Fontainebleau Bouldern 95.2 Steffen Kern
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Bouldern in Fontainebleau - Bilder + Info

Bouldern in Fontainebleau

Der Wald von Fontainebleau beherbergt das größte und beste Bouldergebiet dieses Planeten. Info & Geschichte von „Bleau“!

Südlich von Paris wartet das Paradies. Der Wald von Fontainebleau beherbergt das größte und beste Bouldergebiet dieses Planeten. Doch es ist nicht allein der perfekte graue Sandstein, der Jahr für Jahr Kletterer aus aller Welt anlockt.

In diesem Artikel:

Info zum Bouldern in Fontainebleau

Lage: Rund 60 Kilometer südöstlich von Paris. Die Boulderspots unterteilen sich in fünf Großgebiete: Den meisten Boulderstoff findet man im eigentlichen Forêt Domaniale de Fontainebleau rund um die Stadt und südwestlich davon im Forêt Doma­niale des Trois Pignons. Im Süden warten bei Larchant und Nemours einige weitere Highlights. Etwas abseits liegt im Südwesten das lohnende Gebiet von Buthiers, und im Nordwesten verstecken sich bei La Ferté-Alais noch einige Gebiete.

KL Karte Übersicht Fontainebleau
Johanna Widmaier
Klick auf die Karte öffnet die Großansicht.

Mobilität: Von Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Fontainebleau zu gelangen, ist relativ einfach und günstig. Vor Ort ist dann aber doch ein Privatfahrzeug nötig, wenn man sich nicht auf wenige Gebiete beschränken will.

Kriminalität: Durch die Nähe zu Paris sind die Parkplätze der Bouldergebiete ein gefährliches Pflaster. Lasst möglichst ein leeres Auto zurück, entfernt die Abdeckungen und öffnet das Handschuhfach, damit klar ist, dass es bei euch nichts zu holen gibt.

Beste Zeit: Normalerweise von Oktober bis April. Der Grip des Sandsteins ist sehr von den Bedingungen abhängig. Ideal sind 5 bis 10 Grad Celsius, Sonnenschein und ein kühler Wind, idealerweise nach einem kurzen Regenschauer. Im Winter kann man Topbedingungen haben, die Wahrscheinlichkeit von anhaltend schlechtem Wetter ist aber groß. Für Genussboulderer und Parcourskletterer sind auch Mai und Juni sehr zu empfehlen – die Tage sind lang, und der Wald ist leuchtend grün. Selbst im Hochsommer ist Bleau eine Reise wert, sofern man nicht ausschließlich harte Sloper-Züge im Kopf hat.

Bouldern: Die Zahl der Boulder im Wald von Fontainebleau liegt weit über 10.000, wahrscheinlich jenseits der 20.000. In den Führern werden nur die bekannteren Gebiete aufgeführt (je nach Buch zwischen 50 und 100), es gibt aber noch viele mehr.
Der Sandstein bietet die unterschiedlichsten Griffformen – Sloper, Löcher, Risse, Leisten, letztere oft an scharfkantigen Quarzplatten („Grattons“). Probleme gibt‘s in jedem Neigungswinkel, nur Dachboulder sind vergleichsweise selten. Platten gibt‘s dagegen en masse. Generell ist die Kletterei sehr technisch, an den Ausstiegen wird es oft rund und griffarm – gute Mantletechnik ist hilfreich!
Das Absprunggelände ist meist gut (weicher Sand- oder Waldboden), oft jedoch von Wurzeln durchzogen, selten verblockt. Dafür sind die Boulder stattlich: in der Regel zwischen drei und fünf Meter hoch, teils auch mehr, und manch schwarzer Parcourboulder kratzt am zweistelligen Meterbereich. Für die meisten Probleme genügt aber ein Crashpad plus Spotter. Wichtig ist ein Schuhabstreifer, denn mit Sand an den Sohlen macht ihr keinen Stich – und schleift zudem die Tritte glatt!

Bouldern in Fontainebleau
Steffen Kern
Bouldern in Fontainebleau, ausnahmsweise überhängend.

Führer: Inzwischen existieren über ein Dutzend Werke. Alle wichtigen Führer findet ihr im klettern-Shop.

Karte: Wer sich nicht verlaufen will, sollte eine Carte de Randonnée Nr. 2417 OT „Forêt de Fontainebleau“, Maßstab 1:25.000, kaufen.

