KL 111 Gründe, klettern zu gehen Titel Cover Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

11 Gründe, klettern zu gehen

Ein neues Buch findet 111 Gründe, klettern zu gehen. Wir präsentieren die wichtigsten 11 und erklären, warum das Buch trotzdem Pflichtlektüre ist.

Warum klettern wir? Weil es glücklich macht und weil Klettern etwas Wunderbares ist. Diese beiden Antworten wird jeder Kletterer unterschreiben. Malte Roeper findet aber noch 109 weitere Legitimationen für unser Treiben, manche witzig, manche skurril, manche philosophisch.

Doch vom übereinstimmenden Kopfnicken, amüsierten Schmunzeln oder der haarsträubenden Hintergrunderleuchtung beim Lesevergnügen einmal abgesehen: Dieses Buch vermittelt, beiläufig und doch grundsolide, relevante Kletter-Geschichte.

Die berühmtesten Personen des Klettersports, Momente und Wände werden hier spielerisch und in humoristischer Form versammelt, um als Grund für unser Tun herzuhalten. Also: Wer genau hinliest, bekommt das wichtigste Basiswissen rund ums Klettern direkt mitgeliefert.

Malte Roeper
111 Gründe, klettern zu gehen
240 Seiten Taschenbuch
ISBN 978-3-86265-574-8
9,99 Euro (D)
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016
www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

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Weil es glücklich macht

Klettern bringt dich in Kontakt mit großartigen Menschen. Klingt bescheuert und nach Eigenlob: Ich rede schließlich über meinesgleichen.

Aber: Ich klettere seit über vierzig Jahren – es gab Phasen, da bedeutete es mir alles, es gab Phasen, als ich dachte, ich gebe es auf: weil ich keine Zeit fand, weil ich unzufrieden damit war, dass ich nicht mehr so stark bin wie früher. Und es gab Phasen, da war es mir wurscht, da bedeutete es mir nicht mehr viel. Aber der wichtigste, beste und schönste Grund, warum ich letztendlich immer wieder zurück an die Felsen ging und gehe, das sind die Menschen, die man dort trifft.

Kletterer sind bereit, Energie und Ehrgeiz auf ein Ziel zu verwenden, für das sich oft kein Schwein interessiert und für das sie keine Medaille bekommen. So etwas verbindet enorm. Klettern erlebt zwar einen Zulauf, den man sich nie hätte träumen lassen, aber am Ende des Tages ist es eine Minderheitensportart. Das wird sich nicht wirklich ändern und das ist gut so: Wir sind eine kleine vertikale Minderheit. Kletterer gehören zusammen. So ziemlich der wichtigste Faktor zum Glücklichsein sind unsere sozialen Beziehungen, und Vollidioten trifft man am Fels einfach nur wenige. Das gilt genau wie die allermeisten Punkte in diesem Buch auch fürs Bergsteigen. Die Grenzen zwischen Klettern und Bergsteigen sind fließend, was für das eine gilt, gilt oft auch für das andere. Und glücklich macht beides.

Nächster ganz wichtiger Punkt: Klettern bringt dich an wunderschöne Orte, die du sonst nie kennenlernen würdest. Orte wie die Verdonschlucht in Südfrankreich oder das Bärenbrunnertal in der Pfalz lernst du sonst einfach nicht kennen. Und dann bist du dort und sagst nicht nur, hach, hier ist die Aussicht aber wirklich ganz toll. Sondern du setzt dich mit der Natur, mit den Elementen auseinander – mit allem, was du hast, was du bist, was dich ausmacht: mit deiner Kraft, Geschicklichkeit, Mut, Ausdauer, Vorsicht, Verantwortungsbewusstsein. Du hast etwas mit diesen Plätzen zu tun, du entwickelst deine Geschichte mit ihnen. Gewinnst ein Stückchen Heimat an jedem Felsen, den du regelmäßig besuchst.

Sport ist eigentlich immer eine Form von Spiel. Und es gibt die ziemlich einleuchtende Theorie, nach der der Mensch erst im Spiel zum Menschen wird. Spielen ist Lebensfreude, im Spiel werden wir wieder zum Kind oder halten das in uns lebendig, was noch Kind ist. Ein Aspekt, den all die armseligen Deppen nicht auf dem Zettel haben, die Sport nur deswegen treiben, weil sie abnehmen wollen. Einem Ball hinterher rennen, das ist ein Impuls. Irgendwo hinauf klettern ist ein genauso grundlegender, natürlicher, spielerischer Impuls. Als Kinder sind wir auf Bäume geklettert, um unsere Geschicklichkeit zu testen, unseren Mut und die drängende Frage zu beantworten: Was sieht man, wen man oben ist? Beim Klettern wie bei anderen Sportarten sind wir also wieder ein bisschen Kind, allein das wäre schön genug. Aber wir müssen gleichzeitig verdammt erwachsen sein: Wir müssen einander ja sichern, sonst kann der Spaß tödlich enden. Die Verantwortung für einander schweißt zusammen, lässt ein begründetes Gefühl von Gemeinschaft entstehen, die wir heute überall so sehr vermissen.

Klettern ist vom subjektiven Erleben her intensiver als alle anderen Sportarten, die ich probiert habe – und das sind nicht wenige. Wenn wir vor einer schwierigen Stelle erst grübeln, wie in aller Welt sie gehen könnte, vergessen wir alles um uns herum. Wenn wir dann probieren, den nächsten Griff zu erreichen, sind wir so versunken, so sehr in einer Einheit von Körper und Geist, dass wir in diesem Moment an diesem Meter Fels sind, HIER und verflucht noch mal JETZT und nirgendwo anders. Und das ist etwas Wunder­bares. Du kennst das Gefühl völliger Versunkenheit, wenn du etwas bastelst, ein gutes Buch liest, im Garten werkelst, einem Baby die Flasche gibst? Genauso wirst du in den Kletterzügen versinken, du wirst es mit großartigen Menschen an wunderschönen Orten tun und von jedem Tag draußen am Fels wirst du mit derselben Erfahrung heimkehren: Das Leben ist wunderschön.

