Knowhow Alpinklettern

Standplatzbau in Mehrseillängenrouten

Hier geht es um den Standplatzbau in Mehrseillängenrouten. Von der Reihenschaltung zum Kräftedreieck: Die wichtigsten Tipps zum Alpinklettern.

Knowhow Alpinklettern: Auf dieser Seite geht es um den Standplatzbau in Mehrseillängenrouten

Text von Chris Semmel, Verband Deutscher Berg- und Skiführer e.V.

Nach einer fordernden Seillänge am Standplatz anzukommen, gehört wohl zu den besten Gefühlen beim Alpinklettern. Jetzt gilt es, das Optimale daraus zu machen.

Die Kriterien für einen guten Stand sind in dieser Reihenfolge:

  • ausreichend sicher
  • schnell auf- und abgebaut
  • übersichtlich

Standplatz bauen

Ausreichend sicher hängt maßgeblich von der Hakenqualität ab. Dabei kann einem folgendes begegnen:

  • 1 Verbundhaken (Klebehaken)
  • 2 glänzende Bohrhaken
  • 1-2 alte, rostige Bohrhaken und ein oder zwei Normalhaken
  • nur Normalhaken
  • suspekte Schlingen in Sanduhren, um Köpfl oder sonstiger Schrott
  • gar nichts
Foto: Semmel / klettern.de Tipps Alpinklettern: Haken-Qualität beurteilen

Kleine Hakenkunde

Aus diesen Möglichkeiten bilden wir zwei Kategorien:

  • Die Klasse „Alles gut!“. Dort können wir schnell und einfach einen Stand mit Reihenschaltung aufbauen. Dies ist bei zwei Klebe- oder soliden Bohrhaken der Fall. Auch wenn ein super Bohrhaken und ein Normalhaken oder eine Sanduhr vorhanden sind, wird dieser Aufbau gewählt. Also immer dann, wenn mindestens ein guter Fixpunkt vorhanden ist.
  • Nennen wir die zweite Klasse „Was’n Schrott!“. Hier finden wir nichts wirklich vertrauenerweckendes vor. Nur alte, verrostete Bohr- und Normalhaken oder wir müssen selbst etwas legen. Hier muss ein Stand mit Kräfteverteilung aufgebaut werden.

Alles gut!

Ist mindestens ein guter Fixpunkt vorhanden, wird der Standplatz mittels Reihenschaltung aufgebaut.

Normalerweise sollten Standplätze in gängigen Routen – vor allem in Plaisir-Touren – gute Haken aufweisen. Wir können dann wie folgt vorgehen:

  • Der tiefere der beiden Haken wird mit einem Verschlusskarabiner bestückt, mit einem Seilstrang ein Mastwurf darin gelegt und fertig ist die Selbstsicherung. Dann wird der zweite Haken eingehängt und ebenfalls mit einem Mastwurf an demselben Seilstrang dahinter abgespannt. Nun erst gibt man das Kommando „Stand!“.

Diese Methode funktioniert natürlich nur, wenn die Seilschaft „im Überschlag“ klettert, sprich die beiden Seilpartner abwechselnd vorsteigen. Steigt immer derselbe Kletterer vor, müsste man den gesamten Standplatz umbauen, bevor er die nächste Seillänge angehen kann.

Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)
  • Bei nur einem Vorsteiger verwendet man deshalb eine Reihenschaltungsschlinge und hängt seine Selbstsicherung in das Knotenauge dieser Schlinge am tieferen der beiden Fixpunkte. Trifft man auf nur einen guten, geklebten Haken, baut man allein an diesem Stand.
Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)

Das Sicherungsauge wird mit einem doppelten Bulinknoten geknüpft. Oder man verwendet eine spezielle Standplatzschlinge, wie sie mehrere Hersteller anbieten.

  • Zum Nachsichern wird in allen drei Fällen das Tube mit Plattenfunktion in den Zentralpunkt am unteren Haken eingehängt, das Seil komplett eingezogen und dann in die Patte eingelegt. Prüft, ob alles richtig aufgebaut ist, ob sich das Seil einziehen lässt und ob es auf Zug nach unten blockiert. Dann erst erfolgt das Kommando „Nachkommen!“.
Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)

Schlinge mit gelegtem doppeltem Bulinknoten als Reihenschaltungsschlinge.

Was'n Schrott!

Ist kein Fixpunkt wirklich vertrauenserweckend erfolgt der Standplatzbau mittels Kräfteverteilung.

Solltet ihr doch einen etwas alpineren Klassiker begehen oder in den Dolomiten unterwegs sein, werdet ihr in der Regel auf anspruchsvollere Standplätze treffen. Dort gilt es, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen:

  • Wie viele Haken/Fixpunkte stecken?
  • Sind diese akzeptabel?
  • Kann ich etwas dazu legen?

Denn aus den Antworten auf diese drei Fragen ergibt sich die Entscheidung, ob ich hier Stand mache oder besser weiterklettere, um an einer besser geeigneten Stelle Stand zu bauen. Zum Beispiel, wenn ich nur einen oder zwei schlechte Fixpunkte vorfinde und nichts vernünftiges dazu bauen kann.

Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)

Fixiertes Kräftedreieck

  • Treffe ich auf mindestens zwei akzeptable Haken oder kann selbst gute mobile Sicherungen legen, wähle ich die Kräfteverteilung. Standard ist das „fixierte Kräftedreieck“, alternativ (wenn Haken gefädelt werden müssen, z.B. weil sich diese nicht ohne „Biegebelastung“ der Karabiner einhängen lassen) die „Südtiroler Methode“. Beide Systeme verhindern, dass beim Ausbruch eines Fixpunktes der Zentralpunkt durchrutschen kann.
Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)
  • Auch bei mehr als zwei Fixpunkten lässt sich mit beiden Methoden schnell und sicher ein Standplatz bauen. Jetzt wird zunächst wieder die Selbstsicherung aufgebaut, es folgt das Kommando „Stand!“. Dann das Sicherungsgerät für den Nachsteiger aufhängen, das Seil einziehen und dann einlegen. Kommando „Nachkommen!“.

Kräfteverteilung mit vielen Fixpunkten

Müssen mehrere Fixpunkte verbunden werden, gilt ebenso: Kräfte gleichmäßig verteilen und den Zentralpunkt fixieren – ob mittels Ankerstich wie bei der „Südtiroler Methode“ (oben) oder indem man eine lange Schlinge verwendet, alle Stränge nach unten zieht und mit einem Sackstich abbindet (unten).

Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)

Zusätzlichen Energie­eintrag verhindern!

Foto: Georg Sojer Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)

Oben seht ihr, warum das früher praktizierte Kräftedreieck ohne fixierten Zentralpunkt so gefährlich ist. Sollte ein Fixpunkt ausbrechen, erhält der verbliebene Fixpunkt durch den durchsackenden Sichernden einen zusätzlichen Energieeintrag, der im Worst Case zum Komplettversagen des Standes und damit zum Seilschaftsabsturz führen kann.

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18.06.2017
Autor: Chris Semmel
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2016