Zustiegsschuhe im Test

Auf leichten Sohlen - Zustiegsschuhe für Kletterer

Bequem zum Einstieg und sicher ins Tal – so die gängige Jobbeschreibung für Zustiegsschuhe. Doch wie steht es um die Performance im Fels? Wir haben zehn Modelle vom Trailrunningschuh bis zum gehbaren Kletterschuh geschnürt und geklettert.
Vergleichbare Produkte im Test

 

Salbit Westgrat
Foto: Klaus Fengler Auf dem Weg zum "Salbit".

Der Salbitschijen-Westgrat in den Urner Alpen ist ein gutes Beispiel für die Anforderungen an einen Zustiegsschuh. Im Bild rechts befinden sich die Kletterer noch im gemütlichen Almgelände, weiter oben warten dann aber steile Schro­fen und das blockige Horefelli-Couloir, bevor man die Biwakschachtel am Fuß des Ersten Westgratturms erreicht. Am nächsten Tag sollen sich die Schuhe im Rucksack möglichst leicht und dünne machen, denn wer will schon unnötigen Ballast über 36 Seillängen im sechsten Grad mit sich schleppen. Im Abstieg wartet dann leichte Kletterei, ein manchmal hartes Schneefeld und ein steiler, oft rutschiger Hüttenabstieg über Stock und Stein, bevor man sich abschließend auf müden Beinen einige Kilometer auf der asphaltierten Straße zurück zum Auto am Ausgangspunkt quält.

Hier Zustiegsschue online kaufen

Anspruch und Wirklichkeit

Zum Gehen in anspruchslosem Gelände sollte der Schuh eine gute Dämpfung besitzen, gut abrollen, angenehm anliegen und soliden Halt sowie eine griffige Sohle bieten. In alpinem Gelände, zum Beispiel in steilem Gras, Schrofen oder Altschneefeldern ist deutlich mehr Halt, ein relativ tiefes Profil für matschigen Untergrund sowie eine gewisse Sohlenhärte und Kantensteifigkeit erforderlich, damit spitze Steine nicht durchdrücken, der Kraftaufwand beim Aufstieg im Geröll gering ist, und man in steilem Gras und Schnee „einsicheln“ kann. Zum Klettern wiederum sollte der Schuh eng anliegen, vorn viel Sohlenauflage für die bestmögliche Reibung bieten, sensibles und präzises Antreten ermöglichen und eine flache Zehenbox besitzen, damit die Spitze auch in kleinere Querrisse oder Löcher passt.

De facto kann kein Schuh diesen entgegengesetzten Ansprüchen in gleichem Maße gerecht werden. Enges Anliegen und eine flache Zehenbox für gute Kletterperformance vertragen sich vor allem bergab nur sehr bedingt mit bequemem Gehen, sensibles und präzises Antreten nur bedingt mit einer üppig dämpfenden Sohle und eine profillose Sohlenspitze schwerlich mit Aufstiegen in nassem Steilgras. Wie bei Kompromissen üblich, sind also Abstriche in die eine oder andere Richtung nicht zu vermeiden. Trotzdem schlagen sich einige der vorgestellten Schuhe in jedem Terrain erstaunlich wacker, andere sind eher Spezialisten mit deutlichen Schwächen in anderen Bereichen.

 

Ein Trailrunningschuh wie der Terrex Fast FM hat andere Stärken als ein klassischer Zustiegsschuh.

Ein weites Feld

So vielfältig die Anforderungen sind, so breit ist das Spektrum der Schuhe, das man bei Alpinkletterern im Zu- und Abstieg antrifft. Manche Kletterer legen ihren Hauptfokus auf Gewicht und Packmaß, tummeln sich auch im Gebirge in Joggingschuhen und nehmen dafür geringen Halt, schlechten Grip, miese Kantenstabilität und eine bescheidene Kletterperformance in Kauf. Anderen sind ihre Bänder und überhaupt ihre Sicherheit heilig, und dafür sind sie auch bereit, festes Schuhwerk und zur Not sogar schwere, voluminöse Bergstiefel im Rucksack durch die Wand zu schleppen.

Bergstiefel haben wir ausgespart, ansonsten aber ein recht weites Testfeld abgedeckt: von sogenannten Trailrunningschuhen über Leichtwanderschuhe und eher steife Modelle bis hin zu einem zumindest eingeschränkt gehtauglichen Kletterschuh.