Weil es gesund ist

Sport ist gesund, was für eine Binsenwahrheit. Stimmt aber natürlich trotzdem. Heute ist er gesünder als je zuvor, weil er Bewegung bedeutet, die uns an den Bildschirmarbeitsplätzen verloren geht. Sport ist gesund für die Seele, weil wir unseren Körper spüren, in ihm zuhause sind und mit allen Sinnen agieren. Entfernungen und Richtungen schnell und korrekt einzuschätzen, fordert zum Beispiel das Gehör. In unserem digitalen Alltag dagegen stehen permanent die Augen im Mittelpunkt, weil wir dauernd auf alle möglichen Screens und Displays starren.

Klettern im Speziellen unterscheidet sich als Bewegung von allen anderen Sportarten. Wenn wir uns in der Senkrechten bewegen, hängt unser Gewicht zum Teil an den Armen, was schon mal eine wundervolle Entlastung für die Wirbelsäule bedeutet. Normalerweise wird die Wirbelsäule, außer wenn wir liegen, tagein, tagaus vom Eigengewicht des Oberkörpers zusammengeschoben. Eine gängige Methode zur Linderung akuter Rückenschmerzen ist es daher, sich mit den Händen an eine Stange oder einen Treppenabsatz zu hängen, so dass das Körpergewicht die Wirbelsäule schonend auseinanderzieht. Beim Klettern hängen wir nun nicht mit voller Last an den Armen – dann ginge uns schnell die Kraft aus, weswegen es als schlechte Technik gilt, zu sehr an den Armen zu hängen. Aber von einem Teil unseres Gewichtes ist die Wirbelsäule entlastet und dafür ist sie dankbar.

Noch wesentlicher ist die langsame, kontrollierte Bewegung des gesamten Körpers von Kopf bis Zeh: wir stehen in der Senkrechten, die Füße auf zwei Tritten, die Händen an zwei Griffen – eine Hand greift höher, das heißt, sie lässt ihren Griff erst mal los. Jetzt muss sich der gesamte Körper sich kurzzeitig ohne diesen Haltepunkt stabilisieren. Schultergürtel, Arme, Brust- und Rückenmuskulatur, Becken, Knie, Knöchel verlagern das Gewicht auf die verbleibenden Haltepunkte. Allein schon, wenn wir etwa den Kopf zur Seite drehen, um dort nach Griffen zu schauen, verlagern wir damit das Gewicht. All das geschieht unbewusst. Die Bewegungen selbst können wir langsam, ruhig und gezielt ausführen – und damit so präzise, dass die Präzision für sich allein schon Freude macht. Ähnlich wie beim Yoga oder beim Schattenboxen (nur dass es mehr Freude macht).

In den meisten anderen Sportarten müssen wir auf etwas Dynamisches reagieren, auf einen Ball oder den Gegner, den Mitspieler. Nicht dass das irgendwie blöd wäre, es geht mir darum, den Unterschied herauszuarbeiten. Beim Klettern reagieren wir auf etwas Statisches: den Fels. Griffe und Tritte rühren sich nicht vom Fleck. Wir müssen uns eine Bewegung ausdenken, mit der wir die sich anbietenden Haltepunkte zu einem Kletterzug verbinden. Schnell klettern ist dann essentiell, wenn es sehr schwierig wird und wir Kraft sparen müssen: damit wir uns an den schlechten Griffen nicht so lange festhalten müssen. In leichteren Routen ist die Geschwindigkeit völlig egal. Das hat den sehr nebensächlichen Vorteil, dass wir – sofern noch irgendjemand Nüchternes zum Sichern dabei ist – leichtere Routen ohne weiteres betrunken klettern können: die verringerte Präzision gleichen wir aus, indem wir uns langsamer bewegen. Betrunken klettern macht aber keinen besonderen Spaß, da in der Präzision der Bewegung gerade eine große Freude liegt.

Worum ging es? Ach ja – warum klettern so gesund ist. Klettern fördert Beweglichkeit und Muskelaufbau des gesamten Oberkörpers: Bauch-, Brust- und Rückenmuskulatur, Schultergürtel, Arme und vor allem: die Unterarme. An den Unterarmen erkennen wir Kletterer einander wie an einer geheimen Tätowierung. Besonders viel Kraft entwickeln wir Kletterer in den Fingern, mit denen wir uns festhalten. Die entsprechenden Muskeln, die Fingerbeuger sitzen am Unterarm, und wenn du sehr viel kletterst, sehen deine Unterarme bald so schön keulenförmig aus wie bei Popeye.
Die Beine trainiert man auch – allerdings weniger, wenn man ausschließlich in der Halle klettert. Sobald man draußen ist, trainiert man auch ordentlich die Beine: denn sie tragen den Rucksack zum Einstieg – und den schick trainierten Oberkörper noch dazu.

Weil es schön macht

Jeder Laie erkennt intuitiv den Unterschied zwischen den massiven Körpern von Bodybuildern und Schwergewichtsboxern. Der Körper eines Bodybuilders ist zu nichts gut, er ist nur eine durch und durch dysfunktionale Masse Fleisch. Weil er nicht beweglich ist und nichts kann außer Gewichte stemmen. Aber ein Sportler ist zuallererst beweglich, er übt die Bewegungen aus, die für seine Disziplin typisch sind. Aus der Wiederholung dieser Bewegungen resultiert ein entsprechender Muskelaufbau.

Der klassische Fußballer hatte so übertrainierte Oberschenkel, dass er O-Beine bekam – bestes Beispiel war Gerd Müller, genannt der Bomber der Nation. Heute ist das ein bisschen anders: dank moderner Trainingslehre und dem zeitgenössischen Narzissmus haben heutige Fußballer gleichmäßig austrainierte Körper. Wer einen Sport betreibt, der den Oberkörper so vielseitig fordert wie Klettern, der bekommt einen schöneren Körper. Auch hier spielt die moderne Trainingslehre eine wichtige Rolle. Grundsätzlich wird die Rückenmuskulatur deutlich stärker trainiert als die Vorderseite, und früher kam es häufig vor, dass die wirklich starken Kletterer mit einem ziemlichen Rundrücken á la Gorilla daherkamen, weil der natürliche Muskeltonus den Rücken zusammenzog und vorn wenig Muskeln waren.

