Val Gardena

Alpinklettern und alpines Sportklettern in Gröden

Gut gesichert in langen Routen: Das Alpinklettern in den Dolomiten bietet alles, was das alpine Kletterherz höher schlagen lässt. Einige Empfehlungen.





Foto: Val Gardena Tourismus Klettern in Gröden

Dolomitenromantik pur: Sonnenaufgang auf der Kleinen Cirspitze.

Wie viele Routen gibt es in den Dolomiten? Hunderte? Tausende? Wahrscheinlich hat nie jemand nachgezählt und möglicherweise wird das auch nie jemand tun.

Die Dolomitenwände sind übersät mit Kletterlinien, denn der Fels ist fürs Klettern wie geschaffen. Fast als ob er von den Grödner Holzbildhauern für die Bergsteiger geschnitzt worden wäre. Die Dolomiten bergen die Tradition des Alpinkletterns in sich.

Die Relikte der Pionierzeiten stehen heute noch da, in steiler Wand, und werden wiederholt von Bergsteigern aus aller Welt. Alpinklettern in und um Gröden spielt sich aber nicht nur in den großen Klassikern ab und ist nicht nur ein Spiel für Männer und Frauen mit stählernen Nerven.

Alpinklettern hat sich entwickelt, und heute gibt es Routen in jeder Schwierigkeit und in allen erdenklichen Sicherungsstilen. Von der leicht absicherbaren Vierer-Tour über den kühnen Klassiker bis zur eingebohrten 8a-Akrobatik-Linie gibt es Möglichkeiten in jedem Niveau.

Foto: Ben Wiesenfarth Übersichtskarte Grödnertal Val Gardena Klettern

Übersicht: Klettern im Grödental.

Gut gesichert: Alpines Sportklettern

Unter alpinen Sportkletterrouten verstehen wir Mehrseillängenrouten an großen Wänden, die mit Bohr- oder Klebehaken systematisch abgesichert sind. Sie haben also einen sportlichen Charakter, und das Sichern stellt keine besondere Herausforderung dar. Dennoch sind sie nicht zu unterschätzen, denn sie unterliegen denselben Gefahren wie Alpinrouten: Steinschlag, Wettersturz, Schwierigkeiten beim Abseilen und Absteigen und bei Standplatzmanövern.

Echtes Dolomiten-Feeling

Unter alpinen Routen verstehen wir Mehrseillängen- Routen an großen Wänden, deren Absicherung vorwiegend durch den Kletterer selbst erfolgt. Dies bedeutet, dass meist nur wenige, teils sehr alte Normalhaken vorhanden sind. Sehr selten steckt auch ein Bohrhaken. Der Kletterer ist selbst für seine Sicherung verantwortlich. Dies bedeutet, Haken müssen überprüft, mobile Sicherungen gelegt und Standplätze ergänzt oder komplett selbst gebaut werden. Zudem ist die Routenführung nicht durch die Haken, sondern durch die „logische“ Linie vorgegeben, die es zu finden gilt.

Dies klingt jetzt ziemlich entmutigend, aber keine Angst, rund um Gröden gibt es zahlreiche Routen im unteren Schwierigkeitsbereich, welche auch für Anfänger mit relativ hoher Sicherheit machbar sind. Wichtig ist eine gute Ausbildung und Vorbereitung mit professioneller Unterstützung.

Spaß im Klettergarten

Als Moritz Peristi, heute noch aktiver Bergführer der Catores, Mitte der 70er Jahre im Steinbruch kurz vor St. Ulrich die Route Verschneidung in technischer Kletterei erstbeging, konnte er die Entwicklung der Folgejahre wahrscheinlich nicht erahnen. Aus dem Porphyr-Steinbruch wurde der erste Klettergarten in Gröden. Kurz danach kamen der Traumpfeiler mit längeren Routen und weitere Sportklettergebiete hinzu.

Die neue Spielart des Kletterns setzte sich in den „alpinen“ Dolomiten durch, ohne aber den klassischen Alpinismus zu verdrängen. Heute gibt es zahlreiche Klettergärten mit Schwierigkeiten von 4 bis 8c+. Von der Platte bis zum Überhang finden sich Spielwiesen für jeden Geschmack. Gemeinsam haben alle Gebiete eine hervorragende Absicherung durch Bohr- oder Klebehaken.

