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Skitouren-Special
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Skitouren Boots und Bindungen
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Skitouren Boots und Bindungen 52 Bilder

Skidurchquerung in den Alpen

Die Ötztaler Haute Route

KLETTERN Skitouren-Special

Die Ötztaler Haute Route zählt zu den ganz großen Skitouren der Alpen – selbst wenn Stürme aufziehen, findet unsere Autorin Kimberley Strom ...

Infos zur 5-Tages-Skitour in den Ötztaler Alpen:

Beste Reisezeit:

Die Ötztaler Haute Route begeht man am besten im Frühjahr zwischen Mitte März und Mai.

Start/Ziel und Anspruch:

Die 77 Kilometer lange Runde startet und endet im österreichischen Bergsteigerdorf Vent. Bei der mittelschweren Tour sind 7250 Meter Aufstieg und 7410 Meter Abstieg zu meistern.

Guide: Bergführer unter oetztal.com, Ötztaler Haute Route ab 895 Euro.

(Passende Ausrüstungstipps gibt's in der Fotostrecke oben)

Ötztal Haute Route
Oetztal.com/Isidor Nösi
Lohn für insgesamt siebentausend Meter Aufstieg: rasante Abfahrten im Pulver.

Route:

Tag 1: Vent – Martin-Busch-Hütte über den Hauslabkogel (3403 m) oder die Hintere Schwärze (3624 m), 18km,1500m↗,1000m↘.

Tag 2: Martin-Busch-Hütte – Bella- Vista-Hütte über Similaun (3606 m), 17km,1600m↗,1250m↘.

Tag 3: Bella-Vista-Hütte – Hochjoch- Hospiz über die Weißkugel (3739 m), 17km,1700m↗,2155m↘.

Tag 4: Hochjoch-Hospiz – Vernagthütte über den Fluchtkogel (3500 m), 11km,1250m↗,940m↘.

Tag 5: Vernagthütte – Vent über die Wildspitze (3774 m), 15 km, 1200m↗,2065m↘.

Ötztal Haute Route – Reisebericht

Ötztal Haute Route
Patitucciphoto
Ein Genuss in 2500 Meter Höhe: der Apfelstrudel auf der Martin-Busch-Hütte.

»So läuft es manchmal«,sagt Simon und dreht die letzten Nudeln auf seine Gabel. Dann schaut er wieder auf die Karte.»Wir müssen jetzt eben die beste Entscheidung treffen.« Simon kennt solche Situationen, er arbeitet als Berg- und Skiführer. Unsere Gruppe sitzt um einen langen Holztisch auf der Bella-Vista-Hütte und diskutiert den Plan für morgen – der Franzose Simon Duverney, das schweizerisch-amerikanische Ehepaar Janine und Dan Patitucci und ich.

Es ist erst der zweite Abend unserer fünftägigen Tour auf der Ötztaler Haute Route in Österreich, wir befinden uns auf gut 2800 Metern, und die Wetterprognose sagt, es sei Zeit umzukehren. Jede verfügbare Vorhersage ziehen wir zu Rate, suchen Karten nach Fluchtrouten ab, spielen Alternativszenarien durch, aber bei Neuschnee von vermutlich über einem Meter scheinen unsere Optionen begrenzt: Entweder mehrere Tage auf einer Hütte warten, bis der Sturm durchgerauscht ist, der sich zusammenbraut, oder auf dem gleichen Weg zurückgehen, den wir gekommen sind – in der Hoffnung, weg zu sein, ehe der Neuschnee für gefährliche Bedingungen sorgt.

So läuft es manchmal. Ötztaler Haute Route, Venter Skirunde, Ötztal Loop – die Tour trägt viele Namen und kennt viele Variationen. In Österreich zählt dieser Klassiker zu den beliebtesten Skitouren in den gesamten Ostalpen. Er ist unschlagbar: Man besteigt die höchsten Gipfel Tirols, schläft in urigen Hütten, und die Tour lässt sich an unterschiedliche Leistungsniveaus anpassen. Vom Bergdorf Vent aus wollen wir diese Runde gehen, hoch oben zwischen den Bergen und Gletschern.

