Stefan Biggel und Korbinian Schmidtner in der "Colton-MacIntyre"

Die beiden Ulmer haben am 22. März die "Colton-McIntyre" an der Grandes Jorasses begangen. 14 Stunden Kletterzeit und ein Biwak kurz vor dem Ausstieg hat es sie gekostet.

22. März 2009, 3:00 Uhr: Zwei noch schlaftrunkene Gestalten stapfen über den spaltenreichen Leschaux-Gletscher einem großen Abenteuer entgegen. Ihr Ziel ist die Colton-MacIntyre (ED+, WI6, M6, 1200m) durch die Nordwand der Grandes Jorasses (4209 m). Vorne weg über den Gletscher geht Stefan, hinter ihm folgt Korbinian. 1200 Meter Fels und Eis liegen zwischen ihnen und dem Gipfel. 1200 Meter, die momentan noch ein großer, dunkler und vor allem sehr kalter Traum sind. Schneestapfen, atmen, weitergehen. Steigen.

Um 12 Uhr mittags liegt bereits über die Hälfte der Wand unter den beiden Bergsteigern. Nun beginnt der schwere Teil, die Schlüsselseillänge ist die steilste Passage der Wand. Hier muss man sich den Weiterweg durch senkrechten, teils sogar überhängenden Fels suchen. Stefan und Korbinian kommen nur langsam voran. Nach der Schlüsselseillänge wird das Gelände wieder leichter, sie klettern zügiger. Doch noch wartet die Abschlusswand. Dort hat es wenig Eis, zu wenig – das Gelände wird nochmals zu einer Prüfung. Nur im Schneckentempo kommt das Duo voran, der Tag neigt sich. Es hilft nichts, das komplexe Gelände verlangt Tageslicht, und so müssen sie ein Biwak in der steilen Wand beziehen. Schlafsack und Biwaksack schützen vor der Kälte, eine Handvoll Haken vor dem Abstürzen. Stefan drückt sich die Ohrknöpfe des MP3-Players ins Ohr, ein Hoch auf die moderne Technik.

Die Nacht ist lang und kalt, -20°C misst das Thermometer. Mit den ersten Sonnenstrahlen brechen die beiden auf in Richtung Gipfel, weit ist es ja nicht mehr. Am Gipfel ist Stefans und Korbinians Freude nur verhalten. Noch begreifen sie nicht, was hinter ihnen liegt. Die Erfüllung eines so großen Traum zu realisieren, dauert offensichtlich länger. Außerdem heißt es, hellwach zu bleiben, denn der Abstieg von der Grandes Jorasses ist schwierig und lang. Gemeistert ist die Tour erst, als sie im Tal ankommen. Als um 18 Uhr in Courmayeur ein paar Freudentränen auf eine 50 cm große Pizza fallen, ist die Freude mit ihnen im Tal angekommen.

Die Nordwand der Grandes Jorasses gehört zu den anspruchvollsten Wänden der Mont Blanc Gruppe, ja der gesamten Alpen. 1976 kletterten Nick Colton und Alex MacIntyre erstmals diese waghalsige Direktline durch den zentralen Teil der Wand, ausgestattet nur mit nur dem Nötigsten. Damals galt die Colton/MacIntyre als die Grenze des Menschenmöglichen im kombinierten Gelände, und auch heute ist sie noch eine begehrte Routen unter den absoluten alpinen Könnern. Ihre Besteigung bedeutet immer noch eine Herausforderung – auch für sehr erfahrene Nordwandspezialisten.

03.04.2009
Autor: Biggel / Kern
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