Die Klettergärten befinden sich in Höhenlagen von 1200 bis 2300 Metern. So gibt es in jeder Jahreszeit etwas zu tun. Unterhalb stellen wir euch sechs lohnende Routen vor, wobei bei den Alpinrouten besonders auf Einsteigertauglichkeit Wert gelegt wurde. Hier findet ihr noch eine Übersicht aller Boulder- und Sportklettergebiete im Tal.

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Delenda-Carthago" am Ersten Sellaturm.

Genuss-Tipp: "Delenda Carthago" (6b, 6a+ obl., 6 SL, 180 m) - Erster Sellaturm (2533m)

Der bequeme Zustieg und die sonnige Exposition machten die Route am ersten Sellaturm zum wohl beliebtesten Sport-Klassiker der Sellagruppe. Delenda Carthago wurde 2002 von Roly Galvagni und Massimo Maceri mit Bohrhaken gesichert und folgt zum Teil einer bereits bestehenden Linie aus dem Jahr 1977. Insgesamt eine schöne Wandkletterei an solidem Fels mit genüsslichen Hakenabständen (die erste Seillänge im vierten Grad ist alpin).

Zustieg: Vom Sellajoch über einen ausgetretenen Pfad in 15 Minuten zum Einstieg, dort wo auch der Klassiker Schober beginnt.

Abstieg: Rechts haltend über den Normalweg (Stellen 2) absteigen oder durch Abseilen entlang der Route (hierzu ist ein Doppelseil erforderlich).

Material: 10 Expressen, eventuell Keile und Bandschlingen für die erste Seillänge.

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Oro e Carbone" an der Mur de Pisciadu Occidentale.

Profi-Tipp: "Oro e Carbone" (7a, 6c obl., 10 SL, 400 m) - Mur de Pisciadu Occidentale (2523m)

Exzellenter Fels, homogene Schwierigkeiten, Exposition und spektakuläres Ambiente zeichnen diese alpine Sportkletterroute aus. Die Route ist mit Bohrhaken gesichert, deren Abstände in den leichteren Seillängen jedoch beträchtlich ausgefallen sind. Kleinere und mittlere Friends und Klemmkeile tun ihren Dienst zur moralischen Unterstützung und zur notwendigen Reduktion der potenziellen Sturzhöhe.

Zustieg: Vom Parkplatz des Klettersteiges „Tridentina“ (Pisciadu), kurz unterhalb und östlich des Grödner Joches, steigt man zunächst über den Weg zum Val Setus und dann über Geröll in etwa 30 Minuten zum Einstieg.

Abstieg: Auf dem Gipfelplateau Richtung Süden und durch das Val Setus zurück zur Straße (1 Std).

Material: 12 Expressen, Keile, kleine und mittlere Friends.

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Kamin-Führe" an der Kleinen Fermada.

Einsteiger-Tipp: "Kamin-Führe" (3, 10 SL, 300 m) L. Trenker und Co. 1917 - Kleine Fermeda (2814m)

Viel begangene und elegante Route in ausgezeichnetem Fels. Ab der dritten Seillänge wird die Linie durch zahlreiche Sanduhren bestimmt. Die recht lange Via di Ciamins auf die Pitla Fermeda ist ideal zum Erlernen der Sicherungstechniken unter Anleitung eines Bergführers.

Zugang: Von St. Ulrich mit der Gondel zur Seceda-Alm (2480 m) und den markierten Weg zur Pana-Scharte nehmen. Von hier einem aufsteigenden Pfad bis zu einem Felsband folgen. Dieses am linken oberen Ende erklettern(3)und Pfadspuren über eine steile Wiese bis zur Kreuzung mit dem breiten Weg, der von der Col-Raiser-Hütte kommt, folgen. Von hier bergauf über eine Felsplatte(1), dann leicht absteigen Richtung Villnößtal. Jetzt über den Felskamm zu einer terassenförmigen Scharte und entlang eines schmalen Grasbandes unter steilen Überhängen hindurch etwa 100 Meter zum Einstieg (1,5 Stunden). Ausgangspunkte können auch die Col-Raiser-Hütte oder die Regensburger Hütte sein.

Abstieg: Über den Normalweg abklettern (Stellen 3 und 2), siehe Linie im Topo. Fakultativ an einer Stelle einmal 25 Meter abseilen. Von der Terrassenscharte auf dem Aufstiegsweg zurück und über das Felsband 20 Meter abseilen (2,5 bis 3 Stunden).

Material: Einfachseil, Helm, 8 bis 10 Expressen, einige Bandschlingen und Kevlar-Reepschnüre für Sanduhren, einige Keile und mittlere Friends, eventuell Hammer und Haken.

