Sicher am Standplatz

Fixpunktsicherung mittels Ausgleichsverankerung

Bei unzulänglichen Fixpunkten hat die gleichmäßige Verteilung der Kraft oberste Priorität. Dann ist die Ausgleichsverankerung die beste Lösung. Die Anprallgefahr des Sichernden spielt dann eine nachgeordnete Rolle.

Wenn die Fixpunkte eines Standplatzes schlecht sind, ist Eigeninitiative gefragt. Wenn möglich solltet ihr den Standplatz mit mobilen Sicherungsmitteln aufbessern. Lässt sich der Standplatz nicht vernünftig verbessern, solltet ihr dies trotzdem nicht einfach als Schicksal akzeptieren und einen Seilschaftssturz riskieren! Wenn weiter unten ein besserer Standplatz war, klettert – wenn irgendwie möglich – ab. Oder klettert weiter, wenn noch Seil vorhanden ist und ihr weiter oben einen besseren Standplatz vermutet. Besteht keine dieser Optio­nen, gibt es noch die Möglichkeit, den Nachsteiger nur einen Teil der Seillänge nachzusichern, bis dieser an geeigneter Stelle Stand machen und euch von dort aus weiter sichern kann. Auf diese Weise reduzieren die eingehängten Zwischensicherungen die Gefahr eines Seilschaftsturzes deutlich. Falls eine Materialübergabe nötig sein sollte, lässt der Vorsteiger eine Seilschlaufe zum Nachsteiger hinab, in die dieser das Material einhängt. Dieses Prozedere ist allerdings sehr zeitaufwendig.

Foto: Johanna Widmaier

Sicherung gegen Durchrutschen I

Gerechte Verteilung: Die Ausgleichsverankerung

Ist keiner der Fixpunkte sicher, und der Standplatz kann mit mobilen Sicherungsmittel nicht ausreichend verbessert werden, wird eine Ausgleichsverankerung gebaut. So ist gewährleistet, dass die Last immer gleichmäßig auf die Fixpunkte verteilt wird. Wichtig ist, dass der Winkel der Ausgleichsverankerung möglichst spitz ist: bei 30 Grad kommen auf jeden der beiden Fixpunkte 52 Prozent der Last, bei 90 Grad sind es bereits 71 Prozent und bei einem Winkel von 120 Grad kommen auf beide Fixpunkte je 100 Prozent – also eine Verdoppelung der auftretenden Kräfte. Deshalb bei horizontal weiter voneinander entfernten Fixpunkten eine dementsprechend lange Bandschlinge verwenden!

Foto: Johanna Widmaier

Sicherung gegen Durchrutschen II

Sicherung gegen Durchrutschen

Bei der Ausgleichsverankerung wird ein Strang der Bandschlinge um 180 Grad gedreht, bevor man den Zentralpunktkarabiner einhängt, damit dieser nicht durchrutscht, wenn einer der Fixpunkte ausbrechen sollte. Bei einer Ausgleichsverankerung an drei Fixpunkten werden am Strang, der durch alle drei Fixpunkte hindurchführt, zwischen diesen zwei 180-Grad-Drehungen vorgenommen, bevor dann der Zentralpunktkarabiner eingehängt wird.

Foto: Johanna Widmaier

Zentralpunktsicherung an Ausgleichsverankerung

Zentralpunktsicherung an Ausgleichsverankerung

Dann wird in den Zentralpunktkarabiner (Verschlusskarabiner!) mit Mastwurf die Selbstsicherung geknüpft und die Partnersicherung am “gesunden Schenkel” (vom Schnapper abgewandte Seite) eingehängt.

Foto: Johanna Widmaier

Abgeknotete Ausgleichsverankerung

Abgeknotete Ausgleichsverankerung

Wenn einer der Fixpunkte versagt, kommt es zu einer Sturzstreckenverlängerung – der Zentralpunkt rutscht ein Stück durch. Gegebenenfalls verliert der Sichernde infolge dessen das Gleichgewicht, verursacht so einen zusätzlichen Fangstoß und erhöht damit die Gefahr, dass auch der zweite Fixpunkt ausbricht. Um die Wahrscheinlichkeit dieses Worst-Case-Szenarios zu reduzieren, kann die Bandschlinge mit einem Sackstich auf einer oder auf beiden Seiten des Zentralpunktes abgeknotet und so die Sturzstreckenverlängerung im Falles des Falles minimiert werden.

Foto: Johanna Widmaier

Abgespannte Ausgleichsverankerung

Abgespannte Ausgleichsverankerung

Bei Fixpunkten, die nur einen Sturzzug nach unten halten (Köpflschlingen, Keile oder Klemmgeräte), bei einem Vorsteigersturz aber nach oben belastet würden, ist eine Abspannung nach unten nötig. Wenn nur verhindert werden soll, dass der Stand nach oben ausgehoben wird, kann diese Abspannung mit dem Kletterseil erfolgen: Das mit der Selbstsicherung am Zentralpunktkarabiner befestigte Seil wird mittels Mastwurf an einem tiefer gelegenen Fixpunkt befestigt und angespannt (wenn nur einer vorsteigt, die Abspannung erst nach dem Standplatzwechsel anbringen, sonst muss man das Prozedere unnötigerweise zweimal durchführen!). Sitzen die mobilen Sicherungsmittel allerdings schlecht, so dass sie permanente Spannung brauchen, um in Position zu bleiben, ist ein „Bauernflaschenzug” nötig. Für diesen wird eine längere Reepschnur mittels Sackstich am Zentralpunktkarabiner fest gemacht, mehrfach zwischen diesem und dem Abspann-Fixpunkt hin und her geführt und dann mittels Mastwurf an der Abspannung befestigt und straff gezogen. Ist der Abstand zu einem geeigneten Abspann-Fixpunkt sehr groß, und es steht keine ausreichend lange Reepschnur zur Verfügung, kann man einen Teil der Strecke mit einer Bandschlinge überbrücken. Das Abspannen des Standplatzes hat zudem den Vorteil, dass so der Sichernde bei einem Vorsteigersturz nicht gegen den Fels geschleudert werden kann!

Foto: Johanna Widmaier

Reihenschaltung plus Ausgleichsverankerung

Reihenschaltung plus Ausgleichs-Verankerung

In manchen Fällen (z. B. bei mehr als zwei, aber allesamt schlechten Fixpunkten und wenn diese ungünstig positioniert sind) bietet sich eine Kombination aus Ausgleichsverankerung und Reihenschaltung an. Bei solchen Konstruktionen müssen aber immer die Lastverteilung und die Winkel der Ausgleichsverankerung bedacht werden – sowie die Auswirkung auf die Konstruktion, wenn einer oder gar mehrere Fixpunkte ausbrechen sollten.

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10.09.2008
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 06/2008