Interview

Fred Nicole: "Klettern ist ein Spiegel unserer Gesellschaft"

Fred Nicole übers Trainieren, Reisen und ein bisschen über sein Privatleben.
Foto: Mary Gabrieli Fred Nicole in "Entlinge" (8c/c+)

Fred in "Entlinge" (8c/c+) in der Schweiz.

Du warst ja schon fast überall. Gibt's noch weiße Flecken auf deiner Boulder-Weltkarte, wo du unbedingt hin möchtest?
Da gibt's noch viel, ich kenne auch viele von den neuen Gebieten in Europa noch nicht, zum Beispiel in Deutschland. Und ich war auch noch nie in England – leider! In Albarracin war ich auch noch nicht.

Und außerhalb Europas?
Klar, ich möchte weiter viel reisen. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel mit meinem Bruder in Algerien, das war auch sehr schön, spannend und ziemlich abenteuerlich zum Reisen. Es gibt noch so viel zu sehen. In Asien war ich auch noch nie wirklich, nur einmal kurz in Japan.

Hampi?
Stimmt, da war ich auch noch nie. Ich denke auch, dass es in Sibirien richtig viel zum Bouldern geben muss. Das ist so riesig. Skandinavien ist super, da muss doch Sibirien rein geologisch auch was hermachen. Ich habe noch extrem viele Reiseprojekte …

Was ist dein liebstes Gestein – hast du da eine Präferenz?
(Überlegt) Sandstein. Sandstein ist sehr schön, es gibt so viele unterschiedliche Arten und Formen. Aber auch Granit oder Gneis, wenn er sehr alt ist wie in Norwegen. Da gibt's auch in steilen Sachen viele Strukturen wie im Sandstein. Ein Gestein wie in Hueco ist sehr speziell, weil das eigentlich eine Art Granit ist, und da gibt's für Granit Strukturen ohne Ende. Ich mag Quartzit sehr gerne, so wie man ihn in Australien und Afrika findet, wie der Sandstein in den Grampians oder in den Rocklands, das ist der gleiche Sandstein. Wie auch in Mali, da ist's auch klasse … (lacht) Es gibt einfach fast unendlich viele tolle Flecken zum Bouldern.

Und jetzt geht's demnächst wieder nach Südafrika. Warst du eigentlich der erste, der in den Rocklands gebouldert hat?
Nicht der erste, klar, da wurde schon in den 50er-Jahren geklettert und auch irgendwie gebouldert. Es ist immer schwierig zu sagen, wir waren die ersten. Vor allem wenn es so offensichtlich ist, dass man bouldern kann, wie dort. Aber immer Sinne von Topos zeichnen oder Boulder definieren, waren wir wohl schon die Ersten, als wir 1996 das erste Mal dort waren.

Was ist so speziell, dass du immer wieder dorthin fliegst? Wie oft warst du inzwischen in den Rocklands?
Müsste ich nachschauen, aber ich glaube, acht Mal. Den Tipp hatten wir von Todd Skinner, der Anfang der 90er mal kurz zum Routenklettern in den Rocklands war, und uns in Hueco davon erzählt hat. Er war dann auch bei unserer ersten Südafrika-Reise dabei. Und die war einfach klasse. Die Landschaft ist sehr speziell, der Ort ist einfach total schön.

Was ist das für ein Gefühl, wenn du in Ländern mit großer Armut und gewaltigen sozialen Problemen unterwegs bist?
Du musst dir natürlich bewusst sein, dass du privilegiert bist, dass du dort dein Hobby ausübst, während ein großer Teil der Bevölkerung gerade so überlebt. Südafrika ist ein Land mit riesigen sozialen Problemen, auch nach dem Ende der Apartheid. Aber es ist gleichzeitig ja auch ein Spiegelbild der weltweiten Gesellschaft, in extremer Form auf kleinem Raum. Und ob du nun nach Indien oder Südafrika reist oder nicht, macht keinen großen Unterschied, die Probleme und Unterschiede gibt es so oder so. In Amerika ist es ja auch so, jede Kultur hat ihr Ghetto, und Minderheiten wie die Indianer überleben auch gerade so in ihren Reservaten.

Bist du zufrieden damit, wie es so läuft – gesellschaftlich, politisch, weltweit?
Überhaupt nicht, ich bin extrem unzufrieden mit dem Lauf der Dinge, mit der Globalisierung und den damit einhergehenden Unterschieden zwischen ganz arm und sehr reich. Da muss sich etwas ändern, und es wird sich auch etwas ändern.

Glaubst du, dass sich in naher Zukunft etwas zum Besseren wendet?
Irgendwann schon, aber es ist schwer zu sagen, beispielsweise wie lange die westlichen Länder ihre wirtschaftliche Vormachtstellung behalten werden, aber irgendwann wird sich da auch was ändern, das ist klar.

