Sportklettern: Pushing the Limits

Adam Ondra

Foto: Eddie Gianelloni Adam Ondra Silence
2017 purzelten die Schwierigkeitsgrade. Adam Ondra kletterte die erste glatte 12 in Norwegen, Margo Hayes als erste Frau 9a+, Angy Eiter kurz darauf 9b; auch Alex Megos und Anak Verhoeven mischen vorn mit.

Der Tscheche Adam Ondra ist die unumstrittene Nummer Eins in Sachen Spitzenschwierigkeiten. Mit Silence (12) erweiterte er die Skala erneut nach oben.

Was bedeutet dir deine Erstbegehung von Silence? Fühlt es sich an, als hättest du ein Lebens­ziel erreicht?
Es ist die wichtigste Route meiner bisherigen Kletterkarriere. Wie das Erreichen eines Lebensziels fühlt es sich trotzdem nicht an, ich habe nicht das Gefühl, das war’s schon. Ich fühle mich voller Energie, weiterzumachen und noch mehr zu erreichen. Silence ist die Route, für die ich die meiste Zeit investiert habe, für die ich spezielle Trainingsmethoden einsetzen musste – und ich habe zwei Saisons für sie gebraucht.

Die erste und härteste der drei Boulderpassagen ist ein 8C-Riss. Könnte es für diesen Abschnitt helfen, ein sehr guter Risskletterer zu sein? Hat dir deine Graniterfahrung aus der Begehung der Dawn Wall am El Capitan dort geholfen?
Ich würde sagen, es ist ein hartes Boulderproblem, das eine gewisse Fähigkeit an Fingerklemmern erfordert, aber das macht nur einen kleinen Teil dieser Passage aus. Es hat zwar einige Finger- und zwei Fußklemmer, aber die Kletterei in dieser Passage ist vor allem extrem komplex. Es beginnt damit, dass du deinen Körper an einem rutschigen, runden Loch und schmierigen Seitgriffen drehen musst. Dann musst du einen rutschigen Fingerklemmer treffen, die Füße über deinen Kopf schwingen und einen Fußklemmer erwischen, der sich unendlich weit entfernt anfühlt. Dann kommen – mit diesem Fußklemmer – als i-Tüpfelchen total abgefahrene Züge in Form des unangenehmsten Drop knees, das ich je gemacht habe. Dieses Boulderproblem ist unglaublich komplex, und man benötigt viel Fertigkeiten. Zuallererst musst du aber ein super starker Boulderer sein, Rissklettern zu können, ist das wenigste. Die Dawn Wall hat nicht wirklich geholfen, weil dort kaum Fingerklemmer gefordert sind.


Du hast dich sehr spezifisch auf Silence vorbereitet, dein Physiotherapeut Klaus Isele war bei mehreren Trips nach Flatanger dabei. Du hast speziell Knieklemmer trainiert, Züge an deiner Kletterwand nachgebaut ?– was hast du noch gemacht, um fit genug zu sein?

Alles, was ich gebraucht habe, war: super stark im Bouldern zu sein und fit genug, um mich schnell erholen zu können, dazu gut in einem Knieklemmer hängen zu können. So habe ich daran gearbeitet, meine Waden stärker zu machen, um meine Knieklemm-Fähigkeit zu verbessern. Speziell habe ich auch meine linke Bauchmuskulatur trainiert, um diesen weit entfernten Fußklemmer besser fischen zu können. Außerdem habe ich an der Beweglichkeit meiner Schultern gearbeitet, an der Beweglichkeit für dieses grausame Drop knee. Sprich, ich habe mein Trainingsprogramm komplett nach den Anforderungen dieser Route ausgerichtet: Knieklemmer ins Trainingsprogramm aufgenommen, an verschiedenen Nachbauten des Boulderproblems geklettert und oft versucht, mir die Kletterei vorzustellen, sie zu visualisieren und zu verinnerlichen. Spezielle Übungen und Visualisierungen waren meine tägliche Trainingsroutine. Auch meine Ernährung habe ich an die Anforderungen angepasst. Für extrem ausdauerlastige Routen muss ich dünn sein. Für Silence war das nicht nötig, dort musste ich so maximalkräftig wie möglich sein.

