Interview

Fred Nicole: "Ich habe mich nie als Profi definiert"

Fred über das Leben als Kletterprofi und übers Älterwerden. Außerdem: Warum er das Gebiet Magic Wood nicht erschlossen hätte.
Foto: Mary Gabrieli Fred Nicole

Fred Nicole, Jahrgang 1970, gehört nach wie vor zu den stärksten Boulderern der Welt.

Thema viele starke Boulderer. Derzeit gibt's immer mehr Teenager, die im Highend-Bereich unterwegs sind. Wird's da in naher Zukunft eine Verschiebung des Möglichen geben? Wann fällt die erste Fb 9a?
Schwer zu sagen, es wird auf jeden Fall kommen …

Schon bald?
Es könnte sein. Ich denke, das Schwierigste ist, diese Linie zu finden. Aber nachher … Das Niveau ist so hoch, das könnte dann wirklich schnell kommen.

Wem traust du das zu?
Ich weiß nicht, ich kenne die wenigsten von den Jungen persönlich. Es könnte irgendwer sein. Vielleicht einer wie Adam Ondra? Oder doch ein alter Fuchs …?

Das wäre meine nächste Frage gewesen – kennst du einige von den jungen Starken persönlich, Adam Ondra oder Daniel Woods?
Adam Ondra kenne ich nicht persönlich, Daniel Woods habe ich in Hueco getroffen. Der war dort schon vor Jahren fast jeden Winter, wenn ich auch dort war, und hat alles mögliche probiert und geklettert.

Würdest du sagen, dass du richtig drin bist in der Boulderszene? Oder machst du eher ein bisschen abseits "dein Ding"?
(Überlegt) Ich bin, glaube ich, nicht wirklich drin … Aber ich bin drin, weil ich Boulderer bin und immer noch sehr gerne bouldere. Das ist ja auch eine geografische Frage – wenn ich in Hueco bin, bin ich drin, oder wenn ich in den Rocklands bin. Wenn ich aber an irgendeinem Secret Spot durch den Wald krauche, bin ich wohl weniger drin (lacht).

Stichwort "drin oder dabei sein": Anfang der 90er-Jahre hast du auch Wettkämpfe geklettert. War das nichts für dich?
Es war nie wirklich meine Welt. Ende der 80er-Jahre hatte ich die Ausbildung abgebrochen, bin nur noch geklettert und habe überlegt, was man damit machen kann. Ich dachte damals, Wettkämpfe könnten eine gute Schule fürs Leben sein. Und ich hatte dann ja auch einige gute Ergebnisse, aber generell war ich immer viel zu nervös, habe mich zu sehr stressen lassen – und immer nach dem Zeitplan und den Resultaten zu schauen, das war nicht mein Ding. Mitte der 90er-Jahre habe ich das Wettkampfklettern dann ganz aufgegeben. Und das war gut so, denn in in der Folge habe ich meinen Weg gefunden – Reisen und Bouldern. 1996 war ich das erste Mal in Südafrika
und mit François in Mali … Außerdem denke ich, dass es genug Wettkampf in unserer Gesellschaft gibt.

Aber du bist nach wie vor Kletterprofi. Wie läuft das ohne Wettkämpfe und ohne oft ins Rampenlicht zu treten. Was bietest du deinen Sponsoren? Gibt es da auch Verpflichtungen oder kannst du machen, was du willst?
Das stimmt, ich suche nicht gerade die Medienpräsenz und bin sehr glücklich, dass mich meine Sponsoren für meinen Weg, meinen Zugang zum Klettern unterstützen. Ich habe das Glück gehabt, dass Bouldern so groß geworden ist, und die Entwicklung von Mitte der 90er-Jahre bis heute steht halt auch in Verbindung mit meiner Person. Deshalb muss ich nicht unbedingt immer was leisten. Es gibt das Produkt Fred Nicole, und er ist halt da. Natürlich besuche ich manchmal Messen oder andere Veranstaltungen für meine Sponsoren oder helfe bei der Produktentwicklung, aber wirkliche Verpflichtungen gibt's keine.

Foto: Mary Gabrieli

Fred Nicole in "Dark Horse".

