Alex Honnold

Großes Interview: Alex Honnold über El Cap free solo

Foto: Clayton Boyd / klettern Magazin Alex Honnold Interview

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Alex Honnold kletterte im Juni 2017 ohne Seil und Sicherung den 'Freerider' (5.12d, 1000m) am El Capitan. Wir haben ihm einige Fragen dazu gestellt.

Ohne Sicherungsseil in einer 1000 Meter hohen Wand klettern? Im oberen neunten Grad? Aberwitzig.

Aber nicht für Alex Honnold. Der für seine harten Solos bekannte US-Amerikaner stieg am 2. Juni 2017 free solo durch den Freerider, eine Variante zur Salathé-Wall, die Alexander Huber 1995 entdeckt hatte.

Wir wollten von Alex wissen, wie er sich vorbereitete, wie es sich anfühlte und was ihm diese Aktion bedeutet.

"Alex, wann hast du das erste Mal an eine Solobegehung von Free­rider gedacht? Nach der Half-Dome-Nordwestwand?"

"Nach dem Half Dome war es der nächste logische Schritt. Aber davon zu träumen oder zu phantasieren ist etwas ganz anderes, als die Route dann tatsächlich solo zu klettern. Ich habe etliche Jahre gebraucht, bis ich da etwas ernsthafter dran gedacht habe."

Alex free solo in Freerider am El Capitan




Wie oft bist du die Route zur Vorbereitung geklettert? Wie intensiv hast du die Schlüsselpassagen ausgecheckt?

Ich habe den Freerider über die Jahre wahrscheinlich 15 bis 20 mal gemacht. Ich halte den Speedrekord für Freerider und die Salathé-Wall. Und die ersten zehn Seillängen, den sogenannten Freeblast, kletterst du auch für viele andere Routen am El Cap. Die Schlüsselstellen habe ich ungefähr ein Jahr lang ziemlich genau einstudiert. Als ich die Route solo kletterte, kannte ich so ziemlich jeden Griff in der Wand. Ich hatte alle schwierigen Passagen komplett im Kopf. Und einige der leichteren Abschnitte waren wie gute alte Freunde. Kurzum: Ich habe mich sehr intensiv vorbereitet.

Du hast mal gesagt, du kletterst Routen, weil sie großartig sind, und nicht, weil sie riskant sind. Wie hast du das Risiko beim Freerider wegtrainiert?

Als ich die Route schließlich solo geklettert bin, war sie großartig. Bis es soweit war, dauerte es aber lange. Alles drehte sich um die Vorbereitung – die Züge zu lernen und die sichersten Sequenzen zu finden. Und stark genug zu werden.

"Walls are meant for Climbing"

Werbekampagne für The North Face.




Was war das Zeichen für dich, dass du bereit warst?

Es gab kein besonderes Zeichen, nur den Punkt, wo ich wusste: Jedes weitere Üben der Route war nur noch ein Hinauszögern. Ich hatte alles getan, was ich tun musste, ich kannte die Route so gut, wie ich konnte. Noch mal ein paar Tage mit Seil darin herumzuspielen, wäre nur Zeitverschwendung gewesen. Es war Zeit, es durchzuziehen.

Du hattest in der Route etwas Material deponiert. Was war das genau?

Ich bat die Filmcrew, zwei kleine Depots für mich anzulegen. Ich hätte das selbst machen können, als ich zwei Tage zuvor über die ganze Route abseilte. Aber ich wusste, dass sie sowieso da oben sind, deshalb machte es mehr Sinn, wenn sie es am Tag meines Durchstiegs deponierten. So lag es da nicht unnötig lang. Sie ließen mir an zwei Stellen in der Wand einen Liter Wasser und einige Riegel. Und am Ausstieg nahm ich einen Schluck aus einer ihrer privaten Wasserflaschen. Ich habe nicht alles gebraucht, aber es war wichtig, dass es da war.

Der Granit am El Cap kann recht glatt sein. Du musstest deinen Füßen auf 1000 Klettermetern voll vertrauen. Hast du spezielle Schuhe getragen?

Ich hatte den TC Pro (von La Sportiva, Anm. d. Red.) an, noch ziemlich neu, aber schon eingeklettert. Ich hatte die Schuhe schon in einigen harten Routen im Monat zuvor getragen, und als ich merkte, dass sie perfekt eingeklettert waren, habe ich sie weggepackt und für diesen besonderen Tag aufgehoben. Es war mir sehr wichtig, dass die Schuhe sich perfekt anfühlen.

Free Solo on El Cap

Alex beim Free Solo des Freerider.




Vor welchen Stellen warst du nervös? Wie fühlten sie sich an, als du sie geklettert bist?