Abgesehen von den Trailrunningschuhen der Firmen Adidas und Hi-Tec und dem Leichtwanderschuh von Vaude zeigt ein Blick auf die Unterseite, dass die Hersteller bei der Konstruktion ihrer Modelle auch die Kletterperformance im Blick hatten – die Schuhe von Boreal, Hanwag, Lowa, Scarpa und The North Face sind an der Spitze und an der Innenseite vorne mit einer profillosen Sohle bestückt, die Modelle von Five Ten und La Sportiva durchgehend mit einer äußerst flach profilierten Sohle ausgestattet. Für die Klettertauglichkeit sind außer der untersten Schicht aber auch die Zwischensohlen ausschlaggebend.

Eher weiche Konstruktionen ermöglichen eine höhere Sensibilität beim Antreten in steilem Fels, steife Zwischensohlen hingegen reduzieren den Kraftaufwand beim Stehen auf Leisten genauso wie sie die Wadenmuskulatur bei Aufstiegen in steilem Geröll oder Schrofen entlasten. Und auch die Dämpfung der Sohlenkonstruktion im Vorderfußbereich spielt beim Klettern eine Rolle: je weniger „Puffer“ zwischen Fuß und Sohlenunterseite liegt, desto präziser und sensibler kann damit angetreten werden.

Ob das Pendel eher Richtung Klettern oder Komfort beim Gehen ausschlägt, darüber entscheidet genauso der Schnitt des Schuhs, die Schnürung – und wie eng man das Modell kauft. Während beim Klettern die Zehen möglichst weit vorn sein sollen, verursacht dies bei langen Abstiegen schnell Höllenqualen. Gleiches gilt für eine schmale Zehenbox. Um den Schuh möglichst gut an die jeweiligen Erfordernisse anpassen zu können, ist eine weit nach vorn reichende, gut dosierbare und möglichst leicht zu bedienende Schnürung wichtig. Hinsichtlich letzterem müssen wir hier mal ordentlich schelten. Abgesehen von den Modellen aus dem Hause Boreal und Hanwag sind alle Schnürungen ziemlich fummelig zu bedienen. Bei manchen Schuhen muss man gar den Wecker fünf Minuten früher stellen, damit man wie geplant losmarschieren kann. Das darf nicht sein!

Eine absolute Aussage, bis zu welchem Grad man mit welchem Schuh klettern kann, lässt sich schwerlich treffen – das hängt nunmal vorrangig vom persönlichen Können ab. Klar ist jedoch, dass sich einige Modelle besser als andere für die Vertikale eignen. Spätestens ab dem fünften Grad dürften Normalsterbliche aber auch die kletterfreundlichen Modelle von Scarpa und Five Ten gegen echte Kletterpatschen tauschen. Nur der Gandalf von La Sportiva klettert sich fast wie ein echter Kletterschuh und lässt sich durch die herausnehmbare Sohle auch bedingt zum zustiegstauglichen Untersatz vergrößern – weshalb er eine Empfehlung bekommt. Der Zen von Scarpa erhält dagegen unsere Empfehlung als bester Allrounder. Aber auch die Schuhe von Boreal, The North Face, Hanwag und Lowa erwiesen sich als ordentliche Allrounder. Letztere sind zudem mit einem Membranstrumpf ausgestattet, wie auch der Schuh von Vaude. Dieser glänzt ähnlich wie die Modelle von Adidas und Hi-Tec vor allem durch hervorragenden Gehkomfort und weniger beim Einsatz im alpinen Gelände – für den alle drei Modelle aber auch nicht konzipiert sind.

Weiterlesen:

Aktualisierung: Neuere Zustiegsschuhe im Überblick

Fotostrecke: Zustiegs-Schuhe für Kletterer

12 Bilder
Zustiegsschuh Adidas Fast R Low Foto: Redaktion klettern
KL-Zustiegsschuhe-Boreal-Gravity Foto: Redaktion klettern
KL-Zustiegsschuhe-Five-Ten-Camp-Four Foto: Redaktion klettern

Alle Zustiegsschuhe aus dem Test:

08.05.2009
Autor: Volker Leuchsner
© klettern
Ausgabe 4/2009