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Klettern in den Dolomiten

Drei Zinnen: Auf den Spuren von Cassin, Comici & Co

Kann man in Berge verliebt sein? Ja, meinen Björn Ernst und Stefan Kuntnawitz, denen es die Drei Zinnen mit ihren vielseitigen Wänden besonders angetan haben.

Fünf vor zwölf, ich schalte zurück in den ersten Gang. Der orange 73er Bully zockelt mit Gebrüll und Schritttempo durch die Nacht, die letzten Serpentinen oberhalb der Baumgrenze zur Auronzo­hütte hoch. Zum wiederholten Mal.

Sechs Stunden später. Guten Morgen, die Damen! Da sind sie wieder, unsere Nordwände. 500 Meter hoch, über einen Kilometer breit, im weichen Morgenlicht elegant und wuchtig, abweisend und gleichzeitig unglaublich anziehend.

Zwölf Stunden später. Wir sitzen im Biwak der Cassin/Ratti in der Nordwand der Westlichen Zinne und gönnen uns eine kleine Pause, die schweren Seillängen liegen hinter uns.

Achtzehn Stunden später. Wieder ein Projekt weniger, wieder Platz geschaffen für das nächste Abenteuer: Hasse-Brandler. It never stops.
Jedes Mal, wenn wir am Paternsattel ums Eck biegen, muss ich kurz anhalten und innerlich „Hallo“ sagen. Überwältigend. Diese Masse und Eleganz. Du bist als Mensch unglaublich klein gegen die Natur, und doch kannst du sie zu einem Teil deiner Geschichte werden lassen. Die Nordwände der Zinnen sind nicht einfach nur irgendwelche Felswände. Sie sind einzigartig, eine Offenbarung, durch ihre Überhänge felsgewordene Ideale der „unmöglichen“ Wand. Dass „unmöglich“ nicht stimmt, wissen wir, seit wir das erste Mal in eine der Zinnennordwände einstiegen.

Warum kommen wir immer wieder hierher zurück? In diese abweisenden, immer schattigen, kühlen Wände? Seit wir angefangen haben, uns mit den Zinnen zu beschäftigen, kommen wir nicht mehr davon los.

Diese Wände sind perfekt, vielseitig. Hoch, steil, exponiert. Eine Fülle unfassbarer Routen führt durch alle Teile der Wände. Hier haben sich in den letzten 100 Jahren viele der Großen verewigt: Preuß und Dülfer, Comici und Dimai, Cassin und Ratti, die Sachsen Hasse, Brandler, Lehne und Löw, die Huberbuam, Christoph Hainz, Bubu Bole und Ines Papert.

Anspruchsvolle alpine Unternehmungen

Um es klar zu sagen: Für die ersten Gehversuche in den Dolomiten oder gar im alpinen Klettern sind die Zinnen nicht geeignet. Stets brüchig anmutendes Gestein, alte, oft schlechte Haken, die karge Umgebung und dauerhafte Exposition machen aus fast allen Touren anspruchsvolle alpine Unternehmungen, in denen neben Kletterkönnen und Erfahrung in der eigenständigen Absicherung, Psyche, Ausdauer, Routine und Schnelligkeit wichtig sind. Gerade hierin liegt jedoch der Reiz. Der Fels ist in den beschriebenen Routen über große Strecken relativ fest oder ausgeputzt. Natürlich finden sich auch wackelige Blöcke, dröhnende Schuppen und in den oberen Teilen viel loses Gestein. Und doch: Die Routen an den Zinnen bieten einfach Erlebnisse der Extraklasse.

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Preussturm

Preussriss (5, 280 m)
Die namensgebende Tour für den Preussturm. Preuss ist diese Route 1911 an einem Tag auf- und wieder abgeklettert. Besonders die untere Platte, die in den Kamin führt, ist gar nicht so unkitzlig. Im Kamin tollste Klemm- und Stemmkletterei, immer gut mit Friends, Keilen und Schlingen abzusichern. Der Fels ist durchweg gut. Leider etwas kurz, dürfte gern noch länger sein. Zustieg vom Patern­sattel in fünf Minuten, die Linie ist offensichtlich.

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Stefan Kuntnawitz in der "Cassin" am Preussturm.