Das ist passé, weil man heute darauf achtet, zu jedem Muskel den Gegenspieler zu trainieren – so wird der Muskel nämlich stärker. Und überhaupt steht heute beim Krafttraining fürs Klettern der ausbalancierte Körper im Vordergrund, Körperspannung und intramuskuläre Koordination bringen einfach mehr als nur ein dicker Bizeps. Grundsätzlich braucht man eine gute Portion Kraft, aber es ist keine absolute Kraft, wie sie etwa beim Kugelstoßen erforderlich ist, um ein bestimmtes Gewicht möglichst weit zu stoßen. Sondern relative Kraft, also Kraft in Relation zum Körpergewicht, ähnlich einem Hochspringer.

Wenn du extrem schwer kletterst und für eine Route an deinem absoluten Limit ein Kilo runterhungerst, bringt dir das kurzfristig einen solchen Schub, dass du ihn mit Training kaum erreichen kannst. Und es gab Zeiten, da haben Kletterer sich so weit runtergehungert, dass man für die Wettkämpfe einen Body-Mass-Index einführte, weil da Athleten und Athletinnen an den Start gingen, die waren eindeutig magersüchtig. Das ist aber vorbei, und wenn man sich auf einem Weltcup die Topleute anschaut, dann haben die natürlich auch kein Gramm zuviel. Aber kein Starter und keine Starterin wirkt ungesund mager. Die Hungerexzesse der Topleute waren eine Mode, die nach wenigen Jahren vorüber ging. Freiklettern als Hochleistungssport ist eben noch relativ jung. Für normales und auch einigermaßen engagiertes Klettern braucht niemand zu hungern.

Die komplexe muskuläre Belastung, die fast sämtliche Muskelgruppen oberhalb der Hüfte trainiert, bildet einen beweglichen, schlanken und gleichzeitig kräftigen Körper aus. Kletterer und die meisten anderen Leute, die viel draußen sind, haben ein bestimmtes Leuchten, ein Glänzen in den Augen. Das kommt einfach vom draußen sein, basta. Und außerdem wird man braun, wenn man viel draußen ist. Ein paar Falten können allerdings frühzeitig dazukommen – Lachfalten.

Weil es fast keine Regeln gibt

Wenn du Deutscher Meister im, sagen wir, 800-Meter-Lauf werden willst, musst du dich über Kreis- und Landesebene erst einmal qualifizieren und die Vorläufe überstehen. Wenn du eine Erstbegehung an der Eigernordwand machen willst, gehst du mit deiner Ausrüstung zum Wandfuß und steigst ein. Fertig. Es gibt keinen Trainer, es gibt keine Startberechtigung, es gibt keine Dopingkontrolle, wenn du den Gipfel erreichst, es gibt nichts Offizielles, gar nichts. Die real existierenden Gefahren sind offensichtlich genug, dass es nur wenige probieren. Du kannst auch als Neuling eine Freikletterroute von Alexander Huber technisch klettern, da hat niemand was dagegen. Und wenn doch jemand mault, ist es auch egal.

Es gibt Ansichten, was guter Stil und was nicht. Es gilt als völlig okay, wenn du dich im Klettergarten erst einmal von oben über die geplante Linie abseilst und die Haken setzt, bevor du es probierst. Gibt auch Leute, die regen sich drüber auf, aber: sollen sie. Im Gebirge dagegen gilt nur als okay, eine Erstbegehung ohne vorherige Inspektion von oben anzugehen. Manche machen es trotzdem. In Südeuropa gilt es als nicht weiter schlimm, bei einer Erstbegehung im Klettergarten einen Griff mit dem Meißel zu vergrößern, damit er besser und die Tour einfacher wird. Wenn du das im deutschen Sprachraum machst, kannst du damit Reaktionen auslösen, die erinnern an die Folgen der Mohammed-Karikaturen. Aber natürlich nur verbal, keiner wird erschossen, und es nimmt dir auch keiner die Startberechtigung für die nächste Erstbegehung weg.

Es gibt natürlich Regeln im Sinne einer sportlichen Definition. Wenn du sagst, du hast etwas frei geklettert, dann musst du es so geklettert haben, wie es die Definition besagt, sonst bist du ein Lügner. Aber auch hier gibt es keine Kommission, es gibt keine Zeitlupe, keine Dopingprobe, nichts. In den Bergen und an den Felsen leben wir frei von Herrschaft. Das einzige Gesetz, das wirklich gilt – ist das der Schwerkraft.

Weil wir lernen, mit wenig zufrieden zu sein

Ich erinnere mich noch genau: wir befanden uns siebenhundert Meter über Grund in der winterlichen Droites-Nordwand, es war Winter, es wurde dunkel und grimmig kalt. Genau hier mussten wir übernachten, der Weiterweg war extrem schwer, die nächsten hundert Meter morgen würden entscheiden, ob wir es schafften. Ich spürte Schmerzen im Handgelenk und wusste nicht, wie ich morgen klettern sollte.

Das rührte daher, dass ich in stundenlanger Plackerei für jeden von uns drei eine kleine Plattform aus dem Eis gehackt hatte. Wie üblich übernahm ich das Kochen, was natürlich nix mit Haute Cousine zu tun hatte, sondern sich darum drehte, auf einem kleinen Gaskocher den Schnee zu schmelzen. Ich lag in der mittleren Etage und schickte die mit warmem Isostar gefüllten Flaschen an Reepschnüren nach oben und unten, schließlich war ich selber dran: ein halber Liter warmes Isostar – für mich allein.

Ich war in diesem Moment vollkommen glücklich, denn ich hatte alles, was ich IN DIESEM MOMENT nur wünschen konnte: eine Sicherung gegen den Absturz, einen Schlafsack, etwas Warmes zu trinken und zwei Freunde, auf deren Kameradschaft ich zählen konnte. Das ist eines der Geheimnisse, mit denen die Berge uns glücklich machen: Sie reduzieren radikal deine Bedürfnisse. Sind diese erfüllt, fühlst du dich glücklich.

