Test: Kletterseile 2016

Die dünnsten Seile der Welt


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Der Kletterseil-Test 2016
Foto: Volker Leuchsner

 

Der Kletterseil-Test 2016
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Kletterseil ist nicht gleich Kletterseil. In diesem Test: 12 dynamische Einfachseile von 8,5 bis 9,4 mm im Vergleich.
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Mit gerade mal 8,5 Millimeter Durchmesser ist das dünnste Einfachseil nicht einmal mehr so dick wie früher Halbseile waren. Wir haben die jeweils schlankesten Kletterseile der Hersteller unter die Lupe genommen.

"Immer dünner", schien die Devise der letzten Jahre zu sein. Die Seilhersteller lieferten sich ein regelrechtes Wettrennen um das dünnste Einfachseil der Welt. Mit dem Opera von Beal liegt die Messlatte mittlerweile bei 8,5 Millimetern. Ganz so auf die Spitze getrieben haben es nicht alle Firmen, und so reicht die Palette der dünnsten Seile von den besagten 8,5 bis 9,4 Millimeter.

Da das Ausgangsmaterial (Nylon) und die Konstruktion (Kern und Mantel) für alle gleich sind, drehen die Hersteller an anderen Parametern, um die Seile immer dünner oder leistungsfähiger zu machen. Einerseits gelingt es, die Eigenschaften der Nylonfasern durch Wärmebehandlung oder mechanische und chemische Prozesse immer weiter zu verbessern. Andererseits werden im Flechtprozess, wenn der Mantel um den Kern geflochten wird, Maschinenparameter wie etwa die Fadenspannung oder das Flechtmuster immer optimaler auf die gewünschten Eigenschaften und Durchmesser des Seils eingestellt.

Das geballte Knowhow hat aber nicht nur zu einer Schlankheitskur bei Einfachseilen geführt. Ein weiterer Effekt ist, dass heute Seile mit Standarddurchmessern von rund 10 Millimetern deutlich mehr Normstürze halten als noch vor einigen Jahren. Und zudem wurde dadurch die Entwicklung der dreifach-zertifizierten Seile möglich, welche die Normen für alle drei Seiltypen (Einfach-, Halb- und Zwillingsseil) erfüllen und im Einsatz ein Plus an Sicherheit versprechen, wenn man etwa als Dreierseilschaft mit zwei Nachsteigern unterwegs ist.

Das Kletterleben bequemer machen sie noch dazu. So hatte ich bei meinem letzten Trip nach Wales zwei dünne, dreifach-zertifizierte Seile dabei. In den Trad-Routen kamen in Halbseiltechnik beide zum Einsatz, in gebohrten Sportkletterrouten nur eines. Neun der zwölf hier vorgestellten Seile sind so einsetzbar. Nur die Seile von Austrialpin, Salewa und Singing Rock sind ausschließlich als Einfachseile zugelassen.

An der Grenze der Norm

Wie alle Kletterseile müssen auch die dünnsten Vertreter den Normanforderungen der EN 892 für dynamische Seile entsprechen. Für Einfachseile heißt das, dass sie mindestens fünf sogenannte Normstürze halten müssen (80 kg Fallmasse, Sturzfaktor 1,77, statisch gebremst über eine Kante mit einem Radius von 5 mm). Die Zahl der gehaltenen Normstürze ist zugleich ein Maß für die Sicher heitsreserven eines Seils. Denn das Seil verliert durch Alterung und Verschmutzung, aber auch durch Nässe und bei Frost einen Teil seiner Leistungsfähigkeit. Ein Blick auf die Tabelle mit den technischen Daten auf Seite 55 zeigt, dass mit maximal sechs gehaltenen Normstürzen die Reserve bei unseren extrem dünnen Seilen bei der Verwendung als Einfachseil nicht sehr üppig ausfällt. Im Doppelstrang verwendet, sieht das bei denjenigen, die dafür zugelassen sind, deutlich besser aus. Aus Platzgründen haben wir die Werte dafür aber nicht in der Tabelle gelistet.