Nervös war ich nur noch wegen den Platten im Freeblast, da gibt es zwei geneigte 5.11er-Seillängen mit extrem glattem Fels. Und wegen dem „Boulder Problem“, mit 5.12d/5.13a die Schlüsselstelle. Am Anfang gab es ungefähr zehn Passagen, wo ich mich unwohl fühlte. Aber mit viel Übung konnte ich es auf diese zwei reduzieren. Bei denen fühlte ich mich auch sicher, aber sie sind immer noch ein kleines bisschen hart.

Du wolltest die Route schon vor einem Jahr solo klettern, hast aber abgebrochen. Warum?

Ich war nicht richtig vorbereitet und mein Fuß fühlte sich nicht gut an. Mein Schuh war zu eng, weil mein Knöchel von einer Verletzung noch geschwollen war. Außerdem war es November, noch vor der Dämmerung und sehr kalt. Ich konnte meine Zehen nicht so spüren, wie ich es wollte. Ich kam bis zu einer bestimmten Stelle in den Platten des Freeblast, vertraute meinem verletzten Fuß bei einem Tritt nicht richtig und begann, an den Bohrhaken zu ziehen. Das ging alles recht schnell, aber ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Hat dich bei deiner Begehung irgendetwas überrascht? Die Kletterei, die Verhältnisse, deine Einstellung? Oder lief alles nach Plan?

Es lief alles ziemlich perfekt nach Plan. Unter anderem deshalb hat es auch solchen Spaß gemacht: weil alles so lief, wie ich es wollte. Ich kletterte schneller und flüssiger als erwartet und fühlte mich unglaublich gut. Es war ein bisschen wärmer, als mir lieb war, und einige Abschnitte der Route waren noch ein bisschen nass, aber im Grund war alles perfekt. Es war großartig!

Alex' Lesestoff im Sommer 2017

Das waren die Bücher, die Alex über den Sommer 2017 im seinem Bus dabei hatte.




Während der vier Stunden klettern, woran hast du gedacht? Warst du immer voll bei der Sache oder driften die Gedanken manchmal ab? Singst du oder hörst Musik?

Ich habe praktisch während der ganzen Route Musik vom Handy gehört. Und in leichteren Abschnitten denke ich definitiv auch an andere Sachen. Ich habe über meine Kletterpläne für den Rest des Jahres nachgedacht, über Freunde, die mir bei dieser Route geholfen haben. Vier Stunden sind ziemlich lang, ich habe an viele Dinge gedacht. Wenn es schwieriger wurde, dachte ich aber an gar nichts und führte nur die Bewegungen aus.

Wie fühlt es sich an, bei so einem Free solo auszusteigen? Ließ sich das mit dem Gefühl nach dem Moonlight Buttress vor neun Jahren vergleichen?

Nein, der Freerider bedeutet mir unendlich viel mehr. Dieses Projekt ist über die Jahre so groß geworden in meinem Kopf. Es war das Wichtigste, was es beim Klettern für mich gab. Ich war noch nie so glücklich am Ausstieg. Es war unglaublich. Ich habe stunden-, ja tagelang gegrinst wie ein Verrückter. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Stimmt es, dass du einen Meilenstein im Klettern setzen wolltest?

Ja, das stimmt wohl so. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine beste Kletterleistung noch vor mir lag. Und El Cap war immer das große Ding, von dem ich geträumt habe. Es gibt immer noch viele Routen, die ich gerne klettern würde, aber nichts davon fühlt sich im Moment so wichtig an. Aber Freerider ist gerade einen Monat her, ich bin immer noch in der Erholungsphase, nachdem ich ein Jahr lang intensiv trainiert und mich vorbereitet hatte. Ich bin mir sicher, dass ich auch in der Zukunft wieder aufregende Kletterziele finden werde.

Du hast einmal den Unterschied zwischen Risiko und Konsequenz unterstrichen. Was sind die Faktoren, an denen du deine persönliche Risikoeinschätzung festmachst?

Ganz einfach gesagt: Wenn mir etwas Angst macht, mache ich es in der Regel nicht. Angst ist ein ziemlich guter Indikator, dass etwas gefährlich ist. Wenn ich mich bei der Vorstellung, eine Route solo zu klettern, fürchte, dann ist das Solo wahrscheinlich keine gute Idee. Aber wenn ich mich genug vorbereite, dann ist es nicht mehr furchterregend, sondern wird aufregend. Das ist jetzt keine besonders komplexe Risikokalkulation, aber ich habe ein ziemlich gutes Bauchgefühl.

Die Medical University in South Carolina hat dein Gehirn untersucht und meinte in einem Artikel dazu, du würdest Angst nicht wie „normale“ Menschen fühlen. Stimmt das? Und glaubst du, das ist angeboren oder ein Resultat der Gewöhnung?