Wie sieht die Welt aus, die du dir wünschst?
Eine Welt mit weniger großen sozialen Unterschieden, wo die Politik mehr nach menschlichen und sozialen Werten ausgerichtet ist, und nicht nur nach materiellen und wirtschaftlichen Aspekten. In den letzten 40, 50 Jahren war das viel zu stark der Fall. Wir müssen an den Prioritäten etwas ändern – zum Beispiel auch in Sachen Umweltschutz.

Engagierst du dich in irgendeiner Form?
Leider viel zu wenig, aber ein bisschen schon – zum Beispiel für Greenpeace. Ich war beispielsweise in Bern bei einer Demo gegen die französischen Atombombentests im Pazifik. Ansonsten sage ich halt, was ich denke, im kleinen Kreis. Auch was das Klettern betrifft: Ich denke, im Großen und Ganzen ist es in Ordnung, was wir machen, aber wir müssen auch noch weiter gehen. Wir sind Konsumenten, das ist klar. Aber es kann nicht sein, dass wir nur nehmen, nehmen, nehmen, wir müssen auch etwas geben …

Du hast es vorhin schon einmal angesprochen: Immer mehr Menschen bouldern und inzwischen gibt es in einigen Gebieten wie in Cresciano Probleme, teils drohen sogar Sperrungen. Was läuft da falsch?
Ich denke, das ist generell eine Frage des Respekts. Und auch des Organisierens …

Wie meinst du das?
Wir sprachen ja schon vom Access Fund in Amerika. Wahrscheinlich brauchen wir früher oder später etwas ähnliches in Europa. Vielleicht braúchen wir auch einen gewissen Klettercodex, dass die Leute gewisse Regeln einhalten. Da sind auch die Klettermedien gefordert, einen anderen Diskurs zu etablieren. Den Fokus nicht nur auf Schwierigkeitsgrade zu richten, sondern den Leuten auch zu sagen: Schaut, es sind immer mehr Leute beim Klettern oder Bouldern, und wir sind oft in kleinen Gebieten, in kleinen Dörfern – da müssen wir auch etwas an die Einheimischen zurück geben, etwas für die lokale Wirtschaft tun. Abends auch in die Kneipe gehen, statt alles Essen und Trinken mitzubringen. Und natürlich auch hinsichtlich des Umweltschutzes, keinen Müll zu hinterlassen etc. Das ist wichtiger für die Zukunft von unserem Sport als Schwierigkeitsgrade, denn der Zugang zur Natur wird ein immer schwierigeres Thema werden.

Foto: Mary Gabrieli Fred Nicole in den Rocklands

Fred in seinem Bouldermekka, den Rocklands in Südafrika.

Hat sich das Klettern, haben sich die Kletterer in den letzten Jahrzehnten verändert?
Klar, das Klettern ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Ende der 70er-Jahre kam das Freiklettern auf, das wurde dann schnell, eigentlich extrem schnell zum Sportklettern …

Der Freiheitsgedanke durch den Leistungsgedanken ersetzt?
Ja, schon, aber auch mehr organisiert. In den 70ern war man auf der Suche nach etwas anderem, nach einer anderen Idee, und dann kam schnell das Sportklettern mit einer spezifischen Definition, mit spezifischem Training, mit extrem präzisen Graden. Erst war ein Gedanke vom siebten Grad, dann kam a, a+, b, b+, dann kamen auch schnell die Wettkämpfe, bald auch mit Teams … – das ist schon interessant, diese Entwicklung zu sehen.

Bedauerst du diese Entwicklung?
Es ist normal, so ist das Leben … Was mich stört, ist das Restriktive an Wettkämpfen. So erkläre ich mir auch den Erfolg des Boulderns. Klar, geht es hier auch viel um Grade und die Zahl der Versuche, aber der Reiz des Boulderns liegt schon auch darin, dass es immer noch etwas sehr Freies ist. Das sind generell die beiden Aspekte des Kletterns – Freiheit, zu tun, was man will, und der Leistungsgedanke. Aber ich bin kein Richter. Ich denke, es ist gut, wenn man in alle Richtungen möglichst viel kennen lernt.

So wie das Wettkampfklettern eine "Schule fürs Leben" für dich war? Denkst du, deine Wettkampfzeit hat den Leistungsgedanken bei dir verstärkt?
Klar, wenn ich nicht leistungsorientiert wäre, hätte ich nie so viele Sachen gemacht. Ich habe ja schon einen großen Weg zurück gelegt und habe mich richtig gepusht.