Was müssen potenzielle Wiederholer für Silence mitbringen?
Ich muss zugeben, dass ich diese Linie bewusst zu meinem Projekt gemacht habe, weil ich wusste, dass die Art der Kletterei sehr gut zu meinem Stil passt. Fangen wir mit den Knieklemmern an. Ich hatte nie eine sehr gute Ausdauer, aber ich konnte mich schon immer gut an Knieklemmern erholen. Dann der Drop-knee-Move, der wirklich absolut extrem ist – und Dropknees sind meine Spezialität. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dieses Dropknee zu vermeiden, aber meiner Meinung nach sind die noch härter. Potenzielle Wiederholer müssen sich bewusst sein, dass Silence eines der härtesten Boulderprobleme am Fels ist. Ich habe vier Trips gebraucht, bis ich die zehn Züge der Schlüsselpassage klettern konnte – mehr als bei jedem anderen Boulder. Die Crux Nummer Eins ist definitiv der härteste Boulder, den ich je geklettert habe! Alles davor und danach addiert noch etwas zur Schwierigkeit, vor allem aber mental. Es ist so viel härter, die Crux durchzuziehen, wenn du davor schon 25 Meter geklettert bist und weißt, dass du nur einen Versuch am Tag hast.

Du nennst die Kletterei in Silence komisch. Wird das die Zukunft für Steigerungen beim Sportklettern sein: sehr spezielle, abgefahrene Bewegungen mit sehr individuellen Anforderungen auch an die Vorbereitung und das Training anstatt noch kleinerer Griffe und noch weiterer Züge in noch steileren Wänden?
Ich glaube nicht, dass dies die Zukunft sein muss! Ich mag komische Züge, deshalb habe ich mir dieses Projekt ausgesucht. Ich werde wahrscheinlich nie eine 9c klettern können, wo es rein um Ausdauer geht. Aber die Möglichkeiten, an kleinen Griffen zu klettern, sind noch lange nicht ausgeschöpft. Harte Routen kann es in allen Variationen geben – kurz und senkrecht, lang und steil, boulder- oder ausdauerlastig … Die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

Sieben Reisen verteilt auf zwei Jahre hast du benötigt. Denkst du, dass in naher Zukunft jemand so viel Zeit, Arbeit und Motivation investiert, um sich die zweite Begehung von Silence zu holen?
Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich denke, der einzige Kandidat, der derzeit das Niveau hat, eine 9c zu klettern, ist Alex Megos. Aber er scheint keine Lust zu haben, sehr hart für ein einzelnes Projekt zu arbeiten. Es mag einfach klingen, solange an einer Route zu arbeiten, bis sie schließlich klappt – aber tatsächlich ist es psychisch extrem schwierig.

Würdest du so viel Zeit für eine Zweitbegehung investieren?
Ja! Ich denke nicht, dass es viel für mich ändert, ob es sich um eine Erst- oder Zweitbegehung handelt.

Wo siehst du noch Steigerungspotenzial bei dir? Eher physisch oder psychisch?
Überall!

Was sind deine nächsten Ziele? Fängst du bald an, Speed für Olympia zu trainieren?
Ich habe weitere Sportkletterprojekte im Kopf und hoffe, dass ich es auf einen Level schaffe, wo ich 9b+ und 9c schneller klettern kann. Das ist mein Ziel: ein stärkerer und besserer Kletterer zu werden. Ich hoffe, mit einem wissenschaftlicheren Training, einem veränderten Ansatz und der Hilfe von Klaus klappt das!

Foto: Pavel Blazek Adam Ondra klettert Project Hard 9c in Flatanger

Adam Ondra in 'Silence' (9c).

Adam Ondra (Bio)

Seit Adam Ondra mit 13 seine erste 9a punktete, dominiert der Tscheche das Seilklettern in beeindruckender Manier. 2012 eröffnete er mit Change in Flatanger die erste 9b+, seither folgten zwei weitere. 9b-Routen hat er schon ein Dutzend auf seiner Ticklist. Neben seinen Erfolgen im Felsklettern ist Adam dreimaliger Weltmeister im Lead und Bouldern und hat zahlreiche Weltcup-Siege gesammelt. Beim Felsbouldern zieht er ebenfalls an vorderster Front an. Und mit der ersten Rotpunktbegehung von WoGü (8c, 7SL) sowie der ersten Wiederholung der Dawn Wall (9a, 32 SL) am El Cap bewies der 24-Jährige, dass er auch auf den Langstrecken Weltspitze ist.

15.12.2017
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 8/2017