Online: bleau.info; www.grimporama.com

Verhalten beim Bouldern: Keinen Müll zu hinterlassen und keine Feuer zu machen, versteht sich von selbst. Dito rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Mitmenschen und Tieren. Verwendet Chalk sparsam und reinigt die Griffe danach mit einer weichen Bürste. Entferne Tickmarks, wenn du nicht komplett darauf verzichten kannst. Metallbürsten (auch zum Putzen von neuen Problemen) sind nicht für den Sandstein geeignet, da sie den weichen Fels zu sehr angreifen und zerstören. Griffe zu schlagen oder größer zu bürsten ist absolut tabu!

Kinderfreundlichkeit: Besser geht‘s nicht. Fast nie steile Hänge, meist perfektes Spielgelände, oft ebene Sandflächen. Auch gibt‘s einige weiß markierte Kinderparcours an niedrigen Blöcken (z.B. Rocher Canon, Buthiers).

Unterkunft: Für Gruppen meist güns­tig sind Gîtes (Selbstversorger-Ferien­häuser), die wochenweise gemietet werden können (z.B. unter www.gites-de.france.fr). Campingplätze gibt‘s in Samoreau, bei Milly-la-Forêt („La Musardière“), in Grez-sur-Loing („Les Prés“, www.camping-grez-fontainebleau.info) und in Boulancourt (Ile de Boulancourt, www.camping-iledeboulancourt.com).

Ruhetage: Das Schloss in Fontaine­bleau lohnt eine Besichtigung. Ein Ausflug nach Paris mit dem Zug (stündlich ab und nach Fontaine­bleau) ist stressfrei. Sehr schön sind die vielen Rundwanderwege (z.B. „Sentier des 25 Bosses“ in Trois Pignons).

Best of Fontainebleau: eine Auswahl

Jedes große oder kleine Gebiet hat seinen eigenen Charme und Charakter. Einige ragen jedoch allein durch ihre Menge an Bouldern und Klassikern oder durch ihre besondere landschaftliche Schönheit heraus. Allein ist man dort allerdings selten.

Die zehn Topgebiete in Fontainebleau

Bas Cuvier
Kein Zustieg, über 600 Probleme in allen Graden (manche allerdings schon abgespeckt), Parcours in jeder Preisklasse, Klassiker en masse und dank fast immer sauber geputzter Ausstiege nach Regen schnell wieder gute Bedingungen.

Cuvier Rempart
Spielplatz der Starken. Viele geniale, teils recht hohe Meilensteine im siebten und achten Bleaugrad entschädigen für den etwas längeren Zustieg von Bas Cuvier.

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Steffen Kern
Frank Enz versucht sich in "Noir Désir" (7c).

Gorges d‘Apremont
Großes, langgezogenes und sonniges Gebiet, reichlich gesegnet mit tollen Klassikern vor allem von Fb 5 bis 7b, dazu gibt‘s Parcours in allen Farben. Trocknet bei Wind sehr schnell, das Absprunggelände ist teils verblockt.

Franchard Isatis
Neben Bas Cuvier und Roche aux Sabots wohl das meistfrequentierte Gebiet. Ähnlich viele Klassiker in allen Graden wie in Bas Cuvier, äußerst abwechslungsreiche Kletterei, dazu lange, anspruchsvolle Parcours. Im unteren Teil recht schattig und nach Regen weniger empfehlenswert.

Franchard Cuisinière
Auf zwei licht mit Kiefern bewaldeten Höhenzügen warten viele Boulderperlen (richtig lohnend erst ab Fb 5) und klingende Namen wie Karma (8a+), Hale Bopp (7c+) oder Duel (8a).

95.2
Komischer Name, klasse Gebiet. Auf und zwischen zwei Hügelkuppen gibt‘s reichlich Sonne, Sand, tolle Probleme und Parcours. Sehr frequentiert und nach Regen mit am schnellsten trocken. Absperrungen beachten – Erosionsgefahr!

Roche aux Sabots
Gemütlicher Zustieg, viel Sonne, geniale Felsformationen mit ungewöhnlich viel steiler Kletterei auch in moderaten Graden und einige Megaklassiker ziehen Boulderer in Scharen an.

Cul de Chien
Landschaftlich genial! Auf einer großen, fast baumfreien Sandfläche finden sich teils skurril geformte Blöcke mit drei guten Parcours (gelb, blau und rot) sowie zwei berühmte Dächer. An Wochenenden auch bei Picknickern sehr beliebt.

Buthiers
Drei kleine Gebiete mit genialen Kanten, Dächern und Wänden sowie schönen, aber teils haarsträubenden Highballs. An Wochenenden meiden (Vergnügungspark nebenan).

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Steffen Kern
Der Wald in Apremont.

