Hintergrundwissen

Zur Scharfkantennorm

Das Thema Scharfkantenfestigkeit für Kletterseile ist weiter aktuell. Doch wegen mangelhafter Aussagekraft ist die Prüfnorm für diese Eigenschaft derzeit ausgesetzt.

Bei einer normalen Sturzbelastung kann ein modernes Seil nicht mehr reißen. Nur der Sturz über eine scharfe Kante stellt nach wie vor eine große Gefahr dar, wie auch die von Pit Schubert angeführten Seilabrisse von Zwillingsseilen auf traurige Weise bestätigen. Das Thema Scharfkantenfestigkeit von Kletterseilen, insbesondere solcher für den alpinen Einsatz, ist deshalb ein Dauerbrenner.

Als im Juni 2002 die UIAA-Norm zur Prüfung der Scharfkantenfestigkeit von Seilen verabschiedet wurde, gab es unter den Seilherstellern bereits eine Reihe von Einwänden. Einige wollten schärfere Kriterien, andere bezweifelten die Praxisrelevanz, da der Sturz über eine Normkante selten der Realität entspricht. Die Norm, von Anfang an als freiwillige Zusatzprüfung für die Seilhersteller gedacht, ist inzwischen wieder ausgesetzt. Für Verwirrung sorgen daher Tests oder Kataloge, die eine Scharfkantenfestigkeit bescheinigen. Daraus zu schließen, dass deshalb die anderen Seile – wie die von Mammut, die diese Eigenschaft bereits seit einiger Zeit nicht mehr ausweisen – weniger scharfkantenfest wären, wäre aber falsch. Denn wie Pit Schubert bemerkt, werden in künftigen Katalogen keine scharfkantenfesten Seile mehr angeboten werden, „jedenfalls keine, die von den zugelassenen Prüfinstituten geprüft worden sind.“

„Als vor drei Jahren die Scharfkanten-Norm der UIAA abgesegnet wurde, war sie schon veraltet“, meint Carsten von Birckhahn, Produktmanager
bei Mammut. Denn durch die Verbesserung der Materialen und Herstellungsprozesse der Seilhersteller waren zahlreiche Seile auf einem höheren Qualitätslevel als noch sechs Jahre zuvor. Das kann man schon daran sehen, dass die Seile bei gleicher Reißfestigkeit einen geringeren Durchmesser hatten. Diese enorme Entwicklung hatte zur Konsequenz, dass die Scharfkantennorm, die auf alten Tests basierte, heute von sehr vielen Seilen erfüllt wird. „So konnte auch unser Infinity mit nur 9,5 mm Durchmesser den Test der Scharfkantenfestigkeit bestehen“, fährt von Birckhahn fort. Inzwischen haben alle Hersteller Seile im Angebot, die diesen Test bestehen.

Die Schwierigkeit bei der Scharfkantenprüfung liegt jedoch in der Reproduzierbarkeit. Dies ist einerseits ein technisches Problem, wie Pit Schubert berichtet: Die Sturzkante lässt sich offenbar nicht so identisch herstellen, dass bei unterschiedlichen Prüfinstituten gleiche Ergebnisse erzielt werden. Zum zweiten gibt es das Problem der mangelhaften Belastbarkeit der erzielten Daten. Dazu noch einmal Carsten von Birckhahn von Mammut: „Bei dieser Prüfung können die Ergebnisse durch die Versuchsanordnung nur schwarz-weiß dargestellt werden. Das heißt, bei einer so genannten digitalen Auflösung wird nur mit „1“ für gehalten und „0“ für nicht gehalten bewertet. Während der Prüfung werden nur drei Versuche durchgeführt, die „gehalten“ oder „nicht gehalten“ angeben. Es gibt aber keinen Wert, der aussagt, wie sicher das positiv getestete Seil wirklich gehalten hat oder wie weit ein negatives Seil vom Halten entfernt war.“ Die Differenzierung zwischen Seilen, die scharfkantentauglich zu sein scheinen, und denen, die diese Eigenschaft nicht aufweisen können, beginnt zu schwimmen. Als die Norm verabschiedet wurde, hätte es Mammut genau wie Edelrid deshalb gerne gesehen, wenn außer den Kriterien „gehalten“ und „nicht gehalten“ auch noch ein qualitatives Kriterium über den Zustand des Seiles nach dem Sturz mit aufgenommen worden wäre.

Hinzu kommt das Problem der Praxisrelevanz. Beim Test läuft das Seil gerade über die Kante und wird somit auf Abscherung belastet. Dass dies nur bedingt dem alpinen Alltag entspricht, meint auch von Birckhahn: "In der Praxis tritt die Gefahrensituation der scharfen Kante als Querbelastung über scharfe Felsstrukturen wesentlich häufiger auf, zum Beispiel beim Pendeln. Das heißt, es kommt zu einer schnittartigen Bewegung, die bei sehr niedriger Belastung zum Seilriss führen kann! Jeder Anwender, der schon
einmal einen Quergang im Nachstieg eventuell sogar mit Rucksack auf dem Rücken an seiner Leistungsgrenze mit schlechter Absicherung an einem 8,5-mm-Halbseil gesichert erleben durfte, weiß, wovon ich spreche.“ Nach seiner Auffassung suggeriert der Scharfkantentest und die Deklaration der Werte „eine falsche und nicht vorhandene Sicherheit“. Mammut habe sich deshalb entschieden, keine falsche Sicherheit vorzutäuschen, und verzichtet seit diesem Jahr auf die Angabe dieses Wertes.

Als scharfkantenfest bezeichnete Bergseile bieten also bei einer schnittartigen Belastung keine höhere Sicherheit als andere herkömmlich geflochtene Bergseile mit ähnlichen technischen Daten. Somit bleibt es bei der Eigenverantwortung des Anwenders, situationsgerecht Gefahren zu beurteilen und dementsprechend zu handeln.

Um die Seilsicherheit weiter zu erhöhen, läuft derzeit ein Kooperationsprojekt mit der TU München, dem DAV, der Firma Mammut und dem TÜV Produktservice. Hier werden zum einen die Versagenskriterien von Bergseilen bei Kantenbelastung analysiert. Außerdem soll eine Prüfmethodik entwickelt werden, die interpretierbare und reproduzierbare Ergebnisse liefert. Das Thema Scharfkantenfestigkeit für Kletterseile ist weiter aktuell. Doch wegen mangelhafter Aussagekraft ist die Prüfnorm für diese Eigenschaft derzeit ausgesetzt.

11.01.2006
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 12/2005