Bouldern in Varazze, Italien Stefan Kürzi

Bouldern Varazze

Bouldern in Varazze

Varazze ist Liguriens beste Boulderadresse. Baden und biken kann man dort übrigens auch.

Hinkommen, bouldern, abhängen: Hier gibt's die wichtigsten Infos zu den Blöcken an der ligurischen Küste. Dazu: Profiboulderer Niccolo Ceria bietet einen Insider-Blick auf das Bouldergebiet am Meer, inklusive Tipps für die ganz Starken.

Info: Bouldern in Varazze

Ein Dutzend Bouldergebiete mit fast 1400 Problemen verteilen sich rund um den Ort Alpicella. Geklettert wird meist an recht glattem Serpentinit, manchmal auch an anderen, rauen metamorphen Gesteinen. Es dominieren Leisten und Sloper, die Kletterei ist oft athletisch. Zwar reicht das Spektrum von Fb 4 bis 8C+, doch sind schöne leichte Probleme selten. Die lohnendsten Boulder rangieren im siebten und achten Bleaugrad. Für wenig bekletterte Linien vor allem in den kleinen Gebieten ist eine harte Bürste zum Moos entfernen empfehlenswert. Achtung: Die Gebiete Potala und La Cava befinden sich auf privatem Land, bitte haltet euch an folgende Regeln: keine Feuer, keine wildes Campieren, keinerlei Müll hinterlassen, keine Straßen und Wege beim Parken blockieren, dringende Bedürfnisse weit abseits der Wege erledigen und vergraben.

Bouldern in Varazze, Italien
Stefan Kürzi
Am markanten Halbmond-Griff hat man in Tribale (7C) noch nicht einmal die halbe Strecke hinter sich.

Beste Zeit

Von Oktober bis März, es gibt aber auch ambitionierte Boulderer, die im Sommer nach Varazze fahren und zur Abkühlung in den vielen Gumpen baden. Außer in Potala ist das Ambiente dann aber ziemlich dschungelig.

Die besten Gebiete

Potala (200 m) mit weit über 200 Problemen verteilt auf fünf Sektoren ist das Boulderherz von Varazze. Neben Extremklassikern wie Gioia (8C+), Alphacentaury (8B) oder Fortunadrago (8B) findet man hier auch einige schöne mittelschwere Linien wie Castor und Deimos (beide 6B+). La Cava liegt oberhalb von Alpicella auf 350 Metern und lockt mit viel Sonne, einem kurzen Zustieg und rund 50 Bouldern meist zwischen 6A und 7B. Besonders lohnend sind die Traversen Muuu (7A) und Arancia Meccanica (7B). Achtung: Bitte Hunde hier immer an der Leine halten!

Das höchstgelegene, im Winter oft sehr kalte Gebiet ist Futurama auf 1075 Metern. Hier sind rund 50 Boulder zuhause, meist mit relativ glatten, kleinen Griffen und von leicht bis 8B+, darunter einige sensationelle Linien. Deutlich wärmer ist es im Gebiet Eden auf 200 bis 250 Meter Meereshöhe. Hier lohnen die Sektoren Anam und Giardino mit einer guten Auswahl zwischen 6C und 8A, der Rest des Gebiets erfreut sich üppiger Vegetation.

Bouldern Varazze Karte
www.klettern.de
Die Bouldergebiete von Varazze rund um Alpicella im Überblick

Anreise

Von Mailand auf der A7 (oder ab Alessandria auf der A26)zur Mittelmeerküste. Von hier auf der A10 in Richtung Savona bis zur Ausfahrt „Varazze“. Fünf Kilometer vom Stadtzentrum Varazze liegt Pero, wo die Straßen zu den verschiedenen Gebieten abzweigen. Von Pero erreicht man die Gebiete in acht bis 30 Minuten Fahrzeit.

Speisen & Schlafen

In Alpicella oberhalb von Potala gibt‘s das „Berzuaia Bed & Breakfast“ sowie drei Restaurants. Im Küstenstädtchen Varazze ist die Auswahl an Ferienwohnungen, Bed & Breakfast, Hotels und Restaurants groß, auch ein kleiner, ganzjährig geöffneter Campinplatz (campingsole.eu) ist vorhanden.

Boulderführer / Topos

Eine Neuauflage des Führers für Varazze und Triora soll dieser Tage erscheinen. Bis dahin stehen viele Infos und ein paar Topos auf infoboulder.com zum Download bereit. Von Bimano gibt es eine App für die Gebiete Potala, La Cava und Harem; im iBloc-Führer aus dem Gebro Verlag werden Potala, Harem und ein Teil von Eden beschrieben.

