KL Lawine Zinal Schweiz Zacharie Grossen (CC-BY-SA-3.0)

Lawinen

Lawinen-Experte im Interview

Der Alltag eines Lawinenwarners: Dr. Bernhard Zenke über Lawinen, Warnsysteme und Risiken in den Bergen.

Dieses Interview stammt aus dem Buch Am Berg. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden (Info siehe unten) – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags millemari.

Interview mit Dr. Bernhard Zenke

Herr Zenke, fast 30 Jahre waren Sie der Mann, der in den Wintermonaten den täglichen Lawinenlagebericht herausgab. Wie sieht der Berufsalltag eines Lawinenwarners aus?
Bernhard Zenke:
Auch ein Lawinenwarner arbeitet vorwiegend am Schreibtisch. Nicht anders als die meisten. Mein Bürotag begann nur sehr früh, gegen 05:30 Uhr. Meist habe ich hier in Murnau um 04:00 Uhr morgens das Haus verlassen, um in der Lawinenwarnzentrale in München pünktlich die Lawinenlage zu bewerten. Das heißt: Wettervorhersagen studieren, Messdaten analysieren und Meldungen von Beobachtern auswerten und das Ergebnis letztlich zu Papier zu bringen beziehungsweise ins Internet zu stellen. Wir waren zu meiner Zeit drei Lawinenwarner und wechselten uns wochenweise ab.

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Snodale (Public Domain)
Übungseinsatz mit Detektor in Colorado, USA.

Wie wird man Lawinenwarner?
Bernhard Zenke:
Ich bin eigentlich Diplom-Forstwirt und habe mich in den 1980er-Jahren mit Bodenerosion beschäftigt. Daraus entstand meine Promotion über Lawinengeschwindigkeiten und -reichweiten. Inwieweit kann der Wald Lawinen aufhalten? Und wie entwickelt sich das Lawinengeschehen, wenn die Bergwälder lückiger werden, was in den 80ern im Rahmen der Waldsterbendiskussion große Sorge bereitete.

Wann sollte das eigene innere Warnsystem eines Tourengehers anspringen?
Bernhard Zenke:
Sehr früh. Bereits bei der Auswahl des Tourenziels. Eine sorgfältige Tourenplanung, das Wissen um die Geländesituation, die Hangneigungen, die einen erwarten, und vor allem der Abgleich mit dem aktuellen Lawinenlagebericht sind die Voraussetzung für eine risikoarme Tour. Fatalerweise liegt manche Ursache für einen Unfall in der Art begründet, mit der wir uns verabreden: „Am Samstag in drei Wochen gehen wir da und da hin.“ Häufig ist genau dieses starre Festhalten an einer Verabredung, das „Durchziehen“, Ursache für Unglücke, bei denen Menschen zu Schaden kommen.

Kann man heute noch sagen, man wird von einer Lawine überrascht?
Bernhard Zenke:
Klar kann man überrascht sein: Wenn man unbedarft unterwegs ist und sich nicht mit der Materie beschäftigt. Wenn man sich mit der Lawinenlage auseinandersetzt, dann sollte man das Risiko kennen und was es bedeutet, in einem entsprechenden Hang unterwegs zu sein. Jemand, der den aktuellen Lawinenwarnbericht kennt, das Gelände beurteilen kann und sich mit der aktuellen Schneedecke beschäftigt, wird nur schwerlich überrascht.

Was verursacht Lawinen?
Bernhard Zenke:
Lawinen sind lokale Ereignisse, die von der Schneedeckenentwicklung abhängen. Der Schneedeckenaufbau ist wiederum eine Folge von Wettererscheinungen: Neuschnee, Wind, Lufttemperatur, Sonneneinstahlung und nächtliche Abkühlungen sind Faktoren, die die Schneedecke und letztlich das Lawinengeschehen beeinflussen. Große Neuschneemengen oder starke Erwärmung können beispielsweise zur Selbstauslösung von Lawinen führen. Die meisten Opfer kommen allerdings ums Leben in Lawinen, die sie selber auslösen. Das sind fast immer sogenannte Schneebrettlawinen, die sich bei Belastung als Schneetafeln auf einer instabilen Zwischenschicht in der Schneedecke lösen.

