Interview

"Ich mag keine Traversen" - Bart van Raaij übers Bouldern in Bleau

Foto: Dennis Teijsse Bart van Raaij in Mowgli

Bart van Raaij in "Mowgli" (7b+) in Maunoury.

Du hast mit der Webseite bleau.info zusammengearbeitet - wie genau?
Ohne bleau.info hätte ich es nicht machen können! Bleau.info gibt es schon lange, seit ich mit meiner ersten Liste angefangen habe. Deshalb tauche ich dort als Redakteur auf. Heute erhält die Seite täglich Informationen von Kletterern aus aller Welt. Wenn ich bei einer Bewertung nicht sicher bin, nehme ich die Meinungen auf bleau.info zur Hilfe. Die meisten neuen Informationen in der neuen Auflage stammen von der Seite, weil hier eben neue Boulder und Gebiete veröffentlicht werden. Jean-Pierre Roudneff, der viel an der Seite mitarbeitet, berät mich, wenn ich spezielle Fragen zu einem Boulder habe. Es ist großartig, dass die Kletterer so viel Information gratis auf bleau.info erhalten und wenn ich etwas korrigiere oder hinzufüge, informiere ich Jean-Pierre Roudneff. Aber mein Buch ist keine Druckversion der Webseite. Es gibt auch viele Unterschiede. Natürlich habe ich auch andere Quellen benutzt, ich sehe mir jeden neu erscheinenden Topoführer genau an.

Du lebst in den Niederlanden, war das kein Problem?
Ich muss 500 Kilometer fahren, um nach Bleau zu kommen. Mit Glück brauchen wir viereinhalb Stunden. Meistens kommen wir Freitags nachts an. Wir klettern Samstag und Sonntag und fahren um 18 Uhr zurück. Ich fahre die 1000 Kilometer zwei Mal im Monat. Ich fahre immer mit Freunden, und wir haben immer sehr viel Spaß; manchmal sagen wir auch für Stunden kein Wort. Die Stunden oder den Sprit zu zählen, die ich für den Topo aufgewendet habe, würde mich verrückt machen, deshalb habe ich es nie versucht. Einmal habe ich berechnet, wieviele Stunden vergangen und was ich ausgegeben habe, um meinen schwersten Boulder zu klettern, aber glücklicherweise habe ich es vergessen.

Kein Bleausard zu sein, kann auch ein Vorteil sein. Ich denke nicht wie ein Local: ich habe den Topo für Menschen entworfen, die den Wald von Fontainebleau nicht kennen. Daran liegt es auch, dass ich viel Zeit damit zugebracht habe, deutliche Karten zu zeichnen und präzise Wegbeschreibungen zu den Bouldern zu formulieren. Erst in den letzten Jahren habe ich Bleausards wie Jacky Godoffe, Jo Montchaussé, François Louvel oder Jean-Pierre Roudneff kennengelernt, und ich würde gerne mal jemanden wie Stéphan Denys treffen. Die erste Ausgabe habe ich ohne Hilfe von den Bleausards gemacht. Bei der zweiten Ausgabe haben sie mir etwas geholfen und für eine eventuelle dritte Auflage würde ich ihre Hilfe sehr begrüßen. Zum Beispiel mit einer etwas "professionelleren" Liste der Traversen und besseren Informationen zu den Erstbegehungen, was Jahr und Namen angeht.

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Foto: Irma Bergmans Bart van Raaij in Leak End

Bart van Raaij in "Leak End" (6c+) am Rocher du Général.

