Interview: Routenbau

"An Bouldern wachsen"

Foto: Fabian Fischer Patricia Wieger Routensetzerin Berlin Interview klettern 3-2018
Bouldern boomt. Wir haben mit der Berliner Routenbauerin Patricia "Patty" Wieger gesprochen: über gute Boulder, den Job als Schrauber und das Mann-Frau-Gefälle.

(erstmals erschienen in klettern 3-2018)

Patty, du bist hauptberuflich Schrauberin, das heißt du baust Boulder in Kletterhallen. Wie muss ein guter Boulder aussehen?
Er braucht ein Konzept. Von der Optik bis zur Bewegungsidee oder vom Kletterstil her. Er kann optisch die Lösung verraten oder ein Rätsel sein, aber schön ist, wenn sich alle davon angesprochen fühlen, egal ob Anfänger oder Fortgeschrittene.

Wie ungefähr sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Morgens um 9 Uhr in der Halle eintreffen, mit dem Team besprechen, Volumen setzen, Griffe an die Wand zaubern. Nach der Mittagspause werden weitere Boulder gesetzt, gemeinsam getestet und noch verbessert. Am liebsten schraube ich aber für Wettkämpfe, wo ich zwei Tage lang 10 bis 14 Stunden am Stück arbeite. Ich mag diesen Stress. Und am Wettkampftag bekommst du ehrliches Feedback, wie deine Arbeit gelungen ist.

Was motiviert dich?
Zwei Aspekte: Ich mag die Herausforderung. Beim Schrauben bin ich gefordert, mich in kleine und große Details hineinzudenken. Ich kann ein Kunstwerk schaffen, ohne mir die Formen dazu ausdenken zu müssen – und ich kann mich dabei bewegen! Der zweite Aspekt ist, dass ich Menschen mit meinen Bouldern berühren kann. Im Prinzip kann man mit einem einzigen Boulder hunderte von Menschen für den Moment glücklich machen. Zum Beispiel bei einem Wettkampf mit einem spannenden Final-Boulder: Alle fiebern mit, die Wettkämpfer geben alles, die Stimmung ist Wahnsinn. Genial!

Was zeichnet denn gute Routenbauer aus?
Fürs Schrauben braucht man ein gutes Bewegungsgefühl und Kreativität, aber auch Lernwille und Teamfähigkeit sind wichtig. Kritik austeilen und einstecken ist Teil des Jobs, damit sollte man klarkommen.

Fühlst du dich im Vorteil oder im Nachteil gegenüber männlichen Routenbauern?
Ich denke beides. Dass ich eine Frau unter wenigen bin, öffnet mir schon schneller Türen. Das ist auch ein Vorteil, den ich gerne nutze. Und man ist nachsichtiger beim Testen. Es wird von mir nicht erwartet, 8A zu bouldern.
Ein Nachteil ist, dass in Sachen Schrauber-Können mehr erwartet wird. Oft wird dem Herrenfinale im Wettkampf viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet beim Schrauben und Testen, aber nachher soll das Damenfinale bitteschön ebenso perfekt sein ... Aber man darf auch nicht alles auf die Frau-Mann-Rollen abwälzen. Sobald man sich der Problematik bewusst ist, läuft es meist schon besser.

Hast du eine Philosophie oder eine Art Schrauber-Ethos?
Ich möchte, dass die Leute die Erfahrung machen können, über sich selbst hinauszuwachsen. Eine Bewegung, die sich unmöglich anfühlt, möglich werden zu lassen. Dass sie mitnehmen, dass es hilft, an sich zu glauben und nicht aufzugeben.

Kommt man als Plastik-Beauftragte auch ab und zu an den Fels?
Klar! Am liebsten bouldere ich in Bleau. Aber ich möchte auch unbedingt mal nach Südafrika in die Rocklands.

Danke Patty!



Patricia Wieger (29), bouldert seit 2012. In der Berliner Boulderhalle Ostbloc ist die gelernte Sportfachfrau angestellte Schrauberin und gibt dort auch Workshops und Kurse.

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16.05.2018
Autor: Sarah Burmester
© klettern
Ausgabe 03/2018