Bouldern in Varazze, Italien
Stefan Kürzi
Niccolo Ceria bouldert Nem (8B+) in Varazze.

Niccolo Ceria: Jenseits von Gioia

Unter Kletterern ist Italien vor allem bekannt für seine majestätischen Gipfel von den Dolomiten bis zum Mont Blanc und für das riesige Angebot an Sportkletterzielen. Aber obwohl die Halbinsel auch Millionen von Felsblöcken bereit hält, kennen die meisten Kletterer aus dem Ausland nur drei Bouldergebiete in Italien: Val Daone, das internationales Renommee genießt; Val di Mello als Geburtsort der italienischen Boulderszene und Austragungsort des Mellobloccos und schließlich Varazze. Varazze ist in der Boulderwelt vor allem mit einem Wort verbunden: Gioia.

Wörtlich übersetzt bedeutet Gioia Freude. In Varazze steht Gioia für etwas anderes: nämlich das mythische Bouldertestpiece, das seit Christian Cores Erstbegehung im Jahr 2008 nur zwei Wiederholungen durch Adam Ondra und Nalle Hukkataival gesehen hat und heute als 8C/C+ oder gleich als glatt 8C+ eingestuft wird. Gioia hat mit seinem Ruhm fast einen Heiligenschein um die Boulder von Varazze gelegt.

Varazze ist aber nicht nur Gioia, Varazze bietet einiges mehr: Es liegt an der Küste Liguriens mit schönen Stränden, einem hübschen Hinterland, vielen eigenwilligen Örtchen und dem besten Focaccia der Welt. Und für Boulderer bietet Varazze neben Gioia rund 1200 weitere Boulderlinien, darunter viele sehr lohnende. Und so reiste ich im November 2018 nach langer Zeit wieder einmal dorthin, um den mysthischen Schleier über Varazzes Blöcken zu lüften.

Bouldern in Varazze, Italien
Benedikt Bürkle
Nach der Traverse Night time birds (7A) lockt in Potala ein Sprung in den natürlichen Whirlpool. Im Sommer zumindest.

Mehr Mythos als Qualität

Die Straßen in Varazze sind italientypisch eng, die pastellfarbenen Häuser bilden einen harmonischen Kontrast zum intensiven Blau des Meeres, und im Ortszentrum duftet es den ganzen Tag aus den kleinen Läden nach Focaccia und frisch gebackenem Brot. Etwas nördlich von Varazze befindet sich der Beigua Park: eine typisch mediterrane Berglandschaft mit bis zu 1300 Meter hohen Erhebungen, Wäldern, dichter Macchia, schnuckeligen Bergdörfern, schmalen Bächen – und unzähligen Blöcken aus Serpentinit.

Hinzu kommt ein relativ trockenes Klima mit viel Sonnenschein, und die Mischung aus all diesen Faktoren macht Varazze zu einem sehr angenehmen Urlaubsziel. Der härteste Boulder Italiens könnte kaum eine bessere Kulisse haben. Aber wie gesagt, Gioia ist nicht der einzige Boulder, der einen Besuch in Varazze lohnt.

Der Sektor Potala, in dem sich Gioia befindet, ist der mit Abstand größte Sektor von Varazze. Entlang eines Bachs und parallel zur Straße von Pero hinauf nach Alpicella verstreuen sich hunderte Blöcke im Wald. Hier begann ich meinen Herbsttrip – an dem bekannten Problem Alphacentaury (8B) im unteren Teil von Potala, einem langjährigen „Feind“ von mir. An ihm hatte ich mir schon die Zähne ausgebissen, als ich noch keinen Führerschein hatte und mein Vater mich zum Bouldern fahren musste. Ich denke nicht, dass ich stärker geworden bin seit damals, aber dass ich mich doch in einigen Bereichen verbessert habe. Und so wanderte ich gleich am ersten Morgen nach meinem traditionellen Warm up an dem großartigen Klassiker Castor (6B+) zu Alphacentaury.

Ich hatte mich geirrt. Bei den geforderten hohen Heelhooks und engen Kompressionszügen fühlte ich mich noch schwächer als bei meinen letzten Versuchen fünf Jahre zuvor. Zum Glück war ich wenigstens analytisch stärker geworden. Ich entdeckte eine neue Lösung: ein gewaltiger Dyno, mit dem sich die gesamte garstige Passage überbrücken ließ. Ich war total aufgeregt und musste mich erst etwas beruhigen, bevor ich zehn Minuten später einstieg – und kurz darauf überglücklich auf dem Block saß.