Das ist nicht genau, was der Artikel sagt. Aber ich nehme mal an, dass ich tatsächlich etwas weniger angstempfindlich zur Welt kam. Und dann meine Gefühle über die Jahre vollends abgetötet habe. Ich bin mir ganz sicher, dass die Gewöhnung hier eine große Rolle spielt, weil ich weiß, dass ich heute ein viel besserer und weniger ängstlicher Kletterer bin als am Anfang. Wie bei den meisten Sachen im Klettern, macht auch hier das Training einen großen Unterschied.

Als Profikletterer wirst du sozusagen fürs Klettern bezahlt. Hast du jemals Urlaub? Wie muss man sich einen Urlaub bei Alex Honnold vorstellen?

Ich werde als Profi dafür bezahlt, in Bildern und Filmen aufzutauchen und zu Events zu gehen. Bei Foto- und Filmshoots ist das Klettern mehr eine Art Nebenprodukt. Deshalb sieht ein Urlaub für mich aus wie ein ganz normaler Klettertrip – nur ich und meine Freundin irgendwo, wo es schön ist und keine E-Mails und keine Arbeit gibt.

Manchmal klettert Alex auch mit Seil...

Die meiste Zeit klettert Alex Honnold mit Seil. Doch das interessiert die Medien nicht so sehr wie seilfreie Begehungen.




Kannst du drei Dinge – Personen, Bücher, Ereignisse – nennen, die dein Leben beeinflusst haben?

Tommy Caldwell hatte einen großen Einfluss. Er arbeitet extrem hart und steckt so viel Aufwand in seine Kletterei. Naja, eigentlich in alles, was er macht. Und meine Eltern hatten natürlich sehr großen Einfluss auf mein Leben. Sie gaben mir eine gute Erziehung und Ausbildung, erlaubten mir aber auch, die Schule zu beenden und mich voll aufs Klettern zu konzentrieren. Sie haben mich immer ziemlich gut unterstützt. Ich glaube, ich belasse es bei diesen beiden. Ich habe viele Bücher in meinem Leben gelesen. Da kann ich keines herausheben, das mich besonders beeinflusst hätte.

Wie fühlt es sich an, als Vorbild gesehen zu werden? Denkst du, dass du Leute unbeabsichtigt zu Risiken verleitest, die sie nicht eingehen sollten?

Wenn ich irgendwie ein Vorbild sein sollte, dann hoffe ich, dass es mehr darum geht, wie ich mein Leben lebe, und nicht speziell um Risikofreudigkeit. Ich versuche so zu leben, dass die Welt darunter so wenig wie möglich leidet. Ich bin Vegetarier, besitze nicht viel und versuche generell, einfach zu leben. Aber was ich mache, mache ich mit Leidenschaft. Insofern hoffe ich, dass die Leute auf mein ganzes Leben schauen und nicht nur auf bestimmte Klettereien. Nicht jeder sollte oder will Risiken eingehen oder solo klettern. Aber jeder sollte sein Leben mit Leidenschaft und mit möglichst geringen Auswirkungen auf seine Umwelt führen.

Danke Alex!

Alex Honnold mit seiner Freundin Sanni McCandles




Alex Honnold Fäcts:

  • Alex Honnold, geboren am 17. August 1985 in Sacramento, Kalifornien, klettert seit dem 11. Lebensjahr.
  • Bekannt wurde Alex Honnold durch seine Free-Solo-Begehungen: 2008 kletterte er die Regular Northwest Route am Half Dome (5.12, 600 m) ohne Seil und Sicherung frei. Im Zion Nationalpark solierte er die Moonlight Buttress (5.12d), im Yosemite auch kürzere Routen wie Heaven (5.12d), Phoenix (5.13a) und Cosmic Debris (5.13b). 2013 durchstieg er die Route Sendero Luminoso in Mexiko free solo – 11 der 15 Seillängen weisen Schwierigkeiten vom oberen achten bis zum oberen neunten UIAA-Grad auf. Insgesamt hat er über 1000 Solobegehungen auf dem Buckel.
  • Honnold ist Spezialist für die Aneinanderreihung langer Wände. Im Juni 2012 durchstieg er die Routen Southface am Mount Watkins (5.13a), Freerider (5.12d) am El Capitan und Regular Northwest Route (5.12) am Half Dome im Alleingang in 19 Stunden Kletterzeit – und kletterte dabei über 90 Prozent free solo. Honnold hält seit 2012 auch den Speedrekord an der Nose, die er mit Hans Florine in 2:23:51 h kletterte.
  • Im Februar 2014 gelang Honnold mit Tommy Caldwell die erste komplette Überschreitung des Fitzroy-Massivs in Patagonien.
  • Seine Freunde nennen Honnold übrigens Alex „No big deal“, weil er seine eigenen Leistungen gerne herunterspielt.
20.10.2017
Autor: Stöhr / Burmester
© klettern
Ausgabe 06/2017