Für diese Erfahrung brauchst du keine Winter-Erstbegehung an einer Tausendmeterwand zu machen oder ähnlich grimmiges Zeug. Es reicht, wenn du an den Felsen feststellst, dass du dein Essen vergessen hast und dann auf dem Grund deines Rucksacks ein vergessener Powerbar auftaucht.

Weil es bizarre Jobs gibt

Der Vormarsch des Kletterns von einer kleinen »vertikalen« Minderheit Richtung Mitte der Gesellschaft (wo es gottlob noch nicht ganz angekommen ist) hat einen Reihe schräger neuer Jobs hervorgebracht. Als Erstes den »Industriekletterer«. Der Boom in dieser Branche hat mit dem Freikletter- und Outdoor-Boom ursächlich nichts zu tun. Im Ausland, namentlich im Ostblock und in den Alpenländern, war es schon lange völlig normal, bei kleineren Arbeiten in großer Höhe auf Gerüste zu verzichten und das Ganze Kletterern anzuvertrauen. In Deutschland war das verboten. Um etwa Dichtungsfugen an Hochhäusern auszutauschen – klassischer Job für Industriekletterer – musste man Verfuger sein, um Fenster an Hochhäusern zu putzen eine Reinigungsfirma mit einem Gebäude­reinigungsmeister (ja, das gibt es).

Die Angleichung all dieser Bestimmungen im Zuge der EU führte dazu, dass Industriekletterer in Deutschland die gleichen Chancen bekamen wie im Ausland. Und kaum sind die Bestimmungen auf der einen Seite gelockert, werden sie auf der anderen wieder verschärft. Jetzt musst du, um Fenster am Hochhaus zu putzen, keinen Gebäudereinigungsmeister mehr im Betrieb haben, aber alle, die am Seil hängen, müssen zertifizierte Industriekletterer sein. Mit Zusatzausbildung in Ding und Dong. Nun ja.

Nächster schräger Job: Routenbauer. Die dramatisch wachsende Zahl von Kletter- und Boulderhallen braucht Leute, die die Touren dort bauen, das heißt die Griffe und Tritte so anschrauben, dass eine schöne Route im gewünschten Schwierigkeitsgrad entsteht. Auch dafür gibt es Lehrgänge und Qualifikationen: Es ist ein Unterschied, ob du für eine Halle arbeitest oder einen Weltcup schraubst. Es gibt Leute, die machen das hauptberuflich, als Freelancer: durch die Lande fahren und Griffe an die Wand schrauben.

Durch den großen Markt, den Klettern mittlerweile darstellt, gibt es eine Heerschar von Leuten, die klettern, fotografieren, filmen und drüber schreiben, die Equipment und spezielle Kleidung herstellen und verkaufen. Das sind ein Haufen Leute, die zum Großteil ihren Weg gefunden haben, den Lebensunterhalt mit etwas zu bestreiten, das sie lieben.

Weil es Kalk gibt

Die meisten modernen Klettergebiete sind Kalkfelsen, die vorwiegend geschlossene, wenig zerklüftete Oberflächen bilden. Die Routen folgen nicht offensichtlichen Riss- oder Verschneidungslinien, in denen völlig unübersehbar ist, wo es lang geht, sondern es dominiert Wand- und Plattenkletterei an Löchern und Leisten. Weil das so abwechslungsreich ist und der Formenreichtum der Löcher und Leisten so groß, ist Kalk für viele das bevorzugte Gestein.

Auch ist es so, dass die allermeisten High-End-Routen und schwersten Touren der Welt im Kalk erschlossen werden. Ein paar kleine Griffe gibt es im rauen Kalk eben immer noch. Da man im Kalk mit mobilen Sicherungsmitteln wie Keilen oder Friends meist wenig ausrichten kann, stecken meistens genügend Bohrhaken, was das Klettern natürlich sehr unkompliziert macht.

Weil es die Eigernordwand gibt

Die Eigernordwand ist ohne jeden Zweifel die berühmteste Kletterroute der Welt. Der Eiger ist nicht für seinen Gipfel bekannt, sondern für die Nordwand. Dort wird geklettert, dort wurde gestorben. Das Matterhorn dagegen ist als Gipfel bekannt, als Berg, ebenso der Everest. Und an diese Berge kommt in Sachen Bekanntheitsgrad eh nichts dran. Der Eiger thront über dem Tal von Grindelwald »wie ein Grabstein in einer Blumenwiese«, so beschrieb es der berühmte französische Bergsteiger und Autor Gaston Rebuffat. Der Vertical Drop ist gewaltig, vom 3970 Meter hohen Gipfel sind es in der Horizontalen nur wenige Kilometer bis zum dreitausend Meter niedrigeren Grindelwald, knapp 1.700 Meter davon entfallen auf die Nordwand.

Es gibt keine andere große Wand in den Westalpen, die so unscheinbar beginnt. Von der Station Eigergletscher der berühmten Zahnradbahn aufs Jungfraujoch läufst du auf sie zu, es wird schottrig und irgendwann stehen die ersten Felsen heraus, zwischen denen es in durch Steinmänner markierten Serpentinen weiter geht. Gleich drunter auf den Wiesen – wir befinden uns auf lächerlichen 2.300 Metern Höhe – grasen Schafe und Ziegen, deren Glocken manchmal bis hoch in die Wand zu hören sind.

Andere große Routen der Westalpen beginnen auf drei-, manche auf viertausend Meter. Andere Wände bekommen ihre Größe, ihre Wucht, ihre Aura oft von den gewaltigen Gletschern, über denen die stehen. Die Eigernordwand braucht so etwas nicht, sie ist einfach groß, riesig groß. Zu der Wandhöhe kommen noch die enorme Breite von mehr als drei Kilometern unten an ihrer Basis und nicht zuletzt die Form: Die Wand bildet ein riesiges Halbrund, ein Amphitheater. Die klassische Heckmair-Route sucht sich zwingend logisch den leichtesten Weg durch diese unendlichen Weiten, weshalb lange Strecken dabei sind, auf denen es mehr oder weniger waagrecht nach links oder rechts geht. Das hat erstens zur Folge, dass die Kletterstrecke mit insgesamt 3,5 Kilometern unvergleichlich viel länger ist als bei allen vergleichbaren Wänden, zweitens macht es den Rückzug sehr kompliziert. Wenn es nach unten geht, kannst du abseilen. Wenn es zur Seite geht, musst du es zurück klettern. Drittens wird der Rückzug gefährlich, denn über diese Quergänge rauschen die Lawinen, und schlechtes Wetter ist ja oft erst der Grund, warum man überhaupt umdreht.