L‘Éléphant
Offene, sandige Traumkulisse, tolle Felsformationen und ebensolche Kletterei. Oft recht hohe Blöcke. Der Sandstein hier ist strukturierter und löchriger, aber auch weicher – nach Regen nicht bouldern, da Griffe ausbrechen können.

Wege zum Bleausard: Besser bouldern in Bleau

Parcours fordern die unterschiedlichsten Techniken (auch solche, denen man sonst gerne aus dem Weg geht), weshalb sie die beste Bleau-Schule sind. Am ersten Boulder eines Parcours sind immer Schwierigkeit (z.B. „AD“ für „assez difficile“, also ziemlich schwierig) und Nummer des Parcours (wichtig, falls mehrere gleichfarbige Parcours im Gebiet sind) angeschrieben, der letzte Boulder ist mit einem „A“ („Arrivée“) versehen. Oft gibt es zusätzlich „bis“-Varianten, die zum Parcour dazugehören. Bei definierten Starts sind die Tritte markiert. Die gewählte Schwierigkeit sollte deutlich unter dem eigenen Maximalniveau liegen (mindestens zwei volle Fb-Grade), sonst habt ihr kaum eine Chance, 30, 40 oder mehr Boulder zu klettern. Denn nur wer alle Probleme an einem Tag schafft, kann den Parcour als geklettert verbuchen.

Parcours-Empfehlungen:

Gelb
Fb 2 bis 3, („PD“, wenig schwierig)
Diplodocus (PD, Nr. 1, 39 Probleme; sandiges Absprunggelände); Franchard Hautes Pleines (PD+, Nr. 3, 28; schattig); Roche aux Sabots (PD+, Nr. 2, 34; frisch angeschrieben).

Orange
Fb 3 bis 4, („AD“, ziemlich schwierig)
Diplodocus (AD, Nr. 2, 24); Rocher des Potêts (AD, Nr. 2, 38; schnell trocken, frisch angeschrieben); Mont Aigu (AD, Nr. 1, 48; anspruchsvoll – eher AD+).

Bouldern in Fontainebleau
Kurt Czerny
Bouldern in Fontainebleau

Blau
Fb 4 bis 5, („D“, schwierig)
Roche aux Sabots (D, Nr. 1, 51; eher D+, teils recht steil – für viele der schönste Parcour); Rocher Canon (D+, Nr. 4, himmelblau, 44; nie hoch, aber recht sportlich); J.A. Martin (D+, Nr. 6, 36; abwechslungsreich, einige Highballs); Bas Cuvier (TD-, Nr. 7, 49; der „Bleausardentest“: technisch sehr anspruchsvoll, einige Highballs).

Rot
Fb 5 bis 6, („TD“, sehr schwierig)
Franchard Isatis (TD-, Nr. 1, 63; lang, einige hohe Probleme, viele geniale Linien – der eleganteste Parcour?) Franchard Sablons (TD, Nr. 1, 20; der leichteste rote Parcour); Gorge aux Chats (TD, Nr. 2, 35; steile Probleme, elegante Linien); Bas Cuvier (TD+, Nr. 6, 42; bis 7a, viele 6b, athletisch).

Weiß und Schwarz
Fb 5 bis 7, („ED“, extrem schwierig)
Franchard Isatis (weiß, ED, Nr. 3, 50; keine Fb 7, aber technisch anspruchsvoll und kraftraubend); Bas Cuvier (schwarz, ED-, Nr. 2 „Trivellini“; 30 + 10 Varianten; auch ohne Varianten (bis 7c) wild genug: Hammerlinien, viele Highballs und mit Carre d‘As (6c) ein extragruseliger Abschluss.

Kleine Blöcke, große Taten – Historie von Bleau

Die ersten dokumentierten Felsaktivitäten in Fontainebleau stammen aus den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts. 1910 wurde dann die Groupe Rochassier gegründet, die sich an die systematische Erkundung der Felsen des Waldes machte. Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten einige Überlebende der Groupe Rochassier die Groupe de Haute Montagne (GHM). Denn für die meisten Kletterer dieser Zeit war Bouldern kein Selbstzweck, sondern Training fürs Gebirge. Anders die Groupe de Bleau, die sich parallel bildete und sich ausschließlich dem Bouldern widmete.