Cassin (7-, 300 m)
Schöne, nie unangenehm schwierige Kletterei an natürlichen Linien in fast durchweg festem Fels. Die Linie ist bei genauem Betrachten der Wand offensichtlich und sehr vielseitig (Verschneidungen, Risse, Schuppen). Beim oberen Quergang nach links zur großen Verschneidung vom Stand weg tief bleiben (Seillänge 7). Haken ausreichend in ordentlicher Qualität vorhanden. Durchschnittlich oft begangen, aber noch nicht abgeschmiert. Tolle Genusstour, besonders bei Sonnenschein! Super zum Eingewöhnen.

Abstieg: Verläuft durch die sogenannte Nervenschlucht mit Abseilen und Absteigen. Achtung vor Steinschlag, besonders wenn andere Seilschaften vor oder nach einem unterwegs sind! In der Nervenschlucht gibt es kein Entkommen.

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Große Zinne

Via Dülfer (5+, 270 m)
Schöne, leicht versteckte, aber leicht zu findende Route in der Westwand mit klarer Linie und schöner Verschneidungs- und Kaminkletterei. Zustieg übers Geröllfeld. Einstieg in der Rinne zwischen Großer und Westlicher Zinne. Nicht zu lang, so dass man auch etwas später einsteigen kann. Kaum Sonne (außer letzte zwei Seillängen), nach Regen lange feucht. Die Kletterei ist recht homogen, nie unangenehm, Absicherung dolomitisch. Alte Haken sind vorhanden, Friends und Keile sind gerne dabei. Verhauer sind praktisch nicht möglich. Insgesamt nicht so ernsthaft wie die Nordwände, gute Eingewöhnungstour.

Via Comici (7-, 550 m)
Der Nordwandklassiker schlechthin und die leichteste Route der Nordwände. Drei Längen im siebten Grad (im unteren Teil). Auf den unteren acht Seillängen leicht überhangend an Schuppen und Rissen der leichtesten Linie folgend. Sehr schöne Kletterei, sehr exponiert. Keine Bohrhaken in der gesamten Route, Standplätze müssen oft selbst ergänzt werden. Nach den schweren Seillängen kleines Band (Italienerbiwak). Geradeaus geht’s in die Constantini-Variante (quasi nicht abgesichert, nach 50 Meter ein Haken), für Originalroute etwa zehn Meter nach links. Im oberen Teil kaum Haken vorhanden (hin und wieder Standhaken, ansonsten etwa ein Zwischenhaken/Seillänge), so dass man Route und Standplätze (auch für schnelleres Vorankommen) frei wählen kann. Vor dem Quergang oben auch mal stellenweise feucht. Viel Verkehr; man ist in der Route in der Regel nicht alleine; gerne mal drei oder vier Seilschaften. Deshalb früh und nicht an Wochenenden oder Feiertagen einsteigen. Vorsicht im oberen Teil vor Steinschlag vom Ringband von aussteigenden Seilschaften!

KL Grosse Zinne Dülfer
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Westwand der Großen Zinne: Die "Dülfer" verläuft durch die markante Verschneidung im rechten Wandteil.

Abstieg: Über den Normalweg der Großen Zinne, Dauer und Abstieg siehe Führer.

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Punta di Frida & Kleine Zinne

Unsere Empfehlung heute: Punta di Frida

Via del Vecchio (6-, 300 m)
Kleinere Tour mit klassischem Zinnencharakter. Schöne, nie wirklich schwere Kletterei in festem Fels auf der Sonnenseite der Zinnen. Vom zeitlichen Aufwand nicht zu unterschätzen. Die Linie ist klar, trotzdem ist Route nicht immer ganz leicht zu finden. Verhauer sind möglich.

Abstieg: durch Abklettern, Absteigen, Abseilen (Abseilpiste in Rinne), siehe Führer.

Unsere Empfehlung heute: Kleine Zinne

Gelbe Kante (6, 400 m)
Schöne, vielseitige, allerdings schon
abgeschmierte Felsfahrt, vor allem zu Beginn. Einstieg bei einem markanten Riss. In der Regel ist der Fels fest und Haken sind vorhanden. Falls nicht, hat man sich verhauen. Das kann im unteren Teil passieren. Nach den ersten Seillängen nach rechts halten in die Scharte zwischen Punta di Frida und Kleine Zinne. Direkt hoch ist‘s kitzlig, weil brüchig und ohne Haken. Im oberen Teil (um die Schlüsselseillänge) tolle Kletterei, die Stände (insbesonders im oberen Teil) schreien nach Ergänzung. Nach den Schlüsselseillängen luftiger Ausstiegsgenuss. Oft begangen, eventuell an Wochentagen einsteigen.

