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Sichern mit 2Handsensor

Neues Sicherungskonzept aus der Schweiz

Nach der Gaswerkmethode nun der Zweihandsensor: Der Schweizer Sicherheitsexperte Walter Britschgi stellt ein neues Sicherungskonzept vor.

Walter Britschgi: Sichern mit dem 2HandSensor

Nebelzone der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit in die Hände nehmen, Sensorhand – mit einer Reihe von frischen Schlag­worten kommt die „neue Gaswerkmethode“ aus Zürich daher. Das Grundprinzip ist aber laut Sicherheitsexperte Walter Britschgi relativ einfach und schnell zu lernen.

Interview mit Walter Britschgi

Walter Britschgi, Jahrgang 1957, ist Leiter des Sicherheitsteams der Kletterzentrum Gaswerk AG in Zürich

Walter, wie seid ihr auf die Idee des 2Handsensors gekommen?
Unser Team und ich haben tausende Sichernde beobachtet. Dabei fiel uns auf, dass sich bei vielen kleine Fehler eingeschlichen hatten, derer sie sich gar nicht bewusst waren. Deshalb sagen wir, dass das Sichern in einer Nebelzone der Wahrnehmung stattfindet. Niemand macht absichtlich Fehler. Nachlässigkeit ist eine Folge des Trugschlusses, man mache alles korrekt.

Was ist der Vorteil eurer Sicherungsmethode?
Zum einen die Konzentration auf die Hände, die ihre Aufgabe auch unbewusst richtig erledigen, wenn man die Methode einmal eingeschliffen hat. Zum anderen ist sie schnell zu verstehen und einfach zu lernen und zu lehren. Und das Grundprinzip gilt für alle Geräte. Es gibt viele andere, teils ergänzende Konzepte wie zum Beispiel hundertprozentige Aufmerksamkeit beim Sichern. Aber das funktioniert nicht, niemand kann in einer vollen Halle immer 100 Prozent aufmerksam sein. Geschulte Hände können das aber.

Wir habt ihr geprüft, ob der 2Handsensor funktioniert?
Wir haben tagelang Sturzversuche gemacht. Solange eine Hand klemmt, während die andere tunnelt, konnten wir jeden Sturz halten, und das unabhängig vom Gerät und der Bremshandposition. Zudem sehen wir bei Kursen und auch bei erfahrenen Sicherern, dass sie unser Konzept gut umsetzen können.

Walter Britschgi erklärt den 2Handsensor im Detail

Beim Sichern richten wir die Aufmerksamkeit in der Regel auf den Kletternden – was die Hände mit dem Seil und dem Sicherungsgerät tun, findet dagegen in einer Art “Nebelzone der Wahrnehmung„ statt. Auch unter den Vorsichtigen finden sich deshalb welche, denen ihre Fehler beim Sichern gar nicht bewusst sind. Oft ist es nur ein fehlerhaftes Detail, das bei jeder Sicherungsbewegung wiederkehrt.
Ein Sturz kann nur durch den rechtzeitigen Zugriff der Bremshand gehalten werden. Dieses Zupacken muss aber auch dann gewährleistet sein,

  • wenn der Sichernde gerade mal nicht hochschaut
  • wenn der Kletternde außer Sichtweite ist
  • wenn die Bremshand tunnelt
  • wenn die Sensorhand tunnelt
  • wenn der Sichernde mit den Gedanken woanders ist
  • wenn der Sichernde abgelenkt ist
  • wenn der Sichernde mit dem Nachbar im Gespräch ist (wobei Letzteres nicht als Freibrief zu verstehen ist).

Gesucht ist also ein Konzept, das eine höhere Zuverlässigkeit aufweist als die bisherigen Attribute: volle Aufmerksamkeit, Bremshandprinzip und korrekte Handposition.

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Ralph Stöhr
Das Grundprinzip des 2Handsensors basiert darauf, dass immer nur eine Hand tunneln darf, die andere klemmt. Während die Bremshand in Bild 1 tunnelt (= leicht geöffnet am Seil entlangfährt), muss die Sensorhand das Seil sensitiv und mit leichtem Klemmdruck festhalten, sozusagen auf der Lauer liegend. So kann eine Sturzbelastung verlässlich erkannt und gleichzeitig von einem schnellen Seilklipp-Versuch unterschieden werden. Tunnelt die Sensorhand (Bild 2), muss die Bremshand „aufmerksam sein“.