"Ich möchte mit den Bildern die Leute motivieren"

Dein Topo ist im Querformat, warum?
Es gibt mehrere Gründe. Die Mehrzahl der Gebiete hat eine horizontale Ausdehnung, weil viele der Hügelketten mit Felsen in Fontainebleau in West-Ost-Ausrichtung verlaufen. Das Querformat erlaubt mir, alle Karten und Topos auf einer Seite mit dem Norden nach oben abzubilden - was für mich der offensichtlichste Grund war, den Bleau-Führer im Querformat zu gestalten. Ein anderer Grund ist die Möglichkeit, alle Informationen zu einem Boulder in eine einzige Textzeile schreiben zu können, sogar in einem relativ kleinen Buch. Um die gleichen Informationen in ein Hochformat-Buch zu packen, hätte das Buch viel dicker (und damit teurer) sein müssen und wäre weniger übersichtlich geworden. Außerdem mag ich Kletterbilder am liebsten im Hochformat. Das Querformat des Buches ermöglicht, Bilder, Topos, Karten und andere Bilder besser zu kombinieren.

Fotos sind wichtig - kannst Du zu Deiner Auswahl etwas sagen, warum zum Beispiel schwarz-weiß?
Die Fotos machen den Topo attraktiver und zeigen dem Leser, wie das Bouldern in Fontainebleau ist. Aber die Bilder sind nicht nur Dekoration. Die meisten helfen dem Leser, Boulderprobleme zu finden, die nicht offensichtlich sind. Deshalb wollte ich Bilder von z.B. L'Introuvable oder Hotline in meinem Topo haben. Ohne diese Bilder ist es viel schwerer, die Boulder zu finden, weil man nicht weiß, wonach man sucht. Wenn einem der Boulder auf einem Bild nicht gefällt, muss man nicht die Zeit investieren, um ihn zu finden. Es gibt relativ viele Bilder von unbekannten Gebieten und Gebieten ohne Parcours, weil diese Boulder schwieriger zu finden sind.

Außerdem möchte ich mit den Bildern die Leute motivieren, indem ich ihnen die Schönheit der Boulder zeige. Zusammen mit dem Sternchen-System versammeln sie die besten Boulder eines Gebietes. Ich habe auch versucht, alle Kletterstile und Schwierigkeitsgrade im Buch abzubilden. Und natürlich zeigen die Bilder meine Freunde, mit denen ich klettern gehe. Diese Kletterer haben mir alle geholfen, das Buch zu machen und sie abzubilden ist eine Art, mich bei ihnen zu bedanken. Ich bin ein Fan von Schwarz-weiß-Fotografie, und mit allen Bildern in der gleichen Farbe ist es auch leichter, sie auf einer Seite zu kombinieren. Man muss sich vorstellen, dass die Bilder zu verschiedenen Jahreszeiten, mit unterschiedlichen Kameras und zu unterschiedlichen Tageszeiten aufgenommen sind. Die Originale sind sehr unterschiedliche im Charakter und daher ästhetisch schwierig zusammenzubringen. Weil ich die Bilder bei den Beschreibungen haben möchte und weil es ausgewählte Probleme sind, kann ich nicht einfach die zueinander passenden kombinieren. Abgesehen davon wäre der Druck mit Farbe deutlich teurer geworden.

Die Topographie von Fontainebleau ist recht komplex, vor allem bei Gebieten wie z.B. Apremont. Welche Methoden hast du genutzt, um die Karten zu zeichnen?
Erst habe ich alle Informationen, die ich finden konnte, gesammelt. Ich vergleiche die Topos und Boulder und mache eine grobe Skizze zu Hause. Dann wähle ich einen Parcours aus, an dem ich mich orientiere. Mit der Skizze und meinem Kompass gehe ich ins Gebiet und mache Anpassungen, bis ich zufrieden bin. Ich habe alle Boulder in meinem Topo persönlich gesehen und versucht zu klettern, wenn es Zweifel gab. Hin und wieder bin ich auf einen hohen Block geklettert, um Proportionen und Orientierung mit meinem Kompass abzugleichen. Zu Hause digitalisiere ich die Zeichnung und dann muss ich in die komplizierteren Gebiete noch einmal hin, um noch einmal zu prüfen und ein paar Probleme zu klettern. Beim zweiten Mal konzentriere ich mich auch auf die Wege und Pfade und mögliche Wegweiser, die von Interesse sein könnten. Nur wenige Gebiete habe ich ohne weitere Informationen gezeichnet: Recloses, Mont Simonet, Boigneville, Roche aux Sabots (Süd), Petit Montrouget und Haute Pierre.