Es gibt Wände, die sind so steil, dass du eigentlich nicht in der Wand bist, sondern an ihr wie an einer Fensterscheibe. Beim Eiger bist du wirklich in der Wand, und so sehr du drin bist, so weit bist du weg von der anderen Welt, die von der Luftlinie eben noch so dran ist. Dazu kommt ein weiterer, für den düsteren Ruhm ganz entscheidender Punkt: Die allermeisten großen Wände stehen irgendwo j.w.d. im Hochgebirge, wenn du da herumturnst, sieht das kein Schwein. Im Eiger wirst du gesehen, nicht aus dem Tal, aber von den öffentlichen und stark frequentierten Zahnradbahnhöfen Kleine Scheidegg und Eigergletscher. Es ist nun mal gefährlich, also werfen die Leute Geld in die extra auf die Wand gerichteten Münzfernrohre. Und wenn etwas passiert, dann weiß die ganze Welt Bescheid. Schon in den Dreißigerjahren, doch dazu später.

Die ersten, die sie versuchten, kamen aus der anderen Richtung auf die Wand zu marschiert, von links unterhalb, weil sie sich die teure Bahn nicht leisten konnten. Zelteten unter der Wand und warteten auf Schönwetter. Sie stiegen damals auch anders ein, als es heute üblich ist, nämlich am tiefsten Punkt – während man sich, wenn von rechts kommt, das unterste Stück des Wandvorbaus sparen kann. Am alten Orginaleinstieg wittern die alten Gedenktafeln vor sich hin, denn gestorben wurde ja viel am Eiger. Die ersten, die es 1935 versuchten, erlangten traurige Berühmtheit: Die Münchner Sedlmayr und Mehringer wählten eine Route direkt hinauf zum zweiten Eisfeld, die sich als sehr schwer und zeitraubend erwies, und starben fünf Tage später im Schneesturm. Der Punkt, an dem die beiden vom Tal aus mit einem Fernrohr das letzte Mal gesehen wurden, bekam später den Namen Todesbiwak. Ein Jahr später stiegen zwei Seilschaften gleichzeitig ein, die Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer sowie die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer. Sie wählten eine Route rechts von Sedlmayr und Mehringer. Hier ist das Gelände stärker gegliedert, aber dann erschwert eine haltlos glatte Platte den Übergang nach links zum ersten Eisfeld. Die vier schlossen sich zusammen, Hinterstoißer überwand die schwierige Passage zum Eisfeld, indem er sich halb kletternd, halb im Seil hängend nach links hinüberschob, Seilzugquergang nennt man das. Diese Passage heißt seitdem Hinterstoißer-Quergang. Nach der Passage befestigte er ein Geländerseil, an dem die anderen folgen konnten. Dieses zogen sie jedoch wieder ab, was sich später als fataler Fehler erwies.

Als die Deutschen durch das erste Eisfeld stiegen, fielen die Österreicher zurück, Angerer wurde durch Steinschlag verletzt. Nach einem gemeinsamen Biwak am Rande des zweiten Eisfeldes setzten sie den Aufstieg fort, kamen aber nur zweihundert Meter weiter. Dies bedeutete ein weiteres Biwak. Am folgenden Tag kamen sie weiterhin nur langsam voran und erreichten, gebremst durch den verletzten Angerer, das Todesbiwak, ein steinschlagsicherer Absatz auf einem markant aus der Wand herausstehenden Felskeil, dem »Bügeleisen«. Die vier mussten umkehren, bis zum Gipfel war es einfach zu weit. In der nächsten Biwaknacht kam es zu einem Wettersturz. Als sie auf dem Rückweg wieder zum Quergang gelangten, war der Fels mit Eis überzogen und spiegelglatt. HÄTTEN sie das Seil im Hinterstoißerquergang nicht abgezogen, sie wären hinübergekommen und hätten wahrscheinlich überlebt.

Einzige Möglichkeit blieb das direkte Abseilen, das sie jedoch in haltlos steiles Gelände führte. Sie erreichten eine Stelle oberhalb eines Stollenlochs der Jungfraubahn, wo sie vom Bahnwärter entdeckt wurden. Kurze Zeit darauf riss eine Lawine alle bis auf Toni Kurz in den Tod. Wegen des Unwetters und ständiger Lawinen misslangen alle Versuche, ihn zu retten, und er musste eine weitere Nacht ausharren – im Seil hängend. Am Ende starb der geschwächte Kurz nur wenige Meter über seinen Rettern.

Dieses unfassbare Drama wurde 2008 fürs Kino verfilmt, Regisseur Philipp Stölzl war berüchtigt für die klassischen Opern, die er in ungeheuren Materialschlachten zu einem postmoderninistischen Mummenschanz verbriet, man musste Schlimmes befürchten. Herausgekommen ist mit Nordwand jedoch ein wirklich sehenswerter Film.
Zurück zur Historie: Nun waren es sechs Tote, aber natürlich probierten es die nächsten – Der Deutsche Ludwig »Wiggerl« Vörg und der Tiroler Mathias Hias Rebitsch. Sie kamen als Erste lebendig zurück, wenn auch am Wandfuß. Auch sie hatten umkehren müssen. Sie kannten die Geschichte von Hinterstoißers Quergang, beließen das Seil und überlebten. Das war ja schon mal ein Fortschritt. Und Vörg brachte die Erkenntnis mit, dass Felsklettern allein an dieser Wand nicht weiterhalf.

