Interview

Lynn Hill im Interview

Sie hat die Entwicklung des Sportkletterns fast 30 Jahre lang entscheidend geprägt und mischt mit 46 Jahren immer noch vorne mit. Die Spitzenkletterin im Gespräch.
Foto: Florent Wolff Lynn Hill

Lynn Hill 2007

Sie hat die Geschichte der Freikletterei miterlebt und einige ihrer wichtigsten Kapitel selbst geschrieben, von der Erstbegehung von Ophir Broke (erste 7c einer Frau im Jahr 1979) über Masse Critique (erste 8b einer Frau 1990) bis zur ersten freien Begehung der Nose im Jahr 1993. Und Lynn Hill hat noch lange nicht vor, mit dem Klettern aufzuhören.

Wie sieht dein Alltag als Kletterprofi aus?
Dieser Tage versuche ich, zwischen drei Dingen die Balance zu kriegen: der Arbeit, dem Klettern und meinem Sohn. Ich habe ein Kind mit dreieinhalb Jahren – das wird sich nicht mehr ändern, vor allem, da ich ihn relativ spät, mit 42, bekommen habe. Ich lebe in Boulder, Colorado, wo ich ein kleines Geschäft führe. Ich biete Kletterausflüge und Trainingskurse an. Das organisiere ich mit befreundeten Ausbildern. Wir arbeiten sehr stark an der Klettertechnik und dem Stil und benutzen dazu Videoanalysen. Mein anderer Job besteht darin, als technischer Berater für Petzl, Patagonia, Beal und La Sportiva zu arbeiten.

Wie bist du eigentlich so bekannt geworden?
1982 hat Patagonia ein Kletterbild von mir für ein Werbeposter benutzt. Dieses Bild hat mein Leben verändert, weil es mich anschließend nach New York brachte, wo ein Schriftsteller namens David Roberts mich interviewen wollte. Ich lebte dann für acht Jahre dort und kletterte viel in den Shawangunks. Anschließend hat mich der Club Alpin Français nach Frankreich eingeladen.

Du bist Frankreich gegenüber ziemlich tolerant, obwohl es dich nicht sehr gut aufgenommen hat. Du hattest anfangs Probleme mit den Kletterregeln und dem Macho-Gehabe mancher Kletterer.
Das waren relativ nebensächliche Aspekte im Vergleich zu dem, was mich an diesem Land angezogen hat. Es stimmt, zu Beginn der Wettkämpfe gab es organisatorische Probleme, und einige Male auch einigen Chauvinismus. Aber das existierte auch in Italien oder den USA. Was mir an Frankreich gefiel, was das eher sozialistische politische System, das auch auf die Gemeinschaft Auswirkungen hat. Mir scheint, dass die Europäer eher gewöhnt sind, zusammen zu leben, als die Amerikaner, wo der Materialismus eine gewisse Einsamkeit erzeugt. Ich ziehe die europäischen Werte vor – zum Beispiel den Wert, der hier auf die Geschichte gelegt wird, speziell auch im Gebirge.

Du hast das Klettern außerhalb der Normen der amerikanischen Gesellschaft begonnen, in Joshua Tree und anschließend im Yosemite quasi von nichts gelebt. Wie siehst du das heute?
Ich gebe zu, dass ich manchmal nostalgisch an diese Epoche zurückdenke. Man muss aber auch akzeptieren, dass man sich mit dem Alter ändert. Ich gehe praktisch überhaupt nicht mehr ins Yosemite. Letztes Jahr bin ich einmal nach Hueco Tanks zurückgekehrt. Es gab weniger Kletterer als früher auf der Rock Ranch, was wohl eine Folge der Zugangsbeschränkungen und Reglementierungen ist. Aber auch wenn es heute weniger dieser „Dirtbags“ gibt: Abends am Lagerfeuer herrscht immer noch derselbe Geist.

Du hast das Klettern am Fels, im Vorstieg und mit selbst gelegten Keilen begonnen. Das ist sehr weit weg von heute, wo die meisten Kletterer im Toprope in der Halle anfangen.
Die Kinder haben heute aber auch nicht mehr die Freiheiten, die wir in den 70er-Jahren hatten. Mit 17 bin ich für einen Monat ins Yosemite gefahren, und meine Eltern haben mich nicht zurückgehalten. Heute will man, ob in den USA oder in Europa, die Kinder immer unter eine Glocke stellen. Der Abenteuergeist geht verloren, das bedaure ich. Ich habe versucht, mit meinem Buch (Anm. d. Red.: „Climbing Free“, Piper Verlag München, 2002) soviel wie möglich davon weiterzugeben.

In den 80er-Jahren gab es einen großen Streit zwischen amerikanischer und französischer Ethik. Ihr habt euch gefragt, ob das „Hangdogging“, das Auschecken von Moves nach einem Sturz, zulässig ist, während man in Frankreich schon 8b mit geschlagenen Griffen und dem massiven Einsatz von Bohrhaken kletterte.
Das hat verschiedene Hintergründe. Zunächst ist der Fels sehr unterschiedlich. Die große Ansammlung von Rissen in den USA bietet sich besser an zur Absicherung mit Keilen und Friends. Die Kultur ist auch nicht dieselbe: Mit Roosevelt und der Gründung der ersten Nationalparks kam der Gedanke der „wilderness“ auf, ein sehr starker Wunsch, die Natur zu schützen. Die Kletterer gehörten dabei zu den Striktesten und wollten den Fels so wenig wie möglich verändern. Manche Regeln des clean climbing, wie jene, die Routen nicht einzustudieren, wirkten als Bremse für die Entwicklung höchster Schwierigkeiten in den USA. Bei der Erstbegehung von Vandals (5.13a) in den Gunks hatte ich nach einem Sturz im ersten Versuch die nächsten Griffe nur berührt. Das wurde mir später lebhaft vorgeworfen, weil das nicht der Art entsprach, wie man damals Routen erstbeging. Und es ist natürlich härter, am Limit zu klettern, wenn Stürzen gefährlich ist. Der erste Teil von Vandals ist eine senkrechte Wand mit prekären Sicherungen, wo ein Sturz nicht zu empfehlen ist. Dass die Einführung höchster Schwierigkeiten in den USA viel später kam, hat aber auch mit unserem Fels zu tun, der sich meiner Meinung nach nicht so gut für extrem schwierige Linien eignet.

23.02.2008
Autor: Florent Wolff
© klettern
Ausgabe 09/2007