Aber gähnende Spalten und steile, lawinengefährdete Täler zählen nicht zu den Orten, an denen man sich aufhalten sollte, wenn Sturm aufzieht. »Vielleicht wird er gar nicht kommen«, sagt Janine. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine große Bedrohung als ein paar weiche Schneeflocken und nichts weiter entpuppt. Aber dieser Sturm scheint heftig zu werden. Wolkenloser blauer Himmel spannte sich über uns beim Start in Vent auf 1900 Metern, und wenn wir uns Sorgen machten, dann eher über zu wenig Schnee als über zu viel.

Es hat hier seit Wochen nicht geschneit, und so schauen Felsen aus den verschneiten Hängen hervor. Der erste Anstieg führt uns durch das Niedertal zur Martin-Busch-Hütte, unserem Ziel für die Nacht. Wir durchqueren das Tal früh, noch bevor der Schnee an den steilen, nach Süden ausgerichteten Hängen in der Sonne warm werden kann. An der Hütte leisten wir uns eine Pause, um auf der sonnigen Terrasse die Spezialität Samoar Strudl zu kosten. Gipfel über Gipfel ragen hinter den rot-weißen Fensterläden auf.

Nachdem wir gegessen und alle Möglichkeiten erwogen haben, starten wir zum Hauslabkogel, einem 3403 Meter hohen Gipfel, der sich etwas hinter der Hütte erhebt und keinerlei Spuren aufweist. Wir können 900 Meter aufsteigen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht abfahren. Erst zum Abendessen kehren wir in die Martin-Busch-Hütte zurück, genießen die gemütliche Atmosphäre und nehmen eine Mütze Schlaf.

Wetterumschwung in Sicht

Zum Frühstück kriegen wir dunkles Brot und einen rosafarbenen Sonnenaufgang. Zeitig brechen wir auf und machen uns auf den langen Weg zum Ende des Tals. Dort beginnt der Aufstieg zu unserem nächsten Gipfel, dem Similaun (3606 m). Nach einem kurzen Anstieg und einigen Kehren erreichen wir eine flache Stelle unterhalb des felsigen Gipfelgrats,wo wir die Ski gegen Schuhe und Steigeisen tauschen. Zum ersten Mal sehen wir Wolken aus allen Richtungen aufziehen.

Wir steigen vom Grat auf demselben Weg wieder ab. Unsere Ski warten nur auf die Möglichkeit, über den Hochjochferner zu gleiten und die talwärts weisenden Teile des Gletschers zu erkunden. Es herrscht Stille, doch unten finden wir uns plötzlich im Skigebiet Schnalstal wieder und steigen kurz zur Bella-Vista-Hütte auf, schon auf der italienischen Seite gelegen. Wir verzehren unsere Après-Ski-Snacks, und die Aussicht auf die Berge ist, der Name der Hütte sagt es schon, wirklich großartig.

Aber sie verschwindet schnell. Was also tun, wenn der vorhergesagte Meter Neuschnee fällt, während wir auf dem Gletscher unterwegs sind? »Wenn der Sturm wirklich kommt, wäre es auf jeder der Hütten okay, für ein paar Tage gefangen zu sein«, geben wir alle zu. Auf der Bella Vista scheinen sie auf solche Situationen geradezu vorbereitet zu sein: Es gibt eine Sauna, luxuriöse Iglus in der Nähe der Hütte, und neben der Espresso-Maschine sind die Vorräte mit Viagra und Schokolade gefüllt.

Ötztal Haute Route
Patitucciphoto
Die Bella-Vista-Hütte bietet beinahe Hotelkomfort. Sogar eine Sauna gibt es.

Aber wir hoffen, dass wir hier nicht so lange festsitzen. Im Speiseraum führen Guides und Gruppen dicht zusammengedrängt die gleichen Debatten, gehen die gleichen Möglichkeiten durch und entscheiden, wie es weitergehen soll. Der allgemeine Konsens: Die Situation ist ungewiss. Abwarten und Tee trinken. Am nächsten Morgen werden wir alle entscheiden, in welche Richtung die Skier zeigen sollen. Nachts heult der Wind, und wir ziehen die Decken hoch bis zum Kinn.