Du bist jetzt 38. Wie lange, denkst du, kannst du noch in dieser Form als Profi leben?
Ich habe mich nie wirklich als Profi definiert, das hat sich einfach so entwickelt. Schaun wir mal, die Zukunft wird es zeigen. Aber ich hoffe auf jeden Fall, dass ich noch lange schwer bouldern kann. Schau, Jacky Godoffe ist über 50 und bouldert immer noch sehr schwer in Fontainebleau. Oder Jo Montchaussé, der ist über 70. Ich denke, das ist eher eine Frage der Motivation.

Gibt es Pläne für danach?
Nein, nicht wirklich. Mal sehen, was kommt, wie ich mein Leben einrichten kann.

Spürst du dein Alter beim Bouldern?
Manchmal am Morgen (lacht). Nein, es geht eigentlich. Ich denke, ich sehe immer noch eine Entwicklung … Die Erholungsphasen sind vielleicht ein bisschen länger geworden.

Wie sieht's aus mit Verletzungen?
Ja, da gab's schon immer wieder mal was, aber seit sieben Jahren hatte ich keine nennenswerte Verletzung. Einmal der kleine Finger …, aber nein, es geht erstaunlich gut seit 2001, als ich mir die rechte Bizepssehne gerissen habe. Die habe ich dann operieren lassen, und kann eigentlich keinen Unterschied zu der Zeit vor dieser Verletzung erkennen.

Was ist dein Rezept, um dich vor Verletzungen zu schützen?
Zeit nehmen. Als wir angefangen haben mit dem Bouldern, hatten wir kaum Infos, deshalb mussten wir uns alles selbst erarbeiten und suchen – und dementsprechend haben wir uns notgedrungen viel Zeit nehmen müssen. Heute hast du eine riesige Auswahl an schweren Routen oder Bouldern, und wenn jemand begabt ist, kann er sich sehr schnell an harten Sachen versuchen. Daraus resultiert dann das große Verletzungsrisiko, weil der Muskelaufbau sehr viel schneller geht als die Entwicklung des Sehnen- und Gelenkapparats.

Und heute – beschränkst du dich manchmal und sagst, der Zug fühlt sich nicht gut an, das lasse ich lieber mal?
Ich beschränke mich schon manchmal, aber leider oft ein bisschen spät (lacht). Kleinere Verletzungen habe ich schon auch manchmal, öfter mal auch an den Knien vom Eindrehen. Aber sonst nichts, wovon ich wüsste …

Meidest du inzwischen bekanntere Gebiete wie Cresciano oder das Magic Wood im Averstal, weil es dir da zu voll ist?
Klar, es gefällt mir nicht, wenn es wo extrem voll ist, das gilt beim Klettern wie beim Bouldern. Aber ich war schon oft in Cresciano, im Avers weniger – das ist zwar ein sehr schöner Ort, aber kein Gebiet, das ich selbst erschlossen hätte.

Warum nicht?
Es ist sehr chaotisch. Zwar ein superschöner Wald, aber ich habe das Bouldern ohne Crashpad angefangen, und mein Blick ist immer noch von damals geprägt. Klar bouldere ich heute auch mit Pads und sehe, man kann das so und so sicher machen. Aber wenn mein erster Eindruck ist, da gibt es ein riesiges Chaos von Blöcken mit scharfen Kanten überall, dann finde ich das erstmal richtig psychomäßig. Mit der Zeit merke ich dann auch, hier kann man mit zwei, drei Pads und Spottern sicher bouldern, aber ich fühle mich subjektiv trotzdem nicht so sicher. Genauso die neuen Sektoren in Chironico – die sind super, aber als wir dort vor vielen Jahren das erste Mal durchgelaufen sind und nur ein kleines Crashpad dabei hatten, haben wir nicht dran gedacht, dort zu bouldern. Heute, mit einem großen, fetten Pad ist das völlig anders. Auch in dieser Hinsicht gibt es eine Entwicklung …

Wann warst du das letzte Mal in Fontainebleau?
Vergangenen Winter waren wir mal kurz zwei Tage dort.

Da fährst du also schon noch hin?
Ja, klar! Bleau ist superschön, das ist eigentlich immer noch einer der allerschönsten Orte zum Bouldern.

Du besuchst also nach wie vor die Klassiker?
Auf jeden Fall, ich bin auch jedes Jahr ein paar Tage im Tessin zum Bouldern. Ich bin zwar viel unterwegs auf der Suche nach neuen Spots, aber die alten Gebiete haben nichts von ihrer Spannung verloren.

29.09.2008
Autor: Steffen Kern
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