, dazu werden Seile aller möglichen Dicken und Oberflächenbeschaffenheiten verwendet. Während die Klettergurte sich zumindest sehr weitgehend ähneln, funktionieren die Sicherungsgeräte teils sehr unterschiedlich. Und sie bedienen sich mit neuen, dünnen Seilen ganz anders als mit älteren, aufgepelzten oder mit dickeren Seilen.

KL Hallenklettern
Ralph Stöhr
Hallenklettern: Mehr Training als Abenteuer.

Müssen Hallenkletterer die HMS-Sicherung lernen?

Jedes neue Sicherungsgerät erweitert diese Spektrum noch einmal. Der Wechsel zwischen Geräten und Methoden (und manchmal auch Seilen) stellt ein weiteres Risiko dar. Auch wenn man die Entwicklung neuer Geräte aus grundsätzlichen Überlegungen nicht einschränken will, ist doch die Frage gestattet, ob das alles im Hallenumfeld sinnvoll ist. Müssen Hallenkletterer die HMS-Sicherung lernen?

Ich stelle sie heraus, weil sie Standard in den Alpenvereins-Kursen ist – und aber von sehr vielen Anwendern anfangs nur schwer gelernt wird, mit dem 1-2-3-Umgreifen, dem Einlegen des Knotens, dem Hochhalten der Bremshand etc. Warum nicht gleich mit Tubes? Oder einem Halbautomaten? Wieviele Unfälle wären verhindert worden, hätte der Sicherer ein Grigri, Cinch, Eddy oder ähnliches verwendet?

Hallenklettern ist nicht Bergsteigen

Mir ist klar, dass diese Fragen sehr weit gehen – und sich dabei weit von den Wurzeln des Kletterns entfernen. Eigenverantwortung, Beherrschen der Sicherungstechnik, Kennen der Risikofaktoren und der eigenen Grenzen sowie entsprechend angemessenes Verhalten, das sind einige der Eckpfeiler des klassischen Kletterns, die natürlich immer noch ihre Berechtigung haben. Wenn alles richtig gemacht wird, ist Hallenklettern auch ein sicherer und schöner Sport. Und ganz klar ist auch, dass sich auch mit allen denkbaren Maßnahmen nicht alle Kletterunfälle verhindern lassen.

Trotzdem scheint es uns nötig, die Diskussion darüber, was der Massensport Hallenklettern verändert und erfordert, etwas offensiver zu führen als dies derzeit auch vom DAV getan wird. Hallenklettern ist nicht Bergsteigen. Es ist etwas anderes.

Wenn es – nur eine theoretische Überlegung für die Zukunft – der Sicherheit in den Hallen dient, dass Klettergurte mit Steckverschluss mit dem Seil verbunden werden, dann ist darüber nachzudenken. Notwendig wird dabei zukünftig auch sein, den Übergang und die Grenzen zwischen Drinnenklettern und Draußenklettern zu definieren. Nicht alles, was draußen gilt, muss drinnen gelten. Und vor allem muss nicht alles, was drinnen gilt, draußen gelten.

Wir wollen Eure Meinung hören! Wie könnte man die Sicherheit in Hallen erhöhen? Oder muss man das gar nicht?

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