Zu lang waren die Eisfelder, die zu bewältigen waren, zu zahlreich die Passagen mit verschneitem oder vereisten Fels.
Im Frühsommer 1938 unternahmen die Italiener Bortolo Sandry und Mario Menti den nächsten Versuch. Schlechtwetter, Rückzug, Absturz. Da waren es acht Tote. Im selben Jahr besetzten die Nazis ein nicht unbedingt widerstrebendes Österreich. Und am Eiger stiegen die Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek ein, kurz danach zwei Deutsche Anderl Heckmair und – Wiggerl Vörg, der den unteren Teil der Wand kannte. Trotzdem hatte Heckmair sich Zeit ausbedungen, die Wand mit dem Fernglas zu studieren. Diese Zeit, das Fernglas und sein phänomenaler Instinkt sollte den Ausschlag geben zwischen Tragödie und dem Triumph, der sie unsterblich machen sollte.

Dazu benutzten sie eine Weltneuheit: zwölfzackige Steigeisen, mit zwei waagrecht nach vorn stehenden sogenannten Frontalzacken. Damit konnten sie die Eisfelder hinaufsteigen wie eine Leiter. Die Österreicher dagegen hatten eine vierhundert Meter lange Reihe von Stufen mit dem Eispickel schlagen müssen. Nur über diese Stufen konnten sie mit ihren Nagelschuhen hinauf. Eine endlose Plackerei. Und mit Steigeisen und vorhandenden Stufen holten Heckmair und Vörg die beiden so schnell ein, dass ihnen Hören und Sehen verging. Sie überholten die Österreicher, jede Seilschaft ging für sich weiter. Aber als das Wetter schlecht wurde und sie schon so hoch in der Wand waren, dass sie nach unten nie mehr lebend herauskämen, da taten sie sich zusammen.

Schnee rutschte über sie, überzog die altmodischen Kleidung ebenso wie die Seile mit einer Eisschicht. Heckmair stürzte mehrfach an einer bestimmen Stelle in der sogenannten Rampe, er leistete Übermenschliches, er führte sie alle hinaus – über genau die Linie, die er mit dem Fernglas ausgetüftelt hatte: dreieinhalb Kilometer lang – und wenn man vom Vorbau einmal absieht, wird sie heute noch auf den Zentimeter genau so geklettert wie damals. Viele klassische Routen wurden nach der Erstbegehung ein bisschen begradigt, ein besserer Einstieg, ein leichterer Ausstieg wurde zur normalen Routenwahl. Nur an der Heckmair gab es nicht zu optimieren. Diese Linie ist ein Meisterwerk wie ein ganz großes Gemälde.
Den Krieg über herrschte Ruhe in der Wand, danach war ­lange jede Begehung noch eine Nachricht, wirklich wichtig.

Wirklich schön war die Geschichte mit der »europäischen Seilschaft« von 1952. Neun Bergsteiger aus Deutschland, Frankreich und Österreich gerieten gemeinsam in fürchterliches Unwetter. Gaston Rebuffat, einer der Franzosen, schrieb: »Schnee kriecht in die Ärmel und den Kragen, die Finger sind steif, die Füße frieren, die durchnässte Kleidung wird zu einem krachenden, klirrenden Panzer. Ich fühle, dass es meinen Kameraden genauso geht, sie haben das gleiche Unbehagen wie ich. Auch bei den Deutschen und Österreichern ist es so. Es ist eben bei allen Menschen dasselbe.« Und weil sie alle dasselbe wollten – überleben – schlossen sie sich zusammen, der Österreicher Hermann Buhl führte Schlüsselpassagen an wie den Wasserfallkamin, verausgabte sich bis zu einem Ohnmachtsanfall. Sie kamen durch, erreichten den Gipfel und wohlbehalten das Tal. Deutsche und Franzosen, die vermeintlichen Erbfeinde, hatten miteinander und füreinander gekämpft, was konnte es Schöneres geben?

Der italienische Alpinjournalist Guido Tonella prägte das Wort von der »europäischen Seilschaft« und schrieb euphorisch: »Bergsteigen steht über den Nationen. Bergsteiger sind Brüder. Sie alle bilden eine Seilschaft!« Fünf Jahre später war auch die Politik soweit, 1957 wurden die Römischen Verträge über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG unterzeichnet, den Vorläufer der heutigen EU.

Auf Dauer war die riesige Wand für eine einzige Route natürlich zu klein, die zweite geriet zu einem epischen Drama, es musste so sein, es war ja der Eiger. Die nächste Route musste eine direkte Linie zum Gipfel sein, schnurgerade über die Quergänge der Heckmair hinweg. Zwei Mannschaften hatten dieselbe Idee und bereiteten sich vor, ohne voneinander zu wissen – eine deutsche, eine britisch-amerikanische, zu der der Amerikaner John Harlin zählte: ein Baum von einem Mann, groß, breitschultrig, blond, blaue Augen. Wäre er ein Boxer gewesen, man hätte ihn »die nächste weiße Hoffnung« getauft. Für seine Söhne war er schwer erträglich. John Harlin junior beschrieb eindringlich, wie er weinend nach Hause kam, weil man ihn in der Schule verprügelt hatte. Und der Papa? Tröstet? Hilft? Nein, John Harlin senior schämte sich und litt unter der Schande, dass sein Sohn ja offensichtlich schwächer war als andere: Ein Vater, wie man ihn dem ärgsten Feind nicht wünscht.

Nun gut, dann ging es also los. Beide Teams werkelten nebeneinander her, wie damals üblich schoben sie die Route weiter vor, indem sie eine Fixseilkette zum jeweils höchsten erreichten Punkt aufbauten. Auf die Art konnten sie genug Material transportieren, um in der Wand auszuharren, und bei Schlechtwetter jederzeit umkehren – und ruckzuck am Eigergletscher oder der Kleinen Scheidegg ein Bierchen trinken. Keine Mannschaft wollte ihr Ziel aufgeben.

