Erstbegeher

Arnaud Petit im Interview

Erst Wettkämpfer, dann Globetrotter: Der Franzose Arnaud Petit gehörte zu den besten Sportkletterern der Welt, bevor er sich den schönsten natürlichen Linien der Welt widmete.

Wie könnte man deinen Stil als Erschließer beschreiben? Bis du ein Perfektionist?

Ich glaube schon, dass ich perfektionistisch bin. Manchmal könnte ich 4 Stunden lang irgendwo hin gehen, nur um einen Bohrhaken nochmal um 30 Zentimeter zu versetzen, weil die Linie nicht ganz harmonisch verläuft oder der Seilzug zu groß ist. Aber ich glaube auch, dass jeder Erschließer irgendwie perfektionistisch ist.

Insgesamt habe ich mehr Mehrseillängen als einzelne Routen erschlossen. Eine meiner großen Leidenschaften ist das Erschließen von Routen von unten, denn das hat eine alpinistische Seite und ist wie ein Abenteuer. Auch Sportkletterrouten können manchmal von unten erschlossen werden, aber meistens ist es logischer, sich von oben abzuseilen, um die Sache perfekt zu machen.

Was ziehst du vor, Routen zu klettern oder zu erschließen?

Ich würde das Erschließen vorziehen. Ich würde sogar sagen, ich bin ein großer Liebhaber dieser abenteuerlichen Tätigkeit. Neue, auch leichte Mehrseillängen-Touren zu eröffnen, wird mir immer ein großes Vergnügen sein. Wenn ich Routen wiederhole, die es schon gibt, spüre ich nicht denselben Entdeckergeist und das Abenteuer. Auch wenn ich weiß, dass ich später keine richtig schwierigen Mehrseillängen machen werde.

Foto: Arno Dejaco | Vertical Life Arnaud Petit

Warum hat diese Tätigkeit eine so große Bedeutung für dich?

Beim Erschließen setze ich meine Träume und Vorstellungskraft in die Realität um. Das ist eine große Chance. In vielen Bereichen ist es schwierig, sich die schönste Sache der Welt auszumalen und es dann tatsächlich auszuprobieren. Beim Klettern kann man das durch das Erschließen machen.

Mir gefällt außerdem, dass es beim Erschließen keinen Maßstab gibt. Es gibt keinen direkten Vergleich wie beim Klettern. Beim Klettern geht es immer auch um den Schwierigkeitsgrad, darum, ob die Bewertung hart ist, ob man in Form ist oder früher mal besser war. Auch wenn man an sich arbeitet, gibt es solche Situationen beim Klettern immer wieder.

Beim Erschließen ist das Schwierigkeitsniveau zweitrangig, denn es geht vor allem darum, eine wunderbare Linie zu finden, ihr zu folgen und die Sicherungen richtig zu setzen. Dabei ist man so konzentriert, dass man an nichts anderes denkt. Das ist meine Leidenschaft und eine Aktivität, die mich voll und ganz erfüllt und glücklich macht.

Wie würdest du die Tätigkeit eines Erschließers beschreiben – ist es eine strategische Sache oder eher etwas Kreatives?

Ich würde nicht von Kunst sprechen, sondern von Handwerk. Ein Erschließer arbeitet mit seinen Händen, deshalb ist er für mich kein Künstler, sondern eher ein Handwerker. Wer das Heimwerken mag und ein Kletterer ist, der wird in der Erschließung von Routen eine große Erfüllung finden.

Du unterrichtest Kletterer im Routen Einbohren und gibst dein Wissen weiter.

Ich versuche, meine Leidenschaft für das Erschließen an andere weiterzugeben. Ich mache das in Privatkursen oder auch für die FFME (Fédération Française de la Montagne et de l’Escalade), zum Beispiel mit Jugendgruppen. Normalerweise sind es starke Kletterer, mit denen ich zunächst Sportkletterrouten einbohre, um danach auch Mehrseillängen zu erschließen.

Ich glaube, dass das Erschließen essenziell ist. Vor allem junge Kletterer sind es gewohnt, dass viele Routen einfach da sind. Aber die Kletterer werden besser und ohne die Erschließertätigkeit gibt es auch nichts Neues zu probieren. Zum Glück gibt es aktive Kletterer, die auch Routen einbohren, so wie Dani Andrada und Chris Sharma, aber auch einige junge, wie Adam Ondra.

Viele Kletterer interessieren sich nur für den sportlichen Aspekt, das Erschließen jedoch ist zunächst anstrengend und mit harter Arbeit verbunden. Es ist kein Training – im Gegenteil, man bekommt eher Rückenschmerzen davon. Aber jene Kletterer, die einmal damit anfangen, werden vom Entdeckergeist gepackt und möchten auch nicht mehr aufhören.

