Kletter-Training

"Training ist auf jedem Niveau wichtig"

Der Trainingsexperte und Autor Dr. Guido Köstermeyer über Kletter-Training gestern und heute.
Foto: Guido Köstermeyer Guido Köstermeyer

Dr. Guido Köstermeyer, Trainingsexperte und Kletterer.

Als die ersten Sportkletterer mit dem Trainieren angefangen haben: Worauf wurde damals Wert gelegt, wie sind die vorgegangen?

"Das Training der Kletterer war von Beginn an stark durch die vorhandene Infrastruktur und die Trainingsmittel gekennzeichnet. Anfang der 80er Jahre dominierte der Klimmzugbalken, und der Klimmzug am Türrahmen war sicher das Training der Wahl. Der Maximalkraft wurde großer Stellenwert zugeschrieben, Kraftausdauer wurde noch nicht in dem Maße systematisch trainiert und die Technik ganz anders als heute. Auch der Kletterstil hat sich massiv verändert. Aus heutiger Sicht ist dieses Training für die Spitze nicht mehr angebracht, aber in einem gewissen Rahmen wirken die Übungen an Balken und Co. natürlich immer noch."

Was ist heute Stand der Dinge beim Klettertraining, was hat sich gewandelt?

"Das Klettern hat sich massiv verändert. Mit der immer besser werdenden Absicherung klettert man heute häufiger und näher an der Sturzgrenze. Der Kletterstil ist dynamischer und fließender geworden, man klettert insgesamt eher steilere Routen. Die Topgebiete aus den 80ern (man denke nur an The Face, die erste 10- in Deutschland) werden heute kaum noch besucht. Den größten Einfluss auf das Training hat aus meiner Sicht der Bau der Kletter- und Boulderhallen genommen. Klettern ist zur Ganzjahressportart geworden, und man kann Technik- und Konditionstraining eher verbinden. Außerdem hat sich das Design der Hallen in den letzten 10 bis 15 Jahren massiv verändert. Bouldern war früher reines Training im Winter, heute ist es eigene Disziplin und Trainingsinhalt über das gesamte Jahr.

Und: Mit den Hallen ist der Einstieg ins Klettern leichter geworden, das sieht man an der Menge der Kletterer und am Einstiegsalter sowie den vielen jungen Talenten. Insgesamt ist das Training heute vielseitiger und zum Teil sehr viel spezifischer. Methoden zum Kraftausdauertraining sind erst richtig mit den Wettkämpfen entwickelt worden, ebenso viele taktische und technische Inhalte."

Foto: Sarah Burmester Bouldern Europameisterschaften

Kraft, Motivation, Beweglichkeit - erfolgreich Klettern basiert auf vielen Faktoren.

Was war der größte „Irrtum“ beim Sportkletter-Training? Was hat man früher gemacht, was man heute nicht mehr macht?

"Vermutlich das starke Aufstellen der Finger. Das gibt es heute noch immer, heute wissen wir aber, wie verletzungsgefährlich das ist. Und der größte Irrglaube existiert immer noch: dass es immer an der Kraft liegt. Klettern ist eine komplexe Sportart mit den Leistungsfaktoren Psyche, Kondition und Technik. Jeder Faktor hat noch Unterfaktoren. Für die beste Leistung muss das gesamte Sys­tem stimmen, an einem Rad allein zu drehen bewirkt nicht wirklich etwas."

Was sind die Grundpfeiler deines Trainings?

"Nach dem von mir entwickelten Trainingskonzept kann man das auf wenige Dinge reduzieren: Varia­tion der Inhalte (abwechslungsreich trainieren und alle Aspekte berücksichtigen), zielgerichtet vorgehen und bei jedem Training an die eigene Grenze gehen. Wobei dies nicht platt machen heißt. Die Grenze liegt mal im Kopf, mal in der Psyche, mal in der Bewegungsgeschwindigkeit oder -technik, und ab und zu mache ich mich auch platt, dann liegt die Grenze in der Kraft. Zweimal trainieren, dann einmal beim Klettern gehen Leistung abrufen!"

Was fällt dir noch zum Thema Training ein?

"Training ist auf jedem Niveau wichtig. Man benötigt nicht wirklich viel und muss es nicht unnötig kompliziert gestalten, aber man muss anfangen und dran bleiben."

Danke fürs Interview!