Das Wetter wird mehr als einmal schlecht, es stürmt und bläst, der Wind peitscht die Fixseile am Fels hin und her. Und als John Harlin wieder einmal an der Fixseilstrecke aufsteigt, reißt ein Seil und er stürzt tausend Meter in den Tod.
Nun setzen sich beide Mannschaften zusammen und beraten. Wollen Sie jetzt noch weitermachen? Ja, sie wollen, aber gemeinsam. Harlin hat diese Linie unbedingt gewollt, er hat sein Leben für sie gegeben, also tun sie es für ihn. Klingt pathetisch, wahrscheinlich war es aber wirklich so. Die Schwierigkeiten sind noch lange nicht vorüber. Der Schotte Dougal Haston erreicht mit zwei Deutschen im Sturm den Gipfel. Damit war Harlins Vermächtnis hinlänglich erfüllt, sie gaben sich zufrieden.

1969 kamen die Japaner und ihre eigene Direttissima, die ziemlich weit unten rechts von der Heckmair abzweigt. Japaner? Am Eiger? Hing damit zusammen, dass der markante Mittellegigrat, der die Wand linkerhand begrenzt, erstmals von einem Japaner erstiegen wurde, der hieß Yuko Maki, klingt ein bisschen nach Sushi, aber der hieß wirklich so. Und weil er einen Haufen Geld hatte, stiftete er später 10.000 Fränkli, um den Bau der Mittellegihütte an »seinem« Grat zu ermöglichen. Daher hatte die japanische Klettergemeinde einfach einen Bezug zu diesem Berg. Seine sechs Landsleute von 1969 jedenfalls nagelten sich durch die Rote Flüh, eine Wand in der Wand, fünfhundert Meter hoch und steil wie eine Dolomitenmauer. Es war ein Höhepunkt des Direttissima-Zeitalters, alle halben Meter einen Stift in den Felsen gemeißelt (von Hand!), Leiter rein und das ganze von vorn. Eine Art von Gerüstbau, Klettern quasi ohne Felsberührung. Aber nach fünfhundert Metern war mit der Bohrerei Schluss, dann endete der kompakte Felsschild der Roten Flüh, das kombinierte Gelände begann, und das konnten sie ebenfalls. Diese Route wurde daheim natürlich eifrig publiziert und ist neben dem Mann von Mittelegigrat ein weiterer Grund, warum so außerordentliche viele Japaner das Tal besuchen. So viele, dass es in Grindelwald schon seit Jahrzenten ein eigenes japanisches Fremdenverkehrszentrum gibt.

Zehn Jahre später tauchte ein gewisser Michel Piola aus Genf am Eiger auf: Der gesamte riesige Wandteil rechts der Japanerroute, der ausschließlich Fels aufwies, keine in Wasserfällen abschmelzenden Eisfelder, war noch völlig unberührt. Und da stieg ein riesiger markanter Pfeiler auf wie ein Schiffsbug, stand aus der Wand vor wie ein Begrenzungspfeiler des großen Amphitheaters. Der Genfer Pfeiler war nur 1.300 Meter hoch und endete weit unterhalb des Gipfels irgendwo im Niemandsland der Westflanke. Also weit, weit rechts des Gipfels. Das war 1979. Von da an gab es alle zwei, drei Jahre neue Routen im Westteil der Wand, der für sich allein genommen größer ist als viele andere Alpenwände.

Piola war wegweisend, denn dieser rechte, rein felsige Teil ist eine Kletterarena, wie sie in den Alpen ihresgleichen sucht. Der Fels ist mal hervorragend, mal schlechter, aber das Ambiente ist natürlich absolut unvergleichlich. Stefan Siegrist und Daniel Anker eröffneten 2000 mit La Vida es silbar 7c eine Sportkletterroute für die echten Könner, es folgten Paciencia 8a sowie kleinere, gesuchtere Touren noch weiter rechts. Aber eine Wand wie der Eiger ist nie zu Ende erschlossen, es geht immer weiter. Robert Jasper kletterte mit Roger Schäli die Japaner-Direttissima, dann die Harlin-Route frei, eine ungeheure Leistung, der kaum genügend Anerkennung zuteil wurde. Piola hatte mit dem großartigen René Ghilini noch eine weitere Direttissima in den Westteil gelegt, und auch diese kletterten Jasper und Schäli frei. Es war eine der letzten großen Technorouten in den Alpen, die eine freie Begehung lohnten.

Aber die Eigernordwand ist mitterweile auch Playground für BASE-­Jumper und Wingsuit-Piloten. Am Westgrat spitzt ein überhängender Turm aus der Wand raus, eine aberwitzige Kanzel, unter der es atemberaubend wegbricht. Die Route Deep Blue Sea (7b+) kommt genau hier heraus.

Und zu klettern gibt es immer noch so viel. Im Sommer 2015 kletterten Jasper und Schäli mit dem Südtiroler Simon Gietl mit Odyssee eine 1400 Meter lange völlig neue Linie durch die Rote Flüh, dazu ist sie 8a+ die schwerste Route an der Wand. Das Abenteuer Eiger wird nie wirklich zu Ende sein.

Weil es »La Dura Dura« gibt

La Dura Dura könnte eines dieser x-beliebigen Videos sein, in denen die Jungs sagen, boah, diese Route ist super-super-schwer, es sieht fast unmöglich aus, aber ich bin so wahnsinnig motiviert (gähn!) und dann (schnarch!), ja dann schaffen sie’s halt. In La Dura Dura stimmt aber einfach alles. Es gibt drei berühmte Holly­wood-Regeln für einen guten Film, die sind so allgemeingültig, dass sie schon fast banal wirken, aber richtig sind sie allemal: eine aufregende Geschichte über aufregende Charaktere, die auf aufregende Art und Weise erzählt wird.

Also: Es war einmal der beste Kletterer der Welt, er hieß Chris Sharma, sah aus wie ein tiefenentspannter, verkiffter amerikanischer Hippie, der zufällig einen Haufen Muskeln hat. Der hat eine Linie mit Bohrhaken eingerichtet und stellt fest: Die ist zu schwer, die kann ich nicht klettern. Deswegen nennt er das Projekt La Dura Dura – das heißt soviel wie »sehr, sehr hart«. Dann taucht ein junger Tscheche auf, der absolute Überflieger, klettert alles in Grund und Boden, auch die harten Routen von Chris Sharma.

