Kurt Albert Interview

"Für irgendeine Farbe musste ich mich ja entscheiden"

Immer wieder hat Kurt Albert dem Klettersport neue Impulse gegeben. Im Interview weiß er aber auch zu berichten, dass ihm das Klettern viel zurückgegeben hat.

Dieses Interview erschien in klettern 2/2004 anlässlich von Kurt Alberts Fünfzigstem Geburtstag.

Wie kam die Idee zustande, die fränkischen Felsen flächendeckend frei zu beklettern?
Bei meinem ersten Besuch im Elbsandstein 1973 fiel es mir wie Schuppen von den Augen, welche neuen Möglichkeiten sich durch die dortige Freikletterethik für den Klettersport eröffneten. Bis dahin wurde in der Fränkischen Schweiz eigentlich nur technisch in Leitern stehend geklettert, was ja mit der eigentlichen Kletterbewegung überhaupt nichts zu tun hatte. Der erste Rote Punkt wurde 1975 am Rott-Gedächtnisweg (6+) am Streitberger Schild angebracht. „Aktion Roter Punkt“ war dann auch der Name für die neue Freikletterbewegung.

Weshalb eigentlich ein roter Punkt? Es hätte ja auch ein blaues Quadrat sein können.
Für irgendeine Farbe musste ich mich ja entscheiden. Vielleicht war es meine damalige Thermos-Kaffeekanne der Marke Rotpunkt. Jedenfalls war es keine schlechte Wahl, denn der Terminus „Rotpunkt“ stieß ja auf weltweite Anerkennung.

Foto: Thomas Ballenberger Kurt Albert Titelbild Boulder

Kurt auf dem Titelbild der Zeitschrift "Boulder".

Nur im eigenen Land gilt der Prophet bekanntlich wenig. Wie reagierten denn die alteingesessenen fränkischen Kletterer auf eure Befreiungsbewegung?
Eigentlich durchaus positiv und engagiert, diese Erfahrung selbst auszuprobieren. Abgesehen von einigen Extremkletterern, die uns Prügel angedroht hatten – aber das machte das Ganze nur spannender und interessanter, denn ich liebe es zu provozieren. Armin Erdenkäufer, der damals wohl profilierteste Frankenkletterer, platzierte im Schaufenster seines Kletterladens eine Kette aus zehn Karabinern, die er als Preis für die Rotpunktbegehung der Gelben Wand (7) an der Matterhornwand ausgesetzt hatte – mit dem Kommentar: „Das schafft ihr nie!“ Wenige Wochen später holte ich sie mir ab. Diese Anfangszeit des Roten Punktes war sehr motivierend, weil die ganze Fränkische Neuland für uns war, und wir Wochenende für Wochenende mit dem Farbkübel im Rucksack Erstbegehungen der alten Wege sammelten und Routen freiklettern konnten, die wir kurz vorher noch als unmöglich eingestuft hatten.

Wie kam es, dass du dich ab Anfang der Achtziger wieder vermehrt dem alpinen Klettern zugewendet hast?
Alpines Klettern war für mich immer ein elementarer Bestandteil meines Kletterlebens. Nur nach der Einführung des Rotpunkts in Franken gab es dort viel zu tun. Und der Abenteuer­aspekt des Kletterns konnte nirgendwo besser ausgelebt werden als im Elbsandstein. 1977 folgte eine Reise ins Yosemite mit Flipper Fietz, die uns ähnlich beeinflusste wie das Elbsandsteingebirge und uns mit den Stilformen Bouldern und Cleanclimbing nochmals die Augen öffnete.
Natürlich entwickelte sich auch der Gedanke, den Rotpunktstil ins Gebirge zu übertragen wie in der Lacedelli/Ghedina (8-) an der Cima Scotoni 1978 oder freie Linien bei einer Erstbegehung zu klettern wie die Locker vom Hocker (8-/8) 1981 an der Schüsselkarspitze.

Foto: Klaus Fengler Kurt Albert

Seit Jahren ein eingespieltes Team: Stefan Glowacz und Kurt Albert.

Und irgendwann war dann noch mal eine Steigerung fällig.
Stimmt. Ende der 80 Jahre, genauer gesagt 1988, reizte uns die Herausforderung, den Rotpunktstil nun auch auf Bigwalls in der abenteuerlich zivilisationsfernen Atmosphäre des Himalayas zu übertragen. Nach der ersten freien Besteigung des Nameless Towers waren wir so begeistert von solchen Unternehmungen, dass wir gleich im Jahr darauf zurückkehrten und Eternal Flame (9-, A2) kletterten. Die Eindrücke dieser beiden Reisen waren die Initialzündung für meine zukünftigen Unternehmungen, denn von nun an reizten mich die Bigwalls der bedeutenden Berge weltweit wie in Patagonien, Venezuela, Grönland, Afrika oder in der Antarktis – in alpin-eisiger oder exotischer Atmosphäre. Unser Globus ist voller Herausforderungen und Möglichkeiten, komplexe Unternehmungen und Abenteuer mit Reisen und intensivem Leben zu verbinden.