Anfang der 30er-Jahre trat Pierre Allain der GHM bei und erwies sich schnell als Ausnahmetalent an Blöcken und Bergen: 1934 kletterte er L‘Angle Allain in Cuvier Rempart, die erste Fb 5+ des Waldes. Ein Jahr später gelang ihm mit Raymond Leininger die Erstbegehung der Nordwand der Petit Dru (6, 850 m) im Montblanc-Massiv, eine Wand, die damals als unmöglich galt.
Der Zweite Weltkrieg stellte wiederum eine Zäsur dar, trotzdem wurde in Fontainebleau auch in dieser Zeit geklettert. 1946 eröffnete René Ferlet dann in Bas Cuvier die erste 6a, widmete sie seinem Freund Allain und gab ihr den Namen von dessen Freundin: La Marie Rose. In diese Zeit fällt auch das Aufkommen der ersten Parcours, die ursprünglich als Ausdauertraining für alpine Routen gedacht waren – den Auftakt machte 1947 der rote Parcours in Cuvier Rempart. Ein Jahr später entwickelte Allain den ersten modernen Kletterschuh, der durchaus Ähnlichkeit mit Kletterstiefeln wie dem legendären Boreal Fire mehr als 30 Jahre später aufwies – eine bahnbrechende Erfindung.

Anfang der 50er-Jahre trieben Mitglieder des Club Olympique de Billancourt die Entwicklung voran. Mitglieder waren unter anderem Lucien Bérardini und Robert Paragot, denen später die Erstbesteigung des Jannu im Himalaya und die Erstbegehung der Südwand des Aconcagua in den Anden gelang, sowie Guido Magnone, der 1952 mit Bérardini die Erstbegehung der Westwand der Petit Dru schaffte. Ein Jahr später kletterte Paragot La Joker in Bas Cuvier, damals mit 6c bewertet, heute eine nicht geschenkte 7a. Die erste „offizielle“ 7a eröffnete Michel Libert 1960 mit L‘Abbatoir ebenfalls in Bas Cuvier. Am gleichen Block wurde im nächsten Vierteljahrhundert noch zwei weitere Male Geschichte geschrieben: 1977 boulderte Jérôme Jean-Charles mit Le Carnage die erste 7b, 1983 Pierre Richard mit La Bérézina die erste 7c. Ab Anfang der 80er-Jahre war es Jacky Godoffe, der die Entwicklung über zehn Jahre maßgeblich prägte: 1984 kletterte er C‘était demain, die erste 8a von Fontaine­bleau, 1993 ebenfalls in Cuvier Rempart mit Fat Man eine der ersten 8bs. Weitere prägende Boulderer der 80er- und 90er-Jahre waren Philippe Le Denmat – Plattengott und Highballspezialist –, der bis heute die meisten Boulder ab dem siebten Bleaugrad erstbegangen hat, sowie Marc Le Ménestrel, auf dessen Konto viele geniale Hardcore-Linien mit extrem technischer Kletterei gehen.

Inzwischen hat eine neue Generation das Zepter übernommen, und auch ausländische Kletterer treiben die Entwicklung voran – zum Beispiel Dave Graham mit The Island (8B+), das wiederum von Vincent Pochon um einen Sitzstart verlängert wurde und damit zu The big Island (8C) wurde. Was sich nicht geändert hat, ist die Fontainebleau-Skala, die nach wie vor fast rund um den Globus als Bewertungssystem für Boulderschwierigkeiten zum Einsatz kommt. Kein Wunder bei dieser Tradition.

Fontainebleau: eine Liebeserklärung

Nur ein Stück Blech am Straßenrand und doch so viel mehr. Immer wenn ich das Schild „Forêt Domaniale de Fontainebleau“ kurz vor dem Obelisk am südlichen Rand der Stadt passiere, löst es nach der langen Anfahrt eine nervöse Vorfreude aus – und ein Gefühl von Heimkehr. Heimkehr in den Wald aller Wälder mit seinen Birken, Kiefern, Eichen, Buchen und Farnen, dazwischen Sand oder ein weicher, federnder Waldboden. Und Blöcke. Millionen von grauen, ockerfarbenen und braunen Sandsteinblöcken, mal putzig klein, mal furchteinflößend hoch.

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Steffen Kern
Der Autor Steffen Kern in "Le ptit Toit" (6b).

Manchmal dicht aneinander gereiht, enge Gassen wie in einem Irrgarten bildend, manchmal weitflächig verstreut auf licht bewaldeten Hügeln oder auf offenen, sandkastenartigen Flächen. Allen gemein sind die einzigartigen Formen und Strukturen, wie extra für uns Boulderer geschaffen. „Der Wald von Fontainebleau ist der heilige Gral des Boulderns“, schreiben Colin Lambton und J.S. Watson im Vorwort ihres Führers „Essential Fontainebleau“. Oder wie es der US-amerikanische Topboulderer Christoffer Schulte auf seiner Webseite ausdrückt: „Fontainebleau is why I climb.“

Es ist genug für alle da!

