Interview

Fred Nicole: "Grade sind etwas extrem Künstliches"

Fred Nicole über Gruppendynamik, seinen Kletterstil und Schwierigkeitsbewertungen.
Foto: Mary Gabrieli Fred Nicole in Calgary

Fred Nicole in Calgary.

Du bist öfters allein unterwegs. Hast du da keine Probleme, dich zu motivieren?
Ganz allein bin ich eigentlich selten, aber wenn, dann genieße ich es auch, allein zu sein. Die Motivation ist ganz anders: Du bist allein mit dem Fels, und setzt dich mit ihm auseinander. Es geht zwar manchmal langsamer, und es gibt nicht diese Energie der Gruppe, wenn alle "allez" und "come on" rufen. Aber ich finde es faszinierend, der Kontakt mit dem Ort ist tiefer, und du suchst eher die Welle, wenn es dann auf einmal klappt. Beides hat seine Reize und Vorteile. Aber wenn du zum Beispiel in Amerika beim Bouldern bist, da gibt es immer Gruppen, und alle schreien – das ist nicht so mein Ding, das ist mir ein wenig – wie soll ich sagen – zu aggressiv … Okay, es funktioniert auch bei mir, aber ich frage mich dann schon, ob es das ist, was ich wirklich suche. Ich gehe gerne mit einer kleinen Gruppe, zwei, drei Leute, 10 oder 15 sind mir schon zu viele. Aber das heißt nicht, dass ich das generell negativ finde – jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Für welche Erstbegehung hast du den größten Aufwand betrieben?
Schwer zu sagen nach über 20 Jahren bouldern … Ich habe viel investiert für meinen ersten 7b-Quergang vor 20 oder 21 Jahren. Es gibt so viele Boulder, in die ich viel Energie und Zeit investiert habe. Zum Beispiel für Amandla oder Terremer, das sind zwei der letzten. Und für jede Passage gibt es eine andere Geschichte …

Terremer und Amandla hast du beide 2005 erstbegangen. Den einen hast du bewertet, den anderen nicht. Warum mal so, mal so?
Bei Amandla habe ich keine Bewertung angegeben, weil eine Stelle richtig schwer ist. Am ersten Tag ging die wirklich gut, aber bis ich den Boulder schließlich geklettert habe, sind drei Reisen nach Südafrika vergangen. Ich habe ihn nicht bewertet, weil es mir schwer fiel, die Schwierigkeit einzustufen. Generell finde ich es immer schwieriger, Boulder zu bewerten. Es kommt auf den Tag an, auf die Vorbereitung, auf die Energie – und wenn es dann klappt, fühlt es sich manchmal gar nicht so schwer an. Terremer in Hueco Tanks habe ich, glaube ich, mit Fb 8c+, V15 oder 16, bewertet, und ich weiß nicht, was Paul Robinson gesagt hat nach seiner Wiederholung. Ich glaube, er meinte, es sei schwer und er wisse es auch nicht genau …

Was macht einen guten Boulder für dich aus? Gibt's da Kriterien für dich?
Nein, keine festen Kriterien. Zuerst muss es irgendwie ästhetisch passen, die Linie muss mich ansprechen. Das kann sehr persönlich sein – ein Dach knapp über dem Boden mit Moos drauf, wo andere fragen: "Das soll schön sein?" (Lacht). Andersrum komme ich in mir fremde Gebiete mit einem anderen Gestein, und Leute zeigen mir eine angeblich tolle Linie, und dann frage ich: "Echt, siehst du das so?" Aber das finde ich auch interessant, dass es da unterschiedliche Ansichten gibt. Ich habe ja auch meinen eigenen Stil beim Klettern.

Wie genau sieht der aus?
Hmm, das wechselt auch oft. Vor 15 Jahren war ich viel in St. Loup, das ist senkrechte Wandkletterei mit kleinen Kratzern, und ich fand das supergeil. Jetzt finde ich das nicht mehr so geil (lacht), jetzt sind eher richtig überhängende Sachen, auch mit kleinen Griffen, aber eher athletisch mein Stil. Es kommt auch darauf an, wo man klettert. Aber sowas wie Hueco taugt mir einfach richtig gut – viele steile Boulder mit positiven Griffen.

Was ist deine schönste Erstbegehung?
Schwierig … Es gibt beispielsweise einen Boulder in der Bretagne, La Parabol, eine 8a oder so. Der ist gar nicht so bekannt, aber der ist wirklich superschön.

Wie steht's mit Karma?
Karma war eine sehr schöne Zeit. Ich war damals in Fontainebleau mit Patrick Edlinger, Stephan Denys und Jacky Godoffe, und Karma war unser Projekt. Es ist eine schöne Erinnerung, aber es ist weniger mein Stil. Der Zug nach rechts ist klasse, aber danach voll mit der Ferse ziehen und mit links zu dem Aufleger (demonstriert mit der linken Hand Stück für Stück nach oben patschend die Bewegung) … Ich find's schön, aber mühsam. (Lacht). Aber es ist sicher eine geniale Linie.

Foto: Mary Gabrieli Fred Nicole in Arkansas

2006 gelang Fred die erste Wiederholung des Sharma-Testpieces "Witness the fitness" (unbewertet) in Arkansas.

Wenn wir gerade bei Linien und Ästhetik sind: Du malst auch – ist das Ausgleich oder Kontrast zum Bouldern oder gibt's da Parallelen?
Ich zeichne, aber nicht mehr sehr viel. Ich habe viel gezeichnet, bevor ich mit dem Klettern begonnen habe, aber dann ist meine kreative Energie hauptsächlich ins Bouldern geflossen …

Bouldern als Kunst?
Ja, schon! Klar, da ist der sportliche Aspekt, das Physische, die Kraft. Aber es braucht auch einen Blick für die Ästhetik, es braucht Kreativität. Ich denke, man kann den Blick für Linien schon ein wenig mit einem Fotograf vergleichen, der auf der Suche nach einem Motiv ist und schon eine Vorstellung hat, was am Ende dabei rauskommt.

