Skitouren-Klassiker: Haute Route im Schweizer Tessin

So weit die Füße tragen - auf der Haute Route im Tessin

Auf Tourenski durch die faszinierende Bergwelt des Nord-Tessins: Thilo Brunner und sein Team haben die Herausforderung im Biwakstil angenommen.
Foto: Thilo Brunner Skitouren-Klassiker: Haute Route im Schweizer Tessin

An der Alpe Piora weckt strahlender Sonnenschein das Fünferteam.

Die Sturmböen peitschen uns Eiskristalle ins Gesicht. Immer wieder streift mein skeptischer Blick die steilen Grashänge über uns, auf denen der Frühjahrsschnee nicht mehr so recht halten will. Der Föhn treibt hier ein wildes Spiel, mal fegt er die Hänge fast schneefrei, mal bildet er meterhohe Verwehungen. Die Traverse unterhalb des Ritom-Stausees wird so zu einem gefühlten russischen Roulette, und wir sind die einzigen Spieler.

So hatten wir uns das nicht vorgestellt, als wir uns dafür entschieden haben, mitten im Winter die Haute Route durchs Tessin anzugehen, auf Tourenski und mit dem Zelt als einziger Unterkunft. In vier Tagen will unser Fünferteam in einem rund 65 Kilometer langen Bogen durch das Nord-Tessin über den Lukmanier-Pass und Campo Blenio wandern, dann weiter nach Hinterrhein und ins Tal hinabfahren. Als Krönung winkt am letzten Tag die Besteigung des 3402 Meter hohen Rheinwaldhornes – die Schlüsselstelle der Tour. Doch bei diesem eisigen Wind verlangt uns die Bergwelt des östlichen Tessins auch schon unter 2000 Metern Respekt ab. Wie soll das erst auf über 3000 Metern Höhe werden, denke ich mir immer wieder, während ich mich gegen die strammen Windstöße stemme.

»Über das Eis oder am Hang entlang?« Fünf Augenpaare blicken über die verführerische Eisfläche des Stausees. Gibt es unter dem Eis vielleicht Strömungen, die seine Dicke beeinflussen? Was, wenn plötzlich der Wasserspiegel sinkt und wir in die Hohlräume einbrechen? Es sind einfach zu viele offene Fragen. Schließlich siegt die Vernunft, und wir entscheiden uns gemeinsam für die sichere, aber anstrengende Variante über den Bergrücken am Südufer des Sees. Die Sommerwege können wir nicht mehr erkennen, und so spuren wir eigene Wege durch den tiefen Schnee.

Foto: Thilo Brunner Skitouren-Klassiker: Haute Route im Schweizer Tessin

Kurz nach dem Start in Altanca steigt der Pfad wieder ins Helle.

Es geht bergauf. Nachdem wir noch nicht mal 800 Höhenmeter hinter uns haben, spüren wir das Gewicht unserer Rucksäcke schon immer deutlicher. Zwei Zelte, zwei Kocher, Benzin, Proviant, Isomatten, Schlafsäcke, Skiausrüstung – das Gepäck lastet bleischwer auf Schultern und Rücken. Aber das ist der Preis der Unabhängigkeit: Die nächsten vier Tage wollen wir uns im Biwak-Stil völlig autark durch die Welt der Gipfel, Schnee- und Eisfelder bewegen. Denn nur, wer alles mit sich trägt, kann seine Route gehen, in seinem Tempo, mit selbst festgelegten Etappen. Ein schönes Gefühl von Freiheit, wenn man flexibel in seinen Entscheidungen bleibt.

Und so gehen wir bis in die Dämmerung hinein und ebnen erst im allerletzten Licht eine Fläche für unsere Zelte. Wie bestellt lässt der Wind nach, und der Himmel klart auf – es wird eine kalte Nacht werden. Schnell bringen wir die Kocher zum Fauchen und schmelzen Schnee zu Wasser. Die Apsis des Zeltes wird zur Küche, fünf Tüten Trekkingmahlzeiten verschwinden ruckzuck zuerst in den Töpfen, dann in den Bäuchen. Satt und zufrieden kriechen wir in die Schlafsäcke und verbringen gut gewärmt eine erholsame Nacht auf unseren daunengefüllten Isomatten.

Früh schiebt sich die Sonne über die Bergspitzen in einen blauen Himmel. In unsere Gesichter schiebt sich ein breites Grinsen. Allein der Umstand, morgens ein Müsli vor dieser 3000er-Kulisse essen zu können, ist schon den gesamten Aufwand wert gewesen. Weiter südostwärts spuren wir, vorbei an uns unbekannten Gipfeln, von denen lange Schneefahnen wehen. Eigentlich stand ein »Abstecher« auf diese Gipfel auf dem Plan. Doch bei diesen Böen? Nein, der Abstecher fällt aus. Ich muss an unser Ziel denken, das Rheinwaldhorn. Bei so einem Wind ist eine Besteigung unmöglich. Ich hoffe, die anderen sehen das auch so.

12.02.2010
Autor: Thilo Brunner
© outdoor
Ausgabe 04, 02, 05, 03/2010, 2010, 2010, 2010