Seit Mitte der Neunziger beginnt das Abenteuer für dich ja nicht erst am Wandfuß.
Richtig. Entscheidend bei der Besteigung von Weltbergen in entlegener Wildnis ist für mich auch die Art und Weise des Anmarsches. „By fair means“ bedeutet für mich, nicht nur bei der Besteigung des Berges, sondern auch auf dem Weg dorthin auf technische Hilfsmittel wie Wasserflugzeug oder Helikopter zu verzichten.
In unserer Reise zum Cirque of the Unclimbables 1995 liegt für mich wohl die Essenz meines Treibens: 50 Kilometer Kampf durch den kanadischen Busch, die Boote und das Gepäck stromaufwärts zerren, 600 Kilometer im Wildwasser paddeln und einen Bigwall erstbegehen. Man kann es vielleicht auch als umfassenden Rotpunkt bei einer Expedition bezeichnen. Sicherlich sind solche Unternehmungen auch mit viel Selbstknechterei verbunden, die man so richtig erst im Nachhinein genießen kann – man kann es auch als positiven Schmerz bezeichnen. Entscheidend ist aber die umfassende Herausforderung, seinen Blick weiter übers Klettern hinaus zu öffnen. Seit dieser Reise bin ich übrigens begeisterter Paddler, was wiederum neue Dimensionen bei Expeditionen eröffnet.

Gibt es so etwas wie ein schönstes Erlebnis für dich?
Ein schönstes Erlebnis kann ich nicht nennen, alles ist relativ schön zu seiner Zeit, und es gibt viele schönste Erlebnisse, an die man gerne zurück denkt: von der Anfangszeit in der Klettergruppe um Pater Oskar Schmidt, die für mich den Ausbruch aus dem geregelten Familienleben darstellte, die ersten alpinen Routen in den Dolomiten, die Durchsteigung des Lineals (8-) am Meurerturm im Elbsandstein, der Abstieg vom Columbia Boulder nach großem Kampf in Midnight Lightning bis zum Gipfelerlebnis mit Bernd Arnold am Fitz Roy. Das Klettern hat viele Facetten, Gesichter und Qualitäten des Abenteuers. Man muss sich nur eine komplexe Herausforderung zusammenbasteln. Variety is the spice of life.

Erinnerst du dich an eine besonders heikle Situation beim Klettern?
Heikle Erlebnisse gibt es viele, und ich habe auch viel Glück gehabt, vor allem in der Anfangszeit. Ich muss aber zugeben, dass ich ein sehr Ängstlicher bin. Was mich überhaupt nicht reizt, ist der vielzitierte Adrenalinspiegel. Für mich besteht die Herausforderung darin, die Gefahr zu suchen, aber subjektiv sicher in den Griff zu kriegen – also Taktiken zu finden, um das Risiko zu kontrollieren. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es eine Gratwanderung ist und ein Restrisiko bleibt. Aber eine Route oder Unternehmung ohne subjektive Kontrolle bezeichne ich als gescheitert.

Foto: Kurt Albert Trango Tower

Norbert Bätz, Wolfgang Güllich, Peter Dittrich und Bernd Arnold 1991 unter den Paine-Türmen.

Alternde – sorry – Felskletterer verlegen sich ja gern aufs Höhenbergsteigen. Reizt dich das nicht?
Nein, das reizt mich eigentlich nicht. Ich habe noch viele andere Ideen, und das Höhenbergsteigen ist nicht meine Art der Fortbewegung. Das soll jetzt überhaupt nicht arrogant klingen, aber es ist einfach nicht meine Welt, nicht das, was ich suche.

Du kletterst, seit du 14 bist. Was hat dir das Klettern in all den Jahren gegeben – Positives, aber auch Negatives?
Über den Klettersport habe ich den Lebensstil gefunden, der mir entspricht – meinen Drang, etwas nicht Normales, nicht Alltägliches, Neues zu erleben, zu verwirklichen. Gravierend Negatives sehe ich eigentlich nicht.

Woher schöpfst du nach 35 Jahren Klettern noch deine Motivation?
Motivierend sind für mich neue Unternehmungen bei Expedi­tionen, aber auch die Vielfalt des Klettersports oder ganz einfach die Kletterbewegung an sich: die Herausforderung, ein Problem zu knacken, zusammen mit Freunden ganz normal im Fränkischen zu klettern. Sportklettern ist für mich eine weite Spielwiese, um einfach intensiv zu leben, sich auszuloten, zu träumen. Auch heute gefallen mir noch fast alle Routen, vorausgesetzt sie haben keine schmerzhaften Fingerlöcher, wo ich verzweifelt versuche, meine Wurstfinger reinzustopfen.

Würdest du rückblickend alles nochmal so machen oder gibt es Dinge, die du anders angehen würdest?
Vielleicht einige Ziele konsequenter zu verwirklichen versuchen. Es wird wohl immer Dinge geben, die man anders machen würde, aber man weiß ja nie, wie sich das Ganze dann entwickelt hätte. Vielleicht wäre ich dann gar nicht mehr am Leben. Insgesamt betrachtet bin ich eigentlich zufrieden. In Bezug aufs Klettern: mehr Stretching! Ich bin nämlich inzwischen ziemlich steif geworden, aber vielleicht hilft da ein Yoga-Kurs in Indien.

Wird du jetzt mit 50 erwachsen?
Hoffentlich nicht!

27.09.2010
Autor: Steffen Kern
© klettern