Foto: Dennis Teijsse Bart van Raaij L'Introuvable

Bart van Raaij in "L'Introuvable" (7b+) in Bas Cuvier Ouest.

"Ich mag keine Traversen"

In der ersten Version des 7+8 Führers gab es keine Traversen. In der neuen Auflage hast du eine Auswahl von 34 Traversen eingeschlossen. Warum?
Ich mag keine Traversen, ich klettere sie nicht gern. Vor allem Hin-und-zurück und andere Spielchen. Für mich ist das Bouldern wie das Klettern: Du versuchst, auf dem einfachsten Weg nach oben zu kommen. Hauptsächlich deshalb habe ich keine Traversen aufgelistet. Außerdem weiß ich nicht genug über Traversen; welche haben eine Traversen-Bewertung und welche nicht? Wo fangen sie genau an und wo hören sie auf? Darf man die oberen Griffe mitbenutzen? Die meisten Topos sind diesbezüglich ziemlich ungenau. Die einzigen Traversen, die ich mag, sind die offensichtlichen, mit einem offensichtlichen Start, einer attraktiven Linie und einem logischen Ausstieg. Manche Kletterer waren enttäuscht, dass ich in der ersten Auflage keine Traversen aufgenommen habe. Im zweiten Buch war noch etwas Platz; da habe ich entschieden, die schwersten, die Klassiker und die logischsten Linien der beschriebenen Gebiete mit aufzulisten. Die meisten habe ich gefunden, als ich andere Boulder gesucht habe und habe sie in Erinnerung behalten, weil sie so schön waren. Außerdem hat mir die Bewertung auf bleau.info sehr geholfen. Als ich zufällig Thierry Guéguen getroffen habe, habe ich ihm meine Liste gezeigt, und er ein paar Veränderungen vorgeschlagen. Aber ich muss sagen, dass meine Traversenliste von einem stammt, der nicht viel Ahnung von Traversen hat.

1789 - Zufall oder Entscheidung?
Eine Woche bevor das Buch zum Druck ging, hatte ich 1791 gezählte Boulderprobleme in meinem Buch (tatsächlich sind es mehr - ich habe die Traversen, Varianten und gelisteten 6c+ Probleme nicht mitgezählt). Ich hatte gedacht, dass eine Summe von 1815 Bouldern - also 700 mehr als im ersten Band - eine gute Zahl gewesen wäre, aber die habe ich nicht erreicht. Dennis Teijsse hatte die Idee, die Zahl 1789 daraus zu machen, als Geschenk an die französischen Kletterer. Also habe ich zwei 7a Boulder abgewertet, bei denen ich eh' gezweifelt hatte...

Ein Wort zum Abschluss?
Ich möchte mich bei allen Freunden bedanken, die mir bei der Umsetzung des zweiten Bandes vom 7+8 Führer geholfen haben. Sie haben kostbare Kletterzeit investiert! Außerdem bin ich sehr dankbar über all die positiven Reaktionen, die mich erreicht haben. Ich möchte allen danken, die dieses Projekt möglich gemacht haben, ohne es zu wissen. Dies schließt die Autoren der anderen Führer und Webseiten mit Informationen zu Fontainebleau mit ein. Und, wer weiß, mit ihrer positiven Einstellung könnten sie mich gar ermutigen, über eine dritte Version nachzudenken! Dies wird nicht vor 2012 sein, und dann werde ich 43 Jahre alt sein. Obwohl es viele starke Bleausards gibt, die bereits älter sind, weiß ich nicht, ob ich dann so fit sein werde.

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20.02.2008
Autor: Joël Chabert / Übersetzung Sarah Burmester
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