Wenn du sagst, du bist kein Richter – wo hört deine Toleranz gegenüber anderen Kletterern oder Boulderern auf? Was nervt dich?
Zum einen das, worüber wir gerade gesprochen haben: diese Fixierung auf Leistung – wenn nur der Grad und die Zahl der Versuche zählen … Was nervt mich noch? Generell fehlende Toleranz, fehlendes Verständnis zwischen den unterschiedlichen Arten und Zugängen zum Klettern, aber auch zwischen den Generationen. Ich finde beispielsweise, dass man ein gewisses geschichtliches Wissen – auch hinsichtlich des Kletterns – haben sollte. Wie es sich entwickelt hat, dass es ursprünglich vom Bergsteigen gekommen ist, dass es auch damals verschiedene Richtungen und Ethiken gegeben hat. Klettern existiert nicht erst, seit es 8a.nu gibt … Und was mich wirklich nervt, ist – was wir vorhin schon sprachen –, wenn Kletterer nur konsumieren. Oder keinen Respekt gegenüber der Natur haben – und bei Natur beziehe ich auch die Menschen mit ein, wir sind ja schließlich auch ein Teil der Natur. Respekt untereinander ist extrem wichtig, und ich finde, wenn man seine Mitmenschen nur über Grade definiert, werden diese extrem abstrakt und abseits der Leistung tritt alles andere an ihnen in den Hintergrund.

A propos Mitmenschen: Du bist seit fast 18 Jahren mit deiner Freundin Mary zusammen und bei deinen Reisen meist mit ihr unterwegs. Sie ist ja eher Genussboulderin. Wie handhabt ihr das beim Bouldern? Haben da deine Projekte Vorrang?
Nein, das wechselt immer. Aber deshalb sind wir auch gerne in Gebieten wie Rocklands, Hueco oder Bleau, wo es für jeden etwas gibt. Hier in der Schweiz kommt sie nicht so oft mit, in paar Gebiete wie das Tessin schon. Aber wenn es nur einen Block mit ausschließlich schweren Bouldern hat, dann nicht, außer es ist ein toller Ort ist und das Wetter richtig schön. Aber wenn wir gemeinsam unterwegs sind, schaue ich auch immer, dass sie etwas zum Bouldern hat. Ich mache das bestimmt nicht perfekt, aber ich bemühe mich …

Ihr wohnt in Dietikon bei Zürich. Gäbe es da nicht bessere Wohnsitze für einen Boulderer?
Sicher, aber wir wohnen hier wegen der Arbeit, und Mary studiert auch hier. Ich arbeite bei Gecko Supply als Kletterschuhbesohler – in Teilzeit zwischen zehn und 50 Prozent, je nachdem, welche Reise gerade ansteht (lacht). Okay, Zürich ist relativ weit weg vom nächsten Bouldergebiet, aber generell liegt es zentral für alle möglichen Gebiete. Es ist nicht so schlecht. In 45 Minuten bis eineinhalb Stunden bist du in vielen Gebieten.

Wo fährst du dann hin, wenn du für einen Nachmittag zum Bouldern willst?
Da fahre ich Richtung Osten, in der Umgebung des Walensees gibt's ein paar gute kleinere Gebiete, wo seit vielleicht einem Jahr einige Leute fleißig am Erschließen sind.

Hast du schon mal systematisch trainiert?
Nein, wirklich systematisch nie. Am Anfang zwischen 14 und 16 haben wir viel trainiert, aber da hatten wir keine Ahnung, da haben wir hauptsächlich Klimmzüge gemacht. Trotzdem denke ich, dass François und ich uns damals eine gute Basis erarbeitet haben.

Und jetzt, wie hältst du dich fit?
Wenn ich nicht raus kann, gehe ich schon manchmal drinnen trainieren, bouldern halt.

Was bringt dich voran? Da hast du doch über die Jahre bestimmt ein Rezept entwickelt, was für dich beim Trainieren oder Bouldern effektiv ist …
Wirklich Lust haben, etwas zu machen. Der ganze Trainingseffekt kommt nachher. Ein wirkliches Rezept habe ich leider nicht …

Ruhephasen?
Nein, eigentlich nicht. Wenn es so warm ist wie heute, gehe ich nicht so gerne bouldern. Aber sonst …

Und was machst du, wenn du nicht boulderst?
Leben! (lacht) Arbeiten, ich reise viel, zeichne ein bisschen, gehe gern ins Kino – viel lieber, als mir Filme im Fernsehen anzuschauen. Aber wir haben zur Zeit ja ohnehin keinen Fernseher … (lacht). Ich lese viel …

Was?
Viele, ganz unterschiedliche Sachen, aber besonders gerne Science Fiction.

In diesem Sinne zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Was macht Fred Nicole mit 50?
Luaga mer … Inshallah … Ich hoffe, es geht so weiter. Wenn ich die materielle Möglichkeit habe, so weiter zu leben wie jetzt, mit Reisen und Klettern, dann würde ich das gerne tun, denn ich bin glücklich so. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt ist.

29.09.2008
Autor: Steffen Kern
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