Es ist ein bisschen wie ein eigener, einzigartiger Sport. Wir können unser Spiel selbst erfinden und unser eigenes Spielfeld gestalten.

Glaubst du, dass es ein Reglement für das Erschließen braucht?

Nein, ich glaube nicht. Meiner Meinung nach erfolgt die Qualitätssicherung normalerweise über das Urteil der anderen Kletterer. Wer seine Sache schlecht macht, wird das auch zu hören bekommen. Die Community der Kletterer kann sehr hart urteilen. Wer sich an das Erschließen einer neuen Route wagt, ist deshalb gut beraten, zunächst von anderen zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.

Ich glaube, dass der Druck durch andere Kletterer genügt, sodass ein Diplom nicht notwendig ist. Ich glaube aber, dass das Erschließen mehr noch Teil von Kursen für Bergführer und Kletterlehrer sein sollte.

Es sollte also jedem selbst überlassen sein, ob er sich ausbilden lässt?

Ein Kurs könnte obligatorisch sein, aber ich glaube nicht, dass es eine Prüfung dafür braucht. Wer beruflich klettert oder mit dem Klettern zu tun hat, sollte ohnehin eine Ahnung vom Erschließen haben. Das ist heute extrem wichtig. Viele Gebiete in Europa wurden vor etwa 25 bis 30 Jahren erschlossen, das ist lange her. Viele Routen müssen saniert werden, dazu braucht es die Hilfe aller Kletterer.

Ich gehöre einer französischen Organisation an, die sich Greenspits nennt. Ähnlich wie der Access Fund in den USA widmet sie sich unter anderem dem Thema der Sanierungen. Wir möchten die Kletterer motivieren, sich aktiv einzubringen. Wer im Klettergarten beobachtet, dass ein Spit locker ist oder ein Stand ausgetauscht werden muss, der soll es melden oder selber Hand anlegen. Ich finde, dass alle Kletterer für die Pflege des Geländes verantwortlich sind. Ebenso sollte jeder fähig sein, die Qualität der Absicherung einzuschätzen. Die Selbstverantwortung ist Teil des Kletterns, denn es ist mehr als nur ein Sport.

Hast du das Gefühl, dass Erschließer genügend Anerkennung durch die Kletter-Community erhalten?

Ich denke, dass man diese Arbeit ohnehin macht. Weil es einem gefällt. Und das ist die beste Garantie dafür, dass das Ergebnis gut wird, denn für sich selbst möchte man es perfekt machen. Es ist schön, wenn der Name des Erschließers in einem Topo erwähnt wird. Oder wenn er die Wertschätzung anderer Kletterer erfährt. Aber wer sich über fehlende Anerkennung beschwert, der sollte wissen, dass niemand von ihm verlangt hat, Routen einzubohren.

Wenn du nach Anerkennung strebst, dann ist es sicher nicht das beste Routen einzubohren. Es muss dir wirklich gefallen. Man kann die anderen nicht ändern, aber man kann seine eigene Einstellung ändern. Wenn dir die Tätigkeit an sich gefällt, du mit einer Route zufrieden bist und vielleicht deine engsten Freunde auch Gefallen daran finden – dann kann das für dich schon wunderbar sein.

Du bist viel gereist. Welches Klettergebiet war das beeindruckendste für dich?

Die Taipan Wall in Australien. Auch die Wand des Sektors Biographie in Céüse ist außergewöhnlich schön. Aber ich war noch nie in Smith Rock, das stelle ich mir auch beeindruckend vor, sehr vertikal und glatt. Taipan Wall in den Grampians in Australien ist eine wunderschöne, orangefarbene Wand. Und damit meine ich auch, dass sie sehr glatt und deshalb nicht voll von Kletterrouten ist. Hier ist sehr viel Platz, ein wenig wie in Biographie.

An manchen Orten werden die Erschließungen meiner Ansicht nach zu sehr auf eine fast industrielle Weise betrieben. Es werden einfach von links nach rechts so viele Routen wie möglich eingebohrt, um eine Sportstätte zu schaffen. Ich nenne das „boulimique“ – „bulimisch“. Das sind jene Erschließer, die sich in Konkurrenz mit anderen sehen und auf Druck einen ganzen Sektor alleine einbohren wollen.

Natürlich gibt es dasselbe auch bei Mehrseillängen und im Alpinismus. Jeder möchte Erstbegehungen machen. Aber ich finde, es geht nicht darum, deinen Namen zu verewigen. Wenn ich eine Route eröffne, ist es für mich viel spannender, das Privileg zu haben, diesen Felsen zu entdecken und vielleicht die schönste Seillänge zu klettern, die ich je gefunden habe. Es gibt hier keinen anderen Maßstab.

