Interview zu Klettern & Olympia

"2018 wird es einen Deutschen Meister im Olympic Combined geben"

Klettern wird olympisch – wir haben Matthias Keller gefragt, wie sich der DAV und die deutschen Kletter-Athleten darauf vorbereiten.

Wird Olympia trotz des neuen Formats in der Wettkampsszene angenommen?
Ja, die Athleten haben jetzt schon Blut geleckt. Ein Adam Ondra, bisher Kritiker des Formats, wird auf jeden Fall in Tokio antreten, dafür ist er viel zu sehr Wettkämpfer. Und wenn die Sportler merken, dass du dir mit Speedtraining deine Spezialdisziplin nicht versaust, dann werden zunehmend mehr dafür trainieren. Athletentypen wie Jan Hojer, Adam Ondra oder Sean McColl, die eine hohe Grundschnelligkeit haben, werden wir 2020 in Tokio sehen.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Mickael Mawem am Top bei den World Games 2017.

Wie beurteilst du denn die Speedwettkämpfe?
Für die meisten Westeuropäer ist das natürlich eher die ungeliebte Disziplin. Aber so, wie jetzt der Rechnungsmodus ist, hast du als Einzeldisziplin-Spezialist schon sehr gute Chancen. Wenn du im Worldcup im Lead und/oder Bouldern Siegchancen hast und die zweite Disziplin – bei uns also Bouldern oder Lead – noch auf Top-Ten-Niveau klettern kannst, und dann noch die Speedroute unter 9 Sekunden hochkommst, dann bist du dabei. Und da eh kein Speedspezialist eine Chance hat, sich zu qualifizieren, wird das Ganze ein Dreikampf zwischen Lead- und Boulderspezialisten.

Wie wirkt sich das Format auf die deutschen Wettkämpfe aus?
Wir werden das auf jeden Fall auch abbilden und ab 2018 einen Deutschen Meister im Olympic Combined küren.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Janja Garnbret (Slowenien) kann man eine olympische Medaille gut zutrauen. Von ihren letzten 10 Weltcups gewann sie 7.

Spielt Speed im Trainingsprogramm schon eine Rolle?
Die Tendenz in Europa ist die, dass die Athleten nicht sofort alle drei Disziplinen auftrainieren. Die Strategie, auch bei uns, wird eher sein: die Stärken ausbauen, die zweitstärkste Disziplin festigen und Speed sukzessive ins Training einbauen. Glücklicherweise ist Speed ja bereits seit 2013 fester Teil der deutschen Jugendmeisterschaft – die Youngsters sind das also gewohnt.

Wie wird Olympia im deutschen Kader wahrgenommen?
Ich habe den Eindruck, dass sich viele auf den Dreikampf einlassen wollen und dafür trainieren. Und auch wenn 2020 für viele noch weit weg ist: Die Sportler müssen sich spätestens 2018 festlegen und sagen: Ich gehe das Ziel Olympia 2020 mit voller Konsequenz an. Denn du wirst keine Chance haben, nach Tokio zu kommen, wenn du das mit der gleichen Attitude wie bisher machst, wo viele sagen: Ich guck mal, was geht. Als Athlet musst du 2018 alles dransetzen, in die Weltspitze zu kommen oder dich da zu halten.

Gibt es deutsche Olympia-Kandidaten?
Jan Hojer als sehr schneller Allrounder, David Firnenburg, Chris Hanke, Moritz Hans, Ruben Firnenburg – die haben das Thema alle auf dem Schirm. Bei den Jungen Yannick Flohè, der kann bouldern, der kann Lead klettern. Bei den Mädels haben wir eher die Nachwuchskletterinnen wie Hannah Meul, Frederike Fell, Romy Fuchs, Hanni Holfeld, die wir aber noch aufbauen müssen. Auch eine Alma Bestvater oder Lilli Kiesgen sollten wir noch im Auge behalten. Also praktisch alle, die schon einmal gezeigt haben, dass sie in einer Teildisziplin Top-10-Potential haben.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Kadertraining: Das deutsche Team beim Lehrgang mit Routenbauer Robert Heinrichs.

Das sind ja alles keine unbekannten Namen.
Wir werden auch niemanden mehr aus der Versenkung ziehen, dafür ist einfach zu wenig Zeit. Wer da Potenzial hat, den kennen wir. Es wäre super, wenn wir das, was in unserem Konzept „Podium 2020“ steht, umsetzen könnten. Da steht „zwei plus eins“ – also eine Frau, ein Mann und vielleicht noch ein Dritter, die wir nach Tokio bringen wollen. Das ist vollmundig, aber möglich. Wenn Jan Hojer Top 10 im Boulderweltcup ist und im Lead im Top-15-Bereich operiert, was absolut möglich ist, und im Speed noch eine 7-Sekunden-Zeit hinzimmert, dann ist er sicher dabei. Und auch ein David Firnenburg. Jan hat in diesem Jahr ohne spezielles Training sehr gute 8er-Speedzeiten hingelegt und kann auch den deutschen Speedrekord knacken.

Was bedeutet Olympia für den DAV in finanzieller Hinsicht?
Durch den Olympiastatus erhält der DAV nun erstmals staatliche Sportförderung. Wir sind zwar nach wie vor nicht förderfähig, da der DAV als Gesamtverband zu viel Geld hat, haben aber die Möglichkeit bekommen, eine sogenannte Anreizförderung zu beantragen. Wir haben dafür das Projekt Tokio 2020 definiert und ein Konzept „Podium 2020“ entworfen. Nach langen Verhandlungen mit dem DOSB und dem BMI ist das bewilligt worden. Jetzt läuft es so: Wir übernehmen einen Budgetanteil und das BMI gibt einen hohen, sechstelligen Betrag dazu. Wir kriegen damit erstmalig in der DAV-Geschichte Fördergeld, aber nur für einen ausgewählten Athletenkreis.

Wie groß ist dieser Athletenkreis denn?
Das sind 20 Athleten, die wir namentlich benennen mussten. Das Ganze heißt in der DOSB-Terminologie „Perspektiv- und Ergänzungskader“. Bis Tokio wird sich dieser Kreis sicherlich noch verkleinern – und damit wohl auch die Fördersumme. Wir hoffen, dass wir nach der WM 2018 und entsprechenden Platzierungen einen „Olympiakader“ berufen können, der dann im Zentrum der Förderung stehen wird. Unterm Strich hängt unsere Förderung auch am Erfolg, den unsere Sportler auf dem Weg nach Tokio haben werden.

Matthias Keller, 44, ist als DAV Ressortleiter Leistungssport für Klettern, Ski- und Leistungsbergsteigen verantwortlich. Von 2003 bis 2008 war er Jugendnationaltrainer Klettern.

08.11.2017
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 06/2017