Gibt es Boulder, die für dich eine ganz besondere Bedeutung haben – für deine persönliche Entwicklung oder aus welchem Grund auch immer?
Es gibt viele Boulder, Amandla zum Beispiel, aber es war auch schön, das erste Mal in Bleau zu sein und La Berezina zu klettern oder das Toit du Cul de Chien. Oder das erste Mal im Yosemite, wo wir Midnight Lightning und so gemacht haben – das waren superschöne Erlebnisse. Vor kurzem war ich in Colorado und habe ein paar Boulder von John Gill probiert, die Ripper Traverse und so, das war auch klasse … Oder die Entwicklung, die ich in Hueco Tanks durchlaufen habe. Das erste Mal war ich 1993 mit Jacky und Elie Chevieux dort. Da haben wir Rissdächer wie Mother of the future von Jim Sherman probiert. Das war überhaupt nicht unser Stil, da haben wir erstmal keinen Stich gemacht. Und dann haben wir entdeckt, dass es da noch riesiges Potenzial gibt für schwerere Sachen, ganz steile Linien mit kleinen Kratzern. Da war ich dann in der Folge vier, fünf Mal dort, oft mit Todd Skinner, um das Gebiet unter diesem Aspekt zu entwickeln. Hueco ist ein sehr wichtiger Ort in meinem Boulderleben, ich habe dort viel machen können, mich entwickelt, und der Fels und die Landschaft sprechen mich einfach an. Das letzte Mal war ich vor drei Jahren dort, als ich Terremer geklettert bin.

Wirst du wieder hinfahren – trotz der Zugangsbeschränkungen?
Die hat es immer gegeben. Ich bin zwar kein Freund von Restriktionen, aber ich denke, in irgendeiner Form muss es in Hueco Restriktionen geben. Das Gebiet ist nicht so groß wie Bleau und es ist ein heiliger Ort für die Indianer. Dann ist eine große Stadt, El Paso, in der Nähe, es werden immer mehr Boulderer, und ich denke, ohne Restriktionen wäre dort schon einiges kaputt gemacht worden. Einige Regelungen sind zwar absurd, da könnte man einiges besser machen, aber ganz ohne Restriktionen würde es wohl leider nicht funktionieren. Der Zugang zu Bouldergebieten wird generell ein immer größeres Problem werden, und deshalb bin ich froh, dass es in Amerika den "Access Fund" gibt. Und ich denke, dass wir etwas in der Art in Zukunft auch in Europa brauchen werden, denn ich glaube nicht, dass es in manchen Gebieten so weiter gehen kann – zum Beispiel in Cresciano.

Stichwort Tessin: 2005 hat Dave Graham The story of two worlds in Chironico erstbegangen und kritisierte anschließend die Inflation der Bouldergrade im Highend-Bereich. Die Kritik galt ja auch dir. Was ist deine Meinung dazu?
Er meinte damals, dass dies die erste echte 8c weltweit sei. Aber das ist seine Meinung. Was soll ich dazu sagen? Grade sind etwas extrem Künstliches, Abstraktes und auch Subjektives. Wie kannst du da sagen, dass jemand richtig oder falsch liegt? Ich versuche, einen Grad zu geben über ein Gesamtgefühl hinsichtlich der Schwierigkeit, aber es ist undenkbar für mich, hier extrem präzise zu sein. Ist das b, b+ oder c? Gratulation, wenn Leute das können, aber es ist nicht mein Ziel, im Klettern ein Metronom zu sein.

Aber trotzdem schlägst du ja einen Grad vor, im Fall von Dreamtime 8c …
Ja, schon … Wie schwer ist es denn jetzt – 8a+ (lacht verschmitzt)?

8b+
Immer noch? Na, da war ich doch relativ nah dran (lacht). Das ist ja nicht so schlimm … Wie geht's dir – findest du es immer leicht zu sagen, das ist 6c+ oder 7a? Also Entschuldigung, manchmal ist das Gefühl in einer 6c+ eher 7a oder noch schwerer. Das passiert mir oft. Außerdem geht die Entwicklung weiter, und Dreamtime ist schon relativ alt. Für mich war die Skala immer nach oben offen, und es ergibt meiner Ansicht nach keinen Sinn, das zu schließen oder zu beschränken und immer härter zu bewerten – nach dem Motto: unsere 6cs sind richtige 6cs. Klar habe ich auch Fehler gemacht, und Sachen können leichter sein als mein Bewertungsvorschlag. Wie gesagt, Grade sind etwas Künstliches und auch sehr persönlich … Dazu kommt, welcher Stil gerade vorherrscht und was dir liegt. Oder wenn's da ein Video gibt, so dass du schon eine Vorstellung von der Passage hast – das ist was anderes, als wenn du vor was ganz Neuem stehst und überhaupt keine Ahnung hast, wie das zu klettern ist. Dazu kommt, dass es inzwischen so viele starke Boulderer gibt, überall auf der Welt. Da finde ich es umso schwieriger zu sagen, ich kenne alle Boulder auf dem Planeten, ich weiß wie schwer ein Grad zu sein hat. Jim Holloway hat in den 80er-Jahren in Colorado Boulder eröffnet, die bis heute nicht wiederholt sind. Vielleicht sind das die schwersten Boulder der Welt?

29.09.2008
Autor: Steffen Kern
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