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Kamin-Führe" am Ersten Sellaturm.

Einsteiger-Tipp: "Kamin-Führe" (4, 7 SL, 160 m) M. Gabloner und F. Kostner 1905 - Erster Sellaturm (2533m)

Die Sella-Türme über dem Sellajoch bieten Kletterhighlights in Hülle und Fülle. Die Kaminführe ist eine abwechlungsreiche, klassische Kletterei mit einem originellen Spreizschritt zum Abschluss. Einige wenige Haken sind vorhanden. Ideal für Dolomiteneinsteiger mit fortgeschritteneren Sicherungskenntnissen.

Zustieg: Vom Sellajoch (2244 m) östlich des Gasthauses Maria Flora (Richtung Fassatal) einem gut sichtbaren Pfad folgen. Bei der ersten Abzweigung nach rechts zu einer Ebene mit Felsblöcken unterhalb der Südwand des Ersten Sellaturms. Einen Felsriegel überkletternd (ausgesetzt, Drahtseil) erreicht man eine Grasterrasse. Hier nach links zum Einstieg (35 Minuten).

Abstieg: Entlang des Normalwegs absteigen (Stellen 2). Dazu entweder auf das Grasband unterhalb des Zweiten Sellaturms queren und rechtshaltend absteigen (oder zum Schluss 20 m abseilen), oder in die Rinne hinter dem Ersten Sellaturm abseilen (25 m) und auf einem Pfad absteigen (Stellen 1), bis dieser auf den Normalweg trifft (rund 1 Stunde 20 Minuten bis zum Sellajoch).

Material: wie Kleine Fermeda.

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Demetz-Führe" an der Großen Cirspitze.

Genuss-Tipp: "Demetz-Führe" (4+, Stelle 5 oder A0, 9 SL, 255 m) G. Demetz und A. Groppello 1936 - Große Cirspitze (2592m)

Kurz vor dem Grödner-Joch lockt die sonnige Südwand der Großen Cirspitze mit einer Route für Kletterer, die bereits Erfahrung in der Wegfindung mitbringen. Die wegen des kurzen Zustiegs und einfachen Abstiegs beliebte Route auf den markanten Gipfel der Gran Cir wartet mit einigen originellen, nicht allzu schweren Kletterstellen auf und lässt sich gut absichern.

Zustieg: Von Wolkenstein mit der Dantercëpies-Gondel bis auf etwa 2300 Meter. Erst auf der Schotterstraße Richtung Osten, dann über einen Steig unter die Südwand der Großen Cirspitze, links die Schuttrinne hinauf und nach rechts zum Einstieg (Vorbau, 1, rund 35 Minuten). Man kann auch vom Grödner-Joch aus aufsteigen.

Abstieg: Vom Gipfel über den versicherten Klettersteig durch die Westflanke absteigen (1,5 Stunden)

Material: wie Kleine Fermeda (siehe oben).

Foto: Gröden Tourismus Klettern in Gröden

Klettertipp: "Brunsin-Führe" am östlichen Turm der Mëisules dala Biesces.

Profi-Tipp: "Brunsin-Führe" (6+, 6 SL, 210 m) A. Holzknecht & G. Demetz - Mëisules dala Biesces, östlicher Turm (2330m)

Diese Linie durch die Nordwand des östlichen Turms der Mëisules dala Biesces ist ideal für den Sommer und bietet anspruchsvolle, elegante Kletterei in ausgezeichnetem Fels. Die Route muss allerdings fast komplett selbst abgesichert werden und fordert auch ein solides Kletterniveau, da einige Passagen zwingend frei geklettert werden müssen. An den Standplätzen sind teilweise Haken und Sanduhren vorhanden.

Zustieg: Von Wolkenstein Richtung Grödner-Joch, vorbei am Restaurant Gérard und auf dem ebenen Straßenteil in Sichtweite des Turmes am Straßenrand parken. Von hier auf einem Pfad unter die Wand (20 Minuten).

Abstieg: Vom Gipfel nach Süden Richtung Großer Mufrëitturm absteigen. Dann links halten und einem Pfad über Bänder zum Mufrëitwasserfall folgen. Nach Erreichen des Schutthanges links ab und über den Pfad hinab zur Straße (40 Minuten).

Material: Wie bei der Kleinen Fermeda plus ein kompletter Satz Keile und eine größere Auswahl Friends.

Auf der nächsten Seite: Geschichte des Kletterns in Gröden

19.03.2000
Autor: Manfred Stuffer
© klettern
Ausgabe 05/2014