Umfädeln und Abbauen

Ablasshandel

Das Umfädeln am Umlenker und das Abbauen der Express-Schlingen sind kein Hexenwerk, doch lauern hier einige Tücken, die fatale Folgen haben können. Wie man sich und das Material beim Sportklettern sicher zurück auf den Boden bringt.
Foto: Ralph Stöhr Ablassen mit Verbindungsexpressschlinge

In steilem Gelände sichert eine Verbindungsexpressschlinge den Fels- und Hakenkontakt.

Ganz so einfach wie in der Halle ist es draußen nicht: Muss man indoors am Ende einer Route nur den Umlenker klippen und kann es sich dann im Seil bequem machen, ist am echten Fels schon mehr Eigeninitiative gefordert. Auch hier ist das Ablassen die gängige Praxis, um den Kletterer wieder auf sicheren Grund zu bringen. Doch hängen draußen meistens keine fixen Karabiner am Umlenker – was bedeutet, dass man das Seil umfädeln muss, wenn keine weiteren Versuche oder andere Kletterer aus der eigenen Gruppe in der Route folgen. Und auf dem Weg nach unten müssen ja auch noch die Express-Schlingen eingesammelt werden.

Kompliziert ist das Ganze eigentlich nicht, doch lauern beim Umfädeln und beim anschließenden Ablassen eine Reihe von Gefahren, die diese Momente zu den unfallträchtigsten überhaupt beim Sportklettern machen. Auch erfahrene Kletterer, vielleicht sogar gerade diese, sind davor nicht gefeit, denn nirgends schleichen sich Unachtsamkeiten schneller ein als bei vermeintlich Alltäglichem. Deshalb gilt: beim Umfädeln auf größtmögliche Sicherheit bzw. Redundanz bei der Selbstsicherung achten, den Umbauvorgang konzentriert durchführen und das Ergebnis (Seil richtig gefädelt? Knoten komplett geknüpft?) noch einmal kontrollieren, bevor die Talfahrt beginnt.

Kommunikation tut gut

Genauso wichtig ist die Kommunikation zwischen Kletterer und Sicherer. Nehmt, wenn möglich, Blickkontakt zum Sichernden auf und fragt im Zweifelsfall auch mehrfach nach, bis ihr sicher seid, dass euer Kommando richtig angekommen ist. Für die gesamte Aktion sind nur drei Kommandos nötig, die alle vom Kletterer an den Sichernden abgegeben werden:

„Seil” Sobald sich der Kletterer am Umlenker mit einer Selbstsicherung fixiert hat. Der Sicherer gibt daraufhin Seil aus, damit der Kletterer das Seil durch den Umlenker fädeln kann. Während des Umbauvorgangs behält der Sichernde den Kletterer in der Sicherung und das Bremsseil in der Hand!

„Zu” Wenn das Umfädeln abgeschlossen ist. Der Sichernde zieht das umgelenkte Seil nun so straff wie möglich ein, damit der Kletterer sich reinsetzen und seine Selbstsicherung abbauen kann.

„Ab” Der Kletterer signalisiert damit, dass er seine Selbstsicherung komplett abgebaut hat und nun abgelassen werden möchte.

Wichtig: Keinesfalls darf am Umlenker „Stand” gerufen werden, da dieses Kommando im alpinen Gebrauch bedeutet, dass man fixiert ist und aus der Sicherung genommen werden möchte. Durch daraus resultierende Missverständnisse kam es schon zu tödlichen Unfällen!

Bodenpersonal gefragt
Beim Ablassen sind beide Hände des Sichernden am Bremsseil! Und außer beim Ablassen mit HMS wird das Bremsseil bei allen Sicherungsgeräten unterhalb dieser gehalten! Um eurem Partner eine möglichst komfortable Talfahrt zu gewährleisten, lasst ihr das Seil möglich gleichmäßig durch die Hände laufen. Falls die Bremswirkung eures Sicherungsgeräts zu gering ist und ihr euch mit dieser Methode unwohl fühlt oder wenn das Seil durch Krangeln schwierig zu kontrollieren ist, gebt ihr es Hand über Hand aus.

Auch beim Ablassen kam es schon zu vielen Unfällen – meist, weil das Seil zu kurz war. Vergewissert euch schon bevor ihr eine Route angeht, ob das Seil für diese lang genug ist, bevor ihr beim Ablassen in eine prekäre Situation geratet. Und vor allem: Knotet das freie Seilende am Seilsack fest oder macht einen Knoten in das Seilende, um auszuschließen, dass es euch durchs Sicherungsgerät und euer Partner ungebremst zu Boden rauscht!

Seillängen XXL
40- und selbst 50-Meter-Routen sind heutzutage nicht mehr so selten. Da die wenigsten Sportkletterer mit einem 80- oder gar 100-Meter-Seil unterwegs sind, bedeutet dies, dass die Talfahrt nicht auf einen Rutsch möglich ist. In der Regel sind in Routen mit „Überlänge” Zwischenstände vorhanden. Hier erfolgt dann nochmals das gleiche Procedere wie am Umlenker: mit Selbstsicherung fixieren, das Seil mittels Sackstich-Schlaufe und Verschlusskarabiner am Sicherungsring fixieren, ausbinden, durchfädeln, wieder einbinden, weiter geht’s. Geht man jedoch das Seil beim Klettern voll aus, ist der Weg nach unten nur noch durch Abseilen möglich. Auch hier gilt: Knoten in die Seilenden, zusätzliche Sicherheit bringt eine Kurzprusik unterhalb des Abseilgeräts, die selbsttätig blockiert, falls eure Bremshand – aus welchen Gründen auch immer – das Bremsseil loslassen sollte. Besondere Vorsicht ist beim Abseilen in stark überhängenden Routen geboten:

Habt ihr den Wandkontakt einmal verloren und die beiden Seilenden reichen nicht auf den Boden, seid ihr quasi manövrierunfähig. Solche Seillängen sollten deshalb mit zwei Seilen geklettert werden! Dies gilt auch für sehr schräg verlaufende Seillängen, in denen das Seil komplett ausgegeben wird.

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16.09.2009
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 05/2008