Klettern & Olympia

Klettern als olympische Disziplin

Foto: DAV | Nils Nöll Klettern & Olympia: Ist dabei sein alles?

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Bei den Sommerspielen in Tokio werden 2020 auch Kletterer um olympische Medaillen kämpfen. Wissenswertes zum Klettern als olympische Disziplin.

Am 3. August 2016 stimmte die Vollversammlung des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, in Rio de Janeiro für die Aufnahme von fünf neuen Sportarten für die olympischen Spiele in Tokio 2020. Neben Baseball/Softball, Karate, Skateboarding und Surfen kam so auch „Sport Climbing“ in den Genuss olympischer Weihen.

Zum ersten Mal werden damit im Jahr 2020 olympische Medaillen im Sportklettern vergeben. Dafür wurde das neue Wettkampfformat „Olympic Combined“ geschaffen, und insgesamt 40 Athleten (20 Frauen und 20 Männer) für Tokio 2020 zugelassen. Das IOC setzte mit seinem Beschluss einen Zug aufs Gleis, der seither an Fahrt aufnimmt und in dem viele begeistert mitreisen, während andere ihn immer noch für einen Geisterzug halten.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Stark beim Bouldern, schnell beim Speed: Jan Hojer gehört zu den heißen deutschen Kandidaten für Olympia.

Mehr Förderung für den Klettersport

Der Entscheidung des IOC vorausgegangen waren fast zehn Jahre Lobbyarbeit der International Federation of Sport Climbing, kurz IFSC. Die wurde 2007 aus der UIAA, dem internationalen Verband der Alpenvereine, ausgegliedert und kümmert sich seitdem um die Organisation der internationalen Wettkämpfe in den drei Disziplinen des Kletterns: Lead, Speed und Bouldern. Zudem etablierte sie die Paraclimbing-Wettkämpfe auf internationaler Ebene. Für die IFSC und ihren Präsidenten Marco Scolaris wurde mit der Aufnahme ins olympische Programm ein bereits bei der Gründung der IFSC beschlossenes Ziel Wirklichkeit.

Von der Teilnahme an Olympia versprechen sich die Befürworter mehr Anerkennung für den Klettersport, glückliche Olympiateilnehmer und den Zugang zu den Fördertöpfen der staatlichen Sportförderung. So bekommt das Ressort Leistungssport beim Deutschen Alpenverein in München erstmals in seiner Geschichte eine gezielte Förderung durch das Bundesministerium des Inneren (BMI), die aber jenen Athleten vorbehalten ist, die für eine Olympiateilnahme in Frage kommen.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Ashima Shiraishi (USA) ist eine der stärksten Kletterinnen der Welt und definitiv Olympia-Anwärterin.

Alpenverein in der Kritik

Dafür steht der DAV auch vor gewaltigen Aufgaben, wie Ressortleiter Matthias Keller berichtet: „Wir profitieren finanziell massiv von dem Ganzen, aber wir müssen auch Strukturen aufbauen, die andere Sportverbände schon seit zig Jahren haben. Wir haben ja nicht einmal Zugriff auf eine eigene leistungssportliche Infrastruktur, sondern müssen unsere Leute im Breitensporttrainingsbetrieb in den Hallen unterbringen. Hier in München gab es schon fast einen Faustkampf, weil der Kader da trainiert und Routen belegt hat.“

"2018 wird es einen Deutschen Meister Olympic Combined geben" – zum Interview mit Matthias Keller vom DAV zu Olympia

Alexandra Albert, die als Sportmentaltrainerin beim DAV die Expeditionskader betreut und eine sportsoziologische Arbeit über „Die Versportlichung des Bergabenteuers im Deutschen Alpenverein e. V.“ geschrieben hat, sieht den DAV nicht richtig auf Olympia vorbereitet: „Der DAV hat zu lange gewartet, sich mit dem Klettersport als Sportsystem zu beschäftigen. Als über 20-jähriges Mitglied im DOSB und Mitglied im IFSC hätte längst ein struktureller Umbau auf den Weg gebracht werden können.“

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Deutsche Nachwuchshoffnung für Olympia: Hannah Meul (Mitte), 16, aus Köln.