Bouldern in Varazze, Italien
Stefan Kürzi
Der beste moderate Boulder von Varazze? Niccolo Ceria gibt Fersengummi in Castor (6B+) in Potala.

Geniale Linien

Neben dem riesigen Sektor Potala bietet Varazze einige ziemlich abgelegene, kleine Sektoren und einzelne Blöcke. Einer von ihnen ist La Mongolfiera (8B), sicher eine der besten Linien in Varazze. Trotzdem hatte dieser Boulder seit der Erstbegehung durch Christian Core keine Wiederholung gesehen und war sogar etwas zugemoost. Nach einer Reinigungssession taugten mir die Kompressionszüge an weit auseinandergelegenen Griffen voll und so konnte ich mir relativ schnell die zweite Begehung sichern.

Sehr lohnende Boulder findet man auch in Futurama, zum Beispiel Rampage (8A), ein extrem überhängender, schlanker Schiffsbug, oder La Stanza dei segreti (7A+), eine geniale Platte an einem perfekten, hohen Felsdreieck. Da Futurama weit oben am Monte Beigua auf knapp 1100 Metern liegt, stattete ich diesen Traumlinien diesmal keinen Besuch ab. Frühherbst oder das späte Frühjahr sind hierfür die ideale Zeit. Dafür machte ich mal wieder einen Abstecher in den Sektor La Cava, der mit seiner Höhenlage von 350 Metern und viel Sonne auch wintertauglich ist. Highlight hier ist die perfekte Slopertraverse Arancia Meccanica (7B).

Dann wandte ich mich dem Hauptziel meiner Reise zu: Nem (8B+). Der Boulder liegt mitten drin im wenig besuchten Sektor Lilliput auf rund 600 Meter Meereshöhe. Nem ist ein sehr interessantes und für Varazze recht ungewöhnliches Problem: Der steile, sehr athletische und kleingriffige Beginn mündet in den Stehstart (8A+) der an kleinen Löchern durch eine leicht überhängende Wand führt. In Norditalien haben wir nicht viele Boulder mit Lochkletterei, weshalb mich dieser Boulder schon immer reizte. 2014 war mir der Stehstart gelungen, die komplette Linie hatte aber nie geklappt.

Am dritten Tag meines Varazze-Trips ging ich den 40-minütigen Zustieg bergauf mit zwei Pads, einer Leiter und einer guten Dosis freudiger Aufregung an. Am Ende des Tages war die Freude noch deutlich größer. Die morgendliche Schinderei hatte sich ausgezahlt, das Hauptprojekt meiner Reise nach Varazze war geschafft.

Bouldern in Varazze, Italien
Stefan Kürzi
Niccolo Ceria holt sich die erste Wiederholung von La Mongolfiera (8B)

Highballs zum Abschluss

Damit blieb genügend Zeit, einige Boulder auszuchecken, die selten geklettert werden. Einige von ihnen sind meiner Meinung nach besser als viele der Mainstream-Probleme in Varazze – und oft nur einen Steinwurf von diesen entfernt. Beispielsweise befindet sich auf der Rückseite des Gioia-Blocks der vermutlich beste Highball des gesamten Gebiets: Tribale (7C). Dessen Ausstieg war ziemlich grün, und es kostete mich einigen Mühe, den Fels von Moos und Staub zu reinigen.

Anschließend entschlüsselte ich den kniffligen Ausstieg im Toprope, mir war aber klar, dass der seilfreie Durchstieg trotzdem eine heikle Sache werden würde. Die Kletterei ist ziemlich lang und ich wollte den Ausstiegsmantle auf keinen Fall mit gepumpten Unterarmen oder gefühllosen Händen angehen müssen. Nach einer weiter Toprope-Session fühlte ich mich dann bereit, und der Durchstieg ging glatt über die Bühne.

Zum Abschluss meines Varazze-Trip gelang mir noch ein Highball namens Le Tue Paure (7C), eine Begehung von Just be bad (8B) – der Sitzstart zu Want you bad (7C) – sowie im allerletzten Abendlicht vor der Abreise eine Wiederholung von Messa della Streghe samt Topout (7C+)

Diese Reise nach Varazze hat mir wieder einmal gezeigt, dass die bekanntesten Boulder nicht notwendigerweise die besten sind. Zurück blieb das gute Gefühl, einigen großartigen, aber vergessenen und bereits von der Natur zurückeroberten Bouldern wieder Leben eingehaucht zu haben. Und die Hoffnung, dass ich mit diesem Artikel künftigen Besuchern gezeigt habe, dass es in Varazze mehr gibt als Gioia und gutes Essen.

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