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Steffen Kern
Gewohnter Anblick: Mattenträger im Wald von Fontainebleau.

Weit über hundert Gebiete, zehn- bis zwanzigtausend erschlossene
Boulder, die ersten nur wenige Schritte von den letzten Häusern der Stadt – wie der Roche d‘Hercule am nördlichen Rand Fontainebleaus –, die entlegensten keine fünfzig Kilometer entfernt. Allein die aneinander grenzenden Gebiete von Cuvier-Châtillon besitzen mehr Probleme als der Tessiner Topspot Chironico. Das Gleiche gilt für den Höhenzug der Gorges de Franchard. Alle Gebiete des südwestlich angrenzenden Forêt Domaniale des Trois Pignons zusammen bieten wahrscheinlich gar doppelt oder dreimal so viele.

Und das Beste: In „Bleau“ (oder „Font“ wie die Briten sagen) wird wirklich jeder glücklich – vom Ein- bis Hundertjährigen. Naja, vielleicht nicht ganz, aber ein 85-Jähriger ist mir schon über den Weg gebouldert. Eher krabbelnde, aber ebenso gut gelaunte Einjährige trifft man sogar reichlich. Doch nicht nur demographisch betrachtet, auch was die Verteilung des Fels-Reichtums hinsichtlich der Kletterleistung betrifft – der Wald kennt keine Verlierer. Hier werden blutige Anfänger und 4b-Genussboulderer ebenso üppig bedacht wie ambitionierte Aufsteiger und Könner des achten Fontainebleau-Grades. Die weit über hundertjährige Klettergeschichte des Waldes macht‘s möglich. Denn so wurden – anders als in den meisten anderen, erst in den letzten Jahren oder maximal Jahrzehnten erschlossenen Bouldergebieten – die Schwierigkeiten langsam gesteigert. Allein bis zum oberen fünften Fb-Grad, erstmals 1934 durch Pierre Allain gebouldert, dauerte es rund fünfzig Jahre, bis zur ersten 7c weitere fünfzig. Und dazwischen ging die Erschließung eben auch in die Breite. So finden sich heute in jedem Bleaugrad tausende Probleme – vom zweiten bis zum siebten. Im achten sind es „nur“ hunderte, aber der ist ja auch erst 25 Jahre alt.

Begegnung mit einem Bleausard

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Steffen Kern
Kaddi Lehmann gibt alles in den Drei Zinnen.

Trotz dieses Riesenangebots ist Bleau kein Konsumtempel, genauso wenig Boulder-Fastfood. Die schnelle Nummer für einzig auf Grade fixierte Kraftpakete gibt‘s hier kaum. Was auch daran liegt, dass echte Dächer im Vergleich zum riesigen Angebot an Platten, Kanten, Pfeilern, Wandklettereien und Überhängen selten sind. Generell ist die Kletterei äußerst technisch, die Anforderungen sind sehr subtil. Oft sind Kleinigkeiten entscheidend: den Körperschwerpunkt ein bisschen mehr nach links, den Fuß ein bisschen mehr nach rechts. Der Fels gibt seine Geheimnisse nicht so leicht preis, er will gelesen und ernst genommen werden. Wer erfolgreich sein will, muss Geduld mitbringen, muss erst den Fels studieren, dann anpacken. Bouldern in Bleau erfordert Demut. Und wer keine zeigt, den wird der Wald Demut lehren …

Wahrscheinlich jeder Siebenerboulderer hat hier schon in einer 5er-Platte sein persönliches Waterloo erlebt – keine Griffe, keine Tritte, keine Ahnung. Und ist nach unzähligen, zunehmend verzweifelten Versuchen unverrichteter Dinge weitergezogen. Vielleicht doppelt frustriert, weil er zuvor eine weitere denkwürdige Lektion erhalten hat, die kaum einem Bleau-Novizen erspart bleibt. Und die geht so: Ums Eck kommt ein grauhaariger, alter Mann, bewaffnet nur mit einem Teppich, einem Stofflappen und alten, viel zu großen Kletterschuhen. Mit leicht verächtlichem Gesichtsausdruck schiebt er euer fettes Crashpad zur Seite, legt seinen Schuhabstreifer an dessen Stelle und tänzelt völlig gelöst den Boulder hinauf. Und bis sich die Sperre eures geöffneten Kiefers wieder gelöst hat, ist er wahrscheinlich drei weitere Boulder hinaufgeturnt. So oder so ähnlich dürfte eure erste Begegnung mit einem „Bleausard“ verlaufen.