Wenn wir die geplante Schleife fortsetzen,wird sie uns über drei weitere Gipfel mit schmalen Graten führen: die Weißkugel (3739 m), den Fluchtkogel (3500 m) und die Wildspitze, mit 3774 Metern der höchste Berg Tirols.Von ihrem Gipfel leitet ein langer, teilweiser steiler Abstieg zum Mitterkarferner. Über das Stablein-Skigebiet geht es wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Vent. Noch drei Tage voller Anstiege und Abfahrten liegen vor uns, um die Runde zu beenden. Noch drei Tage voller fantastischer Ausblicke, die wir nicht verpassen wollen.

Morgens lastet der Neuschnee schwer auf der Fensterluke über dem Bett. Beim Frühstück checken wir noch einmal alle Vorhersagen, immer mit der kleinen Hoffnung, dass sich eine Verbesserung abzeichnen könnte. Aber die Prognosen sind sogar noch schlechter geworden. Und so beschließen wir, schweren Herzens, umzudrehen. Es ist einfach vernünftiger, dem unberechenbaren Wetter auf einem bekannten Weg zu entfliehen, als ihm auf unvertrautem Terrain entgegenzugehen, sagen wir uns.

Wir starten den Rückweg bei schlechter Sicht, und sie verschlechtert sich immer weiter, bis nur noch Weiß zu sehen ist: unter unseren Ski, über uns und in jeder Richtung. Nur Weiß. Wir stolpern voran ins Nichts. Desorientiert. Es ist, als ob die Höhenlinien und Farben von der Karte geblasen sind und nur ein leeres Stück Papier übrig bleibt. Simon wirft das Seil aus und schaut, ob es in Senken verschwindet, um versteckte Gletscherspalten ausfindig zu machen.

Ötztal Haute Route
Patitucciphoto
Keine gute Kombination: Miserable Sicht und tiefe Gletscherspalten

Vorsichtig arbeiten wir uns hinauf bis zu einem Pass, der aus dem Nichts auftaucht, ohne dass wir ihn näherkommen sahen. Oben schließen wir uns zwei anderen Gruppen von verschwommenen Gestalten an, die ihrerseits ihrem Fluchtweg aus dem Weiß folgen. Ihre Spuren müssten unter unseren gewesen sein, aber sie wurden sofort weggeweht – ausgelöscht, bevor man sie verfolgen konnte. Eine lange Schlange windet sich blind hinab zur Martin-Busch-Hütte, im »Schaf-Style«,wie Simon unsere einspurige Herde nennt.

Irgendwo hier muss das Denkmal für Ötzi stehen, den 5000 Jahre alten Mann aus dem Eis, aber wir halten uns nicht damit auf, es zu suchen. Vorbei an der Hütte setzen wir die lange Traverse über dem Tal fort und kämpfen uns durch neuen Schneefall nach Vent. Auf einem leeren Parkplatz ziehen wir uns um. Es regnet leicht und ist so warm, dass wir nur T-Shirts brauchen. Schwacher Sonnenschein verfolgt uns auf dem Weg aus den Bergen, und wir fragen uns, ob wir zu früh abgebrochen haben. Doch in den Bergen schneit es unaufhörlich. Der Sturm kommt und bringt noch mehr Schnee als angekündigt.

Kurz nachdem wir geflüchtet sind, geht eine Lawine ab und versperrt die Straße nach Vent. Nach diesen Neuigkeiten können wir definitiv aufhören, unsere Entscheidung infrage zu stellen. So läuft es manchmal: Da muss man die Sicherheit wählen und die Gefahr respektieren. Wir müssen einfach ein anderes Mal zurückkommen. So läuft es eben manchmal: Eine neue Chance auf lange Abfahrten, Apfelstrudel und die Gipfel Tirols.

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