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Knowhow Chalk

Chalk-Talk

Es ist in aller Kletterer Hände: Chalk oder Magnesia gehört in Kletterhallen und am Fels dazu. Doch was ist das weiße Zeug eigentlich und wo kommt es her?

Mustafa Eren in Duel, Fontainebleau

Foto: Ibrahim Güngör


"Frei sein, high sein, Magnesia muss dabei sein.“ So ungefähr lautete das Motto der frühen Sportkletterer um Reinhard Karl, als sie Ende der 70er-Jahre die Idee, Chalk beim Klettern zu verwenden, von ihren USA-Besuchen in die Heimat mitbrachten. Dort hatte John Gill, Turner und besessener Boulderer, das als Chalk bezeichnete weiße Pulver ins Klettern eingeführt. Heute ist der Griff in den Beutel beim Sportklettern völlig normal, und es gibt ein kaum noch überschaubares Angebot an Chalk in Würfeln und Bällen, Pulver in Tüten und auch flüssiges Chalk.

Was genau ist Chalk?
Womit wir uns heute die Hände pudern, ist im wesentlichen Magnesiumkarbonat (MgCO3) mit etwas fest gebundenem Kristallwasser drin. Dieses auch als „Magnesia alba“ (weißes Magnesia) bezeichnete Pulver ist hygroskopisch, nimmt also gerne Feuchtigkeit auf. Beim Klettern bewirkt es, dass die vom Handschweiß feuchten Finger trocknen. Gelöstes Magnesiumkarbonat ist basisch und neutralisiert damit den leicht sauren Handschweiß (pH-Wert 4,5). Dem reinen Magnesiumkarbonat mischen einzelne Hersteller beim Kletterchalk noch ein zusätzliches Trocknungsmittel bei.

Im Gegensatz zum Kletterchalk enthält das beim Turnen verwendete Magnesia Mittel, die es etwas gleitfähig machen. Schließlich will der Turner um die Ringe oder den Barren rotieren können. Kletterchalk enthält auch kein Kolophonium, ein aus Baumharz gewonnenes Pulver, das als „Pof“ zum Beispiel in Fontainebleau zum Bouldern verwendet wird. Magnesiumkarbonat wird aus Magnesium-haltigen Erzen gewonnen. Es gibt auf fast allen Kontinenten einige große Lagerstätten. Das weiße Pulver ist ungiftig und wird verbreitet in der Pharma- und Lebensmittelindustrie als Trägerstoff und Verdickungsmittel verwendet. Wer es löffelweise zu sich nimmt, kann eventuell Durchfall bekommen, Schlimmeres ist nicht zu erwarten.

Guillaume Clairon-Mondet chalkt beim Rockmaster 2010 in Arco.
Foto: Ralph Stöhr

Der Streit ums Magnesia

Dennoch war Magnesia, wie es anfangs in Kletterkreisen nur genannt wurde, anfangs alles andere als willkommen. Die meistenteils noch in Trittleitern großgewordene westeuropäische Kletterszene stand dem neuen Hilfsmittel extrem skeptisch gegenüber. Wie das Einrichten neuer Routen von oben stand es für den sich abzeichnenden Wandel des Sports. Leserbriefspalten in Bergsport-Magazinen füllten sich mit kritischen Zuschriften, vom „Lügenpulver“ und von „weißen Riesen“ war die Rede, „Wehret den Anfängen“ hieß es gar.

Von Anfang an gab es zwei Einwände gegen die Verwendung von Chalk, die in manchen Klettergebieten noch heute vorgebracht werden. Zum einen beklagen die Kritiker, dass Chalk das Klettern leichter macht und damit ein künstliches Hilfsmittel ist. Dass dieser Einwand im Prinzip richtig ist, davon kann sich jeder selbst überzeugen: einfach mal nicht chalken beim Klettern. Meist fällt es erstmal schwerer ohne. Chalk ist also ein künstliches Hilfsmittel, andererseits gilt das natürlich genauso für den Kletterschuh mit der Gummisohle. Folgte man den Argumenten der Puristen, müssten wir alle barfuß klettern. Ein anrüchiger Gedanke. Aber es hilft nicht immer: zuviel Chalk führt zu "schlonzigen" Griffen, statt besserer Reibung erzeugt zuviel Magnesia weniger und die Griffe werden rutschig. Daher sollte eine weiche Bürste immer dabei sein und auch nach dem Klettern benutzt werden.

Inzwischen ist das kletterethische Problem von Chalk eher, dass in vielen Routen und Bouldern die wichtigen Griffe gut angechalkt oder gar mit Tickmarks versehen sind, so dass ein echtes Onsight-Klettern kaum noch möglich ist. Vor allem in dunkleren Gesteinen führen einen Chalkspuren fast wie die bunten Griffe der Kletterhallen durch die Route.

Anna Stöhr chalkt beim Rockmaster 2010 in Arco.
Foto: Ralph Stöhr

Chalk in der Umwelt

Womit wir beim zweiten Einwand der Kritiker sind: Chalk mache den Fels kaputt und sei unästhetisch, insbesondere in den deutschen Sandsteingebieten mit ihrem dunklen Gestein. Der Deutsche Alpenverein ließ zur Überprüfung dieser Vorwürfe 1985 ein Gutachten erstellen, das zu dem Schluss kam, dass Chalk im Kalk sogar den Fels schont (weil es den sauren Handschweiß neutralisiert), im Sandstein aber die Poren verschließen kann, so dass die Griffe eher rutschiger werden. Ein gründliches Reinigen der Griffe mit der Bürste nach dem Chalkeinsatz wurde deshalb empfohlen.

Hinzu kommt der ästhetische Aspekt, wenn die Chalkspuren dunkle Felswände durchziehen. Das ist natürlich Geschmackssache, auf jeden Fall gilt im Elbsandstein bis heute das strikte Chalkverbot, in der Pfalz wurde Chalk lange nur in den oberen Schwierigkeitsgraden geduldet. In vielen anderen Sandsteingebieten der Welt gibt es solche Einschränkungen nicht. Es gab mehrfach Versuche, den ästhetischen Auswirkungen des Chalks zu begegnen: Einmal wurde Farbe beigemischt, ein andermal Graphit, aber immer führte das zu einer deutlichen Verschlechterung der Eigenschaften. Inzwischen sind sogenannte Eco Chalks am Markt, die am Fels kaum Spuren hinterlassen.

Feinstaub in der Kletterhalle

Neben der ästhetischen Komponente rückte zuletzt auch ein gesundheitlicher Aspekt ins Blickfeld: In den Kletterhallen ist die Staubkonzentration zu Spitzenzeiten sehr hoch. Die Technische Universität Darmstadt untersuchte dies im Jahr 2008 in neuen Kletterhallen und fand heraus, dass die Konzentrationen „im Bereich industrieller Arbeitsplätze in staubbelas­teten Bereichen“ lag. Grenzwerte wurden allerdings nicht überschritten, sehr wohl aber ein Bedarf zur Reduzierung der Staubkonzentrationen erkannt. Ebenfalls wurde empfohlen, Säuglinge nicht mit in die Kletterhalle zu nehmen.

Auf den nächsten Seiten: Überblick der unterschiedlichen Chalk-Arten, Tipps und Interview zum Thema Chalk

Autor: Ralph Stöhr

© klettern

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