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Ilan Adler (Public Domain)
Lawine am Mount Everest.

Wieviel weiß man über Lawinen wirklich?
Bernhard Zenke:
Ein Physiker sagte einmal: „Schnee ist eines der kompliziertesten Materialien, mit denen wir zu tun haben.“ Um null Grad Celsius ändert Schnee seine Eigenschaften ganz massiv. Es ist oft schwer vorhersehbar, welche Wirkung schon eine geringe Temperaturänderung auf die Eigenschaften einer Schneedecke hat. Und wenn wir in die Schneedecke hineingraben, um sie zu studieren, ist es schon nicht mehr das unberührte System, das es noch Minuten vorher war. Das macht die Lawinenforschung so schwierig. Was den eigentlichen Auslöser, die Schneedecke angeht, so hat sich zum Wissensstand von vor 20 Jahren wenig geändert. Heute kann man mit Modellen und entsprechender Computerunterstützung Prozesse in der Schneedecke simulieren und Entwicklungen nachvollziehen. Doch im Endeffekt belegt die Forschung heute wissenschaftlich fundiert das, was Lawinenforscher vor 30 bis 40 Jahren durch intensive Beobachtungen der Natur bereits erkannten.

Die wichtigsten Regeln für Tourengeher und Skifahrer abseits gesicherter Pisten?
Bernhard Zenke:
Die wichtigste Regel ist simpel: sich vorher informieren. Sich Gedanken machen über sein Ziel oder die geplante Abfahrt. Wie schaut die Lawinenlage für mein Gebiet aus? Aus dem Lawinenbericht ersehen: Wo habe ich kritische Bereiche? Höhenlagen? Hangrichtungen? Dann checken: Führt meine Tour in solche kritischen Bereiche? Kann ich sie umgehen? Die Planung bereits im Vorfeld ist wichtig, um letztlich auch Alternativen zu suchen.

Der größte Fehler?
Bernhard Zenke:
Die Lawinengefahr nicht ernst zu nehmen. Lawinen sind eine tödliche Gefahr. Das Frustrierende für Bergretter beim Lawineneinsatz ist, dass sie so oft nur noch Tote bergen können. Sie kommen in aller Regel zu spät. Statistisch sterben zwei Drittel aller Verschütteten in den ersten 30 Minuten durch Ersticken. Ursachen sind verlegte Atemwege oder ein einzementierter Brustkorb. Selbst wenn alles optimal läuft, kommt die Bergrettung fast immer zu spät.

Was kann man tun?
Bernhard Zenke:
Bei einem Lawinenunfall ist Kameradenhilfe das A und O: Die Möglichkeit, sich sofort zu finden. Das bedeutet, dass jeder, der auf eine Skitour geht, richtig ausgerüstet ist. Dass jeder ein eingeschaltetes LVS am Körper trägt, also ein Lawinenverschütteten-Suchgerät. Mit dabei sollte eine Lawinensonde sein. Und die Schaufel. Ein modernes LVS kostet 200 bis 400 Euro, eine gute Schaufel etwa 70 Euro, eine Sonde 40 Euro. Alles in allem kostet eine Ausstattung, die im Ernstfall Leben retten kann, rund 400 Euro.

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Deuter
Lawinenrucksack mit Ausrüstung.

Ist das ein Anschaffungsproblem? Oder wo liegen die Probleme?
Bernhard Zenke:
Die Kosten sind gar nicht mal das Problem. Man muss mit dem LVS auch umgehen können. Das geht nicht von allein. Das Gerät ist nichts wert ohne Übung. Im kritischen Moment muss man mehr oder weniger automatisiert damit suchen können.