Mehr geschätzt und sexier

Matthias Keller vom DAV sieht das allerdings anders: „Wir sind im Vergleich mit den Kletterverbänden anderer Länder schon ziemlich gut aufgestellt.“ Weist aber auch darauf hin, dass sich „Lifestyle-Sportarten wie Surfen, Skaten oder eben Klettern, die als Gegenentwurf zum Leistungssport entstanden sind, schwerer tun, sich hier einzupassen.

Bei einem Leichtathletik-Verband ist klar, es geht um Wettkampf. Wenn du Kugelstoßen gehst, ist klar, dass du Wettkämpfe machst. Kein Mensch geht Kugelstoßen im Garten. Beim Klettern gibt es mit dem Felsklettern eine Nicht-Wettkampf-Sparte, die mindestens genauso viel Berechtigung hat wie die Wettkampfsparte, und in der Szene wahrscheinlich sogar noch mehr geschätzt wird und sexier ist. Und in dem Spannungsfeld bewegen wir uns, auch als Verband. Wobei ich schon den Eindruck habe, dass die verbandsinterne Kritik an dem Thema schwächer wird.“

Geben tut es sie aber schon noch. So finden manche Mitarbeiter der Hauptgeschäftsstelle des DAV in München: „Der DAV hat Wichtigeres zu tun als Olympia.“ Auch in der Kletterszene gibt es immer noch Widerstand, wie er sich zum Beispiel jüngst auf den auf der OutDoor-Messe verteilten Aufklebern formulierte: „Climbing is not about Olympics“ stand da. Etliche Kletterer befürchten die Kommerzialisierung des Sports, sehen Olympia als korrupten Doping-Sumpf an und beklagen die Kosten und den Aufwand, der letztlich nur einer Handvoll Spitzenkletterer zugute kommt. Kurzum: Es besteht die Befürchtung, im olympischen Feuer verbrannt zu werden.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Olympia-Kandidat im Olympia-Stadion: David Firnenburg beim Boulder-Weltcup in München 2016.

Matthias Keller steht wie der DAV als Ganzes hier im Zwiespalt: „Wir befürworten in unserem Grundsatzprogramm Klettern als olympische Disziplin, sehen aber das IOC kritisch und wollen aktiv einwirken, dass die Werte, die der DAV vertritt, auch Eingang finden in diesen ganzen IOC-Kontext. Was aber sehr schwierig ist, wenn man es realistisch betrachtet. Du lässt dich da auf ein Spiel ein, wo du relativ wenig Gestaltungsspielraum hast, zumal als nationaler Mitgliedsverband. Wenn du dich dem System Leistungssport unterwirfst, dann geht das nur ganz oder gar nicht.

Dennoch hoffen Verbände wie der DAV und die IFSC, dass sich Olympia durch das Klettern verändern könnte: Klettern ist bisher weitgehend frei von Dopingproblemen und Korruption, lebt von einer locker-sympathischen Szene und könnte die ursprüngliche olympische Idee des freundschaftlichen sportlichen Wettbewerbs wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Die Kletter-Wettkämpfe sollen Zuschauer unterhalten: zum Beispiel wie von Alex Puccio beim Boulder-Weltcup in Vail 2017.

Die Erfindung des Combined-Modus

Dass sich der Sport wegen Olympia verändert, spüren Athleten und Zuschauer aber schon jetzt. Da gibt es beim Bouldern und im Lead neue Zeitlimits, um die Wettkämpfe für die TV-Übertragung besser planbar zu machen. Da ist das neue Format „Olympic Combined“, der Dreikampf aus Lead, Speed und Bouldern, der bereits ab 2018 bei nationalen und internationalen Wettkämpfen geklettert werden wird. Dessen Geburt geht übrigens auf die Vorgabe des IOC zurück, dass für Sport Climbing in Tokio nur sechs Medaillen (Gold, Silber, Bronze jeweils für Frauen und Männer) vergeben werden dürfen, aber trotzdem alle drei Disziplinen des Kletterns vertreten sein sollen. Dem Wunsch der IFSC, alle drei Disziplinen einzeln zu werten, entsprach das IOC nicht, weil das mehr Teilnehmer bedeutet hätte und der zeitliche Aufwand dafür als zu hoch eingeschätzt wurde.