Welche Zukunft siehst du für das Klettern und für Klettergärten?

Ich sehe der Zukunft sehr positiv entgegen. Immer mehr Kletterer interessieren sich auch für das Trad-Klettern und so werden immer neue Routen erschlossen. Vielleicht wird es in Zukunft andere Methoden der Erschließung geben, vielleicht gemischte Routen, Trad und Absicherung durch Bohrhaken.

Man kehrt zum Abenteuer zurück, zur Kreativität und das ist gut so. Das Reisen wird einfacher und so wird man immer neue Gebiete entdecken.

Andererseits glaube ich auch, dass in der Sanierung von Routen sehr viel Potenzial liegt. Auch hier kann man kreativ werden, denn manchmal kann eine alte Route verbessert werden, indem die Spit neu gesetzt und die Linie leicht abgeändert wird, falls notwendig.

Hast du eine spezielle Beziehung zu den Routen, die du erschlossen hast? Bleiben sie dir in Erinnerung?

Bestimmte Erinnerungen bleiben. Interessanterweise erinnert man sich an ganz kleine Details am Fels. Erschließen ist eine Sache, aber dann kletterst du die Route. Und das gefällt mir, wenn ich die Route, die ich eingebohrt habe, klettern kann. Ich erinnere mich dann an ein kleines Stück Fels, an eine Form, die ich zum ersten Mal berühre und dann wieder. Und dieses kleine Detail bleibt mir im Kopf. So seltsam es ist, aber wenn ich später an diese Route denke, dann fallen mir diese ganz kleinen Details ein. Vielleicht die kleine Blume am Standplatz der Route. Der ganze Prozess ist eine ganz spezielle Erfahrung der Sinne. Meine Frau Stéphanie und ich sagen dazu, „sich auf das unendlich Kleine im unendlich Großen fokussieren“. Auf Französisch: „se focaliser sur l’infiniment petit, dans l’infiniment grand“. Das unendlich Große ist die Welt.

Ist es dir wichtig, einer Route einen Namen zu geben?

Nein, das ist mir nicht so wichtig. Aber eine Route, die zu einem weltbekannten Klassiker wird, sollte keinen Witznamen haben. Ich würde einer wunderschönen Route mit zehn Seillängen in einer abgelegenen, marokkanischen Schlucht keinen Namen wie „Big Boob“ geben. Dafür ist mir die Erfahrung zu wertvoll. Es gefällt mir, wenn der Name einen Bezug zum Ort hat, in dem sich die Route befindet.

Wie lange brauchst du, um eine Route erschließen?

Zeit spielt dabei eigentlich keine große Rolle. Für eine Sportkletterroute in Céüse, wo der Fels sehr sauber ist, vielleicht drei bis sechs Stunden insgesamt. Aber wichtiger ist es, eine schöne Linie zu finden, die nicht zu nah an die anderen Routen heranführt. Und manchmal ist es auch besser, nochmal darüber nachzudenken und am nächsten Tag wiederzukommen.

Vor allem beim Erschließen von Mehrseillängen ist die Zeit kein wichtiger Faktor. Manchmal brauchen wir fünf Tage, manchmal acht oder neun. Ich mag es, die Arbeit in Ruhe und mit Sorgfalt zu machen. Keinen Maßstab zu haben bedeutet, dass ich mir Zeit lassen kann. Das ist ein schönes Gefühl der Freiheit.

Danke, Arnaud!

Portrait Arnaud Petit

Der französische Kletterer, Buchautor und Bergführer Arnaud Petit ist für seine Erstbegehungen und Bigwall-Expeditionen in abgelegenen Gegenden weltbekannt. Nach einer erfolgreichen Karriere im Wettkampfklettern (Weltcup-Sieger, Europameister Lead 1996) hat er sich ganz dem Felsklettern zugewandt. Gemeinsam mit seiner Frau Stéphanie Bodet bereist Arnaud die Welt auf der Suche nach eindrucksvollen Linien und unberührten Wänden. Als Wohnort hat sich das Paar ein kleines Haus unterhalb des berühmtes Felsriegels von Céüse gebaut.

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The French climber, author and mountain guide Arnaud Petit is known around the world for his first ascents and big wall climbs in remote areas. After enjoying a successful career as a competitive climber (1996 World Cup winner, European Lead Champion), he decided to dedicate himself fully to rock climbing. Together with his wife, Stéphanie Bodet, Arnaud loves to travel the world in search of impressive lines and untouched walls. The couple live in a small house that they built underneath the famous crag of Céüse.

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12.08.2017
Autor: Maria Hilber
© klettern
Ausgabe 7/2017