Aber damit ist das Wissen über Kameradenhilfe im Lawinenfall noch nicht zuende…
Bernhard Zenke:
Auch beim Ausgraben geht es um den Faktor Zeit. Um effektiv einen Verschütteten aus einer Lawine zu befreien, sollte man auch das geübt haben. Optimal ist eine pyramidenartige Ausgrabestruktur. Der Kern ist, dass man in möglichst kurzer Zeit möglichst effektiv möglichst viel Schnee bewegt. Ein Mann, zehn Grabeaktionen, dann der nächste. Es geht ja um Minuten. Wenn man alleine nach einem Verschütteten gräbt, sieht es natürlich anders aus. Aber auch da gibt es eine Regel: Nicht von oben graben. Man bringt den Schnee schlecht weg. Und: Wenn ich über ihm stehe, zerstöre ich einem Verschütteten eventuell die Atemhöhle.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko, in eine Lawine zu geraten?
Bernhard Zenke:
In der Relation, wenn man die Entwicklung des Skibergsteigens im letzten Jahrzehnt beobachtet, passiert ja heute relativ wenig. Die Unfallzahlen haben sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. In den Alpen kommen im Durchschnitt pro Winter circa 100 Personen in Lawinen ums Leben. In Bayern sind es durchschnittlich drei bis vier. Aber für mich ist jeder Lawinentote einer zuviel. Und grundsätzlich sollte jeder Tourengeher und jede Tourengeherin im Hinterkopf haben: Lawinengefahr ist eine tödliche Gefahr.

Und man sollte vielleicht nicht nur an sich, sondern auch an jene denken, die im Ernstfall helfen müssen.
Bernhard Zenke:
Richtig. Lawineneinsätze sind mit die Aufwändigsten vom Personaleinsatz. Und sie gehören zu den Risikoreichsten. Lawinenhundeführer und Suchmannschaften müssen ja genau dann ins Gelände, wenn ein Unglück passiert und die Lawinengefahr besonders hoch ist. Es gibt durchaus Tourengeher, die sagen: „Ich bin für mich selbst verantwortlich“. Aber im Ernstfall sind nicht nur er oder sie, sondern eine ganze Menge mehr Menschen betroffen.

Worauf kommt’s denn an, wirklich etwas von Lawinen zu verstehen? Warum ist das so schwer?
Bernhard Zenke:
Die Kunst, das Lawinengeschehen zu verstehen, besteht darin, das Zusammenspiel „Wetter-Schneedecke“ in vielen Facetten zu verstehen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das erfordert immer wieder, sich mit der Schneedecke zu beschäftigen. Das heißt, bei jeder Gelegenheit die Lawinenschaufel aus dem Rucksack nehmen und sich die Schneedecke anschauen. Und dabei versuchen, die Prozesse zu verstehen, die zu diesem Schneedeckenaufbau geführt haben. Das Grundwissen über Lawinen kann man sich aus vielen Fachbüchern durchaus aneignen. Zum tieferen Verständnis muss man aber hinaus in die Natur, sich die Finger kalt machen. Das ist nicht schwer, aber man muss sich Zeit dafür nehmen. Und das ist eine grundsätzliche Empfehlung an alle Tourengeher, Variantenfahrer und jene, die auf Schneeschuhen unterwegs sind: Nehmt euch die Zeit und widmet euch dem Thema Lawinen.

Am Berg – das Buch

KL Am Berg - Bergretter / Bergwacht Geschichten Millemari Verlag
Millemari Verlag
Am Berg. Bergretter erzählen ihre bewegendsten Geschichten (millemari. Verlag).

Dr. Bernhard Zenke hat 30 Jahre an der Spitze des Bayerischen Lawinenwarndienstes gestanden. Mittlerweile befindet er sich im Ruhestand.//

Dieses Interview stammt aus dem Buch „Am Berg“ (direkt hier beim Millemari-Verlag bestellen). Das Buch erzählt 33 Geschichten von Bergretter-Einsätzen. Geschichten von Rettungseinsätzen am Berg unter schwierigsten Bedingungen. Dazu gibt es fünf Interviews mit Experten wie Dr. Müller-Cyran (Kriseninterventionsdienst) oder Karl 'Charly' Gabl (Wetterexperte), in denen detailliert herausgearbeitet wird, warum es trotz einem Höchstmaß an zuverlässiger Wetter- und Routeninformation immer wieder in den Bergen zu vermeidbaren Unglücken kommt. Erhältlich als Taschenbuch (Paperback) für 24,95 €, eBook im ePub-Format: 14,99 € und hochwertige Hardcover-Printausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 39,95 €. 25 Prozent des Verkaufserlöses gehen an die Bergwacht.

Warum ein Segler ein Buch über Bergretter schreibt – Interview mit Am Berg-Autor Thomas Käsbohrer

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