Richtig abseilen im Gebirge - so geht's

Auf Nummer sicher

Im Gebirge ist Abseilen in vielen Fällen die schnellste, oft auch die einzige Möglichkeit des Abstiegs. Wir zeigen euch, wie ihr sicher, effizient und ohne Komplikationen zurück zum Wandfuß kommt.


Illustration abseilen
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Foto: Johanna Widmaier

Eine flotte Abseilfahrt ist für viele Kletterer der krönende Abschluss eines schönen Tages im Gebirge. Damit dieser nicht in einer Katastrophe endet, gilt für Alpinnovizen wie für alte Hasen gleichermaßen, noch einmal alle Sinne beisammen zu halten – denn beim Abseilen kann eine Unachtsamkeit im freien Fall enden. Prüft deshalb eure Schritte und führt am Stand konsequent den Partnercheck durch. Generell empfiehlt es sich, im Gebirge mit zwei Halb- oder Zwillingsseilsträngen zu klettern, da diese bei Stürzen über Kanten eine größere Sicherheit und zudem beim Abseilen die doppelte Länge aufweisen. Bei vielen Routen oder Abseilpisten sind 50-Meter-Abseilstrecken zwingend!

Abseilregel Nummer Eins lautet, nur an absolut sicheren Fixpunkten abzuseilen – immerhin wird der Fixpunkt beim Abseilen mit dem eineinhalb- bis dreifachen Körpergewicht belastet. Im Sinne der Redundanz sind zwei mit Kette oder intakten Reepschnüren/Bandschlingen verbundene Bohrhaken immer einem vorzuziehen (im Zweifelsfall das Schlingenmaterial ergänzen!). Das Abseilen an einem Fixpunkt ist nur vertretbar, wenn es sich um einen normgerechten Bohrhaken (z.B. Muni-ring, DAV-Sicherheitshaken), eine solide Sanduhr oder einen stabilen Baum handelt.

Führt der Weg hinab über eine separate Abseilpiste, solltet ihr schon eure Selbstsicherung vorbereiten (Bandschlinge plus Verschlusskarabiner) und die Seile griffbereit halten, bevor ihr euch vom sicheren Grund zur Abseilstelle begebt. Falls euch der Weg dorthin zu exponiert oder schwierig erscheint, dann sichert im Zweifelsfall.
Am Abseilstand angekommen, hängt ihr als erstes eure Selbstsicherung ein. Dann wird das Seilende eines Halbseilstrangs durch den Abseilring gefädelt und mit dem anderen Strangende mittels eines gelegten Sackstichs verbunden. Da sich der gelegte Sackstich unter Belastung ein wenig verschieben kann, ist es wichtig, dass die überstehenden Seilenden 30 bis 50 Zentimeter lang sind. Zudem sollte der Sackstich sauber parallel gelegt sein, da er so am besten ausweicht, wenn er beim Abziehen über Kanten läuft. Zur Hintersicherung – vor allem bei unterschiedlich dicken Seilen – kann auch ein zweiter Sackstich hinter den ersten geknüpft werden. Damit wird verhindert, dass dieser sich verschiebt. Achtung: Es sollte keine Lücke zwischen den Knoten entstehen, da dies zu Problemen beim Abziehen führen kann.

Dann nehmt ihr die Seilstränge einzeln in runden Schlingen in der Hand auf (lasst die Seilenden ein, zwei Meter lang hängen, damit sie im Flug nicht in die Schlaufen einfädeln) und werft die Seilschlingen einzeln schwungvoll hinaus. Vorher warnt ihr Seilschaften unter euch mit dem Ruf „Achtung Seil!“.

Ein Prusik bringt Sicherheit

Nun knotet ihr einen Kurzprusik um beide Seilstränge und hängt ihn mit einem Karabiner in eine Beinschlaufe ein. Der Prusikknoten wird beim Abseilen mit der Bremshand in lockerem Zustand mitgeführt und klemmt selbsttätig, falls die Bremshand das Seil loslässt. Für den Kurzprusik verwendet man eine fünf bis sieben Millimeter starke Reepschnur. Wichtig ist, dass der Prusik so kurz abgeknotet wird, dass er keinesfalls in das Abseilgerät hineinlaufen kann, denn dann geht ohne Entlastung gar nichts mehr. In der Regel reichen beim Prusik zwei Wicklungen aus, damit er klemmt; abhängig von der Stärke der Reepschnur und des Seils sind manchmal auch drei Wicklungen nötig. Ebenso wichtig für eine sichere Klemmwirkung ist, dass der Prusik sauber gelegt ist. Im Anschluss hängt ihr das Abseilgerät oberhalb des Kurzprusiks in beide Seilstränge ein. Nun strafft ihr das Seil oberhalb des Abseilgeräts, indem ihr das Bremsseil nach oben zieht.

Konzentriert hinab
Bevor‘s nun los geht, prägt euch die Farbe des Seilstrangs ein, an dem ihr das Seil abziehen müsst. Dann hängt ihr die Selbstsicherung aus und befestigt den Karabiner seitlich an einer Materialschlaufe oder hängt die Bandschlinge über die Schulter. Achtet darauf, dass ihr in der Falllinie abseilt und haltet frühzeitig Ausschau nach dem nächsten Abseilstand. Wenn sich dieser außerhalb der Falllinie befindet, pendelt erst hin-über, wenn ihr die Höhe des Stands erreicht habt. Am Standplatz angekommen hängt ihr als erstes eure Selbstsicherung in diesen, dann erst hängt ihr das Abseilgerät aus und löst den Prusik. Mit „Seil frei!“ signalisiert ihr eurem Partner, dass er jetzt dran ist. Bevor dieser seinen Prusik einlegt, könnt ihr testen, ob sich das Seil problemlos abziehen lässt.

Nicht mit Gewalt
Wenn der Partner am Standplatz angekommen und gesichert ist, geht‘s ans Abziehen des Seils. Fädelt den abzuziehenden Strang durch den nächsten Abseilring, bevor ihr ihn abzieht. Zweckmäßigerweise zieht nun einer das Seil herab, der andere zieht es derweil durch den Abseilring und nimmt es gleich in runden Schlingen auf. So bannt ihr zum einen die Gefahr, dass sich das Seil in die Tiefe verabschiedet, zum anderen beschleunigt ihr das Verfahren. Bevor das Seil herunter fällt, warnt unter euch befindliche Seilschaften wiederum durch ein vernehmbares „Achtung Seil!“. Falls sich das Seil beim Herabfallen verhängen sollte, nicht gleich mit Gewalt daran reißen, da es sich so unter Umständen nur noch fester verklemmt. Versucht stattdessen, das Seil durch Wellenbewegungen zu lösen. Ist das Seil komplett durch den Abseilring gezogen wiederholt sich das hier beschriebene Procedere – bis ihr wohlbehalten am Wandfuß steht.

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