Neben der Sturzzahl ist der Fangstoß eine wichtige Kenngröße. Die EN 892 verlangt, dass der Fangstoß bei Einfachseilen maximal 12 kN beträgt. Zwischen dem Fangstoß und der Dehnung eines Seils besteht ein genereller Zusammenhang, vereinfacht gesagt dehnen sich Seile mit geringem Fangstoß mehr als solche mit hohem Fangstoß. Die Dehnung ist zwingender Teil der Funktionsweise eines Seils, aber auch problematisch, da sie den Sturzweg verlängert. Den geringsten Fangstoß weist mit 7,4 kN das Opera von Beal auf, allerdings auch bei der höchsten Dehnung – was bei diesem schlanken Durchmesser nicht verwundert. Zu den „harten“ Seilen zählen das Edelrid Swift, das Petzl Volta, das Tendon Master und das Ground Up von Skylotec. Letzteres hat den höchsten Fangstoß, aber auch die geringste Dehnung

Vorsicht beim Sichern

Neben den harten Fakten bestimmen in der Praxis weitere Faktoren die Beurteilung: Wie weich ist ein Seil? Neigt es zum Krangeln, wie wird der Durchmesser empfunden, welches Sicherungsgerät ist geeignet? Da der Durchmesser der Seile unter Belastung gemessen wird, sind die meisten Seile unbelastet etwas dicker als die Normangabe. Bei weichen, flexiblen Seilen macht sich dies am stärksten bemerkbar. Das ist auch der Grund, weshalb das Petzl Volta 9.2 auf den ersten Blick das dickste Seil im Feld zu sein scheint. Weichere Seile sind angenehmer im Handling und klippen sich etwas leichter. Die anfänglich steiferen Seile von Edelrid, Beal, Skylotec oder Tendon wurde aber alle im Laufe der Zeit deutlich flexibler.

Kritischer Punkt bei den ultradünnen Seilen ist das Sichern und Ablassen, vor allem im Neuzustand und wenn das Seil über einen besonders glatten Mantel verfügt wie die Seile von Beal, Edelweiss, Mammut, Skylotec oder Tendon. Ein geeignetes Sicherungsgerät ist definitiv Pflicht. Wir haben die Seile im Einfachstrang mit allen modernen Halbautomaten und Autotubern benutzt. Vor allem das Opera von Beal und das Serenity von Mammut sind dabei für manche Geräte eigentlich zu dünn, sprich die Geräte sind für diese geringen Durchmesser nicht mehr zugelassen. Definitiv ungeeignet sind alte Sicherunggeräte wie etwa das Grigri 1. Mit alten, abgenutzten Tubern sollten die Seile im Einfachstrang ebenfalls nicht bedient werden. Kleiner Tipp am Rande: Bei neuen, sehr glatten und dünnen Seilen lässt sich bei Tubern die Bremskraft erhöhen, indem man zwei statt einem Sicherungskarabiner benutzt. Unerfahrene Sicherer stellen die dünnsten Seile im Feld jedenfalls vor eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

Die kleinen Details

Meist mit kryptischen Namen versehen, verpassen die Hersteller ihren Seilen die unterschiedlichsten Ausstattungen, welche die Seile wasserabweisend machen oder das Handling verbessern. Wer etwa ein Seil zum Eisklettern sucht, tut gut daran zu schauen ob der Kandidat die UIAA Water Repellent Zertifizierung hat und besonders wenig Wasser aufnimmt. Alle hier vorgestellten Seile verfügen über eine mehr oder weniger abriebfeste Mittenmarkierung. Spezielle Verfahren verhindern bei manchen Marken eine Verschiebung des Mantels. Speziell verschweißte Seilenden verhindern ein Aufplatzen.

Resümee und Empfehlungen

Über eines sollte man sich klar sein: Die extrem dünnen Highend-Seile sind Spezialisten, die man nur einsetzen sollte, wenn es auf jedes Gramm ankommt oder auf die Flexibilität eines dreifach zertifizierten Seils. Als „normale“ Sportkletterseile verschleißen sie, ob beim Auschecken von Routen oder beim Topropen und Ablassen, relativ schnell. Wer sich aber einmal an die dünnen Dinger gewöhnt hat, möchte sie nicht mehr missen. Das geringe Gewicht und die kaum vorhandene Reibung in den Karabinern bringt beim Klettern schon zusätzlich Spaß.

Vom Handling her besonders gut gefallen haben uns das Volta 9.2 von Petzl, Mammut Serenity, Edelrid Swift und das Ground Up von Skylotec. Einen Preistipp erhalten das äußerst günstige Seil von Cousin und das Absolute TRX 9 von Millet.


09.09.2016
Autor: Volker Leuchsner
© klettern
Ausgabe 06/2016