Die Aufmerksamkeit in die Hände nehmen

Betrachten wir einmal obigen Anforderungskatalog aus der Sicht unserer Hände. Dabei setzen wir den Fokus auf die Leistungsfähigkeit unseres Tastsinns. Wenn wir das Seil richtig in den Händen halten, senden die Nervenimpulse bei einer unerwarteten Zugbelastung eine Meldung von der Hand an die Zentrale. Fast zeitgleich geht von dort der Befehl zum Zugriff zurück an beide Hände. Das Bewusstsein bekommt dies erst etwas später mit. Beide Hände arbeiten im Team und halten die Kontaktstelle zum Seil und Kletterpartner permanent aufrecht. Daher der Name: 2Handsensor.

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Ralph Stöhr
Sicherheitsexperte Walter Britschgi zeigt die Grundhaltung, die sich für alle Geräte eignet. Diese Grundhaltung beinhaltet: kein Schlappseil zwischen Hand und Gerät und kein Schlappseil zwischen Hand und Kletterer (auf Fühlung sichern). Die seitliche Lage der Sensorhand dient dem rechtzeitigen Erkennen einer Seilausgabe und bei Bedarf als erste, dosierte Bremsstufe beim Halten eines Sturzes. Daraufhin folgt stufenlos die zweite Bremsstufe in Form einer körperdynamischen Bewegung. Bei Tubes und HMS kann auch eine gerätedynamische Bewegung als zweite Bremsstufe wirken.

Funktion des 2Handsensor

Beide Hände klemmen leicht das Seil, wenn sie gerade nichts zu tun haben. Sobald die eine Hand tunneln muss – egal welche –, bleibt die andere in der Klemmhaltung. Beim 2Hand­sensor handelt es sich also um eine wechselseitige Bereitschaftshaltung der Bremshand und der Sensorhand. Eine der beiden Hände ist immer aufmerksam und bietet dadurch eine permanente Verbindung mit dem Kletternden. Eine Dauerbereitschaft, die funktioniert, trotz Ablenkungen durch visuelle und akustische Umweltreize. Einfach deshalb, weil der Tastsinn, der blind und gehörlos ist, nicht abgelenkt werden kann.

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Ralph Stöhr
Bei Grigri und Smart entriegelt die Bremshand den Blockiermechanismus, während die Sensorhand eilig Seil ausgibt (Bild 1). Danach folgt die Rückführung der Sensorhand, um erneut Seil zu holen. Exakt in diesem Moment muss die Bremshand vorsorglich klemmen (Bild 2). In der Lernphase kann und soll diese Handlung deutlich betont werden.

Grundhaltung Vorstiegsicherung

Die Bereitschaftshaltung funktioniert, indem ein Knick im Verlauf des Seils eingenommen wird (siehe Bild unten). Die Angewöhnung dieser Haltung gestaltet sich anfangs etwas schwierig, weil sie nach jeder Seilausgabe immer wieder erneut eingenommen werden sollte. Es wird etwas dauern, bis es zur Gewohnheit werden wird. Achtung: Kein Schlappseil!

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Manche denken, das Bremshandprinzip sei eingehalten, solange Finger und Daumen das Seil irgendwie umschließen. Doch die lockere Handhaltung (Bild 1) ist zu wenig. Beim 2Handsensor muss immer eine Hand klemmen. Ungefähr so stark, dass das Seil, mit zwei Fingern der anderen Hand gehalten, nicht durchgezogen werden kann (Bild 2).

Die schnelle Seilausgabe

Dies ist der schwierigste Teilbereich des Sicherns, bei allen Geräten. Es darf jeweils nur eine Hand tunneln, die andere klemmt das Seil. Eine exakte Ausführung ist zwingend notwendig, denn gleichzeitiges Tunneln ist immer zu vermeiden. Besonders gefährlich ist es bei dynamischen Geräten (Tubes). Eine Sturzbelastung wird zeitverzögert wahrgenommen, sobald zusätzlich ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine Fehlinterpretation vorliegt (wenn zum Beispiel der Vorsteigende das Seil in die Hand nimmt und springt statt klippt).

Übung zum Erlernen des 2Handsensors

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Ralph Stöhr
Beim „Glöckner von Notre Dame“ wird das Seil in die ersten zwei Exen eingehängt (Bild 1). Der Sichernde steht direkt darunter, der Helfer zieht hinter ihm einmal das Seil bis zum Boden, während der Sichernde schnell Seil ausgibt (Bild 2). Auf korrekte Ausführung achten!
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