Adam Ondra ist dürr wie eine Bohnenstange, sieht aus wie Harry Potter und ist am Boden freundlich und am Fels schlichtweg wahnsinnig. Wenn er stürzt, dann schreit er – nicht aus Angst, nein, er flippt aus vor Wut und Verzweiflung. Und Sharma, entspannt wie er ist, sagt dem Jungspund: »Ich glaub, ich hab was für dich.« Denn Ondra hat noch nicht viele Erstbegehungen gemacht, das fehlt ihm noch zum wahren Meister des Sports. Und Sharma denkt sich: Der Junge hat so viel Biss, da kann ich alte Schlafmütze mir ruhig eine Scheibe abschneiden. Er denkt an die Zeit zurück, als er so jung war wie Ondra jetzt, wie er sich von Älteren inspirieren ließ, und hofft, diesem jungen Burschen und überhaupt den Jüngeren etwas zurückgeben zu können.

Wie sie diese Route gemeinsam probieren, kollegial einander sichern sowie Tipps geben und gleichzeitig jeder für sich den Ehrgeiz hat, die schwerste Route auf dem Planeten zu klettern, das ist großartig erzählt. Dazu kommen fantastische Kletteraufnahmen, bei denen man spürt, wie schwer es ist – das liegt nicht zuletzt am exzellenten Ton, durch den wir jedes Atmen, jedes Kratzen der Fingerkuppen an den winzigen Griffen hören.
La Dura Dura gibt's hier zu sehen.

Weil es Steigeisen gibt

Steigeisen brauchst du, wenn du in Firn und Eis unterwegs bist. Wenn du nur einen steilen, hartgefrorenen Hang querst, genügen einfache Zehnzacker. Für alles was steiler ist, brauchst du Zwölfzacker, bei denen ein Zackenpaar mehr oder weniger waagrecht nach vorn steht. Keine Eiswand, keinen Wasserfall, ja kaum einen einfachen Viertausender könnten wir besteigen ohne Steigeisen. Es gibt Bergbauern, die im Steilmahd mit Steigeisen mähen, denn sie halten natürlich nicht nur im Eis, sondern auch im Gras.

Steigeisengehen will gelernt sein. Wer den Fuß nicht richtig hebt, der stolpert, weil die Zacken sonst im Schnee hängenbleiben. Die Fußspitzen müssen etwas nach außen zeigen, sonst bleibt man mit den Frontalzacken in der Hose oder der Gamasche hängen. Wenn einer auf dem flachen Gletscher richtig mit Steigeisen geht, sieht das immer ein wenig aus wie ein o-beiniger Reiter.

Weil es Wolfgang Güllich gab

Wolfgang Güllich, der in die Geschichte eingehen sollte als einer der größten Kletterer aller Zeiten, wurde 1960 in Ludwigshafen geboren und wuchs behütet in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Als Kind spielte er zunächst erfolgreich Tennis, fand aber bald zu seiner wahren Bestimmung: Klettern!

Mit zarten 17 steht er, das Szenetalent, neben dem (auch nur in der Szene) BERÜHMTEN Reinhard Karl am Einstieg des Jubiläumsrisses am Nonnenfels, im Bärenbrunner Tal in der Pfalz. Sie probieren die erste freie Begehung, der BERÜHMTE scheitert, Klein-Wolfgang schafft es – und der BERÜHMTE Reinhard Karl schlägt ihm ganz begeistert auf die Schulter und den aufgeregten Jungen quasi zum Manne, zum Ritter. Es war in jedem Fall das ganz große Initiationserlebnis für ihn: »Ich wuchs sofort um einige Zentimeter und konnte die ganze Nacht kaum schlafen, weil ich so motiviert war, dass ich gleich wieder klettern gehen wollte.«

Güllich hat das Sportklettern im Folgenden geprägt wie kaum ein anderer, er begriff im Grunde als einer der Ersten dieses neue Klettern in seiner Wesensart: einerseits spielerischer und weniger gefährlich, andererseits deutlich athletischer. Vermehrtes Training war ganz offensichtlich notwendig, aber so ziemlich die einzige Übung, die man bis dahin kannte, waren Klimmzüge am Türrahmen. Er schuf die Grundlagen für ein kletterspezifisches Training und erfand das »Campusboard«, eine Art Hangelbrett, das heute in fast jedem Trainingskeller der Welt zu finden ist:

Manchen galt er als bester Kletterer seiner Zeit, andere hielten seinen engen Freund Jerry Moffatt für noch etwas stärker. Die tiefe emotionale Freundschaft dieser beiden beruhte jedoch vermutlich auf persönlichen Tragödien: Beide hatten ihre jüngeren Brüder durch Unfälle verloren. Als besonderer Ausdruck von Freundschaft darf gelten, dass Wolfgang Güllich seinem Freund, wenn der ihn besuchen kam, fix und fertig eingebohrte Erstbegehungen schenkte.

Er setzte nicht nur an den Sportkletterfelsen seiner fränkischen Wahlheimat neue Maßstäbe, sondern trug die Fackel des Freikletterns an die Felswände Patagoniens und des Karakorum. Damit lebte er vor, dass Felsathleten und Verfechter des Abenteuers, dass Sportkletterer und Bergsteiger eben doch zusammengehören – anders als zu Beginn seiner Laufbahn, als Gegner des Sportkletterns in einer Erstbegehungen die Bohrhaken abschlugen und Griffe mit Altöl verschmierten. Unter anderem gelang ihm auch die erste Free-Solo-Begehung der weltberühmten Route Separate Reality im Yosemite Valley.

Am Ende starb er mit nur 32 Jahren bei einem Verkehrsunfall. In seinen zahllosen fantastischen Erstbegehungen, die bis heute begeisterte Wiederholer finden, lebt er weiter.
Der Film, den ich zu seinem zehnten Todestag mit meinem wunderbaren Kollegen Jochen Schmoll gedreht habe, konnte nur einen Namen haben: Jung stirbt, wen die Götter lieben. Ist erhältlich im BR-Shop und bei amazon.

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