Zunächst wurde die Idee des „Olympic Combined“ von vielen Kletterern rundheraus abgelehnt. Die meisten wollten mit Speedklettern – einer Domäne der osteuropäischen und asiatischen Kletterer – nichts zu tun haben. Inzwischen, weiß Jorg Verhoeven, Sprecher der Athlete‘s Commision bei der IFSC, hat sich das aber gelegt: „Man muss dazu sagen, dass viele Kritiker nicht die ganze Situation und die Beweggründe der IFSC gekannt haben, und dass sich jetzt einige Kletterer sehr wohl mit der Kombiwertung angefreundet haben.“

Olympic Combined erklärt: So funktioniert der olympische Kletter-Modus

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Speedklettern fristet in Europa ein Schattendasein. Je weiter östlich man schaut, desto größer das Interesse an und die Dominanz im Speed.

Die Akzeptanz steigt langsam

Auch Adam Ondra, einer der aussichtsreichsten Kandidaten für eine olympische Medaille in Tokio, hat sich inzwischen mit dem Format abgefunden und seine Teilnahme in Tokio angekündigt. Kritik äußert er dennoch: „Es wird so aussehen, dass die Speed-Spezialisten keine Chance beim Bouldern und im Lead haben. Das heißt, ins Finale kommen Leadkletterer und Boulderer, die im Speed keine gute Figur machen. Unter diesen wird dann relevant sein, wer im Speed halbwegs gut ist. Es wird also im Finale einen drittklassigen Speedwettkampf mit Boulderern und Leadkletterern geben, was meiner Ansicht nach dämlich ist. Das Publikum will schließlich eine Weltklasse-Leistung sehen und nicht die einer Kreisliga.“

Neben der Änderungen an den Wettkampfformaten selbst ändert sich durch Olympia auch das Umfeld. Der Versuch, die Wettkämpfe nicht nur TV-fähiger, sondern auch kommerziell ergiebiger zu machen, führte für die IFSC im Frühjahr 2017 allerdings zu einem veritablen Shitstorm in den sozialen Medien. Die IFSC hatte einer Nacht- und Nebelaktion die Übertragungsrechte für die Livestreams von den Worldcups an einen kommerziellen Vermarkter, die Firma Flosports in den USA, übertragen wollen. Die wiederum wollte 20 Dollar pro Monat für die Live­streams, die bis dahin gratis gewesen waren. Der Aufschrei der Szene und der nationalen Verbände erfolgte prompt und führte rasch zu einem Rückzieher vom Pay-TV-Deal. Gerüchte, dass China für teures Geld eine größere Zahl erfahrener Klettertrainer suche, um seine Medaillenchancen zu erhöhen, gehen in eine ähnliche Richtung: Der Druck im Kessel steigt.

Foto: IFSC | Eddie Fowke Kletter-Wettkampf / Klettern bei Olympia

Zeitlimits und Show-Business: Die Routen im für Olympia müssen viele Ansprüche erfüllen.

Olympia verändert Kletter-Wettkämpfe

Fest steht: Der Olympia-Zug ist angerollt. Ob er in Tokio 2020 schon seine Endstation erreichen wird, bleibt abzuwarten. Vorläufig ist die Aufnahme ins olympische Programm ja nur einmalig und auf Wunsch der Ausrichter in Tokio erfolgt, die sich angesichts starker japanischer Boulderer große Medaillenhoffnungen machen. Ob Klettern 2024 wieder dabei sein wird, hängt auch vom Erfolg der Sportart in Tokio ab. Dass die Spiele in Deutschland ausschließlich auf Eurosport zu sehen sein werden, ist allerdings schon ein erster kleiner Dämpfer.

Schließlich bleibt auch abzuwarten, wie es Funktionären und Athleten gelingen wird, Publikum und Sponsoren mitzunehmen auf den olympischen Trip. Wir vermuten aber: Die Chancen stehen ganz gut. Wenn erst einmal in Tokio nach dem olympischen Format gestartet wird, werden viele Kletterer mitfiebern. Denn das tun sie jetzt bei den Worldcups und Meisterschaften ja auch schon.

08.11.2017
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 06/2017