Skitouren-Klassiker: Haute Route im Schweizer Tessin

Haute Route im Tessin - Skitourenklassiker aus Schnee und Eis

Auf Tourenski durch die faszinierende Bergwelt des Nord-Tessins: Thilo Brunner und sein Team haben die Herausforderung im Biwakstil angenommen.


Skitouren-Klassiker: Haute Route im Schweizer Tessin
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Die Staumauer bei Campo Blenio wirkt wie ein unüberwindliches Hindernis.
Foto: Thilo Brunner

Die erste Abfahrt vertreibt die sorgenvollen Gedanken. Trotz des schweren Gepäcks cruisen wir in unerwartet gutem Schnee ins Lukmanier-Tal, ein reines Vergnügen, still und entspannt.

Jogy ist der einzige von uns, der keinen Gefallen daran findet. Immer wieder hält er an. Aus unerklärlichen Gründen ist ihm speiübel. Am Lukmanier-Pass wirft er das Handtuch komplett. »Ich pack's einfach nicht mehr«, sagt er. Und nun? Bis Campo Blenio sind es eigentlich nur noch 700 Höhenmeter bergab, doch unsere kleine Expedition steckt in der Krise. Jürg wird bei Jogy bleiben und versuchen, mit ihm ins Tal zu trampen. Keine leichte Übung, denn die Passstraße ist jetzt im Spätwinter für normalen Verkehr noch immer gesperrt. Zur Sicherheit lassen wir ihnen ein Zelt, einen Kocher und Verpflegung da.

Doch sie haben Glück. Als Ben, Basti und ich nach einer langen Abfahrt im letzten Licht die ersten Häuser von Campo Blenio erblicken, strahlt über dem Ort bereits ein rotes Hilleberg-Zelt aus dem Schnee. Jogy und Jürg waren tatsächlich schneller im Tal als wir! Es steht sogar schon ein Topf auf dem Kocher. Jogy geht es auch wieder besser. Er muss wohl am Morgen beim Wechseln der Brenner-Düse zu viel Benzin-Dämpfe eingeatmet haben, vermutet er. Es ist beachtlich, wie schnell er sich erholt hat. Trotzdem sind wir froh, dass er nicht den kräfteraubenden Harsch im letzten Teil der Abfahrt hinter sich bringen musste.

Im Rausch der Abfahrt: bei Sonne auf der Haute Route Vergnügen pur.
Foto: Thilo Brunner

Die dritte Etappe beginnt mit einem Aufstieg zu einem Stausee. Oben kommt am nordöstlichen Ende des Lago Luzzone der Piz Terri (3149 m) mit seiner Südflanke in Sicht. Von der fast perfekten Pyramide zieht der Südwestgrat hinunter Richtung Lago, wird aber jäh von einem vorgelagerten Berg gestoppt, bevor er ins Wasser abfallen könnte. Nach einer kurzen Passage durch einen vereisten Straßentunnel überqueren wir die Staumauer und einen weiteren Fußgängertunnel, dann stehen wir in der Welt des Val Carassina. Eine wildromantische Landschaft empfängt uns, die in puncto Ab­geschiedenheit im Alpenraum ihresgleichen sucht. Zwölf Kilometer steigen wir stetig das enge Tal hinauf. Über den Flanken blitzt im letzten Licht wie Alabaster die Spitze des Rheinwaldhorns. Der Tag vor dem großen Finale endet mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Ein gutes Vorzeichen, möchte man meinen. Wenn das Wetter jetzt nur auch morgen noch hält...

Schon um 3.30 Uhr bringt Jörg den Benzinkocher zum Laufen, während Jogi und ich schon das erste Zelt abbauen. Dank der Routine, die sich nach drei Tagen eingestellt hat, sind wir eine halbe Stunde später startklar. Drei Stunden planen wir für die 1500 Höhenmeter zum Gipfel ein, eineinhalb für die Abfahrt. Spätestens um 10 Uhr morgens wollen wir wieder im Tal sein, die Lawinengefahr wird zu groß, wenn die Sonne den Schnee aufweicht. Wir kommen gut voran, doch am flachen »Paradiesgletscher«, der bis zum Gipfelaufbau reicht, ziehen Wolken auf – noch vor ein paar Jahren wären wir jetzt ohne Ortskenntnis zur Umkehr gezwungen gewesen. Heutzutage steuert das GPS uns durch den Nebel. Doch auch wenn die moderne Technik uns sicher leitet, ein mulmiges Bauchgefühl bleibt. Langsam merken wir auch, dass die Luft dünner wird. Wann kommt der Gipfel? Immer wieder checken wir den Höhenmesser.

Als das Gipfelkreuz endlich auftaucht, sind wir so erleichtert, dass wir uns über die fehlende Aussicht gar nicht ärgern können. Eine kurze Verschnaufpause, in der wir die Höhenmesser justieren, und dann geht es abwärts! Nach 200 Höhenmetern lichtet sich der Nebel, die Sicht wird frei, umliegende Gipfel schälen sich aus dem Grau. Irgendwo da unten, auf 2276 Höhenmetern, muss die Zapporthütte liegen. Leider verwandelt sich der gute Schnee während der Abfahrt in Harsch, und an den steilen Süd­flanken stellenweise zu Eis. Vorsichtig schwingen wir bergab.

Die Strecke zwischen uns und der Hütte wird zur Crux der Tour. Ein 50 Grad steiler Abhang fordert volle Konzentration von uns. Doch fast noch schlimmer ist der tosende Bach, der am Fuße des Hanges über große Felsklötze donnert. Hier wäre ein Sturz das sichere Ende. Ich verbiete mir diesen Gedanken und richte meine Aufmerksamkeit auf die Route vor mir, die in der Traverse unweigerlich über alte, holprige Lawinenkegel führt. Wer hier nicht vorausschauend fährt und steigt, läuft Gefahr, hinter der nächsten Kurve zu weit unten oder auf der falschen Seite des Flusses zu landen. Höhe halten, sage ich mir immer wieder. Höhe halten!

Schließlich erreichen alle wohlbehalten das kleine Steinhaus der Zapporthütte. Wir haben es geschafft, trotz Wind und Nebel. Der Rest ist Fleißarbeit: Die letzten zehn Kilometer durch das Hinterrheintal bis zum Truppenübungsplatz bei Nufenen an der Bernadinopass-Straße werden noch zur endlosen Schieberei. Ich spüre es kaum, denn in Gedanken sitze ich noch immer vor meinem Zelt und schaue auf die windumtosten, glitzernden Gipfel der Tessiner 3000er.

Autor: Thilo Brunner

© Outdoor : Ausgabe 04, 02, 05, 03/2010, 2010, 2010, 2010

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