Klettern im Informationszeitalter

Vorsprung durch Technik?

Foto: © Konstantin Brückner / Pixelio Festplatte: Klettern im Informationszeitalter
Information at your fingertips lautete 1994 die Vision von Microsoft-Gründer Bill Gates. Information für die Fingerspitzen, das klingt doch für Kletterer sehr interessant. Und tatsächlich: Die Realität nähert sich Gates‘ Vision immer mehr an.

Klettern Zwei-Null: Virtuelle Vertikale?

"Nun, in der ersten Seillänge der Wand, sichert Alice ihren Freund. Dieser ist gerade über einen Felsvorsprung geklettert, so dass Alice ihn nicht mehr sehen kann. Sie blickt kurz auf das Display an ihrem Gurt, auf dem angezeigt wird, wieviel Seil sie noch zur Verfügung hat – sechs Meter. Dabei sieht sie einen starken Ausschlag bei Bobs biometrischen Daten. Sein Pulsschlag hat sich gerade deutlich erhöht. Die Daten werden über Bobs Klettergurt an Alice gesendet.

Bob sieht den nächsten Griff kurz vor sich, der ihn zum Stand führt. Dieser wird ihm auf seiner Armbanduhr mit einem Richtungspfeil und Entfernungsangabe angezeigt. Das System zeigt ihm weiters einen kleinen Spalt an, an dem man gut einen Klemmkeil anbringen kann. Das System weiß von anderen Kletterer, dass sie an dieser Stelle einen 5er Keil verwendet haben, da es sich ständig die Datenbankinformationen von verschiedenen Kletterportalen herunterlädt.

Wird sie so aussehen, die schöne, neue Kletterwelt? Die geschilderte Szene ist Teil eines Gedankenspiels, das sich Mitarbeiter des Instituts für Geoinformatik in Münster im Jahr 2006 ausgedacht haben. „Vision Alpines Klettern im Jahre 2017“ hieß ihr Artikel, in dem sie ein Szenario durchspielen, wie sich durch die Verschmelzung von mobiler Informationstechnik und sogenannten ortsbasierten Diensten das Bergsteigen verändern könnte.

Gerlinde Kaltenbrunner führt vom Basislager aus das Expeditionstagebuch.

Klettern im Wandel

Manches, was die Geoinformatiker um Johannes Schöning da entwerfen, klingt nach Science Fiction. Anderes ist bereits wahrgeworden. Und bis 2017 sind es ja noch mal sieben Jahre. Die Arbeit ist also visionär, aber keineswegs abwegig. Kommunikations- und Datentechnik spielen auch beim Klettern und Bergsteigen eine immer größere Rolle. Mit Satellitentelefon und GPS dringen Expeditionen in die hintersten Winkel der Welt vor, im Basislager am Mount Everest steht jede Saison ein Internetcafé – in einem Zelt, versteht sich. Jeder bloggt, sendet und empfängt, Meldungen gehen sekundenschnell um die Welt.

Und auch das Sportklettern wird immer digitaler: Die ersten Topoführer für das iPhone existieren bereits. Wenn die Route erfolgreich abge­hakt wurde, lässt sich in Portalen wie 8a.nu das elektronische Tourenbuch füllen, Veröffentlichung weltweit inklusive. Im Tiroler Climber‘s Paradise träumt man schon von Plaketten an den Routeneinstiegen, auf denen ein Strichcode Infos zur Route enthält und der mit dem Handy direkt abfotografiert quasi automatisch das Tourenbuch des Begehers füllt.

Dass Technik das Klettern verändert, ist nichts Neues. Der Übergang vom Hanf- zum Nylonseil, die Erfindung der wasserdichten Membran, die ersten Kletterschuhe mit wirklich guter Sohlenreibung – all das hat den Sport einfacher und sicherer gemacht. Oder, anders herum betrachtet: Es hat den Kletterern und Alpinisten erlaubt, die Grenzen des Machbaren immer weiter zu verschieben. Bezogen auf das Felsklettern dürfte aber der Akkubohrer, ein relativ simples, elektromechanisches Gerät, den bisher größten Einfluss auf den Sport gehabt haben. Die Erschließung von Klettergebieten mit hoher Bohrhakendichte wäre ohne Akkubohrer kaum vorstellbar.

10.03.2010
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 2+3/2010/2010