Aber auch ihr könnt zum „Bleausard“ aufsteigen. Denn der Wald lehrt nicht nur Demut, sondern auch die notwendigen Techniken und Fertigkeiten, um hier glücklich zu werden. Hier lernt man, auf seinen Füßen zu stehen, Tritte richtig zu belasten, sich weich zu bewegen, zu stützen, zu schieben, zu stemmen, zu pressen. Und zu manteln. Denn oft kommt das Beste zum Schluss: runde, völlig grifflose Ausstiege oder Übergänge aus steilem Gelände in geneigte, griffarme Platten. Doch selbst wer meint, das Manteln zu beherrschen, wird immer wieder – sagen wir – „unorthodoxe“ Techniken einsetzen: Bäuchlings auf einer Kuppe hängend, die Hände nutzlos unterm Leib begraben, bleibt einem nichts anderes übrig als wild mit den Beinen zu wedeln, um sich robbengleich aufs Flache zu schaukeln. Und während einem selbst zum Weinen zumute ist, schallt das Gelächter der Freunde herauf …

Alles so schön bunt hier

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Steffen Kern
Kaddi Lehmann in "L'excuse" (6c) in Buthiers.

Der beste Weg, um sich an die Kletterei in Bleau zu gewöhnen, sind „Parcours“. In diesen sind 20 bis 80 Boulder eines Schwierigkeitsbereichs zusammengefasst und mit kleinen, farbigen Zahlen an den Einstiegen durchnummeriert: Gelbe Parcours bieten Boulder im Bereich Fb 2 und 3, orangene Fb 3 und 4, blaue Fb 4 und 5, rote Fb 5 und 6, weiße oder schwarze von Fb 5 bis 7. Die ersten Parcours entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg und waren als Trainingseinheiten für die „echten Berge“ gedacht. Nach und nach wurde dann immer mehr angepinselt, heute gibt es in fast allen größeren Gebieten Parcours jeglicher Couleur.
Als „geklettert“ gilt ein Parcour nur, wenn man alle Probleme an einem Tag schafft. Da weiß man abends, was man gemacht hat, und nach dem ersten Parcour – oder generell nach dem ersten Bouldertag in Bleau – werden euch Muskeln schmerzen, von deren Existenz ihr nicht die leiseste Ahnung hattet.

Wie bei einer Sinfonie der Paukenschlag, wartet auch bei Parcours in der Regel ein Finale furioso: Oft ist der letzte Boulder besonders schwierig, hoch oder heikel oder alles zusammen – es soll sich ja wie ein echter Gipfelsieg anfühlen. Als Faustregel gilt, dass mit der Schwierigkeit auch die Höhe der Probleme zunimmt. Die meisten weißen und schwarzen Parcours sollten nur als Gruppe mit mehreren Crashpads angegangen werden. Diese „Extrême Difficile“-Parcours sind aber ohnehin einer kleinen Elite vorbehalten. Der weiße Parcours in Bas Cuvier beispielsweise versammelt 27 Probleme zwischen 6a und 7c und ist auch für absolute Topboulderer eine ultraharte Nuss. Selbst der rote Parcour dort bleibt für die meisten Boulderer zeitlebens nur ein Traum. Nicht für Thierry Bienvenu, der sich in den 70er-Jahren mit Jérôme Jean-Charles ein Wettrennen um die schnellste Zeit für die 42 Probleme zwischen 5b und 7a lieferte und die Rekordzeit auf die unfassbare Marke von 18 Minuten drückte.

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Steffen Kern
Festes Pressen in Cuisinère.

Unwahrscheinlich, dass ihr diesen Rekord brechen werdet, aber zumindest wird sich nach einiger Parcour-Praxis so manches Geheimnis des Bleau'schen Sandsteins lüften. Ihr werdet lernen, den Füßen zu trauen, den Fels zu lesen – und irgendwann fühlt sich eine 5a, 6a, 7a oder 8a in Bleau auch nicht mehr härter an als anderswo.