KL Punta di Frida Dolomiten
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Blick auf die "Gelbe Kante" (ganz links), Punta di Frida (Mitte) und Preussturm (rechts).


Abstieg: über Bänder zur Abseilpiste, siehe Führer.

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Westliche Zinne

Unsere Empfehlung heute: Westliche Zinne

Cassin/Ratti (8-, 650 m)
Leichteste Route durch die Nordwand der Westlichen Zinne. Wesentlich anspruchsvoller als die Comici. Lange, ernsthafte und vielseitige Felsfahrt, auch wegen der Geschichte der Erstbegehung sehr interessant. Im Mittelteil (Seillängen 5 bis 10) anspruchsvolle Kletterei, die im Quergang auch technisch bewältigt werden kann. Frei ist‘s aber deutlich schöner. Der Mittelteil ist extrem exponiert, psychische Stabilität ist vonnöten.

In den schwierigen Passagen des Quergangs hängen alte Fixseile an zweifelhaften Haken. Drei oder vier Standplätze sind mit jeweils einem Bohrhaken verstärkt. Ergänzung der Standplätze ist jedoch meist angenehm. Die Linie ist natürlich und folgt gekonnt den Schwachstellen der Nordwand. Respekt vor den Spürnasen der Erstbegeher! Vor dem Biwakplatz interessante Querung, nach Regen hier kurzes Wasserfallklettern. Nach dem Biwakplatz links ums Eck und bei der Schwachstelle durchs Dach. Im oberen Teil immer links des Rinnengrundes klettern, circa ein bis zwei Zwischenhaken je Länge, die Standplätze sind hier gut. In der großen Gufel entweder in der Verschneidung links hinten weiter hoch zum Gipfel oder an der rechten Seitenwand der Gufel ansteigend raus aufs Ringband und zum Abstieg.

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Stefan Kuntnawitz in der "Cassin/Ratti".

Abstieg: Über den Normalweg der Westlichen Zinne. Zeitdauer und Abstieg siehe Führer.

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Alle Infos zum Klettern an den Drei Zinnen

Von Misurina (nahe Cortina d'Ampezzo) auf der gebührenpflichtigen Straße hoch zum Rifugio Auronzo - diese Hütte bietet sich als Ausgangspunkt und Unterkunft an.

Parken: Neben der Auronzo­hütte (rifugioauronzo.it) empfiehlt sich noch die Lavaredohütte (rifugiolavaredo.com). Reservierungen sind in der Hauptsaison und insbesondere an Wochenenden sinnvoll, da die Wanderer in den italienischen Schulferien am Wochenende in Massen mit Reisebussen an die Zinnen gekarrt werden. Da die Drei Zinnen im Naturschutzgebiet liegen, ist von wilden Campversuchen dringend abzuraten. Die Carabinieri kommen im Morgengrauen und kennen kein Pardon. Die Straße von Misurina zur Auronzohütte kostet 20 € Maut pro Auto, die Parkgebühr pro Tag an der Auronzohütte beträgt 5 € und wird vom Parkplatzwächter eingetrieben.

Zustieg: Vom Parkplatz der Auronzo­hütte geht’s dann zu Fuß weiter. Parkplatz und Hütten liegen auf der vergleichsweise unspektakulären Südseite. Die Zustiegsdauer von hier zu den einzelnen Routen beträgt zwischen 30 und 90 Minuten.

Ausrüstung: Wir empfehlen für alle Routen Doppelseile, Camalots, Keile, Windjacke, Mütze, Stirnlampe, eventuell Biwaksack.

KL Info Karte Drei Zinnen Dolomiten
Redaktion klettern
Stefan Kuntnawitz in der Westlichen Zinne.

Führer: Empfehlenswert sind die Führer von Stefan Wagenhals „Dolomiten Vertikal Band Nord“ (Loboedition, ISBN 3-934650-01-5) und Richard Goedeke „Sextener Dolomiten extrem“ (Bergverlag Rother, ISBN 978-3-7633-1255-9).

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