Risikofaktoren beim Eisklettern

Im festen Zustand?

Beim Klettern an Eisfällen ändern sich die Verhältnisse nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern auch von Tag zu Tag. Wer das Eis richtig liest, ist sicherer unterwegs.

 

Eisklettern
Foto: Redaktion klettern Eisklettern in den Alpen

Mal ist es hellblau und kompakt, mal röhrig und weiß. Mal klebt es offenbar absturzbereit an der Wand, mal bildet es einen massiven Vorhang: In gefrorenen Wasserfällen kann das Eis ganz verschiedene Formen, Farben und Konsistenzen haben. Diese Verspieltheit der Natur macht für viele Eiskletterer den Reiz an der Sache aus, denn zum reinen Klettern kommt eben dazu, dass der Eisfall jedes Jahr (oder jede Woche) anders aussieht und immer wieder neu eingeschätzt und verstanden werden muss. Die Eisverhältnisse spielen beim Beklettern solcher Gebilde in vielerlei Hinsicht eine Rolle: Sie bestimmen den Routenverlauf, die Schwierigkeit, die Gefährlichkeit einer Route.

 

Albert Leichtfried im Spezialistengelände.

Eisqualität beurteilen

Die wichtigste Voraussetzung bei der Begehung eines Eisfalls ist, dass der Fall beim Klettern nicht einstürzt. Dabei ist zunächst die Form des Eisfalls zu beachten. Im Grundsatz gilt: Je weniger Felskontakt das Eis hat und je dünner es ist, desto fragiler. Auf der nächsten Seite findet ihr eine Typisierung von Wasserfällen, denen grundsätzlich auch ein unterschiedliches Risiko zugeordnet werden kann. Natürlich sind freihängende Zapfen dabei die zerbrechlichsten Gebilde, an die sich nur sehr erfahrene Eisgeher bei besten Bedingungen trauen sollten. Aber auch bei freistehenden Säulen ist großes Misstrauen angebracht. Oft fußen sie auf sogenanntem Blumenkohleis, das herabtropfendem Wasser gebildet wird. Blumenkohleis weist viele Lufteinschlüsse auf, ist schwierig zu beklettern und abzusichern und hat zudem noch den Nachteil, dass es als Sockel einer Eissäule eigentlich nicht sonderlich geeignet ist: Es hat eine schlechte innere Eisqualität. Je dicker eine solche Säule ist, desto stabiler steht sie zunächst. Säulen, die oben bereits angerissen sind, sollte man aber auf jeden Fall aus dem Weg gehen.
Richtig gutes und stabiles Eis findet sich meist in Rinnen und an Steilstufen. Hier weist das Eis die größte Dichte auf und ist blau bis hellblau. Weißes, milchiges Eis dagegen lässt auf sehr nasses, mehrmals aufgetautes und weiches Softeis schließen. Auch von Eis überzogene Neuschnee-Einschlüsse schimmern meist weiß. Generell lässt weißes Eis auf Schnee, Lufteinschlüsse und Röhreneis schließen, also auf eine schlechte Substanz.

 

Eisklettern Kanada
Foto: Archiv Wohlleben Michi Wohlleben beim Eisklettern in Kanada.

Temperatur des Eises

Die Stabilität des Eisfalls hängt auch mit der Temperatur zusammen. Vor allem stark steigende Temperaturen muss der Eiskletterer fürchten, weil dann Eiszapfen abbrechen, und der gesamte Eisfall einbrechen kann. Im Laufe eines Winters können solche Zusammenbrüche eines Falls durch Erwärmung mehrfach vorkommen. Besonders die warmen Föhnwinde setzen dem Eis sehr schnell zu.
Aber auch extrem niedrige Temperaturen sind mit Vorsicht zu genießen: Das Eis wird beim Abkühlen zwar dichter, aber auch spröder. Bei fragilen Eissäulen oder freihängenden Zapfen wird es da schon extrem kitzelig, weil ein Sprödbruch droht. Dazu kommt, dass das Klettern im spröden Eis wenig Freude bereitet: Die Eisgeräte bringen das Eis zum Splittern und lösen große Schollen heraus (nicht direkt übereinander klettern!), sitzen aber erst nach mehrmaligem Einschlagen solide. Auch das Absichern macht größere Schwierigkeiten, weil Eisschrauben sprödes Eis leichter sprengen.
Die besten Verhältnisse herrschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, wenn es tagsüber leicht über Null Grad hat, so dass die Eisoberfläche etwas antaut, und nachts einige Grade darunter. Das Eis wird dann elastisch, splittert weniger und lässt sich auch leichter absichern. Zu bedenken ist, dass sich die Eisverhältnisse bei Veränderungen der Lufttemperatur erst mit Verzögerung umstellen. Besonders in schattigen Rinnenlagen kann es nach extremen Frostperioden noch lange spröde und splittrig sein, auch wenn die Luft sich schon erwärmt hat.

Im Zweifel nicht

Wenn sich unter dem Eis Hohlräume gebildet haben und keine sichere Verbindung zum Untergrund mehr besteht, ist das auch beim Einschlagen des Eisgeräts zu hören: Es klingt dann dumpf und hohl. Ein sattes und vibrationsfreies Schmatzgeräusch bedeutet dagegen solides und weiches Kompakteis.
Eisfälle in der Sonne zu beklettern, ist in Kanada üblich. Dort ist es aber auch ein paar Grade kälter als in den Alpen. Im alpinen Eis sollte in der Sonne nur geklettert werden, wenn die Temperaturen wirklich niedrig sind (und das Eis im Schatten zu spröde ist). Wer sich in die Sonne traut, sollte bei der Routenwahl und der Einschätzung der Verhältnisse besonders sorgfältig sein. Zudem steigt bei Sonnenschein die Gefahr durch abbrechende Eiszapfen über oder neben der Route stark an. Eis ist ein faszinierende Medium, das aber mit dem nötigen Respekt angegangen werden will. Und im Zweifel gilt: Lieber einmal nicht einsteigen als Kopf und Kragen riskieren.

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26.01.2011
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 12/10+01/11/2010