Obwohl man in Fontainebleau ohnehin keine „Grade“ klettert. Hier klettert man „Namen“. Klingende Namen! Dies gilt für den vierten Grad genauso wie für den achten. Und erübrigt in meinen Augen ein Stück weit Diskussionen, ob manch hart bewertetes, klassisches Problem aufgewertet werden sollte. Ob La Science Friction in Gorges d‘Apremont nun 5+ oder, wie in neuen Führern angegeben, 6b+ ist, darauf kommt es eigentlich nicht an. Wer sie hochgekommen ist, hat eben La Science Friction gemacht – eine phänomenale Reibungsplatte mit genialem Namen. Und dass L‘Abbatoir in Bas Cuvier, die erste unumstrittene 7a des Waldes, aufgrund der inzwischen reichlich abgespeckten Tritte heute allgemein als 7a+ eingestuft wird, ist eigentlich auch nur eine Randnotiz.
Denn nach wie vor sind es die Klassiker, die den meisten Zulauf erhalten. Egal ob sie auf- oder abgewertet wurden. Und so befinden sich an Osterwochenenden und in den Herbstferien Boulder wie La Marie Rose (6a), Holey Moley (7a) und Le Carnage (7b+) in Bas Cuvier, das Toit du Cul de Chien (7a), Beurre Marga (6a+) und El Poussif (7a+) in Franchard Isatis oder Le Pt‘it Toit (6b) und L‘Ange Naïf (7c) in 95.2 vom frühen Vormittag bis zur Dämmerung im Belagerungszustand. Zumindest, wenn es nicht regnet. Ob die Bedingungen gut sind oder nicht, macht dagegen kaum einen Unterschied.

Was eigentlich erstaunlich ist. Denn es gibt kein anderes Bouldergebiet, in dem so viel über die Bedingungen geredet wird und wo die Meinungen über die perfekte Temperatur so weit auseinandergehen. Manchen kann es nicht kalt genug sein, damit der Grip vor allem auf Slopern möglichst gut ist. Dafür sitzen sie Jahr für Jahr in den Weihnachtsferien zwei Wochen Schmuddelwetter aus und warten auf den Tage der Tage. Keine Frage, Sloperklassiker wie La Balance (7c+) und Cortomaltèse (6c+) in Bas Cuvier, Fourmis Rouges (7c) in Cuvier Rempart oder Le Lépreux Direct (7a) in L‘Éléphant brauchen kühles Wetter, sonst sind sie deutlich schwieriger, wenn nicht gar „unkletterbar“. Doch darf bezweifelt werden, dass Minusgrade optimal sind. Meiner Erfahrung nach ist der Grip am besten zwischen fünf und zehn Grad Celsius, dazu Sonnenschein und ein kühler Wind, damit die Luftfeuchtigkeit möglichst gering ist. Und erstaunlicherweise habe ich die besten Bedingungen immer nach einem Regenschauer erlebt. Braucht der Sandstein den Regen oder ist dann einfach die Luftfeuchtigkeit am geringsten, weil abgeregnet?
Ist auch egal – wenn der Grip stimmt, geht auf einmal vieles fast wie von selbst: Dieser Zug, der sich tags zuvor noch unmöglich anfühlte, löst sich fast spielerisch auf, und Griffe, an denen man sonst alles geben musste, um geradeso hängen zu bleiben, lassen sich plötzlich problemlos halten. Überall ringsum sind strahlende Gesichter zu sehen, und die Bleausards rufen: „Ça colle!“ – es klebt! Aber auch eine gewisse Nervosität liegt dann in der Luft. Denn jeder weiß: Heute ist der Tag, jetzt zählt‘s!

Man muss nicht frieren

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Man muss nicht frieren in Bleau. Auch bei 15 Grad Celsius können die Bedingungen sehr ordentlich sein. Und sogar im Sommer lassen sich harte Züge meistern. Diesen August wurde ich Zeuge einer blitzsauberen Begehung von La Bérézina (7c) in Bas Cuvier, ein Boulder, der sich ebenfalls durch reichlich miese Sloper auszeichnet. Auch Altmeister Jacky Godoffe war unterwegs und boulderte fleißig – was ja kein so schlechtes Zeichen sein kann. An diesem Tag hatte es fast 20 Grad und Sonnenschein – aber eben auch einen kühlen Wind, und in der Nacht zuvor hatte es geregnet.
Wer sich in den Wald von Fontainebleau verliebt hat, sollte ihn ohnehin zu jeder Jahreszeit gesehen haben. Sicher, auch während der Hauptbouldersaison von Ende Oktober bis Ende März ist es hier wunderschön. Doch im späten Frühjahr und frühen Herbst entfaltet der Wald seine ganze Magie. Im Mai, wenn sich die Farne zu Füßen der Blöcke erst kringeln, dann in sattem Grün entfalten, und die frischen Birkenblätter im Sonnenschein leuchten, verströmt der Wald eine atemberaubende Farbenpracht und Schönheit. Oder Anfang Oktober, wenn Birken und Buchen golden schimmern und das weiche Abendlicht die Strukturen der Blöcke scharfzeichnet.
Zudem hat fast jedes Gebiet seinen eigenen Charakter, seinen eigenen Charme: L‘Éléphant mit seinen extraskurril geformten Blöcken, der sandigen Ebene und dem Felschaos am Hang darüber, der lichte Kiefernwald von Franchard Cuisinière, der vergleichsweise dunkle Buchenwald von Petit Bois, wo man sich nicht wundern würde, auf ein Hexenhäuschen zu stoßen, die teils offenen, teils dünn mit Mischwald verzierten Hügel und Flächen von 95.2, Roche aux Sabots oder Rocher Fin – und natürlich der große Sandkasten mit dem felsgewordenen Comic-Hundekopf von Cul de Chien. Mit diesem Gebiet hat es jedoch eine seltsame Bewandtnis unter Boulderern. Vermutlich wurden schon tausende Bleau-Novizen mit der Beschreibung der genialen Szenerie geködert – doch vor Ort wollte dann plötzlich niemand mehr hin. Das legendäre Toit du Cul de Chien (7a) schon geklettert, die Boulder am L‘Autre Toit zu schwierig, und statt den blauen oder roten Parcour nochmals zu machen, zieht es die Arrivierten eher zu einem ihrer Projekte anderswo. Argumente sind schnell zur Hand: „Da ist es bei dem guten Wetter ohnehin viel zu voll“ oder „Wir können ja am Ruhetag hin …“

Es liegt an uns allen!

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Steffen Kern
Kaddi Lehmann macht sich lang.

Von Ruhe kann an schönen Wochenenden in vielen Gebieten allerdings keine Rede sein, und nicht nur in Cul de Chien ist es tatsächlich oft viel zu voll. An Ostern oder in der letzten Oktoberwoche geht es auch in Gebieten wie Bas Cuvier, Franchard Isatis, 95.2 oder Roche aux Sabots zu wie auf dem Jahrmarkt. Manchmal begegnet einem an solchen Tagen ein alter, französischer Bleausard, der mit missmutigem Blick das muntere internationale Treiben beobachtet. Man kann es ihm nicht verdenken.
Andererseits finden sich selbst an solchen Tagen Ecken im Wald, wo es deutlich ruhiger zugeht. Vielleicht muss man etwas weiter gehen, oft genügt aber schon, in ein benachbartes, weniger berühmtes Gebiet auszuweichen. Dort gibt es vielleicht nicht so viele Klassiker und keine ganz so große Auswahl insgesamt, für einen Tag, auch mit einer hinsichtlich des Könnens sehr inhomogenen Truppe, reicht das Angebot aber in fast jedem noch so „kleinen“ Gebiet dicke. Und an großartigen landschaftlichen Impressionen stehen diese Nebenschauplätze den „Topspots“ ohnehin nicht nach.
Faszinierende Natur gibt‘s aber auch abseits der erschlossenen Bouldergebiete. Was nicht heißt, dass dort keine Blöcke zu finden sind. Trotz über 120 Jahren Bouldergeschichte ist der Felsreichtum des Waldes längst noch nicht ausgereizt. Oft finden sich sogar stattliche, aber unberührte Blockansammlungen unweit der Straße oder nahe vermeintlich komplett erschlossener Gebiete. Der Wald von Fontainebleau hat das Potenzial, weitere hundert und mehr Jahre das Boulderparadies schlechthin auf diesem Planeten zu bleiben.
Doch das Paradies ist gefährdet: Aufgrund der immer stärkeren Frequentierung des Waldes durch Boulderer aus aller Herren Länder sind schon einige der Klassiker ordentlich abgespeckt. Auch rings um die Blöcke ist manches alles andere als schön anzuschauen: Müll, Kippen und Fäkalien verunstalten die Landschaft. Es liegt an jedem von uns, diesen traumhaften Wald mit seinen genialen Bouldern zu bewahren. Dazu gehört der sparsame Einsatz von Magnesia, das hier lange Zeit verpönt war und von vielen Bleausards immer noch nicht gern gesehen wird, genauso wie möglichst wenig Spuren im Wald zu hinterlassen. Helft also bitte mit, dass noch viele Generatio­nen von Boulderern die Schönheit des Waldes erleben, seine einzigartigen Sandsteinblöcke erkunden und sich selbst unvergessliche Erlebnisse und Momente erarbeiten können!

Die Boulder von Bleau – es gibt noch so viel zu tun! Heute Bleau, morgen Bleau und übermorgen wieder!

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